D. H. Lawrence : Der Hengst St. Mawr

Der Hengst St. Mawr

D. H. Lawrence

Der Hengst St. Mawr

Originalausgabe: St. Mawr 1925 Der Hengst St. Mawr Übersetzung: Gerda von Uslar Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1960 166 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die junge Amerikanerin Lou, die mit ihrem australischen Ehemann Sir Henry Carrington in England lebt, ist von einem feurigen Hengst namens St. Mawr fasziniert. Sie kauft ihn für ihren Mann und stellt den Pferdeknecht Morgan Lewis ein, obwohl Sir Henry, ein Künstler, lieber mit dem Auto fährt als reitet. Bei einem Ausritt kommt es zu einem Unfall, bei dem Sir Henry ernsthaft verletzt wird ...
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Kritik

Der Roman "Der Hengst St. Mawr" von D. H. Lawrence ist eine expressionistische Fabel über den Gegensatz zwischen Wildnis und Zivilisation. Bemerkenswert ist das misanthropische Weltbild der Protagonistin.
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Louise („Lou“) Witt stammt aus einer amerikanischen Familie, die von Louisiana nach Texas zog. Im Alter von zwölf Jahren wird sie in ein französisches Internat geschickt. Nach dem Schulabschluss reist sie durch Europa. In Rom lernt sie den drei Monate älteren Australier Rico Carrington kennen. Die leidenschaftliche Affäre, die sie mit dem Maler auf Capri hat, zerrüttet ihre Nerven so, dass man sie in ein Erholungsheim in Umbrien bringt. Rico kehrt nach Melbourne zurück, wo kurz darauf sein Vater stirbt, ein Regierungsbeamter, der ihm seinen Adelstitel vererbt, sodass aus Rico Sir Henry wird. Einige Zeit später sieht er Lou in Paris wieder. Sie sind beide vierundzwanzig, als sie heiraten und sich ein Haus in Westminister mieten. Das Geld dafür besitzt Lou bzw. Lady Carrington aus dem Erbe ihres früh verstorbenen Vaters.

Innerhalb eins Jahres wandelt sich die Ehe in eine platonische Freundschaft.

Rachel Witt, Lous Mutter, kommt mit zwei Pferden und einem Stallknecht nach London. Sie nennt den Bediensteten „Phoenix“, obwohl er eigentlich Gerónimo Trujillo heißt. Der Sohn eines Mexikaners und einer Navajo-Indianerin aus Phoenix, Arizona, wurde im Ersten Weltkrieg verwundet. Rachel, die sich als Rote Kreuz-Krankenschwester engagierte, pflegte ihn gesund und verschaffte ihm zunächst eine Anstellung auf dem Gut von Bekannten.

Um mit ihrer einundfünfzigjährigen Mutter ausreiten zu können, kauft Lou sich ein Pferd.

Eines Tages zeigt ihr Mr Saintsbury, der Besitzer der Stallungen, einen großartig aussehenden sieben Jahre alten Hengst mit dem Namen St. Mawr, der zum Verkauf angeboten wird, nicht zuletzt, weil er sich nicht als Deckhengst eignet. Erst auf Nachfrage gibt Mr Santsbury zwei tödliche Unfälle mit St. Mawr zu:

„Der Sohn von Mr Griffith Edwards hat ihn dort im Forst von Dean ein bisschen wild geritten. Dem Jungen wurde dabei der Kopf an einem niedrigen Eichenast zerschmettert. Im letzten Herbst war das. Und vor einiger Zeit hat er einmal einen Reitknecht gegen die Stallmauer gequetscht – tödlich verletzt. Aber das waren beides Unfälle, Lady Carrington. So etwas kommt eben vor.“

Lou ist von St. Mawr fasziniert.

Jetzt, nachdem sie jenes volle, dunkle, leidenschaftliche Leuchten der Kraft und eines anderen Lebens in den Augen des unheimlichen Pferdes gesehen hatte, brachte die ängstliche Kraftlosigkeit ihres Mannes sie zur Verzweiflung. Rico sah so gut aus, er war so beherrscht, er verfügte über so viel galante Liebenswürdigkeit und echte weltmännische Klugheit. Man musste ihn bewundern – zumindest sie musste es.
Aber trotzdem, trotzdem, es war unecht. Eine Pose. Er kultivierte seine Eigenschaften so bewusst. Es war eine Pose […] Jenes schwarze, feurige Strömen in den Augen des Pferdes war keine Pose.

Sie blieb in ihrem Zimmer, um Rico nicht zu begegnen. Sie konnte die Trivialität und Oberflächlichkeit ihrer menschlichen Beziehungen nicht mehr ertragen.

Rico versucht Lou davon abzuhalten, St. Mawr für ihn zu kaufen, zumal er lieber mit dem Auto fährt als zu reiten.

Wohlweislich haben die Menschen andere Fortbewegungsmittel erfunden: Autos und Lokomotiven. Das Pferd ist für den Menschen untauglich geworden.

Aber Lou besteht darauf, dass er sich St. Mawr anschaut, und am Ende erwirbt sie nicht nur den Hengst, sondern übernimmt auch den schwarzbärtigen Pferdeknecht Morgan Lewis, der St. Mawr betreut. Er wuchs in der walisischen Grafschaft Merioneth bei einem Onkel und einer Tante auf, die ihn nicht mochten.

Im August 1923 wollen Rico und Lou nach Schottland ziehen, aber vorher noch einen Monat bei Rachel Witt verbringen, die in Shropshire ein Haus gemietet hat. Rico kann zwar seine Schwiegermutter ebenso wenig ausstehen wie sie ihn, aber mit dem Aufenthalt in Shropshire ist er einverstanden, denn in der Nähe, in Corrabach Hall, wohnen die Manbys, reiche Australier, die er aus Victoria kennt.

Phoenix genießt die Wirkung, die er auf Frauen ausübt und macht sich einen Spaß daraus, das Dienstmädchen Fanny zu erschrecken. Rico tadelt ihn deshalb. Der Halbindianer nimmt zwar Ermahnungen von Rachel oder Lou hin, weil er Frauen verachtet, aber die Konfrontation mit einem Mann weckt in ihm die Mordlust.

Morgan Lewis lässt sich das Haar wachsen, bis Rachel Witt darauf besteht, es ihm zu schneiden. Widerwillig lässt er sie gewähren, aber als sie sich auch noch an seinem Bart zu schaffen machen will, springt er auf und protestiert.

Ihrer Tochter gesteht Rachel danach, dass sie das schwarze Haar dieses einfachen Mannes gern berührte.

„Ist das nicht eigenartig! Ein richtiges Tier! Ohne Verstand! Ein Mann ohne Verstand! Ich habe immer gedacht, so ein Mensch müsste ein verächtliches, abstoßendes Geschöpf sein. Und dabei so herrliche Haare, die sich so wunderbar anfassen! Dein Henry hat bestimmt einen prächtigen Verstand, aber der Gedanke, dass ich seine Haare anfassen könnte, widerstrebt mir.“

Mit Flora Manby, ihrer Schwester Elsie und deren Mann Frederick Edwards unternehmen Rico, Lou und Rachel einen Ausritt zu zwei Felsengruppen mit den Namen Engelskanzel und Teufelskanzel. Lewis zeigt ihnen den Weg. Rico reitet auf St. Mawr. Kurz vor dem Ziel ärgert er sich über den Hengst, der vor einer toten Schlange scheut, und zerrt an den Zügeln. St. Mawr bäumt sich auf, stürzt. Ein Hufschlag trifft Frederick Edwards ins Gesicht. Rico bricht sich zwei Rippen, und eines seiner Fußgelenke wird zertrümmert.

Lou reitet zum nächsten Bauernhof und holt Hilfe. Man bringt Rico dort hin. Eine von Lou eingestellte Krankenschwester soll ihn dort pflegen, bis er das Bett verlassen kann.

Er will St. Mawr erschießen lassen. Das halten auch der Dechant Vyner und seine Frau für erforderlich. Das Tier sei böse, meinen sie, und dass Lou der Ansicht ist, ihr Mann habe den Unfall verursacht, können sie kaum fassen.

Oh, diese grässlichen, lammfrommen, biederen Menschen, wie abstoßend waren sie doch!

Aber auch Lou denkt über das Böse nach.

Das Böse! Die geheimnisvolle Macht des Bösen. Sie konnte es überall sehen: in den Einzelnen, in der Gesellschaft, in der Presse. Es war im Sozialismus und im Bolschewismus vorhanden: das gleiche Böse. Aber der Bolschewismus zerstört die glänzende Außenseite des Lebens, darum weg mit ihm! Versuchen wir’s mit dem Faschismus. Der Faschismus würde die Außenseite des Lebens unversehrt lassen und dafür umso gründlichere Zerstörungsarbeit leisten.

Der Einzelne kann sich höchstens von der Masse absondern und versuchen, sich rein zu erhalten.

Phoenix erfährt, dass Rico heimlich vorhat, den Hengst an Flora Manby zu verkaufen, die wiederum beabsichtigt, St. Mawr kastrieren zu lassen, um ihm die Wildheit zu nehmen. Auf Phoenix‘ Warnung hin beschließt Rachel, zu Freunden in Oxfordshire zu reiten, und Lewis soll sie auf St. Mawr begleiten.

Sie ist gerade mal eine Stunde fort, als Flora Manby eintrifft, um Lou den mit Rico vereinbarten Geldbetrag zu übergeben und St. Mawr mitzunehmen. Aber Lou verweigert die Annahme des Geldes und klärt sie darüber auf, dass ihre Mutter mit St. Mawr unterwegs ist.

Lou erträgt die Menschen im Allgemeinen und die Männer im Besonderen nicht länger.

Die Menschen, alle Menschen, die sie kannte, waren so völlig eingeschlossen in ihre glückliche Scheinwelt. Wie Maschinen waren sie alle nur auf Glück und Vergnügen eingestellt.

Das Tier in ihnen [den Männern] ist verkümmert, es ist kriechend, demütig und zahm geworden wie ein Hund. Ich kenne keinen einzigen Mann, der wirklich ein stolzes, lebendiges Tier wäre.

Sie verstand jetzt die Bedeutung der Vestalinnen, jener Jungfrauen, die in den Tempeln des Altertums das heilige Feuer hüteten. Sie waren Symbole ihres Ich, einer Frau, die der Umarmungen unzulänglicher Männer müde war, die alles das nicht mehr ertragen konnte und sich den unsichtbaren Göttern zuwandte, den unsichtbaren Geistern, dem verborgenen Feuer, und die sich ihm und nur ihm allein weihte. Und der von hier Befriedigung und Erfüllung zuteil wurde.

Sie will deshalb weg von Rico und mit ihrer Mutter zurück nach Amerika. In Southampton schiffen sie sich mit Phoenix, Lewis und St. Mawr auf einem Frachter ein und reisen nach San Antonio in Texas.

Auf der Farm, von der Lou einige Anteile besitzt, gefällt es ihr allerdings nicht besser als in England.

Bald war ihr dieses Leben zuwider, in dem man sich vorkam wie in einer Filmdekoration und in dem alles von dem Willen ‚etwas zu erreichen‘, das heißt Geld zu verdienen, um das Spiel im Gang zu halten, seinen mechanischen Antrieb erhielt. Die mystische Pflicht ‚etwas zu erreichen‘ hatte hier den Zweck, aus der Farm möglichst nennenswerte Beträge für die ‚Besitzer‘ herauszuwirtschaften. Lou war selber einer dieser ‚Besitzer‘. Und die Beträge, die ihr daraus nach dem Testament ihres Vaters zugeflossen waren, hatte sie dazu verwandt, St. Mawr zu kaufen und das Haus in Westminster einzurichten. Außerdem hatte hier jeder noch die geheimnisvolle Pflicht sich ‚wohlzufühlen‘. Alle mussten sich wohlfühlen, großartig!

Lou und ihre Mutter beschließen deshalb, nach Santa Fé zu fahren.

Dort hört Lou von einer heruntergekommenen kleinen Farm in den Bergen. Sie mietet ein Auto, und Phoenix fährt sie hin. In der Gegend gibt es nur eine tröpfelnde Quelle. Weil das Wasser weder für Viehzucht noch für Ackerbau reicht, steht die Farm zum Verkauf.

Die Farm ging zurück. Die Ziegenherde verringerte sich. Das Wasser hörte auf zu fließen. Und schließlich gab der Besitzer auf.
Er verpachtete das Land an einen Mexikaner, der zunächst von den paar Bohnen lebte, die er zog, und der allmählich von dem Ungeziefer immer weiter zurückgetrieben wurde.

Trotz der Unwirtlichkeit des Areals kauft Lou die Farm „Las Chivas“. Ihrer Mutter erklärt sie:

Da ist etwas, das mich liebt und auf mich wartet. Ich kann dir nicht sagen, was es ist. So etwas wie ein Geist. Und es ist hier, auf dieser Farm. Es ist hier, in dieser Landschaft. Etwas, das für mich realer ist als Männer, das mich beruhigt und mich aufrecht hält. Ich weiß noch nicht endgültig, was es ist. Es ist etwas Wildes, das mir gelegentlich wehtun und mich manchmal auch erschöpfen wird. Ich weiß es. Aber es ist etwas Großes, größer als Männer, größer als alle Menschen, größer als die Religion.

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Der Roman „Der Hengst St. Mawr“ von D. H. Lawrence ist eine expressionistische Fabel über den Gegensatz zwischen Wildnis und Zivilisation. Das ungebändigte Tier steht hier für die Urkraft der Natur, während der Künstler Sir Henry, dessen Benehmen von seiner Frau als Pose durchschaut wird, die Kultur verkörpert. Der Maler unterliegt in der Auseinandersetzung mit dem verhassten Tier. Seine Frau dagegen schätzt den Hengst St. Mawr gerade deshalb, weil er sich niemandem unterwirft. Sie verachtet die angepassten Menschen im Allgemeinen und die kultivierten, kraftlosen Männer im Besonderen. Dieses misanthropische Weltbild hat die Romanfigur wohl mit dem Autor gemeinsam.

So einfach und gradlinig die Handlung ist, so erregend und überwältigend ist sie in ihrer hintergründigen Ambivalenz, unversehens und unausgesprochen weitet sie sich zu fast metaphysischer Größe und stellt die entscheidende Frage unserer Zeit, die Frage nach dem Sinn und Wert unserer Zivilisation. (Robert Lucas: Frieda von Richthofen)

Bei der Beschreibung der Las Chivas-Ranch des Romans hatte David Herbert Lawrence die Kiowa-Ranch vor Augen. Dort wohnten er und seine Ehefrau Frieda während der Arbeit am Manuskript.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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