Maarten 't Hart : Ein Schwarm Regenbrachvögel

Ein Schwarm Regenbrachvögel

Maarten 't Hart

Ein Schwarm Regenbrachvögel

Erstausgabe: Amsterdam 1978 Ein Schwarm Regenbrachvögel Übersetzung: Waltraud Hüsmert Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1988
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als streng erzogenes Einzelkind wächst Maarten isoliert bei seinen Eltern auf. Als 30-Jähriger kann er eine steile akademische Karriere als Wissenschaftler vorweisen. Zwangsvorstellungen und die Unfähigkeit auf Menschen einzugehen, verbittern ihm sein Leben. Er kann Martha nicht vergessen, die seine pubertären Annäherungsversuche abgewehrt hatte.
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Kritik

Die eigentlich wenig spektakuläre Handlung packt den Leser insofern, als der Autor die psychischen Nöte eines Einzelgängers nachvollziehbar zu beschreiben weiß: "Ein Schwarm Regenbrachvögel".
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Maarten wächst als Einzelkind auf. Seine Eltern, die ihn streng calvinistisch erziehen, betreiben eine Gärtnerei, die weit vom nächsten Dorf wie eine Insel in die niederländische Ebene eingebettet ist. Bis zu seinem Schuleintritt hat er keinerlei Spielgefährten. Sein Vater ist autoritär, wortkarg und unnahbar. Umso inniger hängt der Junge an seiner Mutter, die ihm mehr Verständnis entgegenbringt. Er bewundert, ja vergöttert sie: seine Liebe nimmt teilweise erotische Züge an. Der nach festen Regeln verlaufende Tagesablauf, die harte Arbeit in der Gärtnerei — Maarten muss natürlich mitarbeiten — und die strikt eingehaltenen calvinistischen Regeln (an Sonntagen darf er im Radio keine Musik hören, und bei körperlicher Arbeit muss er auch im Sommer das Unterhemd anbehalten) lassen dem Kind keinerlei Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung.

Die Mutter stellt dem Jungen einen „Ausflug“ ins Dorf in Aussicht — darauf freut er sich. Dort angekommen, sagt sie ihm, dass sie zum Arzt gehen, wo ihm prophylaktisch die Mandeln gekappt werden sollen. Die Praxis des Dorfarztes ist überfüllt mit wartenden Müttern und Kindern, die nacheinander vor Schmerzen schreiend und mit blutverschmierten Mündern aus dem Behandlungszimmer kommen. Maarten versucht besonders tapfer zu sein: seiner Mutter zuliebe.

An meinem ersten Tag in der Welt habe ich mich gut benommen, ich habe nicht geweint …, nicht beim Doktor. Und doch hat er mich mit einer glühenden Zange bestraft. Der Schmerz in meinem Mund ist fürchterlich. Schlimmer noch ist der Verrat, den mein Vater und meine Mutter an mir begangen haben.

Als Maarten in die Schule kommt, hat er eine Dreiviertelstunde Weg zu gehen. Es stellt sich heraus, dass er äußerst schnell lernt und begabt ist. Mit den anderen Kindern, die ihn als Streber sehen, kommt er, auch seiner Schüchternheit wegen, nicht in Kontakt. Als Einziger bleibt er über Mittag in der Schule, weil er zu weit von zu Hause weg wohnt, was ihn wieder als Außenseiter erscheinen lässt. Der Rektor bevorzugt ihn wegen seiner schnellen Auffassungsgabe und ermöglicht ihm, seine Aufgaben im Lehrerzimmer zu machen — wodurch er ihn ungewollt noch stärker isoliert. Mit seinen Mitschülern kann Maarten nichts anfangen; einzig ein Mädchen, Martha, hat es ihm angetan. Er fühlt sich zu ihr hingezogen, traut sich aber nicht, sie anzusprechen. Ein Junge, mit dem er sich ein wenig angefreundet hat, gibt ihm Tipps, wie er mit ihr in Kontakt kommen könnte. Die Begegnungen verlaufen aber nicht zufriedenstellend: Martha fühlt sich nicht zu ihm hingezogen.

Maarten andererseits wird seinen Jugendschwarm nicht vergessen können und jede andere Frau an Marthas Vorbild messen.

Er beschließt, Biologie zu studieren. Während dieser Zeit wohnt er bei einer Tante.

So wohnte ich … in dem geräumigen Haus …, besuchte fleißig und aufmerksam die Seminare, machte pünktlich meine Scheine und anschließend das Vordiplom, hatte mit fast niemandem Kontakt und las abends am liebsten philosophische und theologische Werke und Bücher über moderne Physik und Radioastronomie, die meinem Verlangen nach Mystik außerordentlich entgegenkam. Ich hatte noch immer Angst davor, wieder in das angestammte Milieu zurückzufallen — nicht, weil ich mich dieses Milieus schämte, sondern eher aus Furcht, derselben geisttötenden und erstickenden Mentalität zu erliegen, einer Mentalität der Initiativlosigkeit, die sich zufriedengibt mit dem Erreichten und nicht nach Veränderungen strebt …. Doch ich musste entdecken, dass es an der Universität nicht viel anders war.

Nach dem Abschluss seines Diploms stirbt seine Mutter an Kehlkopfkrebs. „Jeden Tag wurde ihr die Luftröhre stärker abgeschnürt, sodass sie unendlich langsam erstickte.“ (Sein Vater war schon früher eines friedlichen Todes gestorben.)

Maartens akademische Laufbahn lässt nichts zu wünschen übrig.

Innerhalb kurzer Zeit wurde ich ein Experte auf dem Gebiet der Gewebezüchtung. Durch mehrere Publikationen machte ich auf mich aufmerksam. … Nach dem Diplom setzte ich mich an meine Doktorarbeit. Drei Jahre nach dem Diplomprüfung promovierte ich, und zwei Jahre später wurde ich außerplanmäßiger Professor und Leiter der Sektion für Gewebezüchtung. … Zu einem eigenen Labor gehört ein Lehrstuhl. Den bekam ich. Ich bin jetzt dreißig und ordentlicher Professor. Eine Blitzkarriere. Soweit mein bisheriges Leben. Weil ich dem Züchten entrinnen wollte, habe ich mich abgerackert, um Züchter zu werden.

Gesellschaftlich ist er weiterhin isoliert. Er legt auch keinen Wert auf Einladungen; er weiß, dass sein Äußeres ihn nicht besonders liebenswert macht (er hat eine Glatze, einen schweren Körper; er geht gebückt und hat haarige, weiße Beine). Allerdings ist er bei Kollegen wegen seiner klugen Vorträge sehr geschätzt. Wenn er das Bedürfnis hat, seine Gedanken in Worte zu fassen, spricht er im Auto laut mit einem imaginären Beifahrer. Seit seiner frühesten Kindheit leidet er unter ausgeprägter Agoraphobie; er kann keine offenen Plätze überqueren, geht also außen herum. (Diese Furcht ist auch zu übertragen auf seine Unfähigkeit, mit Menschen direkten Kontakt aufzunehmen: Er läuft ihnen entweder hinterher oder umkreist sie.)

Jetzt hat ihn eine weitere Zwangsvorstellung heimgesucht: Er bildet sich ein, nur noch vierzehn Tage zu leben. Mit diesem Gedanken kommt er ganz gut zurecht, denn dann bräuchte er eine Verabredung nicht einzuhalten: Er hat nämlich die Schwester von Martha getroffen und mit ihr ein Rendezvous ausgemacht. Nun hat ihn der Mut verlassen — er wird absagen.

Maarten bekommt eine Einladung zu einem Klassentreffen. Er geht nur hin, weil er hofft, nach zwölf Jahren Martha wiederzusehen. Seine früheren Mitschüler erkennt er nicht wieder, und als Martha endlich kommt, weiß er auch nicht recht, wie er sich verhalten soll. Die Unterhaltung verläuft stockend; Martha verabschiedet sich bald, sie muss heim zu ihren beiden Kindern.

Außerdem steht eine Reise nach Bern an.

Nichts ist deprimierender als der Tag vor einer weiten Fahrt. Es ist, als würde man nie wieder zurückkommen; man geht durchs Haus, durch den Garten, man denkt: hier bin ich zum letzten Mal, das alles werde ich nie wiedersehen. Ich kann wirklich nicht verstehen, dass es so viele Menschen gibt, die gerne reisen. Ob ihnen die bodenlose Melancholie der Vorabende unbekannt ist?

In der Schweizer Universitätsstadt soll er als Dozent auf einem Kongress eine Rede halten. Am Vorabend der Veranstaltung lernt er eine Zellbiologin kennen, mit der er zum Essen geht. Adrienne gibt zu erkennen, dass sie einem näheren Kontakt nicht abgeneigt wäre, aber er vertut die Chance, auf ihre Avancen einzugehen.

Für das Wochenende nach dem Kongress wird er von seinem Kollegen Ernst Bitzius zu einer Bergwanderung eingeladen. Adrienne kommt mit. Bald duzen sich Ernst und Adrienne. Da sie sich außerdem auf Schweizerdeutsch unterhalten, steht Maarten wieder als Außenseiter da, zumal er im Gegensatz zu den beiden Einheimischen sich beim Bergsteigen schwer tut. Ernst schlägt einen Abstieg durch einen Kamin vor, der für Ungeübte gefährlich sein kann. Während sich Ernst um Adrienne kümmert, die eigentlich keine Hilfe bräuchte, stellt sich Maarten in seiner Unerfahrenheit und zunehmenden Angst ungeschickt an. Er rutscht aus und stürzt einen Felsabhang hinunter. Zum Glück verletzt er sich nicht schlimm. Adrienne ist besorgt; bei Ernst wandelt sich sein Schreck in Wut. (Man könnte fast vermuten, dass ihm die Demütigung, die Maarten durch seine Ungeschicklichkeit erfahren hat, nicht ungelegen kommt.)

Sie hatten mehr Angst als ich, denke ich befriedigt, denn ich fürchtete kein Unglück, als ich fiel, aber ich weiß auch, dass ich noch an diesem Tag, vielleicht heute Abend, nachträglich Angst bekommen werden, dass meine Angst nur hinausgeschoben ist, weil ich diesen Fall noch gar nicht verkraftet habe, mich noch immer im Schatten des Todes befinde.

In Wachträumen durchlebt Maarten den gefährlichen und schmerzhaften Absturz nochmals.

…  was aber bleibt, ist das unglaublich friedliche Gefühl, das tief in meinem Körper unter meinem Zwerchfell beginnt und sich zu einem nie gekannten Wohlbehagen ausbreitet, das nicht nur die Kopfschmerzen vertreiben kann und Träume, in denen ich abstürze, von vornherein vereitelt, sondern darüber hinaus etwas zu prophezeien scheint, das immer gültig bleiben wird.

Maarten wird wohl weiterhin vergeblich nach der Frau suchen, die dem Vorbild Marthas entspricht. Er kann sowieso nicht verstehen, dass sein Freund Jakob heiraten wird.

Es ist unglaublich, was eine Frau einem Mann, der in sie verliebt ist, antun kann. Umgekehrt mag es genauso sein; ich glaube aber, dass Männer Frauen Kummer bereiten, nachdem eine Beziehung zustande gekommen ist, während Frauen Männern Kummer bereiten, bevor es soweit ist.

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Die Geschichte wird nicht chronologisch berichtet. Episoden, an die sich der Erzähler bei Natur- oder Vogelbeobachtungen erinnert, nimmt er als Anknüpfungspunkt zum weiteren Fortgang der Handlung. So bekommt der Titel des Buches „Ein Schwarm Regenbrachvögel“ seine Bedeutung, weil beim Tod der Mutter Maartens ein solcher Vogelschwarm vorbeigeflogen ist.

Die an sich wenig spektakuläre Handlung packt den Leser insofern, als die psychischen Nöte des Einzelgängers nachvollziehbar werden. Die immer wieder eingestreuten Naturbeschreibungen und Vogelbeobachtungen passen zu der unaufgerechten Erzählweise, ohne aber langweilig zu sein. Bemerkenswert ist, wie der Autor bereits 1978 (als das Buch erschien) die Problematik des Klonens sowohl aus wissenschaftlicher wie ethischer Sicht einschätzt. Da merkt man, dass Maarten ‚t Hart Biologie und Ethologie studiert hat. (Er ist Spezialist auf dem Gebiet der Verhaltensforschung von Ratten.) Wie in seinem Roman „Das Wüten der ganzen Welt“ spielt auch in „Ein Schwarm Regenbrachvögel“ Musik wieder eine Rolle.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2003
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Maarten ‚t Hart (Kurzbiografie, Bibliografie)

Maarten ‚t Hart: Die schwarzen Vögel
Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt
Maarten ‚t Hart: Die Netzflickerin
Maarten ‚t Hart: Der Flieger
Maarten ‚t Hart: In unnütz toller Wut (Verfilmung)
Maarten ‚t Hart: Der Schneeflockenbaum

Peter Prange - Der Kinderpapst
In "Der Kinderpapst. Roman eines Verdammten" verknüpft Peter Prange historische Tatsachen und Spekulationen mit einer fiktiven Handlung, schildert Machtproben und Intrigenspiele mit immer wieder neuen Wendungen. Ebenso farbig wie die Szenen sind die Figuren.
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