Im toten Winkel

Im toten Winkel

Im toten Winkel

Im toten Winkel - Konzept: André Heller und Othmar Schmiderer - Interview: André Heller - Kamera: Othmar Schmiderer - Schnitt: Daniel Pöhacker - mit Traudl Junge - 2002; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Traudl Junge war von Ende 1942 bis zum Selbstmord Hitlers am 30. April 1945 im Bunker unter der Reichskanzlei in Berlin eine seiner Privatsekretärinnen. Im Lauf der Jahre distanzierte sie sich von dem naiven Mädchen, das sie damals war. 2001, kurz vor ihrem Tod, brach sie ihr Schweigen.

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Kritik

Wir sehen, wie banal und unspektakulär das Alltagsleben im Zentrum der Macht verlief, einer Macht wohlgemerkt, die Tod, Leid und Zerstörung verursachte. An der Quelle der Entscheidungen war es wie in einem "toten Winkel", wo man von den Verwüstungen ringsherum kaum etwas mitbekam.
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Kommentar zum Buch /

Traudl Humps wurde am 16. März 1920 als Tochter eines Braumeisters in München geboren. Im Alter von 22 Jahren wollte sie unbedingt in die Reichshauptstadt Berlin. Obwohl im Frühjahr 1942 der Arbeitsplatz nicht mehr nach Gutdünken gewechselt werden durfte, gelang es ihr, als Bürokraft in der „Adjutantur des Führers“ angestellt zu werden.

Nachdem eine der drei Sekretärinnen Hitlers heiraten und ihre Stelle aufgeben wollte, suchte der „Führer“ im November 1942 Ersatz. (Gerda Daranowski heiratete am 2. Febrar 1943 den Luftwaffenmajor Eckhard Christian.) Eine Auswahl von zehn Damen der „Adjutantur des Führers“ wurde mit einem Kurierzug in das „Führerhauptquartier“ bei Rastenburg in Ostpreußen geschickt. Hitlers Wahl fiel auf Traudl Humps. Ihr bot er am 30. Januar 1943 die freie Stelle neben Johanna Wolf und Christa Schroeder an.

Am 14. Juli 1943 heiratete Traudl Humps den SS-Offizier Hans Hermann Junge (1914 – 1944). Der ließ sich bald danach von Hitlers Ordonnanz zur Waffen-SS versetzen und fiel am 13. August 1944 in der Normandie.

Auch als am 20. Juli 1944 in der „Wolfsschanze“ Stauffenbergs Bombe explodierte, war Traudl Junge in der Nähe und sah Hitler unmittelbar danach.

Am 20. April 1945, Hitlers 56. Geburtstag, der im „Führerbunker“ unter der Neuen Reichskanzlei in Berlin gefeiert wurde, merkte Traudl Junge, dass ihr Chef nicht mehr an den Sieg glaubte. Zwei Tage später befahl er seinen Sekretärinnen, sich aus Berlin ausfliegen zu lassen: „Es ist alles verloren, hoffnungslos verloren.“ Traudl Junge gehorchte ihm allerdings ebenso wenig wie ihre Kollegin Gerda Christian, die inzwischen in Hitlers Dienste zurückgekehrt war: Sie blieben im „Führerbunker“. Auf ihren Wunsch hin gibt ihnen Hitler Zyankali-Ampullen: „Es tut mir sehr Leid, dass ich Ihnen zum Abschied kein schöneres Geschenk machen kann.“

Am 28. April sagte Eva Braun geheimnisvoll zu Traudl Junge und Gerda Christian: „Ich wette, heute Abend werdet ihr noch weinen.“ Die beiden Damen vermuten zunächst, Hitlers Geliebte spiele auf den bevorstehenden Selbstmord an. Tatsächlich aber ging es um die Eheschließung von Adolf und Eva Hitler. Unmittelbar vor der Zeremonie nachts im Bunker diktierte der „Führer“ Traudl Junge sein politisches und sein persönliches Testament.

Adolf Hitler und seine Ehefrau Eva nahmen sich am 30. April 1945 das Leben. In der Nacht vom 1./2. Mai versuchten die meisten der etwa 200 Menschen, die noch im „Führerbunker“ ausgeharrt hatten, einen Ausbruch. Auch Traudl Junge gehörte zu einem der Trupps, die durch U-Bahn-Schächte flohen und sich in Kellern vor den russischen Soldaten versteckten. Unterwegs verlor sie den Kontakt zu den anderen, lief allein weiter, schloss sich anderen Flüchtlingen an und versuchte vergeblich, über die Elbe zu kommen. Nach vier Wochen und einem 300 km langen Marsch gelangte sie wieder nach Berlin. Dort wurde sie am 9. Juni von den sowjetischen Besatzungsbehörden festgenommen. Im April 1946 schlug sie sich zum Ammersee durch, wo ihre Familie wohnte. Einige Wochen lang hielten die Amerikaner sie fest. 1947 wurde sie „entnazifiziert“.

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Eine 81-jährige Dame sitzt in ihrer Wohnung und erinnert sich vor der Kamera an ihre Zeit als Hitlers Privatsekretärin. Ihre Äußerungen zeigen, wie banal und unspektakulär das Alltagsleben im Zentrum der Macht verlief, einer Macht wohlgemerkt, die Tod, Leid und Zerstörung verursachte.

In einem Interview mit Stefan Grissemann über den Film „Im toten Winkel“ sagt André Heller:

Auf zehn Leute, die das sehr berührt, kommt einer, der sagt, ja um Gottes Willen, ihr könnt doch aus dem Hitler keinen Menschen machen. Aber das war er. Und gerade deswegen macht mich das sehr viel mehr betroffen. Das ist der Bruder Hitler, dieser Massenmörder. Das geht uns natürlich sehr viel mehr an, als zu sagen: der war keiner von uns.

Traudl Junge versucht nicht, etwas zu beschönigen. Sie zog die unregelmäßige Arbeit im Führerhauptquartier einer monotonen Büroarbeit vor, der Mensch Hitler — so wie er sich im engsten Kreis gab — war ihr sympathisch, und sie fand es aufregend, in der Nähe des mächtigsten Mannes im Deutschen Reich zu sein. „Ich glaubte, ich sei an der Quelle der Entscheidungen“, sagt Traudl Junge, „und dabei saß ich im toten Winkel.“

Im Lauf der Zeit distanzierte sie sich von dem naiven Mädchen („Spätentwickler“), das sie damals war und machte sich zunehmend Selbstvorwürfe. Sie berichtet, wie sie vor einiger Zeit auf einer Gedenktafel für Sophie Scholl zufällig darauf stieß, wann die Widerstandskämpferin geboren wurde. „Da habe ich gesehen, dass sie [ungefähr] mein Jahrgang war und dass sie in dem Jahr, als ich zu Hitler kam, hingerichtet wurde. In diesem Augenblick habe ich gespürt, dass es keine Entschuldigung ist, jung zu sein, sondern dass man auch hätte vielleicht Dinge erfahren können.“

Nur zweimal hören wir André Heller eine Frage stellen. Am eindrucksvollsten sind die 25 Minuten des Films, in denen Traudl Junge ohne Unterbrechung, ohne Schnitt und immer erregter über die letzten Tage im Bunker unter der Neuen Reichskanzlei in Berlin spricht. Eine Woche lang wohnten auch Helga, Hilde, Hellmuth, Holde, Hedda und Heide mit ihren Eltern Magda und Joseph Goebbels im Bunker. Magda Goebbels vergiftete sie vor ihrem eigenen Selbstmord und dem ihres Mannes am 1. Mai 1945, weil sie glaubte, ihnen ein Leben nach dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschlands ersparen zu müssen. Als Traudl Junge sich an die Kinder erinnert, wischt sie sich kurz mit der Hand über die Augen. Nur dieses eine Mal droht sie ihre Beherrschung zu verlieren.

André Heller und Othmar Schmiderer konzentrieren sich auf Traudl Junge, die im Frühjahr 2001 auf einem Stuhl in ihrer Münchner Wohnung sitzt und spricht. Die Kamera bleibt unbewegt; nur hin und wieder zoomt Othmar Schmiderer das Objektiv ein wenig. Es gibt weder eine musikalische Untermalung, noch eingeblendete Dokumentaraufnahmen, Kommentare oder Äußerungen anderer Zeitzeugen. Auf Kunstlicht verzichtet Othmar Schmiderer, um Traudl Junge nicht das Gefühl zu vermitteln, im Rampenlicht zu stehen. Nur eine Abwechslung erlauben sich die Filmemacher: Zwischendurch zeigen sie, wie Traudl Junge vor einem Monitor sitzt, eine aus dem 10-stündigen Gespräch geschnittene Rohfassung (3 ½ Stunden) kritisch verfolgt und einige Male etwas ergänzend oder präzisierend kommentiert.

Auf diese Weise entstand ein minimalistisches, puristisches und eindringliches Selbstzeugnis.

André Heller:

Ich komme aus der Tradition des Geschichtenerzählens, des Zuhörens, ich verlasse mich darauf, dass eine spannende Figur, die etwas Spannendes erzählt, kein Beiwerk braucht. … Ich wäre nie auf die Idee gekommen, die Frau Junge mit irgendwelchen optischen Nebenschauplätzen zu unterwandern. Wenn etwas nicht interessant ist, dann wird auch das Beiwerk es nicht erhöhen können. Dann ist es eben ein Bluff.

Die Journalistin Melissa Müller, die mit Traudl Junge zusammen 2001 das Buch „Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben“ vorbereitete, stellte den Kontakt zwischen Traudl Junge und André Heller her. So kam der Film zustande. (Die Deutsche Grammophon brachte davon 2003 eine Hörbuch-Version auf zwei CDs heraus.)

Traudl Junge starb am 11. Februar 2002, kurz nach Erscheinen des Buches „Bis zur letzten Stunde“ und wenige Stunden nach der Uraufführung des Films „Im toten Winkel“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin.

Zwei Ausschnitte aus „Im toten Winkel. Hitlers Sekretärin“ sind auch in dem Kinofilm „Der Untergang“ von Oliver Hirschbiegel zu sehen. Das Drehbuch schrieb Bernd Eichinger nach den Büchern „Bis zur letzten Stunde“ von Traudl Junge und „Der Untergang“ von Joachim Fest.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

Milan Kundera - Der Vorhang
In kurzen Essays und Analysen, Notizen, Anekdoten, Szenen und persönlichen Bekenntnissen vertritt und veranschaulicht Milan Kundera seine unorthodoxen Gedanken über einige bedeutende Romane der europäischen Literaturgeschichte: "Der Vorhang".
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