Christian Oelemann : Dumme Gedanken

Dumme Gedanken

Christian Oelemann

Dumme Gedanken

Dumme Gedanken Originalausgabe: Verlag 3.0 Zsolt Majsai, Bedburg 2014 ISBN: 978-3-95667-051-0, 232 Seiten, 16.90 € (D) Auch als eBook erhältlich
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Robert Van Melis ist 62 Jahre alt. Seit er vor fünf Jahren sein Versicherungsbüro auflöste, widmet er sich nur noch der Musik und der Literatur. Der Sonderling glaubt, sich längst damit abgefunden zu haben, dass Masturbation seine einzige sexuelle Erfahrung ist. Aber als eine Frau, der er gerade erst begegnete und von der er noch so gut wie nichts weiß, mit ihm ans Meer fährt und sich am Strand spontan auszieht, hofft er, das Versäumte nachholen zu können ...
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Kritik

Die grüblerischen Gedanken des Ich-Erzählers kreisen um Themen, springen vor und zurück, wieder­holen sich. Daraus hat Christian Oelemann einen tragikomischen Roman komponiert, der ein beson­deres Lesevergnügen bietet.
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Robert Van Melis ist 62 Jahre alt. 25 Jahre lang führte er als freier Makler ein Assekuranzbüro in seiner Geburtsstadt Wuppertal. Aber mit 57 hatte er genügend Geld gespart und konnte es sich leisten, die Arbeit an den Nagel zu hängen. Seither widmet er sich voll und ganz der Musik.

Ich lebe ja gewissermaßen von nichts anderem als von Musik, die Musik ist ja immer in mir.

Inzwischen hat er bereits mehrere Dutzend Sinfonien im Kopf, mehrere hundert Klaviersonaten und um die tausend Jazzstandards. Sogar einige Improvisationen kann er auswendig, darunter das Köln Concert von Keith Jarrett, den er fast noch mehr als Bill Evans bewundert. Bei fast allen Konzerten von Keith Jarrett saß Robert im Publikum. Als der amerikanische Pianist im September 1972 in Stockholm spielte, lag Robert allerdings im Krankenhaus: Da hatte er sich wegen einer Krebserkrankung operieren lassen müssen. Dennoch kennt er das Konzert, denn er besitzt davon einen Bootleg.

Wenn Robert mal keine Musik hört, liest er. Sein Lieblingsbuch ist „Die Insel des zweiten Gesichts“ von Albert Vigoleis Thelen. Den Roman hat er bereits mehrmals gelesen und in jedem Urlaub dabei.

Seine Eltern sind schon lange tot. Seine Mutter wurde nicht einmal 50 Jahre alt, und sein Vater vergiftete sich nach dem Tod seiner Frau mit Autoabgasen in der Garage.

Als Robert in einer Filiale der „Maritima“-Imbisskette auf dem Werth, in der Haupteinkaufsstraße in Wuppertal-Barmen, ein Schollenfilet mit einem ungenießbaren Kartoffelsalat vor sich hat, setzt sich eine Frau zu ihm, ohne lange zu fragen, ob der Platz noch frei sei. „Jetzt einen Eiskaffee“, meint er schließlich im Selbstgespräch. Die Frau fasst es als Vorschlag auf und erwidert: „Warum eigentlich nicht?“ In einer Eisdiele gegenüber dem Bismarck-Denkmal sagt sie gedankenverloren, sie wäre gern am Meer. Robert greift die Bemerkung auf und schlägt vor, übers Wochenende gemeinsam nach Schoorl zu fahren.

So hatte es angefangen mit den dummen Gedanken.

Wider Erwarten verabredet sich die fremde Frau mit ihm für den nächsten Tag – es ist ein Freitag – und sagt ihm, wo er sie um 10 Uhr mit seinem Auto abholen soll.

Als Robert wieder allein ist, fragt er sich, ob sie es ernst meint. Er geht spazieren und richtet es so ein, dass er an der angegebenen Adresse vorbeikommt. Dort gibt es drei Klingelschilder: Habersack, Lodemeyer, van Eynern. Welcher der Namen ist wohl ihrer?

Meinen Namen kannte sie ja genauso wenig wie ich den ihren, beruhigte ich mich, meinen Namen kennt sie ja gar nicht, hat nicht einmal, wie ich nunmehr, die Wahl aus drei vertikal gelisteten.

Obwohl Robert bezweifelt, dass die Frau am nächsten Tag um 10 Uhr mitfahren wird, reserviert er im Hotel Camperduin in Schoorl zwei Zimmer. Und er kauft sich bei Moodymarts am Werth („geil, geiler, geizig“) eine Kamera für die geplante Ansmeerfahrt. Seine alte Kodak Instamatic warf er von der Herzogbrücke in die Wupper, weil er die Erinnerungsvehikel verabscheut, die ihm andere aufgedrängt hatten und er nicht auch noch selbst Urlaubsfotos schießen wollte. Er hat nur ungute Erinnerungen an Urlaubsreisen bzw. Ausflüge mit anderen. Auf den Fotos zeigten sie alle ihr falsches Gutes-Laune-Lächeln, und sie drängten ihn, endlich auch einmal aus sich herauszugehen.

Im Grunde waren sie ja diejenigen, die nicht aus sich herausgingen, sie ließen ja nur etwas heraushängen, was ihnen gar nicht eigen war, sie waren ja nicht wirklich vergnügt, sondern pseudovergnügt, sie waren ja nicht wirklich enthemmt, sondern sie waren durch und durch gehemmt und verklemmt in ihrer Schamlosigkeit, was sie sich naturgemäß nicht eingestanden.

Am liebsten hätte Robert wieder eine Knipskamera wie die Instamatic, aber ein überheblicher Moodymarts-Angestellter, der ihn vermutlich für zu alt für einen digitalen Fotoapparat hält, erklärt ihm, bei den modernen Kameras brauche man keinen Film mehr einzulegen, man speichere die Aufnahmen stattdessen auf einem Medium – und verkauft ihm außer einer Digitalkamera eine 2-GB-Speicherkarte.

Das Vertrauen, das man in einen neu gekauften Apparat setzt, ist ja schlicht grotesk! Ich hatte den Fotoapparat eigens wegen eines Urlaubs gekauft, den ich, zum ersten Mal spontan seit Jahren, wie man sagen muss, an der Seite eines von mir zunächst bestaunten, dann sogar geliebten Menschen verbringen sollte und auch verbracht habe, im Gegensatz zu so vielen lange im Voraus geplanten Urlaubsreisen, die ich an der Seite von nicht geliebten und nicht nur nicht geliebten, sondern im Grunde verabscheuten, durch diese Reisen verhasst gewordenen Menschen verlebte, wie ich jetzt sagen muss.

Am Freitag um 10 Uhr steht sie tatsächlich am Straßenrand und steigt ein. Robert überlegt, ob es aus Mitleid mit einem Zukurzgekommenen geschieht. Er stellt sich endlich vor, aber er muss später eigens nach ihrem Namen fragen, damit sie ihn nennt. Sie heißt Marie Josephs. Er wundert sich darüber und zählt die drei auf den Klingelschildern gelesenen Namen auf. Marie amüsiert sich über seine Nachforschungen. Lodemeyer sei der Name ihres Vaters, erklärt sie ihm.

Während der Fahrt stellt sich heraus, dass sie beide schon einmal zusammen in einem Raum waren: Am 13. Juli 1991 bei Keith Jarretts Konzert in der Wiener Staatsoper. Damals sei ihr Vater schon pflegebedürftig gewesen, sagt sie, aber ihre zwei Jahre jüngere Schwester Rebecca passte auf ihn auf, damit sie übers Wochenende nach Wien fahren und Keith Jarrett hören konnte.

Robert ist begeistert: Die schöne Frau, die ihm ohnehin vom ersten Augenblick an sympathisch ist und in die er sich inzwischen verliebt hat, schätzt sein Idol Keith Jarrett! Aber er versucht, seine Hoffnungen nicht allzu groß werden zu lassen.

Fast immer nämlich entpuppten sich die Ereignisse, denen man entgegenfiebert, als Enttäuschungen; darüber könnte ich Bücher schreiben! Hatte ich als junger oder nicht mehr ganz junger Mann eine Frau ins Auge gefasst, der ich gerne an die Brust gegriffen und mit der ich gerne in vermehrungssymbolischer Weise zusammengelegen hätte – hatte ich sie dann tatsächlich angesprochen, wozu ich mich immer mühsam durchringen musste, ein solcher Entschluss war mir nie wirklich leicht gefallen – war immer kurz vor mir ein anderer da, der der jeweils Betreffenden bereits an die Brust griff oder mit ihr zusammenlag in vermehrungssymbolischer Weise.

Nachdem Robert und Marie ihre beiden Zimmer im Hotel Camperduin in Schoorl auf der Duinstreek bezogen haben, gehen sie zum Strand. Den Fotoapparat nimmt er absichtlich nicht mit, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Sie geraten unter Nackte, und bevor sie weitergehen, zieht Marie sich spontan aus, sodass ihm auch nichts anderes übrig bleibt, als ihrem Beispiel zu folgen. Die schöne Frau nackt zu sehen, empfindet er als besonderes Glück. Marie verwehrt es ihm auch nicht, dass er beim Weitergehen den Arm um sie legt und ihre linke oder rechte Brust berührt, je nachdem auf welcher Seite er geht. Doch später gesteht sie ihm, dass er der Erste gewesen sei, der sie als Mann nackt gesehen habe.

Am Abend, nach dem Essen, gehen sie noch einmal los.

„Ach, gehen wir doch noch ein Stück weiter!“, bat Marie.
Ich, der schon Dutzende Male in dieser Umgebung gewesen war, […] wurde unruhig, weil ich nicht mehr genau wusste, wohin uns dieser Weg führte, […] aber sie, die noch nie in dieser Gegend gewesen war, scherte sich nicht um ein wohin oder wo, ihr war es egal. Hauptsache, wir gingen noch ein Stück […]

[…] und unser Weg führte uns geradewegs in die totale Dunkelheit hinein.

Zurück im Hotel, lassen sie sich von der Nachtwache eine Flasche Wein geben und nehmen sie mit in Maries Zimmer. Weil es in dem kleinen Raum nur einen Sessel gibt, setzt Marie sich aufs Bett. Obwohl es sie anwidert, raucht sie.

Sie erzählt, dass sie ihrem Vater, einem früheren Superintendenten, hörig war und ihn fast dreißig Jahre lang pflegte. Er durchschaute vermutlich, dass sie ihn nicht mochte, aber zumindest den anderen Menschen spielte sie die liebevoll pflegende Tochter vor. Jetzt will sie endlich sie selbst sein.

Als sie 21 Jahre alt war, verführte sie einen schwulen Vikar, der ebenfalls Robert hieß, zum Analverkehr. Einen Monat später heiratete sie ihn dann auf Drängen ihres Vaters, der mit dem Vikar ein Verhältnis hatte. Kurz nach der Hochzeit bekam Robert eine Pfarrei, und von da an lebten sie zu dritt im Pfarrhaus. Weil ihr inzwischen verstorbener Mann sie nie mehr angefasst hatte und sie auch mit keinem anderen Mann zusammen war, ist die jetzt 57-Jährige noch Jungfrau. Nachdem sie das alles weinend erzählt hat, erbricht sie sich übers Bett und schickt Robert dann weg.

Am nächsten Morgen trifft Robert im Frühstücksraum auf einen schmuddeligen Amerikaner im Trainingsanzug. Er heißt Walter und fordert Robert auf, mit ihm Schach zu spielen. Als die Serviererin in einem Gemisch aus Deutsch, Englisch und Niederländisch fragt: „Wenst U koffie of liever Tee?“, kriegt Walter sich nicht mehr ein und wiederholt immer wieder: „Coffee or liberty!“

Robert lässt sich auf eine Schachpartie ein, obwohl er unkonzentriert ist und an Marie denkt. Mehrere Male ertappt er sich bei einem ungünstigen Zug, und einmal muss er mit seiner Dame ziehen, obwohl es nachteilig für ihn ist.

Ich hätte meine Dame nicht anfassen dürfen.

Ohne gefrühstückt zu haben, geht Marie mit ihm erneut am Strand spazieren und zieht sich auch wieder wie am Vortag aus. Diesmal hat Robert allerdings seinen Fotoapparat dabei. Den nimmt Marie ihm schließlich ab und knipst ein paar Bilder von ihm. Dann fordert sie ihn auf, auch sie zu fotografieren und stellt sich in Positur. Sie wolle endlich einmal als Frau wahrgenommen werden, erklärt sie. Und sie will Dinge tun, wie ihr bisher der Vater bzw. der Ehemann verboten. Deshalb hat sie seit gestern ein paar Zigaretten angeraucht, auch wenn sie diese jeweils nach ein paar Zügen angewidert wegwarf. Aus demselben Grund nahm sie auch keinen BH mit. 40 Jahre lang trug sie Büstenhalter; aber nach Holland fuhr sie ohne. Sie gesteht, dass sie am Donnerstag an einem Tiefpunkt angelangt war und mit Selbstmord-Gedanken spielte. Ihr sei im Grunde alles gleichgültig gewesen, sagt sie. In dieser Woche starben innerhalb von zwei Tagen zuerst ihre Schwester und dann ihr Vater. In dieser Situation begegnete sie Robert und nahm sich vor, aus ihrer Situation auszubrechen.

„Es hat mir so gut gefallen, der Gedanke, einmal unvernünftig zu sein, einmal aus mir heraus etwas zu tun, wofür ich früher immer nur die schlimmsten Vorwürfe bekommen hätte. Ehrlich gesagt, Robert, ich wusste eigentlich gar nicht, was ich wollte, nur eins wusste ich, einmal alles anders machen. Deswegen auch die ekelhaften Zigaretten, Robert. Deshalb, Robert. Unvernünftig sein, das wollte ich, aber es hat mich ja doch wieder eingeholt.“

Sie erzählt Robert, wie sie auf Keith Jarrett aufmerksam wurde. Sie studierte an der Rheinischen Musikhochschule in Bonn Klavier und übte kurz vor ihrem 25. Geburtstag auf dem Steinway-Flügel ihres Professors für das Abschlussspiel im Examen. Am 23. Januar 1975 standen drei Herren in der Tür: Ihr Professor und zwei Fremde. Offenbar hatten sie ihr bereits eine Weile zugehört. Einer der ihr unbekannten Männer setzte sich an den Flügel und spielte auswendig das Allegro aus Beethovens Sturmsonate, das sie gerade geübt hatte. Aber bei ihm klang es ganz anders, da schien der Flügel zu singen. Der Mann hieß Keith Jarrett. Der Amerikaner war nach Deutschland gekommen, um am nächsten Tag in der Kölner Oper aufzutreten, aber sein eigener Flügel war nicht rechtzeitig eingetroffen und deshalb suchte er einen Ersatz. Er entschied sich für den Steinway, auf dem Marie weiter hatte üben wollen. Um sie zu entschädigen, versprach ihr sein Begleiter, der Musikproduzent Manfred Eicher, einen Platz in der ausverkauften Kölner Oper. Keith Jarretts Köln Concert wurde zum größten Erlebnis ihres Lebens. Als sie ihn spielen hörte, begriff sie, dass sie niemals auch nur annähernd so gut sein könnte wie er – und sagte ihr Examen ab.

Als Robert vorschlägt, noch ein paar Tage länger zu bleiben, erklärt ihm Marie, es sei für sie unmöglich. Sie müsse am Sonntag zurück nach Wuppertal, weil am Montag der Verkauf des von ihrem Vater hinterlassenen Hauses anstehe. Obwohl Robert glaubte, sich längst damit abgefunden zu haben, dass er noch nie mit einer Frau in vermehrungssymbolischer Weise zusammen war, hofft er nun darauf, das Versäumte an diesem letzten Abend mit Marie in Schoorl nachholen zu können.

Doch als sie im Pannekoekenhuiz De Paddestoel in Schoorl zu Abend essen, torkelt Walter betrunken herein und setzt sich zu ihnen an den Tisch. Robert fürchtet um den Abend und ist entsetzt, als Marie über die Obszönitäten lacht, die der Amerikaner von sich gibt. Er feiere an diesem Tag seinen 55. Geburtstag, behauptet Walter und übernimmt die Rechnung. Robert schätzt den Betrag auf etwa 75 Euro, aber Walter holt einen zerknitterten 100-Euro-Schein aus einer Tasche seines Trainingsanzuges, wirft ihn auf den Tisch und lässt sich von Evert Heykamp, dem Wirt, nichts herausgeben. Nun will er nach Alkmaar. Nachdem Marie nicht bereit ist, mit ihm zu schlafen, soll sie ihm dort eine Prostituierte aussuchen. Robert findet die Situation unerträglich, aber Marie ist neugierig auf das Rotlichtmilieu. In dem entsprechenden Viertel in Alkmaar gehen sie an den Schaufenstern entlang, in denen sich die Prostituierten präsentieren. Als Walter in einem der Fenster zwei dunkelhäutige Mädchen sitzen sieht, meint er: „Oh shit! No niggers!“ Aber Marie besteht darauf, dass er genau da hineingeht.

Als sie Walter endlich los sind, nimmt Robert sich ein Herz und gesteht Marie, dass er mit ihr schlafen wolle. Aber sie hält das für keine gute Idee. Als sie seine Einladung zu einem gemeinsamen Wochenendausflug annahm, unterstellte sie ihm die Absicht, sie ins Bett kriegen zu wollen und war bereit, sich darauf einzulassen, wie auf alles andere auch. Jetzt, wo sie weiß, dass er sich in sie verliebt hat und es für sie beide das erste Mal sein würde, befürchtet sie, dass der Versuch scheitern würde. Robert ist enttäuscht:

Warum hat sie dich nur ihre Brust anfassen lassen, warum hat sie dich nur auf dumme Gedanken gebracht, ich weiß genau, ich dachte dumme Gedanken […]

Sie fahren ins Hotel und gehen in ihre Zimmer.

Um 1.33 Uhr zieht Robert sich wieder an und fährt noch einmal nach Alkmaar, um es zum ersten Mal in seinem Leben mit einer Prostituierten zu versuchen. Er geht zu einer der beiden Dunkelhäutigen, aber als sie erst einmal Geld verlangt, sucht er vergeblich nach seinem Portemonnaie. Da beschimpft ihn die Schwarze auf Bayrisch und wirft ihn hinaus. Zurück im Hotel, findet Robert das Portemonnaie auf dem Bett vor.

Als er am Sonntag aufwacht, ist es bereits 11.02 Uhr. Marie hat ihm einen Brief unter der Tür hindurch geschoben. Sie ist mit dem Zug zurückgefahren und rät ihm, noch ein paar Tage zu bleiben.

Robert packt sofort seine Sachen und eilt ihr nach. Er weiß, dass sie vorhat, Wuppertal nach dem Verkauf des Hauses zu verlassen, aber er zögert, sie anzurufen.

[…] ich habe sie bis jetzt nicht angerufen, bis heute nicht. Aber ich denke an nichts anderes! Ich höre Wien und sehne mich und denke, du rufst sie an, noch bevor sie das Haus verkauft hat und ausgezogen ist, musst du sie anrufen. Jeden Tag denke ich das, und dann denke ich, ach was!“

Als er die Kamera zu Moodymarts bringt, erklärt ihm der Angestellte, der sie ihm verkaufte, das Medium sei leer.

Du hättest die spontane Reise mit der geliebten Frau gar nicht erst antreten sollen oder zumindest nicht fotografieren sollen während dieser Spontanreise, dann wäre jetzt keine Bestürzung nötig, so denke ich wieder und wieder, mich meiner grundsätzlichen Abneigung gegen das Reisen und meiner grundsätzlichen Abneigung gegen das Fotografieren erinnernd. Vor allen Dingen hättest du deine Speicherkarte nicht ausgerechnet im Moodymart am Werth, in den du nie hast hineingehen wollen, abgeben und aufgeben sollen.

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Wenn Keith Jarrett – ein Idol des Protagonisten – am Flügel sitzt und improvisiert, ringt er stöhnend um Inspiration und müht sich mit verschiedenen Ansätzen ab, bevor er in Schwung kommt. Genauso steigt Christian Oelemann in seinen Roman „Dumme Gedanken“ ein: Der Protagonist, der uns die ganze Geschichte in einem Monolog in der Ich-Form erzählt, beginnt mit dem Kauf eines Fotoapparats, und erst im weiteren Verlauf erfahren wir, was er damit vorhat und wie es dazu kam. Seine grüblerischen Gedanken kreisen um einzelne Themen, springen vor und zurück, wiederholen sich. Es ist schade, dass dieses reizvolle Geschwurbel in der zweiten Hälfte des Buches einer eher stringenten Entwicklung der Handlung weicht, denn das Hin und Her charakterisiert diesen Sonderling, und der Monolog, in dem witzige Wortneuschöpfungen funkeln, ist so überzeugend komponiert, dass der tragikomische Roman „Dumme Gedanken“ ein besonderes Lesevergnügen bietet. Obwohl wir bereits auf Seite 9 erfahren, dass die Speicherkarte der Kamera leer bleiben wird, hält Christian Oelemann die Spannung bis zum Ende aufrecht.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Verlag 3.0 Zsolt Majsai

Christian Oelemann (kurze Biografie)

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