Wolfgang Koeppen : Tauben im Gras

Tauben im Gras

Wolfgang Koeppen

Tauben im Gras

Erstausgabe: Scherz & Goverts Verlag 1951München erlesen Süddeutsche Zeitung, München 2008 ISBN 978-3-86615-639-5, 206 Seiten, 8.50 € (D)

Inhaltsangabe

Die Menschen sind aus der Bahn geworfen, jagen einem besseren Leben hinterher, gieren nach Geld und Genuss, suchen Liebe oder Ruhm. Sie sind existenziell verunsichert, hoffnungslos, auf der Flucht vor sich selbst, nicht in der Lage, die Lebensangst zu überwinden, unfähig zur Besinnung. Man spielt ihnen böse mit. Wie "Tauben im Gras" wimmeln sie durcheinander.

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Kritik


In mehr als 100 kurzen und längeren Abschnitten fängt Wolfgang Koeppen wie mit einer Kamera aus unterschiedlichen Perspektiven Szenen ein, die sich bald nach dem Zweiten Weltkrieg an einem einzigen Tag in einer deutschen Stadt abspielen: "Tauben im Gras".

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Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen. Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.
(Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras – Romananfang)

In mehr als hundert kurzen und längeren Abschnitten fängt Wolfgang Koeppen wie mit einer Kamera aus unterschiedlichen Perspektiven Szenen ein, die sich bald nach dem Zweiten Weltkrieg an einem einzigen Tag in einer deutschen Stadt abspielen. Obwohl der Name der Stadt nie genannt wird, gibt es zahlreiche eindeutige Hinweise auf München, und die Handlung spielt möglicherweise am 20. Februar 1951.

Deutschland lebt im Spannungsfeld, östliche Welt, westliche Welt, zerbrochene Welt, zwei Welthälften, einander feind und fremd. Deutschland lebt an der Nahtstelle, an der Bruchstelle …

Einige der zahlreichen Protagonisten lernen wir näher kennen.

Da ist zum Beispiel der ehemalige Militärarzt Dr. Behude, ein Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Viele der Ärzte, die während des Kriegs in den Lazaretten benötigt wurden, sind jetzt arbeitslos wie Dr. Behude, der sein Geld durch Blutspenden verdient.

… heute Abend wird er im Amerikahaus den Vortrag von Mr. Edwin hören, das Gespräch über den abendländischen Geist, die Rede über die Macht des Geistes, Sieg des Geistes über die Materie, Geist bezwingt die Krankheit, Krankheiten seelisch bedingt, Leiden psychisch heilbar. Dr. Behude schwindelte. Die Blutentnahme hatte ihn diesmal geschwächt. Vielleicht ließ er sich zu oft anzapfen. Die Welt brauchte Blut. Dr. Behude brauchte Geld. Sieg der Materie über den Geist.

Der berühmte amerikanische Dichter Edwin beginnt seinen Vortrag über die Macht des Geistes mit Ausführungen über die Antike. Die Zuhörer und Zuhörerinnen interessieren sich kaum für das, was er sagt; wichtiger ist ihnen, dass sie bei diesem kulturellen bzw. gesellschaftlichen Ereignis gesehen werden. Nicht weil Edwin kaum zu verstehen ist, sondern wegen der Störgeräusche aus der falsch eingestellten Lautsprecheranlage wird das Publikum unruhig.

Er schwieg und hielt sich am Pult fest. Man rebellierte. Die Technik rebellierte gegen den Geist, die Technik, das vorlaute, entartete, schabernacksüchtige, unbekümmerte Kind des Geistes.

Durch das Krachen der Lautsprecheranlage wird Schnakenbach geweckt, der in der Bibliothek des Amerikahauses eingeschlafen ist. Der ehemalige Gewerbelehrer, der den Krieg für einen unwürdigen Atavismus hält, schluckte Wachhaltepillen und schaffte es durch monatelangen Schlafentzug, dass ihn der Musterungsarzt als untauglich einstufte. Allerdings blieb seine Gesundheit ruiniert, und er bekämpft nun seine chronische Schlafsucht mit Aufputschmitteln. Im Amerikahaus wollte er nachsehen, ob in den USA ein Mittel dagegen erfunden wurde. Danach beabsichtigte er, Edwins Vortrag zu besuchen.

Er sah, dass es schon spät war und dass der Vortrag schon begonnen hatte, taumelte hoch und torkelte in den Saal. Irgend jemand hielt Schnakenbach für den erwarteten Haustechniker, der wohl im Keller geschlafen hatte, und reichte ihm versehentlich das Mikrofon. Schnakenbach sah sich plötzlich vor eine Zuhörerschaft gestellt; er glaubte, schlafbenommen wie er war, vor der Klasse zu stehen, die er geleitet hatte, bevor er sein Amt als Gewerbeschullehrer aufgeben musste, und so schrie er in das Mikrofon die große Sorge, die ihn erfüllte: „Schlaft nicht! Wacht auf! Es ist Zeit!“

Edwin begreift, dass er den Leuten im Saal eigentlich gar nichts zu sagen hat.

Nach dem missglückten Vortrag stiehlt er sich davon. Die eigens für ihn vom amerikanischen Konsulat bereit gestellte Limousine steht umsonst vor dem Eingang. Edwin läuft allein durch die Gassen, am Justizpalast vorbei, durch die Altstadt. Dort fällt er den Jugendlichen Bene, Kare, Schorschi und Sepp auf, die ihn für einen eleganten reichen Freier halten, „einen alten Deppen“.

Philipp hatte in der Nacht nicht zu Hause, sondern in einem Zimmer im Hotel „Zum Lamm“ geschlafen. Als er morgens herunterkam, fragte ihn der Wirt:

„Bleiben Sie noch?“ Er fragte es grob, und seine kalten Augen, todbitter im glatten ranzigen Fett befriedigter Fresslust, gesättigten Durstes, im Ehebett sauer gewordener Geilheit, blickten Philipp misstrauisch an.

Philipp ist Schriftsteller. Er fühlt sich verzagt und nicht mehr in der Lage, etwas zu schreiben. Für das „Neue Blatt“ soll er Edwin in dessen Hotel interviewen, aber angesichts des Rummels in der Hotelhalle zieht er sich rasch in den Hinterhof zurück. Dort trifft er mit dem amerikanischen Dichter zusammen, der vor der Gesellschaftsjournalistin („Berufsklatschweib“) Messalina floh. Verwirrt achten die beiden Männer auf Distanz, und Philipp wagt es nicht, seinen berühmtem Kollegen anzusprechen. Der Pförtner hält die beiden „für Männer, die wegen einer Frauengeschichte den Personalausgang benutzen mussten“.

Emilia leidet unter der Erfolglosigkeit und Außenseiterrolle ihres Mannes. Sie trinkt und onaniert, um zu vergessen. Die letzten Reste ihres Familienerbes bringt sie ins Pfandhaus. Beim Antiquitätenhändler Unverlacht, der sie duzt und „Sissy“ nennt, lässt sie sich so in einen Schaukelstuhl fallen, dass ihr Rock hochrutscht. Unverlacht schaut auf ihr Höschen, aber er begehrt sie nur wie „ein Bild in einem Magazin“; er fürchtet sich vor seiner Frau, die hereinkommen könnte, und außerdem will er sich das Geschäft nicht kaputt machen, denn Emilia bringt ihm gute Ware, und er kauft sie ihr günstig ab, weil sie nicht ahnt, wieviel die Sachen wert sind. Danach sucht Emilia den Juwelier Schellack auf, aber der ist an ihrer echten Perlenkette nicht interessiert („Großmutterschmuck“) und möchte sich lieber der amerikanischen Kundin widmen, die ebenfalls in sein Geschäft gekommen ist.

Emilia aber ging nicht. Sie suchte die Freiheit. Für einen Augenblick wenigstens wollte sie frei sein. Sie wollte frei handeln, eine freie Tat tun, die von keinem Zwang und keiner Notwendigkeit bestimmt und mit keiner Absicht verbunden war, außer der Absicht, frei zu sein; doch auch dies war keine Absicht, es war ein Gefühl, und das Gefühl war eben da, ganz absichtslos.

Emilia schenkt ihre Kette der Amerikanerin Kay, legt sie ihr um und diese freut sich über den schönen Schmuck. Die beiden jungen Frauen rebellieren gegen Sitte und Vernunft; Schellack protestiert vergeblich.

Als Emilia nach Hause kommt, fehlt ihr Philipp. Sie geht nochmals aus, um sich durch Schnaps und Wein wie Dr. Jekyll in Mr. Hyde zu verwandeln.

Kay – die junge Frau, der sie die Kette schenkte – ist die Jüngste aus einer Gruppe amerikanischer Lehrerinnen, die zu Gast in München sind. Philipp soll sie zu Edwins Vortrag begleiten. Danach geht sie mit ihm in das schäbige Hotel „Zum Lamm“. Sie hören einen englischen Hilferuf, der rasch erstirbt. „Das war Edwins Stimme“, meint Kay. Philipp muss daran denken, wie das „Abendecho“ und das „Neue Blatt“ die Sensation auf den Titelseiten ausschlachten werden. Aus Mitleid mit Philipp hakt Kay ihre Perlenkette auf und legt sie für ihn aufs Fensterbrett.

Die Klatschreporterin Messalina und ihr Mann, der gefeierte Schauspieler Alexander, überlassen ihre Tochter Hillegonda der Gouvernante Emmi, einer bigotten Person, die jedes Schauspielerkind für ein Sündenkind hält, schon durch die Geburt dem Teufel verfallen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Hillegonda durch unnachsichtige Strenge, häufige Besuche in dunklen, kalten Kirchen und Gespräche über den Tod zu Gott zu führen.

Carla wohnt mit dem schwarzen US-Sergeanten Washington Price zusammen. Die Nachbarn tuscheln darüber, und ihre konservative Mutter hält es für eine Schande. Carla ist schwanger. Wenn sie ein schwarzes Kind bekäme, wäre das Gerede überhaupt nicht mehr zu ertragen. Dr. Frahm verspricht ihr, die Abtreibung in einer Klinik vorzunehmen. Im letzten Augenblick kann Washington den Eingriff verhindern. Er träumt davon, mit Carla und dem Kind nach Paris zu ziehen und dort eine Kneipe zu eröffnen. Ein Schild mit der Aufschrift „Niemand ist unerwünscht“ würde am Eingang hängen.

Frau Behrend, Carlas Mutter, lebt seit der Zerstörung ihres Hauses durch einen Bombenangriff in einer kleinen Mansardenwohnung. Früher war sie stolz, wenn ihr Mann den „Freischütz“ dirigierte oder mit seinem Musikzug an der Spitze seines Regiments durch die Stadt marschierte. Aber während des Kriegs hat er sie verlassen. In Prag verliebte er sich in die Tschechin Vlasta. Als man „die deutsche Wehrmacht wie freigegebenes Wild jagte“, versteckte Vlasta ihren Geliebten und später floh sie mit ihm aus der Tschechoslowakei. Heute dirigiert Herr Behrend eine deutsche Kapelle, die im „Café Schön“ aufspielt, dem Klub der schwarzen GIs am Böttcherplatz gegenüber dem Bräuhaus hier in der Stadt.

Im Bräuhaus ist Frau Behrend mit ihrem Neffen Richard Kirsch verabredet.

Weil dessen Vater, der Reichswehrsoldat Wilhelm Kirsch, Gewalt verabscheute und überzeugt war, dass Konflikte durch Verhandlungen und Kompromisse gelöst werden müssen, wanderte er vor dem Zweiten Weltkrieg nach Amerika aus. Sein dort geborener Sohn Richard distanzierte sich vom Pazifismus seines Vaters und meldete sich zur US-Luftwaffe. Jetzt will er seine Tante besuchen. Sie ist nicht zu Hause. Die Besitzerin des benachbarten Lebensmittelgeschäfts rät ihm, erst einmal ins Bräuhaus zu gehen und verspricht, Frau Behrend Bescheid zu sagen.

Als Frau Behrend erfährt, dass ihr Neffe in dem Lebensmittelgeschäft war, befürchtet sie, dass ihm die Inhaberin von der Familienschande erzählt hat.

… die hatte natürlich alles ausgeschwätzt, hatte von Carla erzählt und von ihrem Neger, hatte sicher alles erzählt, was Frau Behrend ihr erzählt hatte, und dabei waren die drüben in Amerika so streng mit den Negern, Rassenschande, arischer Nachweis, ob Neger oder Jude, es war dasselbe, dass Carla das tun musste, nie war so etwas vorgekommen in ihrer Familie, der Ariernachweis war lückenlos gewesen, und nun diese Schande!

Auf dem Weg ins Bräuhaus stellt sich ein nettes Fräulein Richard Kirsch in den Weg, kein Straßenmädchen, sondern eine Sockenverkäuferin aus dem Kaufhaus.

Das Warenhaus verdiente an den Socken. Das Fräulein verdiente wenig. Es gab das wenige zu Hause ab. Es hatte aber keine Lust, am Abend zu Hause zu sitzen und die Radiomusik zu hören, die der Vater bestimmte: Glühwürmchenflimmere, das ewige tödlich langweilige Wunschkonzert, das zäheste Erbe des Großdeutschen Reiches. Der Vater las, während das Glühwürmchen flimmerte, die Zeitung. Er sagte: „Bei Hitler war’s anders! Da war Zug drin.“ Die Mutter nickte. Sie dachte an die alte ausgebrannte Wohnung; da war Zug drin gewesen; es war Zug in den Flammen gewesen. Sie dachte an die immer gehütete und dann verbrannte Aussteuer. Sie konnte den Linnenschrank der Aussteuer nicht vergessen, aber sie wagte dem Vater nicht zu widersprechen: der Vater war Portier in der Vereinsbank, ein angesehener Mann. Das Fräulein suchte nach den Socken und nach der Glühwürmchen-Musik etwas Heiterkeit. Das Fräulein wollte leben. Es wollte sein eigenes Leben. Es wollte nicht der Eltern Leben wiederholen. Das Leben der Eltern war nicht nachahmenswert. … Die amerikanischen Jungen waren dem Fräulein lieber als die deutschen Jungen. Die amerikanischen Jungen erinnerten das Fräulein nicht an das grämliche Zuhause. Sie erinnerten das Fräulein nicht an alles, was es bis zum Überdruss kannte: die ewige Einschränkung, das ewige Nach-der-Decke-Strecken, die Wohnungsenge, die völkischen Ressentiments, das nationale Unbehagen, das moralische Missvergnügen. Um die amerikanischen Jungen war Luft, die Luft der weiten Welt; der Zauber der Ferne, aus der sie kamen, verschönte sie. Die amerikanischen Jungen waren freundlich, kindlich und unbeschwert. Sie waren nicht so mit Schicksal, Angst, Zweifel, Vergangenheit und Aussichtslosigkeit belastet wie die deutschen Jungen.

Das Fräulein begleitet Richard ins Bräuhaus, und als Frau Behrend dort nach ihm sucht, gibt er sich nicht zu erkennen.

Als der gut gelaunte schwarze amerikanische Soldat Odysseus Cotton im Hauptbahnhof aussteigt, wittert der alte Dienstmann Josef Freigebigkeit und drängt sich dem Touristen auf. Er begleitet ihn auf seinem Streifzug durch München und trägt das Kofferradio für ihn. Außer einem großzügigen Lohn erhofft er sich ein Bier und eine Brotzeit. Aber das Schinkensandwich isst er mit Widerwillen, und die angebotene Flasche Coca-Cola lehnt er ab, denn er mag das „neumodische Zeug“ nicht. Am Nachmittag steckt ihm Odysseus einen 50-Mark-Schein zu.

Während er noch mit Josef auf einer Bank sitzt, fällt ihm die Prostituierte Susanne auf, und er winkt ihr zu.

Susanne schob Josef und den singenden Koffer auf der glatten von vielen Hintern abgewetzten und glatt und blank gescheuerten Bank beiseite. Sie drängte den Koffer und den alten Mann wie zwei tote Dinge zur Seite, und der alte Mann war die wertlosere Sache. Den Koffer konnte man verkaufen. Josef konnte man nicht mehr verkaufen.

Plötzlich vermisst Odysseus seine Brieftasche. Er weiß nicht, das Susanne sie gestohlen hat und greift sich den Erstbesten in seiner Nähe, einen Zuhälter. Es kommt zu einer Schlägerei, an der sich auch andere beteiligen. Josef wird von einem Stein an der Stirn getroffen, Odysseus entreißt ihm den 50-Mark-Schein und rennt vor der Meute davon. „Der Nigger hat den alten Josef totgeschlagen!“, heißt es. Und bald schon verbreitet sich in der Stadt das Gerücht, ein Schwarzer habe einen einheimischen Taxifahrer umgebracht.

Auch der amerikanische Steueranwalt Christopher Gallagher ist mit seinem elfjährigen Sohn Ezra zu Besuch in der Stadt. Seine Frau Henriette ist allerdings in einem Hotel in Paris zurückgeblieben und auch durch einen Telefonanruf nicht zu bewegen, nachzukommen. Ihre Eltern wohnten in der Nähe der Museumsinsel in Berlin. Ihr Vater Friedrich Wilhelm Cohen arbeitete als Oberregierungsrat in der Generaldirektion im Kaiser-Friedrich-Museum. Bei der Mutter Gretchen handelte es sich um eine „schüchterne Frau, die im Schatten von so viel Preußentum unselbständig und willenlos verkümmert war“. Sie gehörten zu den ersten Juden, die abtransportiert wurden. Henriette, die damals Schauspielerin werden wollte, war im Ausland und entkam deshalb den Nationalsozialisten. Während sie in Hollywood Teller wusch, lernte sie Christopher Gallagher kennen.

Ezra wurde zweisprachig erzogen. Man hat ihm beigebracht, dass es in einem bösen Land den bösen Riesen „Hitler Aggressor“ gab. Den Besuch in Deutschland erlebt er wie ein Märchen. Er sieht einen gleichaltrigen Deutschen mit einem Hund und fragt, ob er das Tier kaufen könne. Heinz – Carlas Sohn aus einer früheren Beziehung – verlangt 10 Dollar für den Hund, der ihm gar nicht gehört, aber Ezra hat kein Geld bei sich und bestellt Heinz deshalb zum Bräuhaus, wohin sein Vater am Abend mit ihm gehen will.

Auf einer Ruinenmauer vor dem Bräuhaus sitzend, geraten sich die beiden Jungen abends in die Haare, weil sie sich nicht einigen können, ob Ezra zuerst das Geld zeigen oder Heinz den (inzwischen längst fortgelaufenen) Hund herbeirufen soll. Die Mauer bricht während der Prügelei zusammen. Die beiden Jungen schreien um Hilfe.

Rasch spricht es sich herum: Die Neger haben nicht nur einen Taxifahrer ermordet, sondern auch ein Kind in die Ruinen gelockt und erschlagen! Jetzt ist Schluss mit der Negermusik, die aus dem „Café Schön“ zu hören ist!

Unter den Gästen im „Café Schön“ befinden sich auch Carla und Washington Price. Carla hat ihren Vater dort wieder getroffen, und er ihr Vlasta vorgestellt. Jetzt will er beweisen, dass er auch Hot Jazz dirigieren kann.

Während sich die aufgebrachte Menge vor dem „Café Schön“ zusammenrottet und die Militärpolizei den Eingang abriegelt, flieht Susanne mit Odysseus über den Hinterhof.

Ezra und Heinz halfen sich nach dem ersten Schreck gegenseitig; sie haben nur ein paar Schrammen abbekommen. Ezra zupft seinen auf dem Platz zwischen dem Bräuhaus und dem „Café Schön“ stehenden Vater am Ärmel, und hinter ihm taucht auch Heinz auf.

Als Carla und Washington aus dem „Café Schön“ kommen, ruft Frau Behrend (die im Bräuhaus von zwei Geschäftsleuten zu Bier und Schnaps eingeladen wurde und zu viel getrunken hat): „Da ist er!“ Sie meint den Freund ihrer Tochter, aber es heißt plötzlich: „Da geht der Taximörder. Die Frau sagt, es ist der Taximörder. Sie kennt ihn!“ Steine fliegen. Ein Stein trifft Heinz, als dieser zu seiner Mutter läuft.

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„Tauben im Gras“ bildet zusammen mit „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ eine Romantrilogie.

Die unheroischen Helden, die Wolfgang Koeppen hier vorstellt, kommen mit der Welt nicht zurecht. Ihre Wege kreuzen sich, aber sie bleiben einsam. Die Menschen sind aus der Bahn geworfen, jagen einem besseren Leben hinterher, gieren nach Geld und Genuss, suchen Liebe oder Ruhm. Sie sind existenziell verunsichert, hoffnungslos, auf der Flucht vor sich selbst, nicht in der Lage, die Lebensangst zu überwinden, unfähig zur Besinnung. Man spielt ihnen böse mit. Wie „Tauben im Gras“ (Gertrude Stein: Pigeons on the grass alas) wimmeln sie durcheinander. Ein bisschen Hoffnung verbreitet allenfalls Carlas Freund Washington Price.

Wolfgang Koeppen hielt der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft den Spiegel vor und klagte über die Fehlentwicklung.

Weil es keine zentrale Handlung gibt und man stattdessen – wie in „Ulysses“ von James Joyce – mit einer Vielzahl von parallelen Geschichten konfrontiert wird, ist die Lektüre der ersten Hälfte des Buches nicht ganz einfach. Erst gegen Ende, wenn sich das Geschehen an drei Orten (Amerikahaus, Bräuhaus, „Café Schön“) verdichtet, durchschaut man den geschickten Aufbau.

Der aus mehr als 100 Splittern montierte Roman „Tauben im Gras“ wirkt wie ein Spielfilm. Aus der Filmsprache stammt auch die Methode, verschiedene, voneinander unabhängige Handlungsstränge an einem bestimmten Ort zusammenzuführen, etwa an einer Straßenkreuzung, und dann von einer Geschichte auf eine andere überzublenden. Beispielsweise wartet Emilia auf ihrem Weg zum Pfandhaus missmutig vor einer roten Verkehrsampel, während Edwin im Wagen des amerikanischen Konsults über die Kreuzung gefahren wird. Die Kamera begleitet nun statt Emilia erst einmal den amerikanischen Dichter. Ein Radfahrer streift den Cadillac. Schnitt. Bei dem Radfahrer handelt es sich um Dr. Behude …

„Tauben im Gras“ ist ein ungewöhnlicher Roman, den man wegen des Inhalts, vor allem aber aus stilistischen Gründen gelesen haben sollte.

Koeppen ist nicht Kulturkritiker, sondern ein großer, sehr trauriger und sehr komischer Erzähler […]
[…] was entstanden ist, zeigt […] Züge […] formalen Ehrgeizes. Trotzdem ist dieses [Buch] nicht schwerblütig und angestrengt, sondern sarkastisch, unterhaltsam im Geiste von Amerikanern wie Faulkner und Dos Passos. Es zeigt das moderne Deutschland, als es noch klein und dreckig wie ein ausgebufftes Ruinenkind war, in der Blüte eines muffigen Rassismus, der sich nun nicht mehr gegen Juden, sondern gegen „Besatzungsneger“ richtet.
(Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung, 28. Juni 2008)

Die Trilogie „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ von Wolfgang Koeppen gibt es auch als Hörspiele (Bearbeitung und Regie: Leonhard Koppelmann und Walter Adler, Sprecher: Ulrich Noethen, Axel Milberg, Thomas Thieme, Irm Hermann u. a., Der Hörverlag, München 2009, 6 CDs, 425 Minuten, 29.95 €).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2008
Textauszüge: © Scherz & Goverts Verlag

Charles Dickens - Oliver Twist
Charles Dickens erzählt in dem Roman "Oliver Twist" vom Mitleid erregenden Schicksal eines Waisenknaben zur Zeit der Industriellen Revolution. Die geschilderten Lebensverhältnisse wirken sehr realistisch. Für die Hauptfigur gilt das weniger.
Oliver Twist

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