Wolfgang Koeppen : Der Tod in Rom

Der Tod in Rom

Wolfgang Koeppen

Der Tod in Rom

Der Tod in Rom Erstausgabe: Scherz und Goverts Verlag 1954
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein in Abwesenheit zum Tod verurteilter ehemaliger SS-General, der die Armee eines arabischen Staates reorganisiert und für Waffengeschäfte unter falschem Namen nach Rom reist, trifft dort in den Fünfzigerjahren mit seiner Frau, seinem Sohn und der Familie seines Schwagers zusammen.

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Kritik

"Der Tod in Rom" ist eine streng geformte, kunstvoll montierte und aufwühlende Dichtung über Ewiggestrige und zwei Söhne, die sich von ihren Vätern distanzieren und dabei zu Außenseitern geworden sind.
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Anfang der Fünfzigerjahre kommt der „Tonsetzer“ Siegfried Pfaffrath nach Rom, wo seine avantgardistische Sinfonie unter der Leitung des berühmten Dirigenten Kürenberg aufgeführt werden soll.

Obwohl die beiden Musiker seit 1944 miteinander Kontakt haben, finden Sie erst jetzt heraus, dass Kürenbergs Ehefrau Ilse aus derselben deutschen Stadt wie Siegfried Pfaffrath stammt. Ihr Vater war der jüdische Kaufhausbesitzer Aufhäuser. Über viele Jahre hinweg hatte er Erstausgaben deutscher Klassiker und Romantiker zusammengetragen, aber seine Bibliothek wurde von den Nationalsozialisten vernichtet, sein Kaufhaus zündeten sie an, und ihn selbst erschlugen sie im KZ. Siegfrieds Vater Friedrich Wilhelm Pfaffrath, der damals Oberpräsident der Stadt war, beteiligte sich zwar nicht aktiv an den Ausschreitungen gegen die Juden, aber er billigte sie. Nach dem Krieg wurde er als Mitläufer eingestuft und als Oberbürgermeister „streng demokratisch wieder eingesetzt“.

Friedrich Wilhelm Pfaffraths Schwager ist Gottlieb Judejahn. Der Sohn eines Volksschullehrers war ein schlechter Schüler, aber nach dem Notabitur im Jahr 1917 „bewährte“ er sich als Freikorps-Offizier bei der Niederschlagung des Spartakusaufstandes. Judejahn beteiligte sich am Kapp-Putsch, im Ruhrkampf und an Fememorden.

In Hitlers Dienst wurde Judejahn bürgerlich, arrivierte, setzte Speck an, trug hohe Titel, heiratete …

Als SS-General zählte er zu den einflussreichsten Männern des Regimes und wurde von den Alliierten in Nürnberg in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Seine Familie dachte, er sei irgendwo ums Leben gekommen – bis er nach dem Krieg einen Brief schickt.

Um ihn wiederzusehen, reist seine Frau Eva mit ihrer Schwester Anna, ihrem Schwager Friedrich Wilhelm Pfaffrath und deren jüngerem Sohn Dietrich nach Rom. Gottlieb Judejahn hat dort ohnehin zu tun: Er soll für einen arabischen Staat bei einem Waffenschieber einkaufen.

Er hatte Waffen zu kaufen, Panzer, Kanonen, Flugzeuge, Restbestände, für das kommende große Morden schon unrationell gewordene Maschinen, aber für den kleinen Wüstenkrieg, für Putsch und Aufstand noch schön verwendbar.

Dabei benützt Judejahn einen zwar echten, aber auf einen falschen Namen ausgestellten Pass. Im Gegensatz zu seinen Verwandten wohnt er in einem Luxushotel, und die Gesandtschaft des Landes, dessen Armee er reorganisiert, stellt ihm eine schwarze Edelkarosse mit Chauffeur zur Verfügung. Allerdings ärgert Judejahn sich, weil „er wieder nur für seinen Semiten- und Mohrenhaufen kaufen durfte, für seine gedrillten Kerle im Wüstenfort“.

Seit jeher hasste Gottlieb Judejahn seinen Vornamen. Niemals wollte er „Gott lieb“ sein. Deshalb ließ er sich damals von seinen Freunden „Götz“ nennen, und dienstlich unterschrieb er mit „G. Judejahn“.

Noch heute hört er die dünne Simme seines Vaters: „Du bist dumm, du hast deine Aufgaben nicht gelernt, du bist ein schlechter Schüler, eine Null, die aufgeblasen wurde.“

Und so war es gut, dass er sich immer im Schatten eines Größeren gehalten hatte, dass er ein Trabant geblieben war, der glanzvolle Trabant des mächtigsten Gestirns, und er begriff noch immer nicht, dass diese Sonne, von der er Licht und die Befugnis zu töten geliehen hatte, auch nur ein Betrüger gewesen war, auch nur ein schlechter Schüler, auch nur ein kleiner Gottlieb, doch des Teufels auserwähltes Werkzeug, eine magische Null, eine Schimäre des Volkes, eine Luftblase, die schließlich platzte.

Judejahn ist durch und durch Militarist.

Judejahn sprach väterlich „meine Jungens“, und Judejahn sprach ordinär latrinenschnäuzig „killt die Sau“, immer war er volksnah und immer ein Prachtkerl, humorgesegnet, alter Fememörder …

Er hatte sie gebrochen, indem er sie eines lehrte: Gehorchen. Er hatte sie gut geschliffen, auch das nach alter Schule. Nun standen sie aufrecht und ausgerichtet wie Zinnsoldaten vor ihm, und ihre Seele war tot. Sie waren Soldaten. Sie waren Menschenmaterial. Sie waren einsatzbereit und konnten verheizt werden.

Denken war nicht seine Art. Das war Treibsand, gefährliches verbotenes Territorium. Literaten dachten. Kulturbolschewisten dachten. Juden dachten. Schärfer dachte die Pistole.

Eva Judejahn ist noch immer eine überzeugte Nationalsozialistin.

Sie trauerte um Großdeutschland, sie beweinte den Führer, beweinte die durch Verrat und Tücke und widernatürliches Bündnis niedergerungene germanische Weltbeglückungsidee, das tausendjährige Dritte Reich.

Dass ihr Mann noch lebt, freut sie nicht; ein toter Held wäre ihr lieber.

Ihr Sohn Adolf will ausgerechnet katholischer Priester werden. Deshalb hält auch er sich in Rom auf – ohne zunächst von der Anwesenheit seiner Verwandten etwas zu ahnen. Es dauert noch einige Zeit, bis er zum Priester geweiht wird. Jetzt ist er Diakon.

Ich habe noch keine Absolutionsgewalt. Ich kann die Sünden nicht vergeben.

Durch das Gewand des Priesters distanziert er sich von seinen Eltern, fühlt sich aber hin- und hergerissen zwischen seiner Abscheu vor ihrer Einstellung und der Pflicht, die Eltern zu lieben. Allein würde er sich gar nicht zurechtfinden; er braucht die Gemeinschaft der Kirche, zweifelt aber zugleich an ihrem Wert.

Auch sein Cousin Siegfried Pfaffrath verließ das Elternhaus und schlug aus der Art, indem er Musiker wurde, Neutöner noch dazu.

Die Musik war ein geheimnisvoller Bau, zu dem es keinen Zugang mehr gab oder nur noch eine enge Pforte, die wenige durchließ. Wer in dem Bau saß, konnte sich den Draußengebliebenen nicht mehr verständlich machen, und doch war auch für diese der geheimnisvolle nach magischer Formel errichtete unsichtbare Bau wichtig.

Siegfried Pfaffrath ist homosexuell. Beim Gedanken an Fortpflanzung graust es ihm.

Der Gedanke, ein Leben zu verursachen, das unabsehbaren Begegnungen, Zufällen, Aktionen und Reaktionen ausgesetzt sein und durch Tat, Gedanke oder weitere Vermehrung seinerseits wieder noch in alle Zukunft wirken konnte, die Vorstellung, Vater eines Kindes zu sein, diese Herausforderung der Welt, entsetzte ihn wahrhaft und verdarb ihm den Umgang mit Mädchen.

Siegfrieds jüngerer Bruder Dietrich gerät dagegen nach dem Vater: Als Corpsstudent bereitet er sich auf eine Beamtenkarriere vor, und in Rom freut er sich auf den geplanten Ausflug zum Schlachtfeld von Monte Cassino, „wie es sich für junge Leute gehört“, findet Friedrich Wilhelm Pfaffrath.

Nach dreißig Jahren geht Judejahn erstmals wieder durch Rom, zu dem Hotel, in dem die anderen Deutschen wohnen.

Er sah keine Uniformen, keine Abzeichen am Rock, er blickte in eine ranglose ehrvergessene Welt; nur hier und dort leuchtete die betresste Affenjacke eines Angestellten des gastronomischen Gewerbes auf.

In der Nähe stürzt ein Neubau ein. Menschen rennen kopflos herum. Judejahn kommandiert: „absperren, zurückbleiben, absperren“, will „Disziplin in den Tod bringen“, aber niemand beachtet seine deutschen Befehle.

Bei der Ankunft in der Hotelhalle überlegt Judejahn es sich anders. Er kehrt um, ruft dann seinen Schwager an und bestellt ihn und die anderen Verwandten für den nächsten Abend in das Hotel, in dem er wohnt.

Er empfing sie in einem Schlafrock, er hatte sich mit Franzbranntwein abgerieben und ein duftendes Haarwasser auf seine grauen Borsten geschüttet, und er sah wie ein alter erfolgreicher Boxer aus, der für viel Geld noch einmal in den Ring klettert. Der Luxus, der ihn umgab, beirrte sie. Sie standen wie Bittsteller da, wie arme Verwandte, wie sie stets bei ihm gestanden hatten, er merkte es und fühlte sich, es war alles wohlberechnet …

Unvorsichtigerweise fragt er nach seinem Sohn Adolf. Dietrich Pfaffrath berichtet sogleich, der sei Pfaffe geworden. Unter diesem Hieb taumelt Judejahn, dann verschafft er sich mit einer Flut von Flüchen Luft. Um sich zu rächen, nimmt er die Zeitung, die er mit dem Frühstück bekam. Sein Neffe Siegfried ist darin abgebildet.

… und nun hielt er Friedrich Wilhelm Pfaffrath das Bild hin, empört und hohnvoll, und weil er den Text zu dem Bild missverstanden hatte, meinte er, dass des Schwagers Sohn ein Geiger sei, was freilich, er musste es zugeben, nicht so übel wie ein Pfaffe war, aber doch übel genug, abgerutscht und gegen die Tradition der Sippe gehandelt, gegen die Herkunft und gegen die Erziehung in der Ordensschule …

Weil seine Frau nicht mitgekommen ist, besucht er sie schließlich doch in ihrem Hotelzimmer. Dort trifft er mit Adolf zusammen, der inzwischen von der Anwesenheit seiner Eltern erfahren hat und der Mutter ebenfalls einen Besuch abstattet. Judejahn überredet sie, nach Deutschland zurück zu fahren und drückt ihr Geld für den Schlafwagen in die Hand. Sobald der bundesdeutsche Staat seine Souveränität zurückerhalte, werde er nachkommen, denn vor einem deutschen Gericht habe er nichts zu befürchten. Gefolgt von Adolf duchqueren Eva und Gottlieb Judejahn die Hotelhalle, als die Pfaffraths gerade von ihrem Ausflug zurückkehren. Um sie zu ärgern, ruft Judejahn über die Schulter: „Geht ihr ins Konzert? Der Siegfried fiedelt doch heute!“

Siegfried Pfaffrath weigert sich, einen Frack auszuleihen. Seine Karte für einen Logenplatz neben Ilse Kürenberg schenkte er Adolf, der ihn aufgesucht hatte. Erst als er die beiden nebeneinander sitzen sieht, fällt ihm ein, dass Gottlieb Judejahn Schuld war an der wirtschaftlichen und physischen Vernichtung von Ilse Kürenbergs Vater. Aber er sagt sich, die Tragödie sei geschehen, nun müsse das Satyrspiel folgen.

Von einem anderen Platz aus verfolgt Siegfried die Aufführung seiner Sinfonie.

Als Judejahn vom Bahnhof zurück in das Hotel kommt, in dem die Pfaffraths wohnen, berichtet ihm der Portier, er habe ihnen Karten für das Konzert besorgt. Inzwischen seien sie wohl schon dort. Während Judejahn in sein eigenes Hotel gefahren wird, verfällt er auf den Gedanken, ebenfalls ins Konzert zu gehen. Es werde sicher Spaß machen, seinen Neffen fiedeln zu sehen. Er lässt sich eine Karte für die erste Reihe besorgen. Der Platzanweiser will Judejahn nicht einlassen, weil er keinen Frack trägt, aber der ehemalige General drängt ihn zur Seite und wirft ihm verächtlich einen Geldschein hin. Erst dann merkt er, dass er falsch gekleidet ist.

Wo ist denn sein Neffe? Unter den Geigern kann er ihn nicht entdecken. Stattdessen bemerkt er in einer Loge seinen Sohn neben einer vornehmen Dame. Als er nach der Vorstellung von seinem Schwager erfährt, es handele sich um die Tochter des „Warenhausjuden“ Aufhäuser, unterstellt er ihr sofort eine Affäre mit seinem Sohn.

Eine Jüdin hatte neben Adolf gesessen, eine deutsche Jüdin schlief mit seinem Sohn, der ein römischer Priester war, es erregte Judejahn, es erregte ihn, wie den Leser der Gerichtszeitung der Blutschandeprozess entrüstet und aufregt …

In der Galerie wird gepfiffen, im Parkett geklatscht. Man ruft den Komponisten auf die Bühne, aber Siegfried Pfaffrath bleibt sitzen und gibt sich nicht zu erkennen.

In der Garderobe gratuliert ihm das Ehepaar Kürenberg. Vater, Mutter, Bruder und Onkel kommen dazu und gratulieren ebenfalls.

Danach besucht Siegfried Pfaffrath mit Adolf Judejahn ein Schwulenlokal. Zufällig führt Gottlieb Judejahn seinen Schwager, die Schwägerin und den Neffen Dietrich in dieselbe Bar, weil er in der Nacht mit der Kassiererin Laura verabredet ist.

Beim Getränkeholen an der Theke begegnen sich Siegfried Pfaffrath und Gottlieb Judejahn.

… ich drehte mich um und sah Judejahn sich zwischen die Hocker drängen. Ich war überrascht, und er schien auch überrascht zu sein, wir starrten uns an, und dann hätte ich mich abwenden müssen, aber ich fand es komisch, Judejahn in der homosexuellen Bar, in der Sphäre meiner Verdammnis zu sehen, es reizte mich, ihn zu ärgern, und ich sagte: „Bist du schwul geworden, Onkel Judejahn?“ Sein Gesicht verzerrte sich, und er schaute sich um, und es schien ihm erst jetzt klar zu werden, dass dies ein schwules Lokal war, und er zischte mir zu: „Ich ahnte immer schon, dass du ein solches Schwein bist!“

Der schüchterne Diakon, der sie anstarrt, gefällt Laura. Nach Betriebsschluss will sie ihm eine Freude machen. Deshalb verschiebt sie das Treffen mit Gottlieb Judejahn auf den nächsten Vormittag. Als dieser merkt, wie Laura und Adolf sich ansehen, wird er sich seines Alters bewusst.

Die Jugend stand gegen Judejahn auf, die blöde Jugend hatte ihn verraten. Die eine Jugend war gefallen, die hatte Judejahn im Krieg verschlungen, die war in Ordnung, die hatte ihn nicht getäuscht, die konnte ihn nicht mehr täuschen und verraten, die lag im Grab. Aber die neue Jugend hatte ihn verraten und verriet ihn immer weiter …

Nach Betriebsschluss lässt sich Laura von Adolf und Siegfried begleiten. Siegfried verabschiedet sich, damit die beiden allein bleiben können, aber gleich darauf läuft auch Adolf weg.

Am Vormittag trifft sich Laura mit Gottlieb Judejahn am Bahnhof Termini und geht mit ihm in ein Hotel.

Sie hatte noch gedacht, ob er die blaue Brille im Bett abnehmen würde, und nun hatte er sie abgenommen, es hatte sie amüsiert, aber dann erschrak sie vor seinen Augen, sie waren blutunterlaufen, und sie bebte zurück vor seinem tückisch gierigen Blick, vor der gesenkten Stierstirn, die auf sie zukam, und er fragte „hast du Angst?“, und sie verstand ihn nicht und lächelte, aber es war kein volles Lächeln mehr, und er warf sie auf das Bett. Sie hatte ihm diese Leidenschaft nicht zugetraut, die Männer, mit denen sie für die Geschenke schlief, die ein Mädchen so dringend braucht, waren sonst nicht so erregt …

Sie schreit, er tue ihr weh, aber er versteht sie nicht.

… und der Mann war böse, er flüsterte „du bist eine Jüdin, du bist eine Jüdin“, und sie verstand ihn nicht, aber ihr Unterbewusstsein verstand ihn, als die deutschen Soldaten in Rom waren, hatte das Wort eine Bedeutung gehabt, und sie fragte „ebreo?“, und er flüsterte „Hebräer“, und legte die Hände um ihren Hals, und sie rief „no e poi no, cattólico“, und das Wort cattólico schien ihn auch zu entflammen in Wut und Begierde …

Laura wäscht sich. Durch einen roten Nebel sieht er die nackte Frau und glaubt, sie stehe vor einem Erdgraben.

Man musste die Jüdin liquidieren. Man hatte den Führer verraten. Man hatte nicht genug liquidiert.

Gottlieb Judejahn steht taumelnd auf und zieht sich an. In der Hosentasche findet er die schallgedämpfte Pistole, die er von dem Waffenhändler bekam.

Gleich würde gesäubert werden. Die Pistole würde wieder Ordnung schaffen. Er brauchte nur noch ein wenig Luft, er keuchte und zitterte zu sehr. Er schwankte zum Fenster, riss es auf und beugte sich in die tiefe Straße, die voll von dichtem roten Nebel war.

Im Hotel gegenüber wohnt das Ehepaar Kürenberg. Ilse Kürenberg hat sich gerade ein Bad einlaufen lassen. Das Wasser ist zu heiß. Judejahn sieht sie durch das geöffnete bodentiefe Fenster. Sie steht da im weißen Morgenmantel. Er aber sieht sie nackt, „nackend wie die Frauen vor dem Leichengraben“. Er feuert das Magazin seiner Pistole leer. Beim letzten Schuss fällt Ilse Kürenberg um.

Laura schreit. Judejahn torkelt auf die Straße.

Er hatte geschossen. Er hatte zur Endlösung beigetragen. Er hatte einen Führerbefehl erfüllt. Das war gut. Und nun musste er sich verstecken. Es war noch nicht der Endsieg.

Im Museum der Diokletianischen Thermen bricht er zusammen. Adolf, der zufällig in der Nähe ist, rennt in die nächste Kirche und holt einen Priester. Museumswärter tragen den Bewusstlosen in einen Schuppen. Er kommt nicht zu sich, auch nicht, als ihm der Priester die Sterbesakramente gibt. Die Sanitäter können ihm nur noch die Augen schließen.

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„Der Tod in Rom“ bildet zusammen mit „Tauben im Gras“ und „Das Treibhaus“ eine Romantrilogie.

Es geht Wolfgang Koeppen weniger um eine differenzierte Charakterstudie als um verschiedene Rollenmodelle. Da sind die dem „Führer“ und „Großdeutschland“ nachtrauernde Eva Judejahn, der primitiv-militaristische Nationalsozialist Gottlieb Judejahn, der gewissenlose Opportunist Friedrich Wilhelm Pfaffrath, der sich stets auf das Machbare beschränkt und nach dem Krieg wieder zum Oberbürgermeister gewählt wird, der Karrierist Dietrich Pfaffrath und die beiden aus der Art geschlagenen Söhne: der römisch-katholische Diakon Adolf Judejahn und der avantgardistische Komponist Siegfried Pfaffrath.

Auf eindringliche Weise prangert Wolfgang Koeppen in „Der Tod in Rom“ an, dass nur wenige Nationalsozialisten zur Rechenschaft gezogen wurden. Die einen haben es auch in der Nachkriegsgesellschaft wieder zu etwas gebracht und versuchen ihre Söhne in ihrem Geist zu erziehen. Andere können es zwar (noch) nicht wagen, nach Deutschland zurückzukehren, aber sie lassen sich im Ausland hofieren. Die inneren Monologe Judejahns bringen den Leser zum Schaudern.

Koeppens Sympathie gilt den Außenseitern, die ihren Platz weder finden können noch wollen. Natürlich ist es kein Zufall, dass er einige Passagen des Buches aus der Perspektive Siegfrieds in der Ich-Form erzählt.

Es hat mehr mit Choreographie als mit Realismus und Wahrscheinlichkeit zu tun, wie der Autor die zwei deutschen Familien, das Dirigentenehepaar und die italienische Kassiererin zusammenführt. Ohne den Leser zu verwirren, springt die Darstellung mitunter zwischen vier, fünf parallel geführten Handlungssträngen hin und her, etwa wenn Gottlieb Judejahn nach dem Waffengeschäft die Kerker der Engelsburg besichtigt und dabei von seinem Sohn Adolf beobachtet wird, während es Siegfried Pfaffrath am Tiberufer vor der Engelsburg mit einem Strichjungen treibt, Friedrich Wilhelm, Anna und Dietrich Pfaffrath auf dem Schlachtfeld von Monte Cassino picknicken und Eva Judejahn in ihrem Hotelzimmer verharrt.

„Der Tod in Rom“ ist eine streng geformte, kunstvoll montierte und aufwühlende Dichtung.

Die Trilogie „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ von Wolfgang Koeppen gibt es auch als Hörspiele (Bearbeitung und Regie: Leonhard Koppelmann und Walter Adler, Sprecher: Ulrich Noethen, Axel Milberg, Thomas Thieme, Irm Hermann u. a., Der Hörverlag, München 2009, 6 CDs, 425 Minuten, 29.95 €).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Scherz und Goverts Verlag

Wolfgang Koeppen (Kurzbiografie)

Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras
Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus

Jo Nesbø - Schneemann
Ein auktorialer Erzähler, der immer wieder die Perspektive wechselt, führt uns durch das Geschehen. Nicht alle Zusammenhänge sind realistisch, aber Jo Nesbø beschreibt alles mit großer Präzision und sehr detailliert.

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