Wolfgang Hilbig : "Ich"

„Ich“

Wolfgang Hilbig

"Ich"

"Ich" Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1993 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 94, München 2008, 335 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als in der Kleinstadt A. durchsickert, dass M. W. für die Stasi arbeitet, setzt er sich nach Berlin ab. Dort soll der junge Mann, der davon träumt, ein erfolgreicher Dichter zu werden, einen Schriftsteller observieren, der zwar nichts veröffentlicht und Medienangebote aus dem Westen ablehnt, aber in Berlin Lesungen hält. Im ständig wachsenden Publikum fällt M. W. – Deckname "Cambert" – eine junge Frau aus Westberlin auf, und er beginnt, sie unauthorisiert zu beschatten ...
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Kritik

Man kann "Ich" als satirischen Künstlerroman lesen, aber auch als surreale Beschreibung der Lebensumstände in der DDR.
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Jetzt bewege ich mich wieder um meine kalten Ecken. Ich bin wieder auf dem Weg, doch ich werde darüber nicht berichten. Keine kurzen Bewegungen der unteren Gesichthälfte, diesmal nicht, denn es ist so weit, dass ich sagen müsste, es gehöre u meinem Wesen, auf dem Weg u sein. Das Wesen aber lässt man besser aus dem Spiel: wo ich mitspiele, bleibt jeder nur ein Zuträger von Bällen; und es soll auch von der Art des Spiels nur das unbedingt Dazugehörige ins Feld gebracht werden. Der Weg, straßauf, straßab … unten entlang, oben entlang: zu meinem Wesen gehört eine Vorliebe für die so genannten kleinen Schritte, ich könnte sagen, ich bin nicht der Mensch, der sich auf Biegen und Brechen durchsetzt. Ich bin nicht eben das, was man als skrupulös diagnostiziert, doch ich wäge die Schritte ab, die ich unternehme, die meisten jedenfalls, aber dazu noch später. (1. Absatz des Romans „Ich“, Seite 7)

M. W. wohnt noch bei seiner Mutter in der Kleinstadt A. in der DDR. Unaufhörlich schreibt er Gedichte und Prosaminiaturen, denn er träumt davon, als Schriftsteller Erfolg zu haben.

Er gehört zu einer Gruppe von Männern in A., die es abwechselnd mit einer gewissen Cindy treiben. Wenn die Reihe allerdings an W. ist, kommt er nicht zum Zug. Harry Falbe, der auch dazugehört, nimmt ihn und ein W. bis dahin unbekanntes Mädchen namens Herta eines Tages mit zu Cindy, die inzwischen eine Haftstrafe verbüßte. Während Harry und Herta gleich in einem Nebenzimmer verschwinden, sieht W. Cindy zu, die einen Säugling aus dem Kinderwagen nimmt und ihn in den Armen wiegt. Nach einer halben Stunde kommt Harry zurück und bedeutet W., Herta stehe jetzt auch ihm zur Verfügung. W. hat jedoch keine Lust, und Cindy schließt daraus, dass er lieber mit ihr geschlafen hätte. Bevor das möglich sei, flüstert sie ihm zu, müssten sie warten, bis Harry wieder einmal im Knast säße.

Einige Wochen später erhält W. eine Vorladung vom Rat der Stadt A. Er sei der Vater eines Kindes, eröffnet ihm eine Beamtin der Abteilung Kinder- und Jugendfürsorge. Der Name der Mutter lautet zwar nicht Cindy, aber W. ahnte schon länger, dass sie in Wirklichkeit anders heißt. Seine Beteuerungen, kein Kind gezeugt zu haben, werden von der Beamtin als zwecklos abgetan; er könne zwar Widerspruch einlegen, aber damit riskiere er nur zusätzliche Kosten.

Ein Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit bietet ihm an, dass der Staat für das Kind bezahlt, aber man erwartet von ihm eine Gegenleistung. W. unterschreibt eine Verpflichtungserklärung und nimmt den Decknamen Cambert an. Sein Führungsoffizier, Major Wasserstein, trägt den Decknamen Feuerbach.

Ziel des Dienstes war es, alle … Ich sagte: alle! dachte er. Ausnahmslos alle … zu Mitarbeitern des Dienstes zu machen, auch wenn dieser Gedanke wahnsinnig klang. (Seite 66)

Dass er als Informeller Mitarbeiter der Stasi tätig ist, spricht sich offenbar rasch herum, denn die Kollegen in der Firma meiden ihn. Eines Tages, als er wieder einmal zu spät zur Arbeit erscheint, wartet bereits ein Offizier der Staatssicherheit auf ihn, der eigens zwei Büros von Ingenieuren und Sekretärinnen räumen ließ, um ungestört mit W. reden zu können. Nun weiß auch der Letzte, dass W. für die Stasi arbeitet.

Weil W. deshalb aus A. fort will, erzählt er überall herum, er ziehe nach Leipzig – und sucht sich ein Zimmer in Berlin.

Seine Vermieterin heißt Falbe, und in dem miefigen Zimmer ohne Heizung wohnte auch schon Harry Falbe. Der sei als Waise in einem Heim aufgewachsen und habe kurzerhand ihren Familiennamen angenommen, erklärt Frau Falbe ihrem neuen Mieter. Ihr Mann, ein Oberst bei der Staatssicherheit, wurde zwei Jahre nach der Hochzeit, noch vor dem Bau der Berliner Mauer, in den Westen geschickt, und Frau Falbe hat ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen.

Obwohl ihm Feuerstein in Berlin eine Dienstwohnung verschafft, behält W. das Zimmer, um sich zum Schreiben zurückziehen zu können. Die Stasi sorgt auch dafür, dass in den Anthologien „Sperlingsbühne“ und „Mäusezirkus“ Gedichte von W. veröffentlicht werden. Zu seinen Aufgaben gehört es, die Lesungen eines Schriftstellers zu besuchen, den er in seinen Berichten „Reader“ nennen soll. Reader liest in unregelmäßigen Abständen in wechselnden Wohnungen vor einem ständig wachsenden Publikum immer denselben Text. Längst sind auch Journalisten der BRD auf ihn aufmerksam geworden, und Rundfunkstationen senden Mitschnitte seiner Lesungen, aber Reader verweigert sich den Medien und geht nicht auf deren Angebote ein. Er unternimmt auch nichts, um seine Texte zu veröffentlichen. Bei den Veranstaltungen Readers fällt W. alias Cambert eine junge Frau auf, die häufig dabei ist und offenbar aus Westberlin herüberkommt. Sie interessiert W., und er fängt an, sie zu beschatten, obwohl er dazu nicht authorisiert ist. Er hofft, etwas über sie herauszufinden und dann den offiziellen Auftrag für eine Fortsetzung der Observierung in Westberlin zu bekommen. Aber davon kann erst einmal keine Rede sein, im Gegenteil: Feuerbach tadelt ihn wegen seiner wertlosen Berichte, die der Führungsoffizier schon längst nicht mehr weitergibt. Der Stasi-Major argwöhnt, dass W.s Berichte über Reader erfunden sind.

Immer wieder zieht W. sich in die unterirdischen Korridore zurück, die die Keller von Häusern ganzer Siedlungen verbinden.

Zwei oder drei Jahre nach seiner Abreise aus A. erfährt W. von einem IM mit dem Decknamen Erwin Kurze, dass Harry Falbe ebenfalls für die Stasi arbeitet. Zu dessen Legende gehört die Absicht, sich in den Westen abzusetzen. Feuerbach weiß durch Harry alles über W.; längst ist klar, dass Cindys Kind nicht von ihm, sondern vermutlich von Harry ist. Inzwischen sind jedoch Harry und das Kind verschwunden. Es wird befürchtet, dass Harry den Jungen umgebracht hat. Jedenfalls befindet er sich zusammen mit anderen so genannten Botschaftsflüchtlingen in der Ständigen Vertretung der BRD in Ostberlin.

Feuerbach nimmt Cindy erneut fest.

Auf einem winzigen Papierschnipsel wird W. aufgefordert, in das Büro seines Führungsoffiziers zu kommen. Er findet den Zettel erst vier Tage nach dem Termin. Im Büro bleibt Feuerbach im Hintergrund stehen, während ein W. unbekannter Stasi-Offizier am Schreibtisch sitzt und W. kurz mitteilt, dass er nach A. zurückkehren soll. Feuerbach, den der andere „Leutnant Kesselstein“ nennt – er wurde offenbar degradiert –, sei nicht länger sein Führungsoffizier.

W. versteckt sich erst einmal in dem Zimmer bei Frau Falbe, die ihn inzwischen dazu gebracht hat, mit ihr zu schlafen. Als er seine Schreibmaschine aus der Dienstwohnung holen will, stößt er dort auf Reader. Feuerbach, der ihn kurze Zeit später aufspürt, klärt ihn darüber auf, dass auch Reader ein IM ist und durch die junge Frau, die in Westberlin als Redakteurin arbeitet, in den Westen geschleust werden sollte. Das habe W. mit seiner eigenmächtigen Observation der Frau vereitelt.

Man verhaftet W. Feuerbach überfällt ihn in der Zelle, reißt ihm die Hose herunter, rammt ihm den Lauf einer Pistole in den Anus und beschimpft ihn als schwul. Nach einigen Wochen in einer Gefängniszelle muss W. eine Erklärung unterschreiben, in der er sich verpflichtet, Stillschweigen über alles zu bewahren.

In A. überrascht W. seine Mutter, die überzeugt ist, er sei jahrelang in der BRD gewesen, zumal sie Briefe von ihm aus Stuttgart, Mannheim, Frankfurt am Main und Westberlin bekam. Sie ahnte nicht, dass die Briefe gefälscht waren.

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Der Roman „Ich“ handelt zwar von der Bespitzelung der DDR-Bürger, der Allgegenwart der Stasi, der Trostlosigkeit der Lebensumstände und der Aushöhlung des ostdeutschen Staates, aber Wolfgang Hilbig dokumentiert die Wirklichkeit nicht, sondern entwirft stattdessen ein surreales Bild, bei dem es besonders auf die Atmosphäre ankommt.

„Ich“ kann zugleich als satirischer Künstlerroman gelesen werden, als Antwort auf die Frage, ob ein Literat in der DDR eine Chance hatte, sich trotz der Systemzwänge einen Rest von Freiheit zu bewahren.

C. dachte: „Ich“ bin derjenige, der nichts glaubt, außer dass alle Figuren dieser Geschichte an einem Schreibtisch erfunden sind … erfunden als Figuren, die den Staat vergöttern. Doch nun muss ich sehen, dass diese Figuren das Spiel nicht mitspielen. (Seite 318)

[…] seinem eigenen Leben kommt er allmählich abhanden. Wolfgang Hilbigs Roman „Ich“ karikiert die Arbeit der Stasi genau so weit, wie es nötig ist, um ihr letztlich vollkommen absurdes Wesen herauszustellen […] Die Einsamkeit von Hilbigs Cambert […] ergibt sich notwendig aus seiner Spitzeltätigkeit. Die Figur ist psychologisch vollkommen plausibel geschildert und dabei zugleich die Personifikation, besser gsagt: eine Allegorie des Systems der Stasi. Mit „Ich“ ist Hilbig ein großes Kunststück gelungen. Das Buch ist beides zugleich: schrecklich und hochamüsant.
(Franziska Augstein, Süddeutsche Zeitung, 16. Februar 2008)

Wolfgang Hilbig wechselt zwischen der ersten und dritten Person Singular, mitunter sogar innerhalb eines Absatzes.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Ministerium für Staatssicherheit (Stasi)

Wolfgang Hilbig (Kurzbiografie / Bibliografie)

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