Sarah Kuttner : Mängelexemplar

Mängelexemplar

Sarah Kuttner

Mängelexemplar

Mängelexemplar Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2009 ISBN: 978-3-10-042205-7, 265 Seiten, 14.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bei der überdrehten Ich-Erzählerin Karo handelt es sich um eine clevere junge Großstädterin, deren Leben auf der Überholspur verläuft, bis sie durch den Verlust des Arbeitsplatzes und das Scheitern einer Beziehung aus der Bahn geworfen wird. Eine Depression und Panikattacken sind die Folgen. Karo kämpft dagegen an und trennt sich mutig von dem Mann, der ihr Alleinsein beenden sollte. Als sie sich erneut verliebt, zweifelt sie an der Tragfähigkeit ihrer Gefühle ...
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Kritik

"Mängelexemplar" ist ein sehr unterhaltsamer, witziger und tragikomischer Roman, in dem Sarah Kuttner trotz ihrer aufgekratzten Attitüde auch ein Stück weit in die Tiefe vordringt.

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Karo Herrmann ist sechsundzwanzig Jahre alt und immer auf der Überholspur unterwegs. Nach der Ausbildung in einer Event-Management-Agentur hatte man sie übernommen. Karo berät Unternehmen bei der Planung und Durchführung von PR-Veranstaltungen.

Ich bin ungeduldig. Sachen müssen schnell und ohne Wartezeit geschehen. Alles muss zackzack gehen. Ich kaufe Kleidung, ohne sie anzuprobieren, denn ich weiß, was mir steht und was mir passt, ich habe keine Zeit für Umkleidekabinen. Ich koche nicht. Nicht, weil ich nicht kann, sondern weil ich keinen Nerv für den Aufwand habe. Buffet ist meine liebste Art, auswärts zu essen, denn das Essen ist sofort verfügbar. (Seite 20)

Ich bin anstrengend.
Ich werde sehr schnell wütend, traurig, überdreht und laut […]
Kleinigkeiten machen mich irre, wegen einer Mücke werde ich zum Elefanten. (Seite 13f)

Vor drei Monaten kündigte ihr die Agentur. Seither überweist ihr die Großmutter heimlich das Geld für die Miete, und Karo kellnert in einer Kneipe. Ihr zwei Jahre älterer Lebensgefährte Philipp verdient selbst auch kaum etwas, denn er studiert noch Mediengestaltung. Sie lernten sich vor zwei Jahren auf einem Medientreff kennen. Ob es für die Beziehung eine Zukunft gibt, bezweifelt Karo immer stärker.

Natürlich haben wir auch gute Zeiten, oder spielen uns gute Zeiten vor, aber eigentlich stolpern wir seit zwei Jahren nebeneinander her. (Seite 41)

Und weil die Arbeitslosigkeit und die Beziehungskrise Karo verunsichert haben, beginnt sie bei der Psychologin Anette Görlich eine Kurzzeittherapie.

[…] denke ich irre viel über mich nach, um einen schnellstmöglichen psychotherapeutischen Erfolg herbeizuführen. (Seite 37)

Vor allem die Egozentrik Philipps stört Karo.

Am liebsten sprach er über sich. Einmal habe ich während eines Telefonats mit Philipp masturbiert. Ich fand das sehr aufregend, weil er nicht wusste, was ich tat, während er sprach, und sehr romantisch, weil ich ja schließlich dabei seiner Stimme lauschte. Nachdem ich lautlos gekommen war, sagte ich es ihm. Philipp war sauer. Philipp war ernsthaft eingeschnappt, weil ich ihm „dann ja wohl überhaupt nicht zugehört“ hätte. (Seite 41)

Philipp fährt für fünf Tage in sein Heimatdorf und besucht seine Eltern.

Dort ist er […] was Besonderes. Der Typ, der es geschafft hat, der in der Großstadt wohnt, was mit Medien macht, auf Partys mit C-Promis irgendwas mit Elektrolyten drin trinkt und ein Künstler ist. Ich frage mich, ob die ganzen alten Freunde wissen, dass Philipp nur mittelmäßige Graffiti an öffentliche Verkehrsmittel sprüht […]
Philipp bekommt in seiner alten Heimat das, was er hier auch gerne hätte: Anerkennung und Respekt. (Seite 44)

Karo holt Philipp vom Zug ab, und sie gehen essen.

Wir bestellen, wir essen und wir reden. Über Philipp […] Und darüber, wie ziemlich cool es alle fanden, ihn mal wiederzusehen in seiner Heimat. Und wie zurückgeblieben alle aus seinem Dorf sind. „Ich meine kulturell“, sagt Philipp […] Ich erinnere Philipp freundlich daran, dass er selbst vom Dorf kommt.
„Was soll das denn bitte heißen, Karo? Ich wohne immerhin schon seit sieben Jahren in der Stadt und hab mich, im Gegensatz zu denen zu Hause, weiterentwickelt.“
„Du hast dich in eine andere Richtung entwickelt, woher willst du wissen, ob deine Freunde sich nicht auch verändert haben. Vielleicht können die inzwischen alle super Mähdrescher fahren, oder was die da machen.“ (Seite 47f)

Wir fahren ins Kino […] Ich möchte eigentlich gern gefragt werden, wie meine letzten fünf Tage so waren, oder ob ich noch immer so merkwürdig traurig bin […], aber womit Philipp das angestrengte Schweigen bricht, ist: „Was für ein Wichser!“ Er meint einen Radfahrer […] (Seite 49)

Das bringt bei Karo das Fass zum Überlaufen. Sie dreht um.

„Was tust du?“
„Ich fahre nach Hause.“
„Warum? Wir wollten doch ins Kino.“
„Nein, Philipp, wollten wir nicht. Wir wollten ins Kino wollen, aber wir hassen uns grad, und ich habe einfach keine Lust mehr auf dich und deine Dreckslaune […]“ (Seite 50)

Karo hält es für das Beste, wenn sie und Philipp sich ein paar Wochen lang nicht sehen.

Ich gehe zu Anette, erzähle laut und schnell, wie fortschrittlich ich bin, dass ich mich endlich getraut habe, die Angst vor dem Alleinsein zu überwinden, schließlich habe ich so gut wie Schluss gemacht mit Philipp, und es ist gar nicht schlimm. (Seite 52)

Aufgrund des Blicks, mit dem die Psychologin reagiert, durchschaut Karo die Selbsttäuschung: Sie hat sich nicht endgültig von Philipp getrennt, sondern die Hintertür offen gelassen. Doch als sie ihn anruft, kocht er gerade für zwei Kommilitoninnen und meint, Karo sollte es bei der Trennung belassen.

[…] und kaum wacht man auf, rülpst einem die Realität mit ungeputzten Zähnen ins Gesicht (Seite 60)

Karo verabredet sich mit Nelson. Sie hatten zusammen die Ausbildung bei der Event-Management-Agentur angefangen. Nelson brach sie allerdings ab und machte als Moderator Karriere beim Verkaufsfernsehen. Als echter Freund ist er jederzeit für Karo da. Seine Ehefrau Karin weiß das und akzeptiert es, weil sie ihm vertraut.

„Nein, ist alles nicht so schlimm“, schluchze ich. Natürlich ist das Bockmist. Denn es ist sehr wohl alles ziemlich schlimm, ich bin seit Wochen dumpf und traurig, ich habe keinen Job und nun auch keinen Freund mehr. Aber so bin ich nicht. Ich kommuniziere das nicht. Nicht, weil ich mein Inneres nicht teilen will, sondern will ich anderen nicht zur Last fallen möchte. Ich will niemanden langweilen oder anstrengen. Also werden immer die Arschbacken zusammengekniffen, der Rotz hochgezogen, ein schiefes Grinsen aufgesetzt und ein Notfallwitz gemacht. Weshalb denn Hilfe beanspruchen, wenn man es auch allein schaffen kann? Nee, lass mal, Nelson, genug von mir, wir reden jetzt mal über dich! Was gibt’s Neues? Was ist das Verkaufsobjekt der Woche bei euch im Sender? (Seite 64)

Nelsons Mitgefühl drückt sich darin aus, dass er eine Dreiviertelstunde lang zuhört, mich reden lässt, nur für kurze Zwischenfragen unterbricht und am Ende keinen Ratschlag erteilt, sondern einfach nur nickt und mir bestätigt: „Das ist scheiße.“ (Seite 65)

Karo versucht sich vorzumachen, dass sie das Richtige getan hat.

Ich treffe viele Freunde und Bekannte, erzähle stolz von meiner Trennung und der Therapie und dass es besser nicht hätte kommen können, natürlich täte es weh, aber das seien heilende Schmerzen. Wird schon wieder, alles halb so schlimm, und was gibt es bei dir eigentlich Neues? (Seite 67)

In Wirklichkeit leidet Karo unter dem Alleinsein.

Ich möchte nicht allein sein. Ich möchte meine Liebes-Flatrate zurück. (Seite 113)

Eine herumliegende Schere und eine offene Balkontür machen ihr Angst, rufen bei ihr „Gedanken über Suizidgedanken“ (Seite 78) hervor. Karo bekommt Angst vor der Angst. Nach einer Panikattacke fährt Nelson sie zur Notaufnahme eines Krankenhauses. Der Arzt gibt ihr eine Beruhigungstablette. Karo hätte lieber eine Spritze oder wenigstens schnell wirkende Tropfen, aber sie fügt sich. Nelson nimmt sie mit in seine Wohnung, und Katrin schläft im Gästebett, damit ihr Mann auf Karo aufpassen kann.

Am nächsten Morgen fühlt Karo sich angenehm leer.

Da ist nichts mehr drin. Keine Angst, keine Traurigkeit, allerdings auch sonst keine Empfindungen. (Seite 83)

Sie besucht ihre Mutter Claudia. Als diese merkt, was mit ihrer Tochter los ist, besteht sie darauf, dass Karo vorübergehend bei ihr wohnt.

Mama und ihr Leben hatten es lange Zeit nicht leicht miteinander. Sie hat mit zwanzig geheiratet, ein Jahr später eine Tochter bekommen. Ich war ein Wunschkind, jedenfalls hatte man sich angeblich sehr auf mich gefreut. Leider war mein Vater wohl nicht so gut vorbereitet auf ein schönes Für immer: Er studierte noch und entdeckte bald den Reiz unverheirateter Frauen. Meine Eltern trennten sich, als ich acht war. Ich weiß nicht besonders viel über ihre Probleme, aber Mama war oft unglücklich. So unglücklich, dass sie irgendwie vergaß, ausreichend liebevoll zu mir zu sein. (Seite 88)

Claudia, die eigene Erfahrungen mit Depressionen hat, erklärt Karo, sie müsse die Depression wie eine Erkältung annehmen, statt sich dagegen zu wehren. Am nächsten Tag sucht sie mit ihrer Tochter zusammen nach einer Psychiaterin, die sofort einen Termin frei hat. So kommt Karo zu Frau Dr. Kleve. Die Ärztin erläutert ihr die physiologischen Hintergründe ihres Zustandes (Serotonin-Mangel) und verordnet ihr ein angstlösendes Antidepressivum.

Am nächsten Morgen hat Claudia bereits Frühstück gemacht, als ihre Tochter aus dem Bad kommt und mit „frischem Atem und hängendem Oberkörper“ (Seite 97) in die Küche schleicht. Essen kann Karo jedoch beim besten Willen nichts.

In der ersten Nacht, in der sie wieder allein in ihrer Wohnung schläft, schreckt Karo hoch. Ihr Herz rast, es brennt in ihrer Brust und in ihrem linken Oberarm. Ein Herzinfarkt!? Aufgeregt ruft sie ihre Mutter an, die ihr erklärt, es handele sich um eine Panikattacke. Mit einem Taxi fährt Karo zu ihrer Mutter und beruhigt sich langsam wieder.

Einige Zeit später nimmt Nelson sie mit zu einer Party im Fernsehstudio. Dort lernt sie David kennen.

Kaum bin ich zu Hause angekommen, erhalte ich eine SMS von David: „O.K., O.K. ICH GEBE AUF UND MELDE MICH ALS ERSTER!“ Ich freue mich und antworte: „PUH, UND ICH DACHTE SCHON, DU WÜRDEST DICH NIE MEHR MELDEN!“ Dann schalte ich mein Telefon ab und ziehe mich aus. Weil ich mir dabei sehr aufregend vorkomme, behalte ich nur die hohen Schuhe an und rauche noch eine Gute-Nacht-Zigarette. Ich freue mich über mich und den Abend. Mein erster Ausgehabend danach war ein Erfolg. (Seite 149)

David geht mit ihr ins Bett, will Karo aber davon abhalten, dass sie sich in ihn verliebt, weil er überzeugt ist, selbst nicht liebesfähig zu sein und befürchtet, am Ende als „Arsch“ dazustehen. Karo macht das eine Weile mit, aber dann trennt sie sich von David.

„David, du musst jetzt gehen. Es bringt nichts mehr, die Sache zu drehen und zu wenden. Ich möchte grade alles oder nichts, du genau die Mitte. Wir kommen nicht zusammen.“ (Seite 174)

Heiligabend feiert Karo wie jedes Jahr mit ihrer Mutter, der Großmutter und zwei verrückten Großtanten aus dem Ruhrpott. Zuerst essen sie Buletten mit Kartoffelsalat, und vor der Bescherung singen sie Weihnachtslieder. Dann legen sie die Büstenhalter ab, spielen Karten und trinken Kräuterschnaps.

Das neue Jahr beginnt vielversprechend: Seit einem halben Jahr hatte Karo keine Angstanfälle mehr, und die Event-Management-Agentur bietet ihr eine neue Zusammenarbeit auf Projektbasis vor.

Ihr Kollege Max steht unmittelbar vor dem Ende einer Beziehung.

[…] kommt ein paar Tage später ein sehr geknickter Max in unser Büro. Er und sein Mädchen haben sich getrennt.
„Oh“, sage ich wortgewandt.
„Ja“, murmelt Max. (Seite 206)

Karo will sich nicht aus Sehnsucht nach einem Lebensgefährten in Max verlieben. Und sie erklärt Nelson, dass man in der Regel nach einer gescheiterten Beziehung einen Übergangspartner benötige. Erst dann sei man wieder in der Lage, einen Menschen richtig zu lieben. Sie wolle aber keine Übergangsfrau, sondern der Hauptgewinn für Max sein. Nelson rückt ihr den Kopf zurecht:

„Du bist kein Hauptgewinn. Du bist ein Mängelexemplar. Ein zauberhaftes und liebenswertes Mängelexemplar.“ (Seite 213)

Nach einiger Zeit fangen Karo und Max an, miteinander zu schlafen.

Alles ist wunderbar, und damit kann ich überhaupt nicht umgehen. (Seite 221)

Als Karo ihr Antidepressivum absetzt, wankt ihre Stimmung wie ein Betrunkener. Sie beginnt Max zu kritisieren, wirft ihm vor, unpünktlich und konfliktscheu zu sein. Außerdem schärft sie ihm ein, dass es sich bei ihrem Verhältnis um nichts weiter als eine Affäre handele und sie nicht gewillt sei, einen Exklusivvertrag mit ihm zu unterschreiben. Sechs Wochen nachdem Karo die Tabletten abgesetzt hat, schlägt Max ihr einen gemeinsamen Kurzurlaub auf Mallorca vor. Beim Packen gerät sie seit Monaten zum ersten Mal wieder in Panik.

Das Monster Angst kriecht langsam und bedrohlich auf mich zu […] Ruhe bewahren!, befehle ich mir. Das Problem orten! […]
Es geht mir gut, und ich fahre in den Urlaub mit einem Herrn meiner Wahl. Und wenn ich zurückkomme, wartet das nächste Projekt in der Agentur, für die ich wirklich gerne arbeite. Ich weiß verdammt nochmal nicht für fünf Pfennig, was das Problem ist, also geh weg! Verpiss dich! Lass mich allein!
Aber meine Angst lässt mich nicht allein. (Seite 228f)

Ich muss diese Angst bezwingen. Ich werde nicht zulassen, dass sie mich kriegt. Und irgendwie schaffe ich es, sie auf dem Weg zu mir aufzuhalten. Ich halte die Angst eine Armlänge weit von mir entfernt. Das kostet viel Kraft […] (Seite 229)

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Max verhält sich sehr verständnisvoll, obwohl Karo sich erst in letzter Sekunde entscheidet, doch mit ihm nach Mallorca zu fliegen.

Nachdem sie nach ihrer Rückkehr um 3 Uhr nachts erneut eine Panikattacke erlitt, sucht sie Hilfe in der Praxis ihrer Psychiaterin, die allerdings im Mutterschutz ist und von einem Kollegen vertreten wird, der als Erstes meint:

„Depression ist ein fucking Event!“ (Seite 7 / 250)

Seine Diagnose:

„Sie können alles andere, aber nicht sich selbst spüren!“ (Seite 256)

„Sie spüren sich selbst erst dann, wenn es schon fast dazu spät ist, wenn Ihre Gefühle sich in einer Panikattacke entladen. Und wir müssen rausfinden, welche Verletzung bei Ihnen diese Reaktion ausgelöst haben könnte.“
Ah, nun bin ich wieder in meinem Element. Da kann ich mitreden und werfe mit nonchalantem Lächeln geübt meine Kindheit auf den Tisch […] 1. sexueller Missbrauch durch einen nahen Familienangehörigen [ein angeheirateter Onkel hatte sie auf eine Art lieb, wie man ein Kind eher nicht lieb haben sollte], 2. Haue und zu wenig Liebe von einer überforderten und vermutlich damals selbst depressiven Mutter, und zu guter Letzt 3. ein Vater, der mir einfach nie glaubhaft vermitteln konnte, dass ich ihm ausreiche, so wie ich bin.“ Bittschön, suchen Sie sich ruhig eins aus, Herr Doktor! Ich bin kurz davor, „Schach!“ zu rufen. (Seite 256)

Ungerührt verschreibt ihr der Psychiater ein Antidepressivum.

Kurze Zeit später sagt Karo nach dem Aufwachen zu Max, sie wolle mit ihm über einen Exklusivvertrag reden.

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In ihrem Debütroman „Mängelexemplar“ geht Sarah Kuttner ein bedrückendes Tabuthema – Depression – auf unterhaltsame Weise an. Bei der überdrehten Ich-Erzählerin Karo handelt es sich um eine clevere junge Großstädterin, deren Leben auf der Überholspur verläuft, bis sie durch den Verlust des Arbeitsplatzes und das Scheitern einer Beziehung aus der Bahn geworfen wird. Kontrollverlust, Verunsicherung und Orientierungslosigkeit („Quarterlife Crisis“) führen bei Karo zu einer Depression, zu Panikattacken, und sie bekommt Angst vor der Angst (Angstspirale). Karo grübelt angestrengt über sich nach, verliert aber auch nicht die gute Beobachtungsgabe, mit der sie ihre Mitmenschen analysiert. Ihr Psychiater meint:

„Sie sind sehr intelligent. Sie scheinen auch über einen sehr hohen emotionalen Intelligenzquotienten zu verfügen, und Sie sind über die Maßen empathisch, haben ein ausgezeichnetes Gespür für die Stimmung anderer. Nur bei sich selbst versagen diese Fähigkeiten total.“ (Seite 255f)

Die Beobachtungen und Selbstreflexionen der Protagonistin ermöglichen es uns Lesern, ihre Entwicklung nachzuvollziehen. Das Besondere an „Mängelexemplar“ ist die Sprache, mit der Sarah Kuttner die Verbiegung des Deutschen durch Anglizismen persifliert und den „Gegenwarts-Jargon aus E-Mail-Gestammel, Stanzen aus der Werbung und studentischem Emotionsgeschwätz […] launig als uneigentlich vorführt“ (Arne Willander, Die Welt, 10. April 2009).

Sarah Kuttners Bestseller lebt vom Jargon […] Ein riskant exaltiertes Innenleben äußert sich im Tonfall exaltierter Rotzigkeit. Diese wiederum versteht sich als literarischer Nonkonformismus […]
Sarah Kuttner kann was. Sie beherrscht aus dem Effeff den zugleich banalen wie nervtötenden Tonfall der Asymmetrie zwischen Empfindung und Ausdruck. (Ursula März, Die Zeit, 8. April 2009)

Die Autorin handelt zwar wie die Protagonistin, die lieber einen Kalauer als gar keinen Witz macht, aber es sind ihr auch eine ganze Reihe funkelnder Formulierungen gelungen. „Mängelexemplar“ ist ein sehr unterhaltsamer tragikomischer Roman, in dem Sarah Kuttner trotz ihrer aufgekratzten Attitüde auch ein Stück weit in die Tiefe vordringt.

Den Roman „Mängelexemplar“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Sarah Kuttner (Argon-Verlag, Berlin 2009, 5 CDs, ISBN: 978-3-86610-762-5).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Sarah Kuttner (Kurzbiografie)

M. Fuchs-Gamböck,T. Schatz - Lady Gaga
Über die Persönlichkeit von Stefani Germanotta alias Lady Gaga erfahren wir so gut wie nichts. Die Autoren beschränken sich auf das, was aus den Medien über die Kunstfigur bekannt ist.
Lady Gaga

M. Fuchs-Gamböck,T. Schatz

Lady Gaga

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