Lilly Lindner : Splitterfasernackt

Splitterfasernackt

Lilly Lindner

Splitterfasernackt

Splitterfasernackt Originalausgabe: Droemer Verlag, München 2011 ISBN: 978-3-426-22606-3, 400 Seiten, 16.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Vom 6. bis zum 11. Lebensjahr wird Lilly von einem Nachbarn missbraucht. Als sie siebzehn ist, demütigen, foltern und vergewaltigen mehrere Männer sie drei Tage lang. Die Eltern merken davon nichts, auch nicht von der Bulimie und den autoaggressiven Selbstverletzungen der Tochter. Dass Lilly sich mit fünfzehn aus eigenem Antrieb in einer psychiatrischen Klinik behandeln und ein Jahr später in ein Jugendheim aufnehmen lässt, akzeptieren die Eltern, ohne viel nachzufragen. Mit 21 fängt Lilly an, sich zu prostituieren ...
Weiterlesen

Kritik

Unter literarischen Gesichtspunkten ist der Roman "Splitterfasernackt" nicht erwähnenswert, aber wenn man Lilly Lindner glaubt, dass sie ihre eigene Geschichte aufgeschrieben hat, handelt es sich um eine erschütternde Lektüre.

Weiterlesen

Im Alter von sechs Jahren wird Lilly erstmals von einem im selben Mietshaus in Berlin wohnenden Nachbarn vergewaltigt, von einem höflichen Mann, in dem ihre Mutter ein Vorbild sieht:

„Er ist so höflich und aufmerksam! Jedes Mal, wenn er mich mit Einkäufen im Treppenhaus trifft, trägt er mir die Tüten hoch. Ich hoffe wirklich, du wirst irgendwann auch einmal so ein Mensch, Lilly.“

Jahrelang missbraucht er Lilly. Aus Scham und aus Furcht vor ihm verschweigt sie es ihren Eltern und allen anderen Bezugspersonen. Niemand merkt etwas davon.

Als Erste in ihrer Schulklasse beginnt sie mit elf zu menstruieren und bekommt Brüste. Sie spürt, wie sie angestarrt wird.

Der Vergewaltiger zieht aus. Eine Violine spielende freundliche Dame mietet die Wohnung.

Er verschwindet aus meinem Leben, als hätte es ihn nie gegeben. Er zieht weg, und ich stehe vor seiner leeren Wohnung und warte darauf, dass mein Körper herauskommt, damit wir wieder zusammen sein können. Ich warte und warte.

Lilly kann ihren Körper nicht ausstehen. Sie fügt sich absichtlich Schmerzen zu und verfällt in eine Bulimie, ohne dass die Eltern es mitbekommen.

Meinen Körper misshandeln. Darin werde ich mit der Zeit richtig gut. Ich kratze mir meine Arme blutig, ich renne mit Absicht gegen Schränke und Türen, ich halte mir glühende Metallstäbchen auf die Haut und beiße mich, bis ich Blut schmecke. Meine Eltern merken nie etwas, und die Kratzer auf meinen Armen halten sie für Ausschlag.

Je mehr von mir auf dieser Welt ist, desto schlimmer. Wenn ich verschwinden könnte, wäre alles besser. Gedacht, getan. Ich höre auf zu essen.

Es gibt Reis mit Gemüse und Soße. Ich mag eigentlich keinen Reis, aber mir ist so schwindlig vom ewigen Hungern, dass ich nicht einmal mehr richtig gucken kann, ohne dass alles um mich herum ständig verschwimmt oder die Plätze vertauscht. Also esse ich.
„Iss nicht so viel!“, sagt mein Vater.
Und da stehe ich auf, stelle den Teller in die Spüle, gehe ins Bad, tue so, als würde ich duschen, und erbreche stattdessen lautlos in die Toilette. Dann gehe ich in mein Zimmer, öffne das Fenster, so weit es geht, lege mich nackt auf mein Bett und decke mich nicht zu […]
Ich warte auf eine Lungenentzündung oder auf den Tod durch Erfrieren […]

Mit fünfzehn sucht Lilly von sich aus einen Psychologen auf, berichtet von der Essstörung und lässt sich in eine psychiatrische Klinik aufnehmen. Zwei Monate bleibt sie dort.

Ein Jahr später geht sie zum Jugendamt und erreicht, dass sie einen Platz in einem Jugendheim bekommt. Nachdem ihr einer der Mitbewohner das Kleid angezündet hat, wechselt sie in ein anderes Heim. Aber sie vermisst das Alleinsein und kehrt deshalb zu den Eltern zurück.

An einem Freitag werden Lilly und vier andere Mädchen in einer Wohnung von Männern festgehalten. Einer von ihnen hält Lilly die Mündung einer Pistole an den Kopf und zwingt die Siebzehnjährige, ihren Vater anzurufen, damit die Eltern nichts unternehmen, wenn sie bis Sonntag fortbleibt. Lilly behauptet, sie werde das Wochenende bei ihrer Freundin Julia verbringen, und ihr Vater meint dazu: „Klar, mach nur.“

Für einen Moment hatte ich dummes Ding doch tatsächlich geglaubt, dass es meinem Vater auffallen müsste, dass ich ihn sonst nie Papi nenne, oder dass er zumindest wissen würde, dass ich gar keine Freundin namens Julia habe.

Die fünf Mädchen müssen sich ausziehen. Drei Tage und zwei Nächte lang werden sie gedemütigt und vergewaltigt. Dem Mädchen mit den kleinsten Brüsten zerschneiden die Männer den Oberkörper.

Nach ihrer Freilassung, am Sonntagabend, sucht Lilly Zuflucht bei ihrem langjährigen Freund Chase. Sie hustet Blut, und Chase meint, ein Schnitt am Hals, den ihr die Männer zugefügt haben, müsse genäht werden. Er beabsichtigt, sie ins Krankenhaus zu bringen, aber Lilly sträubt sich dagegen mit Händen und Füßen, denn sie will nicht angefasst und untersucht werden.

Bald darauf schluckt sie alles an Tabletten, was sie findet. Aber der Selbstmord-Versuch scheitert: Sie übergibt sich, windet sich vor Bauchkrämpfen und wird schließlich in ein Suizid-Hilfe-Therapiezentrum gebracht.

Eine Psychologin, die davon ausgeht, dass eine Familientherapie in diesem Fall unmöglich ist, rät der Siebzehnjährigen, bei den Eltern auszuziehen. Lilly richtet sich in einer Einzimmerwohnung in Berlin ein. Die Schule bricht sie ab.

Eine ihrer „unzähligen“ Therapeutinnen kritisiert ihre Wortwahl.

Ich bin also kein geficktes Kind […]
Würde es eigentlich besser klingen, wenn ich penetriert sagen würde? Oder: mit sechs Jahren in die Kunst des Geschlechtsverkehrs eingeführt? Sollte ich mich sanfter ausdrücken, anständiger, unschuldiger? Bin ich weniger gebumst, wenn ich von erzwungenem Beischlaf spreche? Ooder wenn ich gar nicht mehr spreche und mein Wortgewand ausziehe, um endgültig splitternackt dazustehen?
Nein. Wahrscheinlich nicht.

Kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag hat sie erstmals freiwillig Sex mit einem Jungen, aber sie findet es schrecklich.

Caitlin, ihre beste Freundin, nimmt sich das Leben.

Aufgrund der Bulimie hat Lilly keine Brüste mehr. Ihre Periode ist seit Jahren ausgeblieben.

Mit einundzwanzig bewirbt sie sich erfolgreich im Berliner Edelbordell „Passion“ in der Nähe ihrer Wohnung. Lilly wird zur Prostituierten Felia. Dazu kommen seit langer Zeit Ana und Mia, die beiden Stimmen der Anorexie und der Bulimie in ihrem Kopf.

Ein Körper ist nur ein Körper, und mein Körper soll der Körper sein, den alle Männer besitzen wollen, den sie aber nur dann haben können, wenn sie dafür bezahlen. Das finde ich gut. Das ist ziemlich simpel. Damit ist die Schuld beglichen. Was kann da noch schiefgehen? Und am Ende darf mein Körper wieder ein Teil von mir sein. Ich werde ihn an mich binden und festschnüren und nicht mehr hergeben.
Das müsste doch funktionieren.
Das ist die splitternackte Schande eines Mädchens.
Das meinen lautlosen Namen trägt.

Nach einer Woche vertraut sie Chase an, womit sie ihr Geld verdient. Chase gehört selbst zu den Männern, die regelmäßig die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen, manchmal auch die von zwei oder drei Frauen gleichzeitig. Er zeigt Verständnis für Lillys Entscheidung.

Bald weiß sie nicht mehr, mit wie vielen Männern sie im Bett war.

Aber wenn man es schafft, an einem Tag mehr Kondome als Umlaute zu benutzen, dann braucht man nicht mehr logisch zu denken. Dann gibt es wichtigere Sachen.

Im Wesentlichen ist das Leben ziemlich simpel: An jedem Schwanz hängt irgendein Mann

Im Herbst desselben Jahres kündigt sie mit einem Telefonanruf bei ihrem Zuhälter Eriko ihre Tätigkeit im „Passion“. Sie befindet sich in der Schweiz, in einer Wohnung in Mellingen westlich von Zürich, die einem Mann namens Row gehört, der von Berlin aus einen Callgirl-Ring betreibt. Die Anrufe gehen auf zwei verschiedenen Handys ein, je nachdem, ob die Freier auf Rows Website oder eine Zeitungsanzeige reagieren. Row drängt Lilly nichts auf und lässt sie frei entscheiden, wie viele Termine sie annehmen will.

[…] beschließe ich, meine Arbeitszeit wesentlich zu reduzieren, damit ich nicht als lebendiges Fließband, das steife Schwänze produziert, ende.

Zwischendurch kehrt Lilly immer wieder für zwei, drei Wochen nach Berlin zurück.

Ihr letzter Freier an Silvester heißt Derek.

Er hat einen ganzen Rucksack voll mit Fesselzeugs dabei.
„Ich weiß nicht, wie man das benutzt“, sage ich unsicher.
„Macht nichts“, sagt Derek. „Ich mache das alles selbst, du brauchst nur dazusitzen und zuzuschauen.“
Dann schnürt er sich mit unzähligen Seilen und Haken zu einem verknoteten Päckchen zusammen, klemmt sich seine Hoden ab, erwürgt sich fast, hat einen Orgasmus, packt sich wieder aus und setzt sich zu mir auf das Bett.
„Keine Ahnung, warum ich so etwas mag“, sagt er verlegen.
„Ich finde es nicht schlimm“, erwidere ich.
„Danke“, sagt Derek.
„Wofür?“, frage ich, denn schließlich habe ich nur dagesessen und nichts gemacht.
„Dass du nicht gelacht hast“, meint er.

Der Freier Patrick verliebt sich in sie, aber sie versucht ihm klarzumachen, dass er nie mehr als Freundschaft von ihr erwarten könne.

Als Row auch in Berlin einen Escort-Service mit fünf Prostituierten einrichtet, beendet Lilly ihre Tätigkeit in der Schweiz. Nach wie vor verabredete sie sich nur ein paar Mal im Monat mit Freiern in Nobelhotels bzw. Sternerestaurants.

Nach „einer Ewigkeit“ hat sie erstmals „privaten Sex“, und zwar mit Chase. Vielleicht gelingt es ihr doch noch, sich mit ihrem Körper auszusöhnen.

nach oben

Im Nachwort zu ihrem Roman „Splitterfasernackt“ schreibt Lilly Lindner:

Dieses Buch schildert die eigenen Erfahrungen und Erinnerungen der Autorin. Mag sich die eine oder andere Begebenheit auch tatsächlich anders zugetragen habe, so sind doch alle Schilderungen, Vorkommnisse, Figurenzeichnungen und Dialoge im Buch an die Wirklichkeit angelehnt.

Wenn man Lilly Lindner abnimmt, dass die Darstellung authentisch ist, tut man sich schwer, den Roman zu kritisieren, denn dann hat die Autorin Schreckliches durchgemacht. Mit „Splitterfasernackt“ versucht sie möglicherweise, die beiden traumatischen Erlebnisse in der Kindheit bzw. Jugend zu verarbeiten, über die sie mit ihren Eltern nicht reden konnte. Das ist erschütternd.

Am Vater bemängelt die Romanfigur Lilly vor allem die Teilnahmslosigkeit und fehlende Empathie. Er würde sich nicht einmal von einer neben ihm explodierenden Bombe davon abhalten lassen, seinen Tee mit Kardamom auszutrinken, behauptet sie. Er scheint sich kaum für sie zu interessieren. Lillys Mutter wirkt aggressiv und feindselig. Aus Wut wirft sie mit Stühlen. Weder die Mutter noch der Vater merken, dass Lilly als Kind jahrelang von einem Nachbarn vergewaltigt wird. Die Bulimie und die autoaggressiven Selbstverletzungen der Tochter entgehen ihnen ebenso wie die dreitägige Gefangenschaft der Siebzehnjährigen, bei der diese von mehreren Männern gedemütigt, gefoltert und vergewaltigt wird. Dass Lilly sich mit fünfzehn aus eigenem Antrieb in einer psychiatrischen Klinik behandeln und ein Jahr später in ein Jugendheim aufnehmen lässt, akzeptieren die Eltern, ohne viel nachzufragen. Angezeigt wird offenbar keiner der Vergewaltiger. Wenn man das alles glaubt, wundert man sich nicht darüber, dass Lilly nach diesen Erfahrungen beziehungsunfähig ist. Verständlich ist dann auch, dass die Ich-Figur in „Splitterfasernackt“ zwar ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Körper hat, aber keine Distanz gegenüber sich selbst.

Fast drei Viertel des Buches verwendet Lilly Lindner auf die Erlebnisse der Protagonistin als Prostituierte, die Innenansicht eines Bordells, den Umgang der Mädchen untereinander, das Verhalten der Zuhälter und die Wünsche der Freier. Dieser Teil ist trivial und langweilig.

Lesenswert sind gut hundert Seiten von „Splitterfasernackt“ unter der Annahme, dass es sich um die authentische Darstellung einer schweren Traumatisierung durch Kinderschändung und Vergewaltigung handelt. In diesem Fall ist es belanglos, dass Lilly Lindner hin und wieder statt des Genitivs den Dativ gebraucht, denn dann erübrigt es sich, „Splitterfasernackt“ unter literarischen Gesichtspunkten zu beurteilen.

Lilly Lindner wurde 1985 in Berlin als Tochter einer aus Korea stammenden Mutter und eines deutschen Vaters geboren.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Droemer Verlag

J. R. R. Tolkien - Hobbits
Die Fantasiewelt der Hobbits schilderte John Ronald Reuel Tolkien erstmals in seinem 1937 veröffentlichten Buch "The Hobbits or There and Back Again".
Hobbits

J. R. R. Tolkien

Hobbits

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: