Die Karte meiner Träume

Die Karte meiner Träume

Die Karte meiner Träume

Die Karte meiner Träume – Originaltitel: The Young and Prodigious T. S. Spivet – Regie: Jean-Pierre Jeunet – Drehbuch: Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant, nach dem Roman "Die Karte meiner Träume" von Reif Larsen – Kamera: Thomas Hardmeier – Schnitt: Hervé Schneid – Musik: Denis Sanacore – Darsteller: Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Judy Davis, Callum Keith Rennie, Niamh Wilson, Jakob Davies, Rick Mercer, Dominique Pinon, Julian Richings u.a. – 2013; 85 Minuten

Inhaltsangabe

Familie Spivet lebt auf einer Ranch in Montana: der wortkarge, hart arbeitende Vater, die Mutter, eine weltentrückte Insektenforscherin, die von einer Karriere als Filmschauspielerin träumende 14-jährige Tochter und ihre beiden vier Jahre jüngeren Zwillingsbrüder T. S. und Layton. Während Layton ein Draufgänger ist, versteht T. S. von naturwissenschaftlichen Zusammen­hängen bereits mehr als der Lehrer. Als eine seiner Erfindungen einen Preis gewinnt, stiehlt er sich davon und reist allein zu dem Festakt nach Washington, D. C. ...
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Kritik

"Die Karte meiner Träume", die Verfilmung eines skurrilen Romans von Reif Larsen durch Jean-Pierre Jeunet, beginnt fantasievoll, einfalls­reich und vielversprechend, aber das letzte Drittel der Handlung fällt dagegen weit ab.
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Familie Spivet lebt auf einer Ranch in Montana. Beim wortkargen Vater (Callum Keith Rennie) handelt es sich um einen hundert Jahre zu spät geborenen Cowboy. Die Mutter ist ganz anders: Dr. Clair (Helena Bonham Carter) beschäftigt sich kaum mit etwas anderem als ihrer Insektensammlung. Dem praktischen Leben entrückt, lässt sie einen Toaster nach dem anderen durchschmoren. Die 14-jährige Tochter Gracie (Niamh Wilson) will endlich weg von der langweiligen Ranch; sie träumt von einer erfolgreichen Teilnahme bei einem Schönheits­wettbewerb und einer Karriere als Filmschauspielerin. Layton (Jakob Davies) und sein Zwillingsbruder T. S. (Kyle Catlett) sind vier Jahre jünger als ihre Schwester. Während Layton sich zum kräftigen Draufgänger entwickelt und deshalb vom Vater geschätzt wird, ist T. S. sogar dem Lehrer (Richard Jutras) geistig überlegen. Von naturwissenschaftlichen Zusammenhängen versteht er bereits mehr als die meisten Erwachsenen, und eine Fachzeitschrift veröffentlicht wissenschaftliche Artikel von ihm. Als er beim Besuch einer Vorlesung an der Universität hört, dass es für unmöglich gehalten wird, ein Perpetuum mobile zu bauen, erklärt er dem Dozenten (Mairtin O’Carrigan), er nehme die Herausforderung an, wird jedoch nicht ernst genommen – ebenso wenig wie von seinem Vater, als er ihm mittels eines selbst gebastelten hydrografischen Modells erläutern will, wie man den Bachlauf sinnvoller gestalten könnte. Der Vater wirft nur einen kurzen Blick auf die Gipslandschaft und hört sich den Vorschlag nicht einmal an, obwohl er sich den Kopf darüber zerbricht, wie er die Wasserversorgung der Ranch auch im Hochsommer sicherstellen könnte.

Während Layton gern mit einem Gewehr herumballert, misst T. S. die dabei entstehenden Schallwellen. Er ist auch dabei, als Layton durch einen Unfall mit einem Gewehr ums Leben kommt. Die Mutter will nicht wahrhaben, dass Layton tot ist und stellt weiterhin seine Frühstückstasche auf den Tisch, aber niemand spricht darüber.

T. S. gelingt es tatsächlich, ein magnetisches Rad zu konstruieren, das 400 Jahre ohne weitere Energiezufuhr laufen wird, also beinahe ein Perpetuum mobile.

Eines Tages ruft G. H. Jibsen (Judy Davis) an, die Kuratorin des Smithsonian Instituts in Washington, D. C. Der Erfinder des magnetischen Rads soll mit dem renommierten Baird-Preis ausgezeichnet werden. Als sie die Kinderstimme am Telefon hört, fordert sie T. S. auf, seinen Vater zu holen, aber T. S. erklärt ihr, sein Vater sei stumm und er müsse dessen Gebärdensprache übersetzen. G. H. Jibsen lädt den Erfinder des magnetischen Rads ein, den Preis im Rahmen eines Festaktes entgegenzunehmen und dabei eine Dankesrede zu halten.

Nachdem T. S. zunächst abgesagt hat, packt er dann doch heimlich einen Koffer, stiehlt sich nachts aus dem Haus und bemalt das Signallicht an der Bahnstrecke mit einem roten Marker, um den täglichen Güterzug zum Stehen zu bringen. Obwohl ihn zwei Eisenbahnbedienstete entdecken, gelingt es ihm, über ein Förderband auf den wieder angefahrenen Zug zu kommen.

In Casper/Wyoming wird er beinahe von einem Wachmann (Michel Perron) erwischt, kann sich aber im letzten Augenblick in einem Campingwagen verstecken.

Während eines Aufenthalts in North Plate/Nebraska erzählt ihm ein Obdachloser, der sich „Two Clouds“ (Dominique Pinon) nennt, eine Kindergeschichte seiner Großmutter. T. S. hört sich das an, weist aber dann rasch nach, dass die geschilderten Vorgänge den Naturgesetzen widersprechen und verblüfft Two Clouds mit der sachlichen Feststellung, dass die Großmutter gelogen habe.

Während T. S. sich vor der Weiterfahrt an einer Frittenbude etwas zu essen kauft, bitten zwei Polizisten die Betreiberin (Dawn Ford) darum, ein Fahndungsplakat mit seinem Foto an ihren Stand hängen zu dürfen. Aber keiner der Erwachsenen merkt, dass der Gesuchte vor bzw. neben ihnen steht.

In Chicago kann er sich nur durch einen gewagten Sprung über eine sich öffnende Drehbrücke vor einem Polizisten (Harry Standjofski) retten, aber dabei bricht er sich ein paar Rippen.

Ein Fernfahrer namens Ricky (Julian Richings) setzt ihn schließlich vor dem Smithsonian Institut in Washington, D. C., ab. Mit schmerzverzerrtem Gesicht fragt T. S. die Empfangsdame (Susan Glover) nach der Kuratorin. Sein Vater sei tot, erklärt T. S., als G. H. Jibsen nach dem vermeintlich erwachsenen Preisträger fragt. Sie ist zunächst verwirrt, als sie begreift, dass ein zehnjähriger Junge das Perpetuum mobile erfunden hat, aber dann erkennt sie rasch, welche Möglichkeiten sich dadurch für die PR bieten.

Leonard Sullivan (James Bradford), der Präsident des Smithsonian Instituts, eröffnet den Festakt und überlässt dann dem Preisträger und Ehrengast T. S. das Rednerpult. Statt über seine Erfindung redet T. S. von seinen Schuldgefühlen und schildert, wie sein Bruder ums Leben kam. Damit rührt er die geladenen Gäste zu Tränen.

G. H. Jibsen ist begeistert. Sie hofft, dass der amerikanische Präsident das junge Genie in einer Rede über das Schulsystem als positives Beispiel erwähnen wird und versucht, in David Lettermans Late Show eingeladen zu werden. Fürs Erste gibt sie sich mit einem Auftritt in der Fernsehsendung des Moderators Roy (Rick Mercer) zufrieden. Der will allerdings mit dem kleinen Genie allein vor der Kamera und dem Publikum sitzen und sorgt dafür, dass dessen aufgeregte Begleiterin in einen Aufenthaltsraum gebracht wird.

Nachdem Roy ein paar Fragen vom Teleprompter abgelesen hat und T. S. kaum zu Wort gekommen ist, kündigt der Moderator einen Überraschungsgast an: T. S.‘ Mutter. Niemand ist darüber verblüffter als ihr Sohn. Warum er sich als Waise ausgegeben habe, möchte Roy wissen, und T. S. antwortet, weil man ihn sonst weggeschickt hätte. Dr. Clair gesteht vor der Öffentlichkeit, dass sie ihre Pflichten vernachlässigt habe, als sie die beiden kleinen Jungen unbeaufsichtigt mit einem Gewehr in der Scheune spielen ließ. Dann hat sie genug von dem Medienrummel und verlässt mit ihrem Sohn das Aufnahmestudio. Roy und die Kameraleute folgen ihnen durch den Korridor. G. H. Jibsen, die sich inzwischen betrunken hat, stellt sich ihnen in den Weg, aber Dr. Clair ohrfeigt sie, und gleich darauf taucht ihr Mann auf und schickt den Moderator mit einem Kinnhaken zu Boden.

Die Eltern nehmen ihren genialen Sohn mit nach Hause. Endlich erhält T. S. die ersehnte Anerkennung durch den Vater, und als die Mutter ein weiteres Kind zur Welt bringt, konstruiert er ein neues, die Wiege sanft schaukelndes Perpetuum mobile.

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Jean-Pierre Jeunet verfilmte den 2009 von dem amerikanischen Schriftsteller Reif Larsen veröffentlichten Roman „The Selected Works of T. S. Spivet“ („Die Karte meiner Träume“, Übersetzung: Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2009, ISBN 978-3-596-18444-6).

Im Mittelpunkt der märchenhaften Mischung aus Familiendrama und Roadmovie steht ein zehnjähriger Junge (in der literarischen Vorlage ist er zwei Jahre älter), der von naturwissenschaftlichen Zusammenhängen bereits mehr versteht als die meisten Erwachsenen und seinen Lehrer überfordert. Dadurch ist T. S. aber auch ein Sonderling. Die Erfindung eines Perpetuum mobile macht ihn zwar vorübergehend zum Medienstar, aber das verändert nur die Art seines Außenseitertums. – Aus seiner Perspektive wird das Geschehen in „Die Karte meiner Träume“ dargestellt.

Der wortkarge, nur harte Muskelarbeit respektierende Rancher und seine von einer Karriere als Schauspielerin träumende Tochter sind Klischees, aber eine weltentrückte Insektenforscherin als Rancherin ist ein skurriler Einfall. Noch verschrobener ist die Figur des obdachlosen Geschichtenerzählers. Beim Fernsehmoderator und vor allem bei der Kuratorin handelt es sich dann allerdings um Karikaturen.

Bei Sonnenschein aufgenommene Bilder in satten Farben zeigen idyllische amerikanische Landschaften und eine nostalgische Eisenbahnromantik, die uns zusammen mit schrulligen Figuren in eine Fantasiewelt versetzt, die aus der Vergangenheit zu stammen scheint.

Die erste Hälfte des 3D-Films „Die Karte meiner Träume“ wirkt fantasievoll, einfallsreich und vielversprechend, aber der in Washington spielende Teil der Handlung fällt dagegen weit ab: er besteht nur noch aus Klamauk und Klischees.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014

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