A. L. Kennedy : Das blaue Buch

Das blaue Buch

A. L. Kennedy

Das blaue Buch

Originalausgabe: The Blue Book, 2011 Das blaue Buch Übersetzung: Ingo Herzke Carl Hanser Verlag, München 2012 ISBN: 978-3-446-23981-4, 364 Seiten, 21.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Beth ist seit gut einem Jahr mit Derek zusammen. Während einer Schiffsreise von Southampton nach New York erwartet sie seinen Heiratsantrag. Aber Derek wird seekrank, und während er in der Kabine liegt, trifft Beth sich mit Arthur, einem Illusionisten, dessen Geliebte und Bühnen­assistentin sie ab 1989 war, bis sie ihn 1994 verließ. Derek glaubt, eine reiche Freundin Beths habe die Schiffskarten bezahlt und ahnt nicht, dass es Arthur war. Beth beabsichtigt, sich von Derek zu trennen und Arthur etwas zu gestehen ...
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Kritik

Das Besondere an dem Roman "Das blaue Buch" ist die Komposition. A. L. Kennedy wechselt zwischen Gegenwart, Rückblenden und inneren Monologen. Erst ganz am Ende wird klar, wer da zu wem spricht und wer der gleich zu Beginn erwähnte Junge ist.
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Elizabeth Caroline Barber steht mit einem Mann namens Derek am Pier in Southampton in der Warteschlange der Passagiere, die dabei sind, an Bord eines Ozeandampfers nach New York zu gehen. Ein Mann in einem zwar schlecht gepflegten aber offenbar maßgeschneiderten Anzug spricht sie an, bittet sie, Zahlen zu wählen:

„Machen Sie mir die Freude. Denken Sie wirklich an eine Zahl zwischen eins und zehn. Sie können nichts falsch machen. Sagen Sie mir einfach nur eine Zahl.“

Er spielt mit Zahlen, plappert unaufhörlich und wendet sich an Derek:

„Sind Sie ihr Ehemann? Freund? Geht mich nichts an – aber eine reizende Idee, zusammen eine Kreuzfahrt zu machen. Gibt nichts Besseres, würde ich sagen.“
Und der Fremde dreht sich mit einem Nicken wieder zu Elizabeth, stellt den Blick scharf, zwinkert, während er redet und redet, die Stimme leise, aber unausweichlich.

„Und die arme Achtzehn können wir noch nicht zufriedenlassen, oder? Die arme Achtzehn. Acht minus eins?“
„Macht sieben.“

Für Derek sieht es so aus, als würde es sich um eine Zufallsbegegnung mit einem ebenso kontaktfreudigen wie redseligen Amateurzauberer handeln. Er ahnt nicht, dass Elizabeth und Arthur Peter Lockwood sich kennen. Er glaubt, Beths Schulfreundin Margery, eine reiche Witwe, habe sie zu der Reise nach New York eingeladen und die teuren Kabinen bezahlt, dann aber selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht mitkommen können. Tatsächlich sind die Schiffskarten von Arthur, der selbst eine Suite mit Butler gebucht hat. Sieben Tage werden sie alle drei auf dem Schiff verbringen.

Beim Essen gesellt Arthur sich erneut zu Derek und Elizabeth.

„Ich reise sehr viel mit dem Schiff – Frachtschiffe, Linienschiffe – ich hasse Fliegen – spät entwickelte Phobie.“

Lockwood schaufelt entschlossen Rindfleisch in sich hinein, nickt und ermutigt Derek zu ausführlichen Beschreibungen seines Geschäfts, seiner ersten Begegnung mit Elizabeth, anderer Reisen.

Während Derek in der Toilette ist, fragt Arthur:

„Wirst du, Elizabeth … Elizabeth, wirst du ihn heute Nacht ficken. Wirst du ihn ficken und ja sagen – wird er deine Stimme ja sagen hören – wird er in dir sein, wenn er deine Stimme ja sagen hören […]?
Verhütet ihr, oder kommt er direkt in dir, kannst du es spüren, wie es drängt und ungehindert fließt – sein Samen, Ejakulat, Saft – und sein leises – was ist es wohl: Grunzen. […]
Lauter persönliche Fragen, gänzlich unpassend von einem Fremden. Meine Kommentare waren eine unangemessene Einmischung, und ich sollte mich dafür entschuldigen, was ich natürlich nicht tun werde.“

Beth erzählt Arthur, dass sie und Derek seit über einem Jahr zusammen sind und er beim Geschlechtsverkehr wie ein Kind ist. Sie erwartet, dass er vorhat, ihr während der Reise einen Heiratsantrag zu machen.

Als Derek zurückkommt, ist er grau im Gesicht: Er leidet unter Seekrankheit. Elizabeth begleitet ihn in die Kabine, wo er sich hinlegt. Aber nach einer Weile findet sie es in der Kabine so beklemmend und langweilig, dass sie sich davonstiehlt. Arthur wartet an der Reling auf sie.

Beth und Arthur lernten sich am 4. März 1989 auf einer Party in der Wohnung kennen, die sie sich damals mit zwei anderen Studentinnen teilte: Sarah und Elaine.

Arthur verdiente später seinen Lebensunterhalt als Magier und spielte Trauernden vor, er habe Kontakt zu ihren verstorbenen Angehörigen aufgenommen. Zuerst verheimlichte er Beth seine Tätigkeit, aber dann wurde sie nicht nur seine Geliebte, sondern auch seine Assistentin auf der Bühne. In den Vorstellungen vermieden sie allerdings alles, was auf ihre private Beziehung hingewiesen hätte, denn ein romantisch verbundenes Duo wäre in den Augen des Publikums weniger vertrauenswürdig gewesen. Sie merkten sich Listen mit Zahlen und zugeordneten Begriffen. Mit dieser Geheimsprache verständigten sie sich während der Séancen. Für das Publikum zitierte Arthur gern aus der Bibel. Beth erinnert sich:

Ich kann die Scheißheilige Scheißschrift zitieren wie eine Scheißnonne, wenn ich muss.

Arthurs Einfühlungsvermögen war die Voraussetzung für die erfolgreiche Täuschung der Menschen. Aber die Manipulation anderer wurde ihm so zur Gewohnheit, dass er seine Gabe auch benutzte, wenn er nicht auf der Bühne stand.

Arthur hat in seinem ganzen Leben nichts Wahres getan.

Arthur denkt:

Aber ich habe es nicht erfunden. Ich bin auch nicht annähernd der Schlimmste.
[…] Kauf diesen Saft, sonst werden deine Kinder verkümmern – nimm diese Creme, sonst wird deine Haut verflucht – gib dieses Recht auf, sonst wird dein Land scheitern – rette dieses Unternehmen, rette diese Bank, sonst wirst du in einer Wüste leben – ändere dein Leben nach diesem Plan, sonst wirst du nie glücklich, wirst nie Sex haben, wirst nie richtig ficken, wirst deinen Schwanz oder deine Möse nie wieder erfreuen oder auch nur ertragen.
Das ist alles Zauberscheiß, weiter nichts.

Beth ertrug diese Verlogenheit schließlich nicht länger und verließ Arthur. Der Illusionist zog sich dann von der Bühne zurück und verlegte sich auf die lukrative Tröstung reicher, trauernder Witwen. Er steht ihnen bei, nutzt aber auch ihre Lage aus. Inzwischen hat er es zu viel Geld gebracht. Er wohnt in London, verbringt aber viel Zeit in Hotels. Seine Bettwäsche bringt er mit, denn er mag kein Standardweiß, bevorzugt stattdessen dunkle Farben wie lila und blau.

An den folgenden beiden Tagen sieht Beth Arthur nicht. Derek liegt weiterhin krank in der Kabine.

Im September 1999, fünf Jahre nach der Trennung von Arthur, verbrachte Beth mit ihrer inzwischen verwitweten Mutter Cath ein langes Wochenende in einem Hotel in Beverley/Yorkshire. Und als sie durch einen Korridor ging, sah sie zufällig Arthur in der Türe seines Zimmers stehen. Sie verbrachten die Nacht miteinander. Arthur reiste zwar am nächsten Morgen ab, aber sie haben sich seither immer wieder getroffen.

Am vierten Tag auf dem Schiff erkundigt Beth sich nach Arthurs Suite, geht hin und schläft mit ihm. Als sie zurückkommt, sitzt Derek im Bademantel auf dem Bett. Mit dem Geschmack von Arthurs Sperma noch im Mund sagt Beth:

Bin froh, dass es dir besser geht. […] Sehr froh, mein Lieber.

Beth macht Derek mit einem älteren Ehepaar aus Dorset bekannt – Francis und Bunny –, das sich in der Zwischenzeit ihrer angenommen hatte.

„Das ist Bunny.“ Beth führt Derek fast am Zügel vor. „Und das ist mein … das ist Derek.“

Während Beth mit Francis allein am Buffet ist, erklärt sie ihm:

Derek – er ist nicht mein irgendwas. Er war es, aber er ist es nicht mehr, und ich habe noch nicht geschafft, es ihm zu sagen. […] Es gibt einen anderen … es gibt einen Mann, und das ist nicht Derek.“

Der väterliche Freund erwidert:

„Da bin ich aber verdammt froh, meine Liebe – denn der ist ein Vollidiot. Tut mir leid, aber ehrlich – was für ein beschissenes Arschloch.“

Zurück am Tisch, sorgt Francis dafür, dass Derek mit Beth eine Theateraufführung besucht. Sobald sie allein sind, beschimpft Derek seine Begleiterin als „beschissene Fotze“ und unterstellt ihr, ihn mit Francis zu betrügen.

„Dieser alte Sack – der hat dich ständig befummelt. Ist es der? Warst du bei ihm?“
„Bei Francis?“
„Ist mir scheißegal, wie er heißt – ist er es? Er hat eine Frau. Du vögelst mit einem verheirateten Rentner.“

Beth hält den Vorwurf für absurd, aber Derek lässt sich nicht beruhigen:

„Fick dich, Beth. Fick dich.“

Beth geht erneut zu Arthur in die Suite und teilt ihm mit, dass sie Derek verlassen habe. Arthur, der befürchtet, dass sie das auch wieder mit ihm machen könnte, bittet sie, aufrichtig mit ihm zu sein:

„Wenn du das hier nicht mehr willst – wenn ich nicht mehr gebraucht werde – wenn du gehen musst, dann sag es bitte, und geh dann. Schleich dich nicht wieder weg und schau, wer als nächstes kommt, und tu nicht so, als wärst du noch mit mir zusammen. […] lass mich bitte nicht glauben, wir seien noch zusammen, wenn wir es nicht mehr sind.“

Er gesteht ihr seinerseits, dass er zu einer Witwe namens Peri Arpagian in New York müsse, die das Vermögen ihres Ehemanns Mel geerbt hat.

„Da ist eine Dame namens Peri – noch ein paar andere, aber vor allem habe ich Peri, und die kann ich nicht einfach hängenlassen, und ich kann ihr auch nicht sagen, was ich bin, dass ich all die Jahre gelogen habe. […] Ich muss sie weiter besuchen. Sie würde es nicht verstehen, wenn ich einfach wegginge. Es würde eine Weile dauern, das zu Ende zu bringen.“

Nachdem Beth auf Arthurs Fingern zum Orgasmus gekommen ist, bittet sie ihn, mit Stewards zu ihrer und Dereks Kabine zu gehen und ihre Sachen zu holen. Schließlich nennt sie ihm elf Wörter – HAND KIND BLAU SÜSS BUCH FALL BRAND FUND SPRICH RECHT BLUT – und fordert ihn auf, eine Zahl zwischen eins und zehn zu wählen. Gleich, ob er sieben oder sechs sagt, lautet das von Beth vorbestimmte Ergebnis BUCH. Sie zieht ein blaues Buch heraus, gibt es ihm und rät ihm, das Ende zuerst zu lesen.

„Dies ist für dich, dein blaues Buch.“

Das Buch habe sie für ihn gemacht, sagt sie.

„Und, Arthur, dies ist kein Buch. Dies bin ich und dies bist du und du solltest ihn sehen. Sobald die Dinge sich beruhigt hatten und er sich selbst vertraute, hättest du bei ihm sein und ihn kennenlernen können.
Ganz bestimmt.
Ich dachte, es wäre noch Zeit. Es gab keinen Grund zu der Annahme, dass keine Zeit wäre, aber ich habe ihn dir gestohlen, weil ich dumm war. Ich habe dir jeden Teil von ihm gestohlen, und ich habe ihn verloren, weil ich dumm war, und nun werde ich dich verlieren.
Und ich bin ein Feigling, darum habe ich dir nichts erzählt.
Ich wollte dich nicht verlieren.
Als du gesagt hast, ich fühlte mich anders an, und ich gesagt habe, ich sei auch anders, da war ich ganz kurz davor, es zu sagen. […]
Und ich habe achtzehn verstanden, als du es in der Schlange zu mir gesagt hast.“

Beth endet mit den Worten:

„Und wenn ich auf festem Grund und bei dir wäre, würde ich dir meine Hand geben, wenn du wolltest.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Aus dem blauen Buch – dem Buch, das wir gerade lesen – erfährt Arthur, dass Beth am 14. Juni 1995 – also einige Monate nachdem sie ihn verlassen hatte – einen Sohn gebar: Peter Arthur Barber. Das bei Beths Eltern aufgewachsene Kind ertrank, als der Großvater annahm, dass Beth auf ihren Sohn aufpassen würde, diese jedoch mit ihrer Mutter in der Küche plauderte und nicht bemerkte, wie der Junge im Planschbecken im Garten ertrank.

Und diese ganze Sache hat meinen Vater umgebracht, hat meine Mutter ohne sie beide hinterlassen, und wie sollte ich dir das erzählen, ohne dir auch wehzutun.

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Was Alison Louise Kennedy in „Das blaue Buch“ erzählt, sieht auf den ersten Blick wie eine simple Dreiecksgeschichte aus. Da scheint auch nicht viel zu passieren. Aber das täuscht. Und das Besondere an dem tragikomischen Roman ist ohnehin nicht der Plot, sondern die kunstvolle Komposition mit einem Buch im Buch, die man als Leser erst nach und nach durchschaut. A. L. Kennedy schreibt in der dritten Person, flicht jedoch in die Erzählung immer wieder Rückblenden und kursiv gedruckte innere Monologe der beiden Hauptfiguren Beth und Arthur ein. Innen- und Außenperspektiven wechseln sich ab. Irritierend sind zunächst die Passagen in der zweiten Person Singular. Wer spricht da, und an wen ist das „Du“ adressiert?

Dein Buch – jetzt fängt es an, es ist berührt und aufgeschlagen. […] Und du bist ein Leser – eindeutig – hier bist du und liest ein Buch.

Vielleicht fändest du es unangenehm, wenn dein Buch erwähnte, wie Beth den Mann weiter beobachtet.

Und an dieser Stelle kann dein Buch dir von dem Mann und der Frau erzählen, als sie beide jung waren […]

In einem Buch ist überhaupt alles möglich: Wenn man erst mal richtig in einer Geschichte drinsteckt, kann man alles Mögliche überzeugend finden.

Erst ganz am Ende wird klar, wer da zu wem spricht, und wer der Junge ist, den die Autorin gleich zu Beginn vorstellt.

Und an dieser Stelle muss es [das Buch] dir den Jungen vorstellen.

Es gibt so viele Dinge, die du wissen solltest – zu deiner Sicherheit, zu deinem Glück – und dein Buch möchte sie dir gern alle erzählen.

Dein Buch würde dich so gern glücklich sehen.

Dein Buch ist ein ehrliches Ding. Es will für dich wahr sein.

Ich habe „Das blaue Buch“ elektronisch gelesen. Vielleicht ist mir deshalb an der Paginierung nichts aufgefallen. Aber in Rezensionen lese ich, dass A. L. Kennedy in „Das blaue Buch“ auch mit „falschen“ Seitenangaben spielt.

Den Roman „Das blaue Buch“ von A. L. Kennedy gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Ulrike Hübschmann und Martin Sabel (Regie: Franziska Paesch; ISBN 978-3-8337-3000-9).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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