Eduard von Keyserling : Abendliche Häuser

Abendliche Häuser

Eduard von Keyserling

Abendliche Häuser

Abendliche Häuser Originalausgabe: 1914 Bibliothek des 20. Jahrhunderts Hg.: Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki Deutscher Bücherbund, Stuttgart 1992
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Handlung spielt vor dem Ersten Weltkrieg auf Adelsgütern im Baltikum. Während die Generation der Eltern resignierend den Traditionen nachhängt, begehrt die nächste dagegen auf, eröffnet damit jedoch keine neuen Perspektiven, sondern beschleunigt den Niedergang des Junkertums. Die Geschichte dreht sich um eine junge Frau mit einem Helfersyndrom, und einen Nachbarn, den sie von seinem ruinösen Lebensstil abbringen möchte ...
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Kritik

Inhaltlich bietet der Roman "Abendliche Häuser" ein farbiges Panorama vom Leben der adeligen Gutsbesitzer im Baltikum vor dem Ersten Weltkrieg. Das Buch ist aber auch aus formalen Gründen lesenswert.
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Die Baronin von der Warthe starb bei der Geburt des zweiten Kindes. Ihre Schwägerin Arabella Baronesse von der Warthe führt seither den Haushalt ihres Bruders Siegwart im Schloss Paduren und kümmert sich mit ihm zusammen um die Kinder Fastrade und Bolko. Um den Jungen für die höheren Gymnasialklassen vorzubereiten, wird der Hauslehrer Arno Holst eingestellt, der zugleich Fastrade von der Warthe an Literatur und Kunstgeschichte heranführen soll. Doch als Arno Holst und Fastrade sich verlieben, muss der Lehrer Schloss Paduren verlassen.

Zwei Jahre später wird Fastrade einundzwanzig und damit volljährig. Unmittelbar darauf verlässt sie ihr Elternhaus und zieht nach Hamburg, wo sie als Krankenpflegerin in dem Krankenhaus anfängt, in dem Arno Holst als schwer kranker Patient liegt. Sie pflegt ihn bis zu seinem Tod.

Bolko, der inzwischen an einer Universität studiert, fällt im Duell. Die Nachricht vom Tod seines Sohnes nimmt Baron von der Warthe so mit, dass er einen Schlaganfall erleidet und fortan auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Aus Mitleid mit dem Vater kehrt Fastrade nach Paduren zurück.

Einige Zeit später beauftragt der Vater sie, mit dem Verwalter Ruhke in den Wald zu fahren. Der junge Baron Dietz von Egloff vom benachbarten Gut Sirow lässt dort ein Waldstück abholzen und will mit Ruhke anhand der Pläne vor Ort den Grenzverlauf prüfen, damit nicht versehentlich Bäume auf dem Areal gefällt werden, das Siegwart von der Warthe gehört. Weil der alte Baron aufgrund seiner Lähmung nicht selbst mit in den Wald fahren kann, bittet er seine Tochter, ihn bei der Grenzbegehung zu vertreten.

Im Wald stellt Dietz von Egloff seiner Nachbarin Herrn Mehrenstein aus Grobin vor, den Käufer des Holzes. Der junge Baron muss einen Teil des Waldes aus dem Familienbesitz verkaufen, um seine Spielschulden begleichen zu können.

Gertrud kommt auf einer Schlittenfahrt vorbei. Die jüngere der beiden Töchter des Barons Port und seiner Ehefrau Karoline war nach Dresden gegangen, um Gesang zu studieren. Das hatten die Eltern, aber auch der mit ihnen befreundete Baron von der Warthe als ungehörig empfunden. Nach einiger Zeit musste Gertrud die Ausbildung in Dresden allerdings aufgrund eines Nervenleidens abbrechen. Inzwischen lebt sie wieder mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Sylvia auf dem Gut Witzow.

Schließlich taucht auch noch das Ehepaar Fritz und Lydia („Liddy“) von Dachhausen auf. Fritz Baron von Dachhausen bewirtschaftet das Gut Barnewitz. Seine Mutter lebt mit seiner Schwester Adine in Grobin. Lydia sieht sehr gut aus, aber die alteingesessenen Aristokraten blicken ein wenig auf sie herab, weil sie nur die Tochter eines Fabrikanten namens Birkmeier ist und den Adelstitel erst mit der Eheschließung erwarb.

Den Vorschlag Dietz von Egloffs, auf einer Lichtung eine Quadrille zu tanzen, greift Fritz von Dachhausen begeistert auf. Weil Lydia einen schweren Wintermantel trägt, rät er ihr, im Schlitten sitzen zu bleiben. Als Einzige nimmt sie nicht an dem Tanz teil, und als ihr Mann zu ihr zurückkommt, bemerkt er, dass sie weint.

Gertrud Port, die heimlich in den Baron von Dachhausen verliebt ist, wird am Abend von ihrem Vater getadelt:

„Ich möchte wissen, wer diese neue Art der Geselligkeit hier bei uns importiert hat. Hat die Fastrade sie aus dem Krankenhause mitgebracht oder du aus der Singschule, oder hat der Dietz Egloff sie von seinen Portugiesen und Polacken gelernt? Für Krankenschwestern, Sängerinnen und Portugiesen sind sie vielleicht passend, für unsere Fräuleins passen sie mir nicht.“

Dann erzählt Baron Port von einem Mittagessen beim Ehepaar Dachhausen:

„Gut, es wird also ein Rehbraten serviert, einer unserer ehrlichen, heimatlichen Böcke, aber ringsum auf derselben Schüssel liegen so halbe Orangenschalen voll Orangegefrorenem, so das süße Zeug, das man beim Konditor kriegt.“
„Ist das gut?“, fragte die Baronesse teilnehmend.
Der Baron zuckte mit den Schultern: „Gut! In Berlin und Paris versucht man mal so abenteuerliches Zeug, aber hier bei uns – ich kann mir nicht helfen, mir kommt so was pervers vor.“

Dietz von Egloff hält einige Zeit nach der Grenzbegehung bei Siegwart von der Warthe um Fastrades Hand an. Der alte Baron lässt weder den Bewerber noch seine Tochter im Zweifel darüber, dass er den verantwortungslosen Spieler und Schürzenjäger lieber nicht als Schwiegersohn haben würde, aber die Entscheidung soll Fastrade treffen. Zur Verwunderung und Enttäuschung ihres Vaters nimmt sie den Antrag an, und im Schloss Paduren wird die Verlobung gefeiert.

Als Lydia durch Gertrud davon erfährt, fällt sie in Ohnmacht. Fritz von Dachhausen versteht seine Frau schon seit längerem nicht mehr. Sie entzieht sich ihm und sieht unglücklich aus. Nun argwöhnt er, dass sie heimlich in Dietz von Egloff verliebt ist.

Fritz von Dachhausen ahnt nicht, dass Lydia und Dietz von Egloff bereits intim miteinander waren. Für Lydia ist es die Liebe ihres Lebens; Dietz hingegen misst der Affäre keine Bedeutung bei. Als Lydia vom Ernst ihrer Gefühle redet, meint er rücksichtslos, sie überschätze das Erlebnis mit ihm.

Über die frisch Verlobten wird getuschelt, denn es gilt als unschicklich, dass sie ausgedehnte Waldspaziergänge unternehmen. Einmal führt Dietz Fastrade zur Auerhahnhütte. Dort will er ihr endlich auch körperlich näherkommen, aber sie wehrt ihn ab. Verärgert wirft Dietz ihr vor, ihn nicht wirklich zu lieben, sondern ihn nur erziehen und von der Spielsucht heilen zu wollen.

In Sirow ist der russische Gardeoberst Graf Schutow zu Gast. Am Abend vor dessen Abreise verliert Dietz von Egloff im Spiel ein Vermögen an ihn. Deshalb fährt er am nächsten Tag zu Herrn Mehrenstein nach Grobin. Dessen Ehefrau liegt im Sterben, aber er nimmt sich Zeit, dem Baron gegen einen Wechsel das Geld vorzustrecken, mit dem dieser seine Spielschulden begleichen will.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Nachdem der Baron den Grafen in dessen Hotelzimmer in Grobin aufgesucht und ihm die Banknotenbündel übergeben hat, reitet er nach Barnewitz und findet dort Lydia auf einer Bank im Garten sitzend vor. Sie wirft sich ihm an den Hals. Nach einem kurzen Gespräch geht Dietz – und da kommt ihm der Baron von Dachhausen entgegen.

Noch am selben Abend fordert Fritz seine Frau auf, am nächsten Tag zu ihrer Mutter zu ziehen und dort auf weitere Anweisungen von ihm zu warten.

Auf dem Weg zu ihrer Mutter fährt Lydia in Paduren vorbei und gesteht Fastrade das Verhältnis mit Dietz, denn sie befürchtet, dass ihr Mann, ein Offizier a. D., ihren Liebhaber töten könnte. Fastrade soll etwas unternehmen, um das Leben ihres Verlobten zu retten. Fastrade sieht allerdings keine Möglichkeit, den Konflikt aus der Welt zu schaffen:

„Sie müssen sich jetzt beruhigen, ich kann da nicht helfen, die Männer haben ihre Gesetze, das muss getragen werden.“

Sie verabredet sich mit Dietz in der Auerhahnhütte und löst die Verlobung. Dass er ihr versichert, die Affäre mit Lydia von Dachhausen habe für ihn keine Bedeutung, findet sie abstoßend, denn sie weiß, wie sehr Lydia ihn liebt.

Im Morgengrauen treffen sich Dietz von Egloff und Fritz von Dachhausen zum Pistolenduell. Dietz hat sich bereits mit der Vorstellung abgefunden, dass er den Platz nicht lebend verlassen wird. Sobald der Unparteiische das Kommando gibt, drückt er ab, ohne richtig zu zielen. Dennoch trifft er seinen Gegner tödlich.

Daraufhin reitet er auf seinem Lieblingspferd Ali zur Auerhahnhütte. Dort tötet er den Rappen mit einem Schuss zwischen die Augen und nimmt sich dann selbst das Leben [Suizid].

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Der Roman „Abendliche Häuser“ von Eduard von Keyserling spielt unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg auf Adelsgütern im Baltikum. Während die Generation der Mütter und Väter resignierend den Traditionen nachhängt, begehren die Töchter und Söhne dagegen auf. Aber damit eröffnen sich die Sprösslinge keine neuen Perspektiven, sondern beschleunigen nur den Niedergang des Junkertums. Die Geschichte dreht sich um eine junge Frau, der wir wohl ein Helfersyndrom attestieren können, und einen etwa gleichaltrigen Nachbarn, den sie von seinem ruinösen Lebensstil abbringen möchte. Im entscheidenden Augenblick ist sie jedoch nicht an seiner Seite.

Um Liebe geht es […], um Liebe zuerst und zuletzt. Und zuerst ist sie herrlich, wild, verlockend. Sie brennt in allen Farben der Freiheit. Zuletzt aber ist alles ganz anders. Wie es mit der Liebe zuletzt ist, das macht das Wesen, das Geheimnis, das unheimlich Bedrohliche dieses Erzählers und seiner Kunst aus. Worein die Liebe sich verwandelt, wenn sie nicht mehr in allen Farben der Freiheit brennt, das kann man nicht mit zwei Worten sagen. Das muss lesend erlebt und geschaut werden.
(Peter von Matt im Begleitheft zur Ausgabe des Romans in der von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki herausgegebenen Bibliothek des 20. Jahrhunderts)

Inhaltlich bietet der Roman „Abendliche Häuser“ ein farbiges Panorama vom Leben der adeligen Gutsbesitzer im Baltikum vor dem Ersten Weltkrieg. Das Buch ist aber auch aus formalen Gründen lesenswert: Eduard von Keyserling, der das Manuskript übrigens diktieren musste, weil er erblindet war, baut die Darstellung elegant auf, deutet einiges zunächst nur subtil an, lässt wichtige Ereignisse bewusst aus und schildert dann die Folgen, aus denen sie sich dem Leser im Rückblick erschließen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011

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