Natascha Kampusch : 3096 Tage

3096 Tage

Natascha Kampusch

3096 Tage

3096 Tage Mitautorinnen: Heike Gronemeier, Corinna Milborn Originalausgabe: List Verlag, Berlin 2010 ISBN: 978-3-471-35040-9, 284 Seiten, 19.95 €(D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach einem Kapitel über ihre Eltern und die Kindheit schildert Natascha Kampusch, wie sie im Alter von zehn Jahren entführt wurde und dann achteinhalb Jahre lang gefangen blieb, bis sie sich befreien konnte. Ausführlich erzählt sie, mit welchen Mitteln der Täter sie manipulierte und gefügig machte. Er raubte ihr nicht nur die Freiheit, sondern versuchte ihr auch die Vergangenheit und die Identität zu nehmen ...
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Kritik

Obwohl "3096 Tage" in der Ich-Form geschrieben ist, liest sich das Buch weniger wie der Erlebnisbericht einer traumatisierten jungen Frau, sondern eher wie der sachlich-nüchterne Bericht eines distanzierten Beobachters.
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Am 2. März 1998 macht sich die zehn Jahre alte Wienerin Natascha Kampusch nach einem Streit mit ihrer Mutter auf den Weg zur Schule. Als ihr ein geparkter weißer Kleintransporter auffällt, vor dem ein Mann steht, ist sie beunruhigt und denkt an das, was sie im Zusammenhang mit Kinderpornografie über Entführungen gelesen hat. Aber sie geht weiter.

Als ich mich dem Mann bis auf etwa zwei Meter genähert hatte, sah er mir in die Augen. In diesem Moment schwand meine Angst. Er hatte blaue Augen und wirkte mit seinen etwas zu langen Haaren wie ein Student in einem alten Fernsehfilm aus den 1970er-Jahren. Sein Blick ging auf seltsame Weise ins Leere. Das ist ein armer Mann, dachte ich, denn er strahlte so etwas Schutzbedürftiges aus, dass ich den spontanen Wunsch hatte, ihm zu helfen […] als er mich an diesem Morgen zum ersten Mal frontal ansah, wirkte er verloren und sehr zerbrechlich.

Plötzlich packt er zu, fasst sie um die Taille und hebt sie durch die offenstehende Schiebetüre in das Fahrzeug, dessen Seitenscheiben abgedunkelt sind. Sie muss sich auf den Boden legen. Er fährt los. Nach etwa zwanzig Kilometern stellt er den Wagen in einer Garage ab, trägt das Mädchen über eine Treppe nach unten und sperrt es in ein fünf Quadratmeter großes fensterloses Verließ. Ein Ventilator saugt Luft durch eine Rohrleitung an. Dass er ihr die Schultasche wegnimmt, empfindet Natascha als schmerzlichen Verlust, denn nun bleiben ihr außer der Kleidung, die sie am Leib trägt, keine persönlichen Sachen. Der Entführer, auf dessen Versorgung sie von nun an angewiesen ist, macht auf Natascha einen unsicheren Eindruck.

Er wirkte wie jemand, dem ein entfernter Bekannter überraschend ein ungeliebtes Kind überlassen hat und der nun nicht weiß, wohin mit diesem kleinen Wesen, das Bedürfnisse hat, mit denen er nicht umgehen kann.

Später erfährt Natascha Kampusch, dass es sich bei ihrem Entführer um den sechsunddreißigjährigen arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil handelt.

Ihr wird klar, dass sie mit einer Rebellion nichts erreichen würde.

Ich akzeptierte, was passiert war, und anstatt verzweifelt und empört gegen die neue Situation anzukämpfen, fügte ich mich […] Als Kind handelt man intuitiver [als ein Erwachsener]. Ich war eingeschüchtert, ich wehrte mich nicht, sondern begann, mich einzurichten – vorerst nur für eine Nacht.
Aus heutiger Sicht erscheint es mir beinahe befremdlich, wie meine Panik einem gewissen Pragmatismus wich. Wie schnell ich begriff, dass mein Flehen keinen Sinn haben und wie jedes weitere Wort an diesem fremden Mann abtropfen würde.

Heute denke ich: Es mag mir geholfen haben, dass ich noch ein Kind war. Als Erwachsene hätte ich diese extreme Form der Fremdbestimmung und psychischen Folter, der ich als Gefangene in einem Keller ausgesetzt war, wohl kaum heil überstanden. Aber Kinder sind von klein an darauf ausgerichtet, die Erwachsenen des engsten Umfelds als feste Größen wahrzunehmen, an denen man sich orientiert und die die Maßstäbe dafür setzen, was richtig und was falsch ist.

Natascha geht davon aus, dass er sie für einen Kinderpornoring entführt hat, und Priklopil bestärkt sie in dem Glauben, indem er mehrmals Männer erwähnt, denen er sie übergeben will. Er gibt sich Mühe, damit sie sich von ihm selbst nicht bedroht fühlt. Sie soll ihn als Beschützer wahrnehmen, der Kleidung und Wäsche für sie kauft, einige ihrer Wünsche erfüllt ihr beispielsweise einen Computer mit Spielen bringt.

Es erscheint mir heute, als Erwachsene, erstaunlich, dass meine Angst, meine immer wiederkehrende Panik, nicht auf die Person des Täters an sich gerichtet war. Es mag eine Reaktion auf sein unscheinbares Äußeres gewesen sein, auf seine Unsicherheit oder seine Strategie, mich innerhalb dieser untragbaren Situation soweit es ging in Sicherheit zu wiegen – indem er sich als Bezugsperson unentbehrlich machte. Das Bedrohliche an meiner Situation war das Verlies unter der Erde, die geschlossenen Wände und Türen und die angeblichen Auftraggeber.

Falls Priklopil etwas zustoßen sollte, würde Natascha in dem unterirdischen Verlies verdursten.

Er war meine Nabelschnur nach außen – Licht, Essen, Bücher, all das konnte ich nur von ihm bekommen, all das konnte er mir jederzeit kappen.

Priklopil hat ihr zwar ein Doppelwaschbecken eingebaut, aber warmes Wasser bringt er in Plastikflaschen von außen. Er hilft Natascha beim Waschen. Sie muss sich ausziehen, aber er kommt ihr nicht zu nah.

Er schrubbte mich ab wie ein Auto. Es lag weder etwas Zärtliches noch etwas Anzügliches in seinen Gesten. Er pflegte mich, wie man ein Haushaltsgerät instandhält.

Er liebte Ordnung nicht nur, sie war für ihn überlebenswichtig. Unordnung, vermeintliches Chaos und Schmutz brachten ihn völlig aus dem Konzept […]
Ebenso wichtig wie Ordnung waren Regeln.

Außer Büchern und dem Computer bekommt Natascha ein Fernsehgerät und einen Videorekorder. Es gibt zwar keinen Empfang, aber der Entführer zeichnet Sendungen für sie auf und bringt ihr alte Aufnahmen. Das Radiogerät, das er ihr hinstellt, hat er so modifiziert, dass sie nur tschechische Sender empfangen kann und kein Wort versteht, denn sie soll nichts über die Fahndung nach ihr erfahren. Jeden Tag schaut er nach ihr. Aber von Freitagmittag, manchmal schon von Donnerstagabend bis Sonntag bleibt er fort. (Später erfährt Natascha Kampusch, dass seine Mutter Waltraud Priklopil regelmäßig übers Wochenende zu Besuch kam. Sein Vater starb 1986.)

Am 25. März hat Nataschas Mutter ihren 48. Geburtstag. Die Gefangene kann Priklopil überreden, ihr einen Kassettenrekorder zur Verfügung zu stellen, mit dem sie einen Glückwunsch aufnimmt. Er verspricht, ihrer Mutter das Band zu schicken und behauptet dann, es getan zu haben. (Tatsächlich erfuhr Brigitta Sirny nichts davon.) Er redet Natascha ein, dass ihre Eltern nichts mehr von ihr wissen wollten und froh seien, sie los zu sein. Natascha sei nichts wert und müsse ihm dankbar sein, dass er sich ihrer angenommen habe.

Er untergrub systematisch meinen Glauben an meine Familie und damit ein wichtiges Fundament meines ohnehin angeschlagenen Selbstbewusstseins. Die Sicherheit einer Familie im Rücken, die alles tat, um mich zu befreien, schwand langsam dahin.

Priklopil installiert eine Zeitschaltuhr, die morgens um 7 Uhr den Strom im Verlies ein- und dreizehn Stunden später ausschaltet. Um 20 Uhr wird es völlig finster. Natascha kann nichts mehr sehen, also auch kein Buch lesen. Radio, Videorekorder, Fernsehgerät, Computer, Heizung und Kochplatte funktionieren dann auch nicht mehr. Von 20 Uhr bis 7 Uhr bleibt Natascha nichts anderes übrig, als im Dunkeln liegen zu bleiben.

Über eine Gegensprechanlage kann Priklopil jeder Zeit ins Verlies hineinhören. Natascha befürchtet, dass er sie auch mit einer versteckten Kamera überwacht, aber sie findet nichts dergleichen.

Im Herbst wird Natascha schmerzlich bewusst, dass das neue Schuljahr ohne sie begonnen hat.

Die Zehnjährige bittet ihren Entführer, sie in die Arme zu nehmen.

Es war schwierig. Er hatte große Probleme mit Nähe, mit Berührungen. Ich selbst wiederum verfiel sofort in blinde Panik und Platzangst, wenn er mich zu sehr festhielt. Aber nach einigen Versuchen schafften wir es, einen Modus zu finden – nicht zu nahe, nicht zu eng, sodass ich die Umarmung aushalten konnte, und eng genug, damit ich mir einbilden konnte, eine liebevolle, umsorgende Berührung zu spüren. Es war der erste Körperkontakt zu einem Menschen seit vielen Monaten.

Mit einem Wechsel aus Fürsorge und Terror, Belohnungen und Bestrafungen, versucht Priklopil das Mädchen gefügig zu machen. Er verlangt von Natascha, dass sie ihm unterwürfig begegnet. Sie darf ihm nicht ins Gesicht sehen und nur etwas sagen, wenn er sie dazu auffordert. Als er von ihr mit „Maestro“ angesprochen werden will, weigert sie sich – bis er den Anspruch aufgibt.

Nach einem halben Jahr in dem Verlies holt er Natascha erstmals nach oben ins Haus. Dabei schärft er ihr ein, dass er die Türen und Fenster mit Sprengfallen gesichert habe.

Beim Einbau eines Hochbetts im Verlies ärgert Priklopil sich aus geringfügigem Anlass über Natascha und schleudert im Jähzorn eine Bohrmaschine auf sie.

Der plötzliche Gewaltausbruch hatte mich zwar nicht körperlich getroffen, die Bohrmaschine hatte mich nicht einmal berührt. Aber dieser Vorfall grub sich tief in meine Psyche. Denn er brachte eine neue Dimension in die Beziehung zum Täter: Ich wusste nun, dass er mir auch weh tun würde, wenn ich mich ihm widersetzte. Das machte mich ängstlicher, gefügiger.

Im Frühjahr 1999 verbietet er seiner Gefangenen, jemals wieder irgendetwas aus ihrer Vergangenheit zu erwähnen. Eltern, Verwandte, Schule, alles ist tabu. Nicht einmal ihren Namen darf sie behalten. Von nun an heißt sie Bibiana.

Im Dezember 1999, nach fast zwei Jahren Gefangenschaft, darf Natascha erstmals ins Freie und ein paar Minuten im Dunkeln den Himmel anschauen.

Anfang 2000 bekommt sie ein anderes Radiogerät, mit dem sie auch österreichische Sender hören kann.

Mit zwölf hat sie ihre Menarche. Priklopil besorgt ihr Monatsbinden.

Er holt sie jetzt häufiger nach oben. Sie muss putzen. Dabei achtet er darauf, dass sie eine Plastiktüte auf dem Kopf trägt, damit kein Haar auf den Boden fällt, das ihn im Fall einer Hausdurchsuchung überführen könnte. Wenn er sie im Haus duschen lässt, fischt er jedes Haar aus dem Abfluss und schüttet Unmengen von Rohrreiniger hinein. Schließlich schneidet Natascha sich das Haar ab, und er rasiert sie kahl.

Als Natascha vierzehn Jahre alt ist, nimmt Priklopil sie erstmals mit ins Bett. Er versperrt die Schlafzimmertüre, legt den Schlüssel auf einen hohen Schrank und fesselt ihr Handgelenk mit einem Kabelbinder an seines. Dabei, so betont Natascha Kampusch, sei es nicht um Sex gegangen. Priklopil habe nur kuscheln wollen.

Ich glaube heute, dass sich Wolfgang Priklopil über den Umweg eines schrecklichen Verbrechens nichts anderes schaffen wollte als eine kleine, heile Welt, mit einem Menschen, der ganz für ihn da war. Er hat das wohl auf normalem Weg nie erreicht und deshalb beschlossen, jemanden dazu zu zwingen und dafür zu formen. Im Grunde wollte er auch nichts anderes als jeder Mensch: Liebe, Anerkennung, Wärme. Er wollte einen Menschen, für den er selbst der wichtigste Mensch auf der Welt war. Er scheint keinen anderen Weg gesehen zu haben, als ein schüchternes, zehnjähriges Kind zu entführen und es so lange von der Außenwelt abzuschneiden, bis es psychisch so weit war, dass er es neu „erschaffen“ konnte.

Wenn Natascha nachts zur Toilette muss, bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihn zu wecken. Auch wenn sie nicht an ihn gefesselt ist, überwacht er sie auf Schritt und Tritt. Zu diesem Zweck hängt er sogar die Türe der Toilette aus.

Priklopil beginnt, das obere Stockwerk des in den Siebzigerjahren von seinen Eltern gebauten Hauses zu renovieren und den Dachboden auszubauen. Natascha muss ihm zur Hand gehen und schwere körperliche Arbeit verrichten. Wenn sie etwas falsch macht, rastet er aus. Einmal wirft er ein Stanleymesser nach ihr und trifft sie am Knie. Die Blutflecken auf dem Boden versetzen ihn in Panik, denn er malt sich aus, wie die Polizei durch eine DNA-Analyse herausfinden könnte, wer bei ihm ist. Immer häufiger verprügelt Priklopil seine Gefangene. Mit fünfzehn wehrt sie sich erstmals und boxt ihn in den Bauch, aber er überwältigt sie rasch.

Mit 15 war mein psychisches Gefängnis fertig gebaut. Die Tür des Hauses hätte weit offenstehen können: Ich hätte keinen Schritt tun können.

Im Sommer darf sie sich nun hin und wieder im Garten sonnen. Wenn die mit Priklopil entfernt verwandten Nachbarn verreist sind und er auf deren Haus aufpasst, nimmt er Natascha mit zum Schwimmen im Pool.

Einmal stürzt sie auf der Treppe und schlägt mit dem Kopf auf. Mehrere Tage bleibt sie im Bett liegen. Vermutlich handelt es sich um eine Gehirnerschütterung. Das Ereignis macht ihr bewusst, dass Priklopil auch in einer Notsituation keinen Arzt für sie holen würde.

2004 sind die Renovierungs- und Umbauarbeiten abgeschlossen.

Im Alter von neun Jahren hatte Natascha angefangen, aus Frustration zu viel zu essen. Bei ihrer Entführung war sie 1,50 groß und wog 45 kg. Priklopil, der selbst mager ist, rationiert ihre Nahrung so, dass sie nach sechs Jahren Gefangenschaft sieben Kilogramm abgenommen hat, obwohl sie sieben Zentimeter gewachsen ist.

Schließlich erlaubt Priklopil, dass sie ihr Haar wieder wachsen lässt.

Im Garten darf Natascha keine Unterwäsche tragen, und die Arbeit im Haus muss sie beispielsweise nur mit einem Slip bekleidet verrichten. Einmal packt er die Halbnackte, reißt die Haustüre auf und schubst sie bei vollem Tageslicht hinaus. Statt seiner Aufforderung zu folgen und wegzulaufen, bleibt sie starr vor Scham und Schreck stehen.

Nahezu jeden Tag schlägt Priklopil sein Opfer. Natascha notiert beispielsweise am 23. August 2005.

Mindestens 60 Schläge ins Gesicht. 10 – 15 schwere Übelkeit verursachende Schläge mit der Faust auf den Kopf, vier Schläge mit der flachen brutalen Hand auf den Kopf, ein Fausthieb in voller Wucht auf mein rechtes Ohr und Kiefer. Das Ohr färbt sich schwärzlich. Würgen, schweren Uppercut, dass der Kiefer knirschte. Knietritte ca. 70 Stück, vorwiegend ins Steißbein und auf den Po. Fausthiebe ins Kreuz und auf das Rückgrat, die Rippenbögen und zwischen die Brüste. Schläge mit dem Besen auf den linken Ellenbogen und den Oberarm (schwärzlich-brauner Bluterguss), sowie das linke Handgelenk. Vier Schläge ins Auge, sodass ich blaue Blitze sah. Uvm.

Wohlgemerkt: Dabei handelt es sich um die Misshandlungen an einem einzigen Tag!

Natascha unternimmt mehrere Suizid-Versuche. Einmal legt sie Stoffstücke auf die glühende Kochplatte im Verließ, um im Rauch zu ersticken, aber als sie zu husten anfängt, löscht sie den Schwelbrand mit Wasser.

Was mir damals half, waren tatsächlich die Selbstgespräche mit meinen zweiten Ich und meine Notizen. Ich hatte eine zweite Serie von Zetteln begonnen; nun hielt ich nicht nur die Misshandlungen fest, sondern versuchte, mir schriftlich Mut zu machen. Durchhalteparolen, die ich hervorkramte, wenn ich am Boden war, und die ich mir dann laut vorlas.

Priklopil schlägt Natascha nicht nur regelmäßig, sondern belohnt sie auch weiterhin für unterwürfiges Verhalten. So darf sie erstmals mit ihm zusammen das Grundstück verlassen. Er fährt mit ihr in den Wald. Bald darauf nimmt er sie zum Einkaufen in einen Drogeriemarkt mit. Natascha weiß kaum, wie sie auf das „Grüß Gott“ der Kassiererin antworten soll, denn es sind die ersten an sie gerichteten Worte einer anderen Person als ihres Entführers seit mehr als sieben Jahren. Auch in einen Baumarkt nimmt er die Siebzehnjährige mit. Und sie wagt es nicht, einen Mitarbeiter um Hilfe zu bitten, denn sie befürchtet, dass Priklopil in diesem Fall behaupten würde, sie sei geisteskrank und leide an Wahnvorstellungen. Außerdem müsste sie mit einer grausamen Bestrafung rechnen.

Einmal geraten sie bei einer Autofahrt in eine Polizeikontrolle. Priklopils Papiere werden überprüft. Statt sich an den Polizisten zu wenden, überlegt Natascha aufgeregt, ob sie aus dem Wagen springen und zu dem nahen Streifenwagen rennen soll. Sie malt sich aus, wie Priklopil in diesem Fall sofort Gas geben und auf der Flucht vor der Polizei tödlich verunglücken würde. Nichts davon geschieht: Natascha bleibt sitzen.

Kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag fährt Priklopil mit ihr zum Skilaufen. Als sie zur Toilette muss, kann er sie nicht begleiten, sondern muss vor der Türe warten. Im Waschraum spricht Natascha eine Frau an. Die lächelt sie freundlich an, dreht sich um und geht. Es ist eine niederländische Touristin, die ihr Gestammel nicht versteht.

Nachdem Priklopil in der Hollergasse in Wien eine 19 Quadratmeter große Wohnung gekauft hat, muss Natascha ihm vor der Vermietung bei der Renovierung helfen.

Dabei wendet sich die Achtzehnjährige eines Tages an ihn:

„Du hast uns in eine Situation gebracht, in der nur einer von uns beiden überleben kann“, sagte ich plötzlich. Der Täter blickte mich überrascht an. Ich ließ mich nicht beirren. „Ich bin dir wirklich dankbar dafür, dass du mich nicht getötet hast und dass du mich so gut versorgst. Das ist wirklich nett von dir. Aber du kannst mich nicht zwingen, bei dir zu leben. Ich bin ein eigener Mensch, mit meinen eigenen Bedürfnissen. Diese Situation muss ein Ende haben […] Es ist nur natürlich, dass ich weg muss. Du hättest dir das von Anfang an ausrechnen können. Einer von uns muss sterben, es gib keinen anderen Ausweg mehr. Entweder du bringst mich um, oder du lässt mich frei […] Jetzt habe ich so viele Male versucht, mich selbst zu töten – dabei bin ich hier das Opfer. Es wäre eigentlich viel besser, du würdest dich töten. Du findest ohnehin keinen anderen Ausweg mehr. Wenn du dich umbringst, wären die ganzen Probleme auf einmal weg.“

Er sieht sie verzweifelt an. Natascha ist zur Flucht entschlossen.

Am 23. August 2006 soll sie das Innere des zwischen Gartenhäuschen und Gartentüre geparkten weißen Kastenwagens säubern, in dem Priklopil sie 1998 entführte. Er hat das Fahrzeug nämlich verkauft und rechnet damit, dass es in Kürze abgeholt wird. Während sie mit dem Staubsauger zu Gange ist, klingelt sein Handy. Offenbar ruft jemand an, der die Wohnung in der Hollergasse mieten möchte. Um den Gesprächspartner trotz des lärmenden Staubsaugers verstehen zu können, entfernt Priklopil sich ein paar Schritte und lässt seine Gefangene aus den Augen. Ausnahmsweise ist die Gartentüre nicht abgesperrt. Natascha nutzt die Gelegenheit und läuft auf die Straße.

Ein etwa zwölfjähriges Kind kommt ihr mit zwei Männern entgegen, bei denen es sich vermutlich um Vater und Großvater handelt. Natascha bittet sie um ein Handy, aber sie behaupten, keines bei sich zu haben. Weil sie damit rechnet, dass Priklopil ihr bereits gefolgt ist, klettert sie über einen Gartenzaun und klingelt an einer Türe. Niemand öffnet. Beim nächsten Haus entdeckt sie eine ältere Frau am offenen Fenster. Die schimpft erst einmal über das unbefugte Betreten ihres Grundstücks, aber als Natascha sie anfleht, die Polizei zu rufen, tut sie das. Kurz darauf treffen zwei Streifenwagen ein. „Bleiben Sie, wo Sie sind, und heben Sie die Arme!“, heißt es. In einer Mischung aus Panik und Euphorie erklärt Natascha, wer sie ist. Aber es fällt ihr nicht leicht, die Beamten zu überzeugen, denn entführt wurde sie als pummelige Zehnjährige, und jetzt ist sie eine abgemagerte junge Frau. Man bringt sie zur Polizeiinspektion Deutsch-Wagram.

Dort ist niemand auf den Medienhype vorbereitet, den die Nachricht von ihrer Selbstbefreiung auslöst.

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Nachdem viel über sie und ihren Entführer Wolfgang Priklopil spekuliert worden ist, versucht Natascha Kampusch mit dem Buch „3096 Tage“ die Deutungshoheit über ihre Geschichte zu gewinnen. Heike Gronemeier und Corinna Milborn schrieben es nach ihren Angaben.

Nach einem Kapitel über ihre Eltern und die Kindheit schildert Natascha Kampusch, wie sie im Alter von zehn Jahren auf dem Weg zur Schule entführt wurde und dann achteinhalb Jahre lang gefangen blieb, bis sie sich befreien konnte. Ausführlich erzählt sie, mit welchen Mitteln Priklopil sie manipulierte und gefügig machte. Er raubte ihr nicht nur die Freiheit, sondern versuchte ihr auch die Vergangenheit und die Identität zu nehmen. Sie war ihm völlig ausgeliefert und auf die Versorgung durch ihn angewiesen. Darauf scheint es ihm angekommen zu sein: Er wollte absolute Macht über ein Mädchen ausüben, für das er der wichtigste Mensch auf Erden war.

Das Thema Sexualität spart Natascha Kampusch in ihrem Buch „3096 Tage“ aus.

Die Beziehung, die sie im Verlauf der achteinhalb Jahre langen Gefangenschaft zu Wolfgang Priklopil entwickelte und in dem Buch eingehend beschreibt, ist trotz der Torturen, die sie erlitt, nicht nur von Hass geprägt. Sie bemitleidet ihren Peiniger und zeigt Verständnis für ihn. Aber sie verwahrt sich ausdrücklich gegen die Diagnose Stockholm-Syndrom.

Obwohl „3096 Tage“ in der Ich-Form geschrieben ist, liest sich das Buch weniger wie der gefühlvolle Erlebnisbericht einer traumatisierten jungen Frau, die unter extremen Bedingungen erwachsen wurde, sondern eher wie der sachlich-nüchterne Bericht eines distanzierten Beobachters.

Das Buch „3096 Tage“ von Natascha Kampusch gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Elisabeth Schwarz (Regie: Margrit Osterwold, Hamburg 2011, 4 CDs, ISBN 978-3-89903-151-5).

Im Mai 2010 hatte Natascha Kampusch der Verfilmung ihres Buches zugestimmt. Durch den Tod Bernd Eichingers am 24. Januar 2011 verzögerte sich die Verwirklichung des Projekts. Der Film „3096 Tage“ soll am 28. Februar 2013 ins Kino kommen.

Originaltitel: 3096 Tage – Regie: Sherry Hormann – Drehbuch: Ruth Toma nach einem Drehbuchfragment von Bernd Eichinger – Kamera: Michael Ballhaus – Schnitt: Mona Bräuer – Musik: Martin Todsharow – Darsteller: Antonia Campbell-Hughes, Thure Lindhardt, Amelia Pidgeon, Trine Dyrholm u.a. – 2013

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Ullstein Buchverlage

Natascha Kampusch (Kurzbiografie)

Patrick Süskind - Der Kontrabass
"Der Kontrabass" ist ein genialer Wurf, gerade weil Patrick Süskind seine Kunst in eine scheinbar so triviale Form gebracht hat.
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