Petros Markaris : Die Kinderfrau

Die Kinderfrau

Petros Markaris

Die Kinderfrau

Originalausgabe: Palia, poly palia Samuel Gavrielides Editions, Athen 2008 Die Kinderfrau Übersetzung: Michaela Prinzinger Diogenes Verlag, Zürich 2009 ISBN: 978-3-257-06696-8, 316 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach einigem Ärger mit ihrer Tochter reisen der griechische Kommissar Kostas Charitos und seine Ehefrau für zwei Wochen von Athen nach Istanbul, um Abstand zu gewinnen. In Istanbul wird Kostas von einem griechischen Schriftsteller um Hilfe gebeten, der sich Sorgen um seine inzwischen über 90 Jahre alte frühere Kinderfrau Maria macht. Zuletzt lebte sie bei ihrem Halbbruder in Griechenland. Durch einen Anruf findet Kostas heraus, dass dieser vor einer Woche vergiftet wurde ...
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Kritik

Petros Markaris baut in seinen spannenden und humorvollen Romanen über Kommissar Kostas Charitos Familienszenen und Skizzen der Gesellschaft mit ein. So geht es in "Die Kinderfrau" neben den Ermittlungen gegen eine 90 Jahre alte Serienmörderin um die griechische Minderheit in der Türkei.
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Der griechische Kommissar Kostas Charitos und seine Ehefrau Adriani Charitou freuen sich, als ihre als Referendarin in einer Anwaltskanzlei in Athen arbeitende Tochter Katerina ankündigt, sie werde heiraten. Sie und Fanis, ein Arzt, mit dem sie seit zwei Jahren zusammenlebt, haben allerdings beschlossen, sich nicht kirchlich, sondern nur standesamtlich trauen zu lassen. Darüber sind Kostas und Adriani ebenso entsetzt wie Prodromos und Sevasti, die Eltern des Bräutigams.

So geriet die standesamtliche Trauung zu einem Trauerspiel – wir waren verbittert und todunglücklich, Fanis‘ Eltern machten lange Gesichter, und Katerina hatte immer noch nicht realisiert, wohin ihre Beharrlichkeit geführt hatte, und wusste nicht, was sie machen sollte. Am Ende der Zeremonie berührten Prodromos und Sevasti Katerinas Wange gerade mal so lang, dass die Illusion eines Kusses entstand. Genauso unterkühlt verhielten sie sich uns gegenüber […] Vielleicht wunderten sie sich sogar darüber, wie ich als Polizeibeamter meine Tochter so prinzipien- und disziplinlos erziehen konnte. Katerina war zum schwarzen Schaf gestempelt und wir zu schlechten Hirten. (Seite 21f)

Um etwas Abstand zu gewinnen, buchen Kostas und Adriani eine Reise nach Istanbul. Zu den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Bustour bleiben sie auf Distanz, nur mit Meropi Mouratoglou freunden sie sich an. Frau Mouratoglou stammt aus Istanbul, aber ihre Familie verließ die Türkei nach den Ausschreitungen gegen die griechische Minderheit in der Nacht auf den 7. September 1955 (Pogrom von Istanbul) und lebt seither in Athen.

In einer Gaststätte in Istanbul werden die Touristen von dem griechischen Schriftsteller Markos Vassiliadis angesprochen, der wissen möchte, ob sich in der Reisegruppe eine Neunzigjährige befindet. Das ist nicht der Fall. Am nächsten Tag wartet er im Hotel auf Kommissar Kostas Charitos und bittet ihn um Hilfe.

Vassiliadis wuchs in Istanbul auf und wurde zusammen mit seiner Schwester von einer Kinderfrau mit dem Namen Maria Chambou betreut. – Maria Chambou war sieben Jahre alt, als 1922 die Pontusgriechen von der Küste des Schwarzen Meeres vertrieben wurden. Ihre Mutter kam mit ihr und einem Bruder ihres im griechisch-türkischen Krieg (1919 – 1923) gefallenen Ehemanns Lambros nach Istanbul. Dort heirateten Marias Mutter und ihr Onkel, und sie bekam einen Halbbruder: Jannis. Ein paar Jahre später zog das Ehepaar Adamoglou mit dem Sohn nach Griechenland; Maria ließen sie bei Cousinen ihres Vaters im Stadtteil Fener zurück, die sie nur widerwillig aufnahmen. Vom zwölften Lebensjahr an schickten die Tanten Maria zum Geldverdienen und nahmen ihr den Lohn ab. – Zuletzt war Maria Chambou bei Markos Vassiliadis‘ Eltern als Kinderfrau beschäftigt. Sie besorgten ihr schließlich einen Platz im Seniorenheim in Istanbul-Baloukli, bevor sie nach Griechenland auswanderten. Maria Chambou lebte ein Jahr lang im Heim, dann zog sie zu ihrem Halbbruder Jannis Adamoglou, der als Junggeselle in einem Dorf bei der nordgriechischen Stadt Drama wohnte. Seine Mutter war gestorben, und er wollte nun, dass Maria ihm den Haushalt führte. – Markos Vassiliadis weiß das alles, weil er hin und wieder mit Maria Chambou telefonierte. Vor zwei Wochen erzählte ihm die inzwischen über neunzig Jahre alte Frau von ihrer Absicht, nach Istanbul zu reisen. Seither erreicht er sie nicht mehr, und sie hat sich auch nicht bei ihm gemeldet. Deshalb macht er sich Sorgen um seine frühere Kinderfrau.

Kommissar Kostas Charitos ruft Stefanos Polyzos an, den Leiter der Polizei in Drama. Eigentlich hat er vor, seine Kollegen zu bitten, bei Jannis Adamoglou vorbeizuschauen und ihn nach Maria Chambou zu fragen, aber die Polizei war bereits dort: Jannis Adamoglou starb vor einer Woche, nachdem er von einer mit dem Pflanzenschutzmittel Parathion vergifteten Käsepitta gegessen hatte. Seine Halbschwester ist verschwunden. Die Nachbarn sagten aus, Maria sei freundlich und hilfsbereit gewesen, ihr Bruder habe sie dagegen schikaniert und mit allen Leuten Streit angefangen.

Die griechische Polizei findet heraus, dass Maria Chambou in Thessaloniki eine Busfahrkarte nach Istanbul kaufte und die Reise offenbar auch antrat. Um in Istanbul nach ihr suchen zu lassen, begleitet Charitos den Schriftsteller Markos Vassiliadis zur örtlichen Polizei, die zunächst nicht besonders hilfreich ist.

Als Kostas Charitos jedoch am nächsten Morgen den Frühstücksraum des Hotels verlässt, wartet der türkische Kriminalobermeister Murat Saglam auf ihn. Radebrechend verständigen sie sich auf Englisch. Inzwischen fand man in dem von Türken Bakirköy und von der dort lebenden griechischen Minderheit Makrochori genannten Stadtteil die Leiche einer alten Frau namens Kalliopi Adamoglou, die auf die gleiche Weise vergiftet worden war wie Jannis Adamoglou: mit Pflanzenschutzmittel in einer Käsepitta.

Kostas Charitos wird von Kriminaldirektor Gikas, seinem Vorgesetzten in Athen, gebeten, die türkische Polizei zu unterstützen, aber Brigadekommandeur Kerim Özbek, der stellvertretende Amtsleiter der Sicherheitspolizei in Istanbul, schärft dem griechischen Kommissar ein, dass Murat Saglam die Ermittlungen leitet.

Murat ist Mitte dreißig. Er war in Esslingen als Sohn eines türkischen Gastarbeiters auf die Welt gekommen. Seine gleichaltrige Ehefrau Nermin hatte in Deutschland einen Abschluss in Computergrafik gemacht und leitet jetzt die IT-Abteilung eines Großunternehmens in Istanbul. Noch in Deutschland hatte sie beschlossen, ein Kopftuch zu tragen. Weil Murat daraufhin unterstellt wurde, er habe seine Frau dazu gezwungen, kündigte er bei der deutschen Polizei, zog mit Nermin nach Istanbul und bewarb sich erfolgreich bei der Sicherheitspolizei der türkischen Metropole.

Er fährt mit seinem griechischen Kollegen nach Bakirköy, aber die Befragung des gut siebzig Jahre alten Hausmeisters der geschlossenen griechischen Schule führt er allein durch. Deshalb kehrt Kostas später zurück. Herr Panajotis erklärt ihm, er habe mit dem türkischen Polizisten nur das Nötigste gesprochen, denn er misstraue den Türken. Seinem griechischen Besucher erzählt er dagegen freimütig, was er über die Tote weiß: Deren Mutter Fofo Adamoglou kaufte im ganzen Viertel die Häuser von Griechen, die 1964 das Land verlassen mussten. Dabei nutzte sie deren Notlage aus und bezahlte ihnen nur die Hälfte des Wertes. Als sich 1989 Muslime aus Bosnien, Aserbeidschan und Turkmenistan in Istanbul niederlassen wollten, schlug sie die Immobilien wieder los und raffte dabei ein Vermögen zusammen. Inzwischen ist sie verstorben. Von einer Greisin namens Iliadi erfuhr Panajotis, dass Fofos Tochter vor einigen Tagen Besuch von einer Cousine bekam, von der sie beinahe fünfzig Jahre nichts gehört hatte.

Im Büro des Kirchensprengels von Agios Dimitrios im Stadtteil Kurtulus – griechisch: Tatavla – erkundigt Kostas sich nach Frau Iliadi. Sie bestätigt seinen Verdacht, dass es sich bei der Besucherin um Maria handelte, die als Kind von ihrer Familie bei ihrer Tante Fofo zurückgelassen worden war.

Von Murat erfährt Kostas, dass die Leiche der Ermordeten von einer Verwandten namens Efterpi Lazaridou aus der Gerichtsmedizin abgeholt wurde. Lazaridou lautete auch der Mädchenname von Fofo Adamoglou. Kostas nimmt an dem Begräbnis teil und spricht dann mit Efterpi Lazaridou. Sie klärt ihn darüber auf, dass Marias Vater Adamoglou hieß und ihre Mutter aus der Familie Lazaridou stammte; den Namen Chambou bekam sie durch ihre Eheschließung mit dem alkoholkranken Handwerker Anastassis Chambos. Den heiratete Maria gegen den ausdrücklichen Rat ihrer Schwägerin Safo Chambou. Er taugte nichts, und bei seinem frühen Tod hinterließ er Maria keine Lira. – Vor zwei Wochen erhielt Efterpi Lazaridou überraschend Besuch von Maria und freute sich, weil sie sich früher gut verstanden hatten. Maria wohnte ein paar Tage bei ihr und buk ihr zum Abschied eine Käsepitta, die sehr gut schmeckte – und offenbar nicht vergiftet war. Von Efterpi Lazaridou ging Maria zu Kalliopi Adamoglou und ermordete sie.

Zwischendurch nimmt Kostas Charitos immer wieder an dem Programm der Reisegruppe teil. Während einer kleinen Schiffsrundfahrt erhält er einen Anruf von seiner Tochter Katerina. Sie hat ihren Fehler eingesehen und sich vorgenommen, nun doch auch kirchlich zu heiraten. Ihre Mutter will gleich das nächste Flugzeug nach Athen nehmen, um ihr bei den Vorbereitungen zu helfen, aber Katerina bringt sie davon ab, und Kostas überredet Adriani, noch eine Woche länger in Istanbul zu bleiben. Kriminaldirektor Gikas ist bereit, die Extrakosten zu übernehmen, damit er die Aufklärung des Falls abschließen kann. Bevor Meropi Mouratoglou mit der Reisegruppe nach Griechenland zurückkehrt, macht sie Kostas und Adriani mit ihrer Freundin Aleka Kourtidou bekannt, die gern bereit ist, dem Ehepaar noch einige Sehenswürdigkeiten in Istanbul zu zeigen.

Der griechische und der türkische Kommissar misstrauen sich gegenseitig, aber Murat hat inzwischen begriffen, dass die Mitglieder der griechischen Minderheit gegenüber Kostas offener sind als gegenüber einem Türken. Deshalb arbeitet er zögernd mit seinem griechischen Kollegen zusammen – und hofft, dass sein Chef nichts davon erfährt, denn der würde das nicht billigen.

Im Seniorenheim in Baloukli befragt Kostas zwei Greise, die sich an Marias einjährigen Aufenthalt in dieser Einrichtung erinnern: Charalambos Sefertzidid und Sotirios Keremoglou. Vor ein paar Tagen kam sie zu Besuch. Als sie erfuhr, dass Safo Chambou seit einem Jahr tot war, schenkte sie den Männern die Käsepitta, die sie für ihre Schwägerin dabei hatte. Kostas erschrickt, aber Sefertzidid und Keremoglou wurden offensichtlich nicht vergiftet. Sicherheitshalber fragt er den Arzt. Dr. Renzi versichert ihm, dass den Männern nichts fehlt. Die Besucherin sei jedoch schwer krank gewesen, meint er. Er habe sie wegen ihres Hustens röntgen wollen, aber vor der Untersuchung sei sie verschwunden. Kostas fragt sich zu Safos Grab durch und sieht, dass kürzlich Blumen hingelegt wurden.

Inzwischen vermutet er, dass Maria Chambou dabei ist, einen Schlussstrich unter ihr Leben zu ziehen: Während sie sich an Verwandten rächt, die sie schlecht behandelten, bedankt sie sich bei anderen, die ihr Gutes taten, mit einer nicht vergifteten Käsepitta bzw. Blumen auf dem Grab.

Diese Theorie wird durch die Ermordung eines Türken in Istanbul-Nisantasi gleich wieder in Frage gestellt. Kemal Erdemoglu, der Besitzer eines Fachgeschäfts für Herren- und Damenmode im Stadtteil Pera und zweier von seinen Söhnen geführten Filialen in Ankara und Izmir, starb während er auf dem WC in seiner Wohnung saß und sich zugleich übergab. In seinem Kühlschrank finden Murat und Kostas eine halb aufgegessene Käsepitta.

Efterpi Lazaridou klärt die Polizisten über das Motiv dieses Mordes auf: Bei dem Pogrom in der Nacht auf den 7. September 1955 wurde die Stoffhandlung von Lefteris Meletopoulos verwüstet und sein Warenlager geplündert. Maria, die damals als Hausmädchen bei der Familie Meletopoulos angestellt war, zog mit in den Stadtteil Feriköy, wo Lefteris Meletopoulos ein neues Geschäft eröffnete, nachdem er das zerstörte weit unter Wert an Kemal Erdemoglu verkauft hatte, der dadurch sein benachbartes Bekleidungsgeschäft erweitern konnte. Einige Zeit später erfuhr Meletopoulos, dass Erdemoglu bei der Zertrümmerung seiner Ladeneinrichtung mitgemacht hatte. Zwei Tage später erlitt er einen Schlaganfall. Seine Frau musste das neue Geschäft schließen, konnte Maria nicht weiterbeschäftigen und ihr nicht einmal die noch ausstehenden Monatslöhne bezahlen.

Efterpi Lazaridou warnt Kostas Charitos davor, dass Maria auch bei der Familie Tayfur auftauchen könnte.

Murat und Kostas fahren zu der Adresse in Esentepe. Selma Tayfur, eine Professorin für englische Literatur Mitte fünfzig, öffnet ihnen und holt, nachdem sie erfahren hat, worum es geht, auch ihre achtzigjährige Mutter Emine Kaplan dazu. Maria war vor zehn Tagen hier und brachte eine – offenbar nicht vergiftete – Käsepitta mit. Emine Kaplan, die im Stadtteil Cihangir aufwuchs, erinnert sich daran, wie Maria für die in der Nachbarschaft wohnende Familie Dagdelen als Dienstmädchen arbeitete, als diese durch die aufgrund eines Gesetzes vom November 1942 erhobene Vermögenssteuer in den Ruin getrieben wurde. Weil Minas und Zoë Dagdelen die Abgabe nicht aufbringen konnten, wurde ihr Besitz gepfändet. Unmittelbar bevor der Gerichtsvollstrecker kam, holte Emines Mutter etwas Schmuck und zwei Teppiche. Diese Wertsachen bewahrte sie für Minas und Zoë auf, um ihnen später einen Neuanfang zu ermöglichen.

Zufällig lernt Kostas die pensionierte Lehrerin Ioanna Saratsoglou kennen, kommt mit ihr ins Gespräch und findet heraus, dass es sich um eine Nichte von Minas und Zoë Dagdelen handelt. Sie weiß, dass Minas auch ein Haus in Samatya – griechisch: Psomathia – vor der Pfändung rettete, indem er es rechtzeitig seiner Schwester Ekaterini Dagdelen überschrieb. Er fing dann noch einmal von vorne an, aber vom Pogrom im September 1955 erholte er sich nicht mehr. Danach wanderte er mit Zoë nach Kanada aus. Seine Schwester wohnte bis zu ihrem Tod vor zehn Jahren in dem Haus in Samatya.

Dort finden Murat und Kostas die Leiche der mit einer Käsepitta vergifteten Rechtsanwältin Eftychia Aslanidou, die Lefteris Meletopoulos damals dazu überredet hatte, sein zerstörtes Geschäft Kemal Erdemoglu zu verkaufen. Angeblich war die Hälfte des Kaufpreises als Provision an sie geflossen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Kostas Charitos und Murat Saglam fliegen mit Markos Vassiliadis nach Trabzon und fahren von dort an der Schwarzmeerküste entlang nach Giresun, Marias Vaterstadt. Sie finden die Greisin im Haus des Ehepaares Vassiliadis im Stadtteil Zeytinlik. Sie kam mit dem Nachtbus, klingelte und erklärte, es handele sich um ihr Geburtshaus. Dann ging sie in ihr damaliges Zimmer hinauf, legte sich ins Bett und wollte nicht mehr aufstehen. Weil sie offenbar schwer krank war, holten die Vassiliadis einen Arzt. Der wollte sie nach Trabzon ins Krankenhaus bringen, aber das lehnte sie ab. Um sich nicht strafbar zu machen, verständigte das Ehepaar daraufhin die Polizei.

Markos Vassiliadis spricht seine frühere Kinderfrau an, aber sie erkennt ihn nicht und hat offenbar den Verstand verloren. Murat befragt den Arzt, der ihm erklärt, er sei auch ohne gründliche Untersuchung sicher, dass die Patientin in wenigen Tagen an Lungenkrebs sterben werde. Damit Maria Chambou ihr Leben in Frieden beenden kann, wird Murat seinem Vorgesetzten melden, er sei zu spät nach Giresun gekommen und habe sie nur noch tot vorgefunden. Der Arzt verspricht ihm, den Totenschein auf den heutigen Tag zu datieren, und die Vassiliadis sind damit einverstanden, dass Maria in dem Bett liegen bleibt.

Am nächsten Tag verlassen Kostas und Adriani Istanbul. Am Flughafen verabschieden sich Murat und Nermin herzlich von ihnen und geben ihnen einen Teppich als Geschenk für das Hochzeitspaar mit. Sie haben 20 kg Überpäck, aber Murat regelt das mit der Angestellten am Check-in der Olympic Airlines.

„Was haben Sie zu ihr gesagt?“, frage ich, als wir uns vom Schalter entfernen.
Er reagiert amüsiert. „Hier bei uns ist der Polizist wie die Kreditkarte. Er öffnet alle Türen. Nur dass man irgendwann die Zinsen abstottern muss.“
[…] Wir winken noch ein letztes Mal, bevor wir uns zur Handgepäck-Kontrolle begeben […]
Diesmal passiert die Reisetasche die Prüfung ohne jegliche Beanstandung. „Kannst du mir erklären, warum man uns am Eingang gefilzt hat, und hier winkt man uns einfach durch?“, wundert sich Adriani.
„Keine Ahnung. Eines weiß ich jedoch ganz genau: Dein ganzer Kram, der das Übergepäck verursacht, hätte uns ganz schön viel gekostet. Glücklicherweise hat Murat eingegriffen und die Sache geregelt.“
„Alles lässt sich regeln, man muss nur wollen“, wirft sie mir einen jener Sinnsprüche an den Kopf, die mich auf die Palme bringen.
Beim Start bekreuzigt sich Adriani, während ich aus dem Fenster blicke. (Seite 314f)

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Kommissar Kostas Charitos ist ein griechischer „Mann von der Straße“, ein durchschnittlicher Macho, der sich zwar gegenüber seinem Vorgesetzten devot verhält, bei der Aufklärung seiner Fälle jedoch Anweisungen ignoriert. Mit Bildungshuberei kann man ihn nicht beeindrucken; bei seinen Ermittlungen lässt er sich von Verstand und Bauchgefühl gleichermaßen leiten. Gegenüber Türken hegt Kostas Charitos die in Griechenland üblichen Vorurteile. Ein Spruch von ihm lautet: „Gegen zwei Dinge im Leben habe ich eine unüberwindliche Abneigung: Gegen Rassismus und Schwarze.“ („Nachtfalter“).

Wie Henning Mankell in den Romanen über den schwedischen Kommissar Kurt Wallander, baut auch Petros Markaris in den Romanen über den griechischen Kommissar Kostas Charitos Familienszenen und Skizzen der Gesellschaft mit ein. Neben den Ermittlungen gegen eine über neunzig Jahre alte Serienmörderin geht es in „Die Kinderfrau“ um das Thema Minderheiten, vor allem am Beispiel der Griechen in der Türkei (Vertreibung der Pontusgriechen: 1923; Sonderabgabe, die aufgrund eines Gesetzes vom November 1942 von türkischen Griechen, Armeniern und Juden entrichtet werden musste; Pogrom von Istanbul in der Nacht auf den 7. September 1955; Ausweisung aller Griechen ohne türkischen Pass: 1964).

Petros Markaris lässt sich Zeit und verfolgt in „Die Kinderfrau“ nicht nur die Aufklärungsarbeit der Polizei, sondern wendet sich zwischendurch immer wieder mit viel Humor Alltagsdingen zu, die uns ein Bild vom Leben der griechischen Minderheit in Istanbul vermitteln.

Den Roman „Die Kinderfrau. Ein Fall für Kostas Charitos“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Tommi Piper (Diogenes Verlag, Zürich 2009, ISBN: 978-3257802641).

Der heute in Athen lebende griechische Schriftsteller und Übersetzer Petros Markaris wurde am 1. Januar 1937 in Istanbul als Sohn eines armenischen Kaufmannes und einer griechischen Mutter geboren. Nach dem Abitur am österreichischen Realgymnasium in Istanbul studierte er Volkswirtschaft, u. a. in Wien und Stuttgart. Außer Griechisch und Türkisch spricht Petros Markaris auch Deutsch. Berühmt wurde er durch seine Kriminalroman-Reihe mit dem Untertitel „Ein Fall für Kostas Charitos“. Unter dem Titel „Wiederholungstäter. Ein Leben zwischen Istanbul, Wien und Athen“ veröffentlichte der Diogenes-Verlag 2008 die deutschsprachige Übersetzung einer Autobiografie von Petros Markaris (Übersetzung: Michaela Prinzinger).

Zur Romanreihe über Kommissar Kostas Charitos gehören folgende Titel (Übersetzungen: Michaela Prinzinger, Diogenes Verlag, Zürich):

  • Hellas Channel (1995 / deutsch: 2000)
  • Nachtfalter (1998 / 2001)
  • Live! (2003 / 2004)
  • Der Großaktionär (2006 / 2007)
  • Die Kinderfrau (2008 / 2009)
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Inhaltsangabe und Buchkritik: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Diogenes Verlag

Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau Seidenman
In 21 Episoden schildert Andrzej Szczypiorski eine Reihe von zum Teil miteinander verknüpften Schicksalen. Er porträtiert Polen, Juden und Deutsche, Täter und Opfer, unterschiedliche Charaktere und wirft dabei die Frage nach der individuellen Schuld bzw. Bewährung vor dem Hintergrund kollektiver Verbrechen auf.
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