A. L. Kennedy : Day

Day

A. L. Kennedy

Day

Originalausgabe: Day Jonathan Cape, London 2007 Day Übersetzung: Ingo Herzke Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007 ISBN 978-3-8031-3214-7, 350 Seiten, 22.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Um seinem gewalttätigen Vater zu entfliehen, meldet sich der 15-jährige Alfred Day 1939 freiwillig zur Luftwaffe. Als Mitglied einer Bomberbesatzung sieht er endlich im Leben einen Sinn. Nach dem Krieg findet Day sich nicht mehr zurecht: Sein bester Freund und die anderen Crew-Mitglieder sind tot, und Joyce, seine große Liebe, schickt ihm einen Abschiedsbrief. Day gibt jedoch nicht auf ...
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Kritik

Erstaunlich ist es, wie Alison Louise Kennedy sich in einen Bordschützen der RAF im Zweiten Weltkrieg hineinversetzt: Die Darstellung wirkt so authentisch als sei die Schriftstellerin selbst dabei gewesen: "Day".
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Alfred Francis Day wächst in England als Sohn eines Fischhändlers auf, der seine Frau verprügelt – und den Jungen gleich mit, wenn dieser versucht, die Mutter zu verteidigen. Einmal verbrüht der gewalttätige Mann seiner Frau absichtlich die Beine mit Tee. Die Narben bleiben für immer.

Als der Zweite Weltkrieg beginnt, ist Alfred Day fünfzehn Jahre alt. Endlich sieht er eine Chance, der widerlichen Arbeit im Fischgeschäft des Vaters zu entrinnen: Er meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst bei der Royal Air Force.

Im Bett habe ich Handschuhe angezogen und konnte trotzdem vom Fischgestank nicht schlafen. (Seite 86)

Kurz nachdem er Bordschütze im Rang eines Sergeanten geworden ist, kommt Day für zwei Tage nach London. Dort lernt er während eines Luftangriffs der Deutschen auf dem Weg in einen Luftschutzkeller eine Frau kennen, die seine große Liebe wird: Joyce. Seit einer überstürzten Hochzeit ist sie die Ehefrau des Leutnants Donald Antrobus, der zuletzt in Singapur im Einsatz war, von dem sie jedoch seit der Einnahme der Stadt durch die Japaner vor mehreren Monaten kein Lebenszeichen mehr erhalten hat. Joyce hält es unter den dicht gedrängten Menschen im Luftschutzkeller nicht mehr aus, möchte aber vor der Entwarnung auch nicht allein nach Hause gehen und bittet deshalb Day, sie zu begleiten. Obwohl er Joyce begehrt, übernachtet er auf einer Couch und verlässt die Wohnung am nächsten Morgen, bevor sie aufwacht.

Joyce schreibt ihm Briefe. Die beantwortet er zwar nicht, aber er nutzt den nächsten Kurzurlaub, um sie zu besuchen.

Als er seinen Vater trifft, fordert er ihn mit neuem Selbstbewusstsein auf, die Mutter in Ruhe zu lassen und droht ihm Schläge an.

Zuhause fühlt Day sich, wenn er mit seiner Crew zusammen ist: mit dem Skipper, dem Navigator Struan Macallum Pluckrose, Bill Torrington, Edgar Miles, Richard („Dickie“) Molloy und dem „Bastard“ John Hanson. Auch den Sonderurlaub, den die Bomberbesatzung nach einem besonders schlimmen Einsatz im Ruhrgebiet bekommt, verbringen die Männer gemeinsam, und zwar auf Pluckroses schottischem Landsitz.

Als sie von dort zurückkehren, erfährt Day, dass seine Mutter tot ist: Sie wurde von einem Dachziegel am Kopf getroffen. Noch in derselben Woche kommt Pluckrose bei einem feindlichen Beschuss ums Leben.

Day nimmt sich vor, seinen Vater umzubringen. Er lauert ihm nachts auf dem Heimweg von einer Kneipe auf und wirft zwei Backsteine auf ihn, verfehlt jedoch im Dunkeln seinen Kopf. Eine Minute später kippt der Mann ohne weiteres Zutun seines Sohnes über die Mauer einer Brücke und stürzt ins Wasser. Da hebt Day die beiden Backsteine noch einmal auf und lässt sie ins Wasser fallen. Diesmal trifft er seinen Vater. Der ertrinkt.

Bei einem Einsatz mit Zielort Hamburg gerät die Crew – in der Pluckrose durch den Navigator Cyril Parks ersetzt wurde – in ein Gewitter. Nach dem Bombenabwurf wird die Maschine von der Flak beschossen und getroffen. Day springt mit dem Fallschirm ab, landet im seichten Wasser der Küste und wird von den Deutschen gefangen genommen. Die anderen kommen alle ums Leben.

Es gab keinerlei Erinnerung ans Aussteigen, auch nicht ans Ziehen der Reißleine des Fallschirms. Du taumelst erst wieder ins Denken, als deine Gurte so heftig nach oben zerren, dass du meinst, in der Mitte durchzureißen oder dass deine Eier dir irgendwo in den Leib gehauen werden und du sie nie wiederfindest. (Seite 311)

Am Ende seiner Gefangenenzeit war Alfred ein anderer geworden, neu und sich selbst überraschend. (Seite 77)

Nach dem Krieg hilft Day bei dem jüdischen Buchhändler Ivor Sands in London aus. 1949 reist er nach Fallingbostel, um bei einem Kinofilm über ein nachgestelltes Konzentrationslager der Deutschen als Komparse mitzumachen.

Dabei lernt er den Ukrainer Vasyl Mischtschenko aus dem nahegelegenen Lager für Displaced Persons kennen. Der erzählt ihm von Massenmorden, die er mit anderen Ukrainern zusammen im Auftrag der Nationalsozialisten durchgeführt hatte [Holocaust]. Zuerst, so Vasyl, seien sie so dumm gewesen, gleich alle zu erschießen, dann seien sie schlauer vorgegangen, indem sie erst einmal einige Männer am Leben ließen, damit diese die Gruben für die Leichen schaufeln konnten, bevor sie getötet wurden. Day zeigt den Kriegsverbrecher bei der Lagerleitung an, aber mit den alten Angelegenheiten will man nichts mehr zu tun haben. Wofür hatte Day dann in der Royal Air Force gekämpft, wenn man die Nationalsozialisten und ihre mörderischen Handlanger jetzt nicht länger verfolgt?

Joyce schreibt Day einen Abschiedsbrief, denn sie will nicht länger auf zwei Männer warten.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Nach seiner Rückkehr aus Deutschland sucht Day zuerst Ivor Sands in dessen Buchladen auf und geht dann zu Joyce. Sie öffnet die Tür und ist überrascht, Day zu sehen. Statt ihn hereinzubitten, schlendert sie ein Stück mit ihm herum. Ihr Mann ist als Pflegefall aus dem Krieg zurückgekommen. Er sitzt nur herum und verlässt die Wohnung nicht. Joyce muss arbeiten, um das Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen.

Gegenüber Ivor Sands zeigt Day sich zuversichtlich, dass er Joyce wiedersehen wird.

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„Day“ ist ein eindrucksvolles Plädoyer gegen den Krieg.

Nach einer schrecklichen Kindheit und Jugend meldet sich der fünfzehnjährige Engländer Alfred Francis Day freiwillig zur Royal Air Force. Kurz nachdem er Bordschütze geworden ist, lernt er in London Joyce kennen. Sie wird seine große Liebe. Als Mitglied einer Bomberbesatzung hat er eine Aufgabe und sieht endlich im Leben einen Sinn. Die Kameradschaft ist ihm wichtig. Aber die Maschine wird abgeschossen, und Day kann sich als Einziger mit dem Fallschirm retten. Nach dem Krieg findet Day sich nicht mehr zurecht: Sein bester Freund und die Crew sind tot, und Joyce schickt ihm einen Abschiedsbrief. Day empfindet eine große Leere. Aber er gibt nicht auf.

Die schottische Schriftstellerin Alison Louise Kennedy (* 1965) erzählt vorwiegend in der dritten Person Singular und streut Gedanken und Erinnerungsfetzen des Protagonisten in der Ich-Form ein. Die Gegenwart ist das Jahr 1949, aber der Roman „Day“ entwickelt sich parallel auf drei Zeitebenen: (1) die Jahre vor dem Krieg, (2) Krieg und Gefangenschaft, (3) die Zeit danach. Dass dabei die Grenzen zwischen den verschiedenen Handlungssträngen verschwimmen, spiegelt das Gedanken- und Erlebnischaos der Hauptfigur.

Erstaunlich ist es, wie Alison Louise Kennedy sich in einen Bordschützen der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg hineinversetzen kann: in das Umfeld, in sein Denken und Empfinden, seine Sprache und Ausdrucksweise. Die Darstellung wirkt so authentisch als sei Alison Louise Kennedy selbst dabei gewesen.

Alison Louise Kennedy erhielt für ihren Roman „Day“ den britischen Costa-Literaturpreis.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007/2008
Textauszüge: © Wagenbach Verlag

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