Habemus Papam

Habemus Papam

Habemus Papam

Habemus Papam. Ein Papst büxt aus – Originaltitel: Habemus Papam – Regie: Nanni Moretti – Drehbuch: Nanni Moretti, Francesco Piccolo, Federica Pontremoli – Kamera: Alessandro Pesci – Schnitt: Esmeralda Calabria – Musik: Franco Piersanti – Darsteller: Michel Piccoli, Nanni Moretti, Jerzy Stuhr, Renato Scarpa, Franco Graziosi, Camillo Milli, Roberto Nobile, Ulrich von Dobschütz, Gianluca Gobbi, Margherita Buy u.a. – 2011; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Statt des Favoriten wird überraschend der Außenseiter Kardinal Melville zum neuen Papst gewählt. Man führt ihn auf einen Balkon der Peterskirche. Dort soll er sich der Öffentlichkeit zeigen. "Habemus papam!", heißt es. Aber bevor die Menge einen Blick auf ihn erhaschen kann, erleidet er eine Panikattacke und flieht. Unerkannt streift er durch Rom, bis er nach mehreren Tagen in einem Theater aufgespürt und in den Vatikan zurückgebracht wird  ...
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Kritik

Ein Mann, der auch nach der Wahl zum Papst Mensch bleibt und sich von dem Amt überfordert fühlt: Der Ansatz ist originell. Aber mehr als ein Schwank ist Nanni Moretti mit "Habemus Papam. Ein Papst büxt aus" nicht gelungen.
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Nachdem der verstorbene Papst zu Grabe getragen wurde, versammeln sich die Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle zum Konklave, um aus ihren Reihen einen Nachfolger zu wählen. Als Favorit gilt Kardinal Gregori (Renato Scarpa), aber in den ersten Wahlgängen zeichnet sich keine klare Mehrheit ab. Niemand strebt das Amt an, und es gibt keine Konkurrenz, im Gegenteil: alle Kardinäle, die damit rechnen, dass sie gewählt werden könnten, beten zu Gott, er möge sie verschonen.

Überraschend wird dann der Außenseiter Melville (Michel Piccoli) gewählt. Er fühlt sich zunächst geehrt, aber nur zögernd nimmt er die Wahl an. Weißer Rauch steigt auf. Die auf dem Petersplatz versammelte Menge jubelt. Man führt den neuen Papst auf einen Balkon, wo er sich der Öffentlichkeit zeigen soll. Was man nun von ihm erwarte, fragt er. Einer der Umstehenden meint, er könne die Gläubigen beispielsweise segnen. „Es gäbe da auch die Möglichkeit, die unser geliebter, verstorbener Heiliger Vater als Erstes gewählt hat: Ihr könnt Euch mit einer Rede an die Gläubigen wenden.“ Ein Geistlicher tritt vor dem Papst auf den Balkon und verkündet: „Nuntio vobis gaudio magnum. Habemus papam!“ In diesem Augenblick erleidet der Papst eine Panikattacke. Mit einem Schrei bricht er zusammen. Dann springt er auf und flüchtet. Die Menge wartet vergeblich, bleibt stumm und verwirrt auf dem Petersplatz stehen.

Auf einer Pressekonferenz erklärt der Vatikansprecher (Jerzy Stuhr), seine Heiligkeit habe sich vorübergehend zurückgezogen, um sich in Demut auf den Antritt des Amtes vorzubereiten. Vergeblich fragen Medienvertreter nach dem Namen des Gewählten.

Währenddessen wird der Papst von einem Arzt untersucht. Organisch fehlt ihm nichts. Also ruft man den angesehenen Psychotherapeuten Professor Brezzi (Nanni Moretti) in den Vatikan. Dass er Atheist ist, spielt jetzt keine Rolle. Er müsste nun den Papst dazu bringen, über seine Beziehung zur Mutter, traumatische Kindheitserlebnisse, sexuelle Erfahrungen und geheime Träume zu reden, aber die Kardinäle bestehen darauf, im Raum zu bleiben und alles mit anzuhören. Unter diesen Umständen kann Prof. Brezzi nicht arbeiten.

Zu seiner Überraschung führt man den Psychologen in ein Zimmer. Weil sich der neue Papst noch nicht der Öffentlichkeit gezeigt hat, dauert das Konklave an, und wegen der strikten Geheimhaltung aller mit der Papstwahl zusammenhängenden Vorgänge darf niemand es verlassen. Das gilt nun auch für Brezzi. Sogar sein Handy muss er abgeben. Die Kirche will dafür sorgen, dass seine schulpflichtigen Kinder verständigt und seine Patiententermine abgesagt werden.

Als Melville in den Parkanlagen des Vatikans spazieren geht, trifft er auf die zu einer Vereidigung angetretene Schweizer Garde. Die Männer sind irritiert, als ihnen der an seiner weißen Kleidung erkennbare neue Papst freundlich zuwinkt.

Man hält es für das Beste, den Papst inkognito von Brezzis geschiedener Frau (Margherita Buy) behandeln zu lassen. Sie arbeitet ebenfalls als Therapeutin in Rom. In Zivilkleidung lassen sich Melville und der Vatikansprecher zu der Adresse fahren. Zwei Limousinen mit Leibwächtern folgen dem Wagen.

Als sich die Psychotherapeutin nach dem Beruf ihres neuen Patienten erkundigt, behauptet er, Schauspieler zu sein. Sie wundert sich darüber, dass er keine Frau hat und diagnostiziert ein Zuwendungsdefizit bei ihm.

Nach der Sitzung sagt er zum Vatikansprecher, er benötige drei Sitzungen pro Woche, und das voraussichtlich drei Jahre lang. Der Sprecher ist entsetzt. Melville möchte sich nun erst einmal die Beine vertreten. Eine Schar von Leibwächtern passt auf ihn auf. Doch als ihnen ein Lastwagen kurz die Sicht nimmt, nutzt der Papst diese Gelegenheit, um davonzulaufen.

Um die Abwesenheit des Papstes nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern auch vor den Kardinälen geheim zu halten, quartiert der Vatikansprecher einen Schweizergardisten (Gianluca Gobbi) in den päpstlichen Gemächern ein. Der Auftrag des Mannes lautet, mehrmals am Tag die Vorhänge zu bewegen und nach Einbruch der Dunkelheit herumzugehen, damit sein Schatten über die Vorhänge wandert.

Dennoch fangen die Kardinäle an, gegen die Gefangenschaft aufzubegehren. Um sie zu beschäftigen, teilt Prof. Brezzi sie in Teams ein und organisiert ein Volleyball-Turnier.

Derweil geht der Papst unerkannt durch ein Einkaufszentrum, fährt Straßenbahn und nimmt sich ein Hotelzimmer. (Wie er es bezahlt, erfahren wir nicht.) Aus den Fernsehnachrichten erfährt er von Gerüchten, der neue Papst sei kurz nach der Wahl gestorben.

Nach drei Tagen gesteht der Vatikansprecher den Kardinälen, dass er sie angelogen habe und der Papst gar nicht da sei.

Als Melville auf eine Schauspielertruppe trifft, die ein Stück von Tschechow einstudiert, erinnert er sich daran, wie er bei der Aufnahmeprüfung in die Schauspielakademie scheiterte. Seine Schwester wurde allerdings genommen. Das Stück, das gerade geprobt wird, kennt er auswendig, und er würde gern für den erkrankten Hauptdarsteller einspringen, aber der kommt dann doch noch rechtzeitig zur Premiere aus dem Krankenhaus.

Dass der Papst inkognito im Publikum sitzt, hat man offenbar im Vatikan herausgefunden, denn während der Vorstellung schwärmen Klosterschwestern und Kardinäle im Zuschauerraum aus und suchen nach ihm. Sobald sie ihn gefunden haben, nehmen sie ihn mit in den Vatikan.

Endlich zeigt sich der neuen Papst auf einem Balkon der Peterskirche. Die Menge jubelt ihm zu. Aber Melville erklärt, dass er sich nach der Wahl erdrückt und verwirrt gefühlt habe. Weil ihn das Amt überfordern würde, tritt er zurück und macht damit den Weg frei für eine Neuwahl.

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In der Komödie „Habemus Papam. Ein Papst büxt aus“ porträtiert Nanni Moretti einen Mann, der auch nach der Wahl zum Papst Mensch bleibt, und zwar einer, dem das Amt Angst einjagt, weil er sich davon überfordert fühlt. Statt sich zu fügen und sich vom Apparat des Vatikans gefangennehmen zu lassen, büxt er aus. Michel Piccoli verkörpert diesen alten Mann eindrucksvoll. Aber eine tiefergehende psychologische Ausleuchtung sieht das Drehbuch nicht vor. Der Ansatz ist vor allem in einer auf Karriere und Höchstleistung getrimmten Gesellschaft originell, aber der Film bleibt trivial.

Nanni Moretti interessiert sich in „Habemus Papam. Ein Papst büxt aus“ auch nicht für die Kritik an der römisch-katholischen Kirche. Stattdessen erfindet er einen Vatikan, in dem alle Amtsinhaber ganz normale und durchwegs nette Männer sind. Als in der Sixtinischen Kapelle das Licht ausgeht (im Vatikan scheint es keine Notbeleuchtung zu geben), fällt ein Kardinal hin. Bei der Papstwahl versucht einer, den Namen zu erkennen, den sein Nachbar auf den Zettel geschrieben hat. Ehrgeiz, Konkurrenz, Koalitionen, Intrigen gibt es nicht. Abends sitzen die Kardinäle einzeln in ihren Zimmern. Beispielsweise legen sie Karten, halten sich auf einem Hometrainer fit, träufeln Tropfen eines Schlafmittels in ein Glas oder vertreiben sich die Zeit mit einem Puzzle. Und dann lassen sie sich auch noch von einem mit ihnen zusammen im Konklave eingesperrten Psycho­therapeuten zu einem Volleyball-Turnier überreden. Was will Nanni Moretti mit dieser surrealen Darstellung der Kirchenfürsten erreichen?

Soll „Habemus Papam. Ein Papst büxt aus“ Tragikomödie oder Satire, Drama oder Groteske sein? Nanni Moretti findet auch nicht die Balance zwischen Ernst (ein verzweifelter Mensch) und Klamauk (Volleyball spielende Kardinäle). Er hätte sich besser auf die Figur des Papstes konzentriert und auf die während dessen Abwesenheit im Vatikan spielenden Episoden verzichtet. Mehr als ein Schwank ist Nanni Moretti mit „Habemus Papam. Ein Papst büxt aus“ nicht gelungen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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