Maarten 't Hart : Der Schneeflockenbaum

Der Schneeflockenbaum

Maarten 't Hart

Der Schneeflockenbaum

Originalausgabe: Verlovingstijd De Arbeiderspers, Amsterdam 2009 Der Schneeflockenbaum Übersetzung: Gregor Seferens Piper Verlag, München / Zürich 2010 ISBN: 978-3-492-04634-3, 414 Seiten, 19.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Schon im Sandkasten lockt Jouri die Spielgefährtin des Erzählers zu sich. Trotzdem sind die beiden Jungen bald unzertrennlich, und ihre Freundschaft zerbricht auch nicht, als Jouri seinem Freund in der Schule und während des Studiums eine Eroberung nach der anderen abjagt. Dabei interessiert er sich im Grunde nur für Mathematik. Er heiratet die frühere Mitschülerin Frederica, und sein Freund eine Flötenlehrerin ...
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Kritik

Die chronologische Entwicklung der Geschichte, das behäbige Tempo und der burleske Stil wirken etwas altmodisch, aber Maarten 't Harts Erzählfreude macht "Der Schneeflockenbaum" unterhaltsam und lesenswert.
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Vater und Mutter des namenlosen Ich-Erzählers waren mit jeweils elf Geschwistern aufgewachsen. Er hat dagegen nur einen sieben Jahre jüngeren Bruder. Zwölf Jahre nach dem Tod ihres Mannes heiratet Christa ihren inzwischen ebenfalls verwitweten Jugendfreund Siem Schlump. Sowohl ihre eigene als auch Siems erste Eheschließung seien Fehlentscheidungen gewesen, meint sie. Wie auch immer: Der Erzähler und sein Bruder bekommen nicht nur einen Stiefvater, sondern auch noch sechs Stiefschwestern.

Seit seinem vierten Lebensjahr ist der Erzähler mit Adolf Josef („Jouri“) Kerkmeester befreundet. Sie lernten sich im Sandkasten kennen. Asnje Groeneveld half dem Erzähler damals beim Bau einer Sandburg, doch als Jouri ein Loch schaufelte und behauptete, es handele sich um ein Spinnen-Grab, rutschte sie zu ihm hinüber. Im Kindergarten wich Jouri nicht mehr von der Seite seines besten Freundes, während dieser von anderen Kindern gemieden wurde, weil er fürchterlich furzte und auch sonst stank.

Christa missfällt der Umgang ihres älteren Sohnes mit Jouri, nicht zuletzt, weil dessen Vater Jo Kerkmeester im Krieg aus Überzeugung mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Ihren Sohn hält das nicht davon ab, Jo Kerkmeester fast jeden Tag in seiner Fahrradwerkstatt zu besuchen und mit ihm Musik zu hören. Anfangs besitzt Jo Kerkmeester allerdings nur eine einzige Platte, und sie wissen auch noch nicht, dass es sich um die Aufnahme eines Konzerts von Georg Friedrich Händel handelt (Concerto grosso in h-Moll, opus 6, Nr. 12).

Jouri und sein Freund sind etwa zehn Jahre alt, als Ria Dons zu ihnen in die Klasse kommt. Sie bietet dem Erzähler an, er dürfe sie für 5 Cent küssen und für 10 Cent auch anfassen. Er meint zunächst, sie würde ihn dafür bezahlen. Als er begreift, wie sie es meint, erklärt er ihr, dass er nur 5 Cent pro Woche Taschengeld bekomme und sich die Ausgabe nicht leisten könne. Trotzdem lässt Ria sich regelmäßig von ihm nach Hause begleiten – bis Jouri ihn eines Tages unvermittelt ablöst und ihm berichtet, er brauche für Küssen und Anfassen nichts zu bezahlen.

Beide Jungen bestehen die Aufnahmeprüfung fürs Groen-van-Prinsterer-Gymasium in Vlaardingen. Sie bleiben zusammen, auch als Jouri seinem Freund nacheinander die Freundinnen Wilma und Hebe abwirbt.

Während die beiden jungen Männer die Abiturklasse besuchen, wendet sich Frederica Sprenger van Eijck an den Erzähler. Sie fragt ihn um Rat, weil sie sich in Jouri verliebt hat und dieser keine Notiz von ihr nimmt. Als sie hört, dass Jouri nur Mädchen auffallen, die zuvor von seinem Freund auserkoren wurden, lädt sie diesen ein, mit ihrem Bruder George Platten mit klassischer Musik zu hören und lässt sich mehrmals von ihm nach Hause bringen. Es dauert nicht lang, bis Jouri seinen Freund vor dem Umgang mit der „Schlampe“ Frederica warnt und wissen möchte, ob er sie bereits geküsst habe. Sobald Frederica das von ihrem Berater erfährt, küsst sie ihn vor einem Schneeflockenbaum im Wintergarten ihrer Eltern. Wie erwartet, teilt er das Geheimnis mit Jouri, und kurz darauf werden Jouri und Frederica ein Paar.

Nach dem Abitur immatrikulieren sich Jouri und sein Freund an der Universität Leiden. Jouri wählt Mathematik und Physik. Der Erzähler studiert Biologie und nimmt parallel dazu Klavierunterricht an der Musikschule. Er verliebt sich in die Kommilitonin Julia, die ihn an Hebe erinnert. Sie hat zwar mit einer Reihe von Studenten kurze Affären, beachtet ihn jedoch nicht. Erst nachdem sie sich 1963 mit Rudi verlobt hat, arbeitet sie mit dem Erzähler bei mehreren Übungen erfolgreich zusammen. Dass ihr Kommilitone aus den dafür in Frage kommenden Buchstaben ihres Vor- und Zunamens ein musikalisches Thema formt und eine Fuge in E-Dur komponiert, beeindruckt sie.

Obwohl er zu Jouri kein Wort über Julia sagt, glaubt er die beiden eines Abends in dem chinesischen Restaurant „Woo Ping“ zu sehen. Wie sie sich kennenlernten, kann er sich nicht erklären, und am nächsten Tag beteuert Julia denn auch, den Abend mit einer Tante verbracht zu haben.

Bevor Jouri im Rahmen eines Austauschprogramms für ein Jahr nach Harvard geht, verlobt er sich offiziell mit Frederica. Dabei gestand er seinem Freund unlängst, genug von ihr zu haben.

Nachdem der Erzähler vier Jahre Klavierunterricht in Leiden hatte, wird die Flötenlehrerin Katja auf ihn aufmerksam. Unter dem Vorwand, sie suche eine Klavierbegleitung für eine ihrer Schülerinnen, musiziert sie mit ihm zusammen.

Immer wieder pirscht er durchs Rotlichtviertel in Leiden, wagt es allerdings nicht, eine der Prostituierten anzusprechen. Eines Abends schleppt ihn eine grell geschminkte Frau im ultrakurzen Minirock ab. Aufgeregt begleitet er sie zu ihrer Wohnung. Seine Erwartungen erfüllen sich jedoch nicht, es stellt sich vielmehr heraus, dass Tina Huiberdina Wüst der Evangelisierungsgruppe Ichthus angehört, ihn missionieren möchte und sich nur fürs „Flirty Fishing“ so aufreizend zurechtgemacht hat. Während sie in der Küche Tee kocht, schleicht ihr Opfer sich davon. Aber sie sehen sich wieder, und als Tina herausfindet, dass der Zweiundzwanzigjährige noch keine Frau hatte, geht sie mit ihm ins Bett. Er findet sie widerlich, aber das Abenteuer lässt er sich nicht entgehen.

Allmählich begreift er, dass Katja in ihn verliebt ist. Die Tochter eines Juristen ist zwar dürr und hat keinen Busen, riecht jedoch im Gegensatz zu Tina auch nackt angenehm. Wenn er das Haus verlässt, in dem sie wohnt, muss er damit rechnen, dass Tina ihm auflauert. Um dem Risiko zu entgehen, möchte er die Nacht über bei Katja bleiben, doch aufgrund seiner Erziehung hält er es für erforderlich, ihr zuvor wenigstens einen Heiratsantrag zu machen. Über die geplante Hochzeit unterrichtet er seinen Freund erst in einem Brief zwei Wochen vorher, damit Jouri keine Zeit mehr hat, ihm die Braut abzujagen.

Sobald Jouri aus Harvard zurück ist, besucht er seinen Freund, der inzwischen in Katjas Wohnung gezogen ist. Zum Glück ist sie gerade in der Musikschule, und der Ehemann zeigt Jouri auch kein Foto von ihr. In zwei Monaten wollen Jouri und Frederica ebenfalls heiraten. Bis dahin verhindert der Erzähler mit immer neuen Ausreden, dass Jouri und Katja sich kennenlernen, und zur Hochzeit fährt er allein nach Vlaardingen.

Bald darauf begegnen Jouri, Katja und ihr Mann sich allerdings in Leiden auf der Straße. Natürlich lädt Jouri das Paar ein. Katja findet Jouri sympathisch, aber die beiden Frauen können sich gegenseitig nicht ausstehen. Deshalb unterbleiben weitere Besuche.

Ein Jahr später bringt Frederica einen Sohn zur Welt. Weil Katja sich weigert, ihr zu gratulieren, fährt ihr Mann allein hin. Obwohl Frederica gerade das Kind stillt und beide Brüste entblößt hat, lässt sie Jouris besten Freund von der Säuglingsschwester hereinbitten, und während das Mädchen Tee für den Gast kocht, fordert sie ihn auf, von ihrer Milch zu kosten. Frederica will, dass er in sie verliebt bleibt, denn nur dann ist sie sich Jouris sicher.

„Wenn ich dich verliere, verliere ich Jouri … […]
Alles bleibt im Gleichgewicht, solange du mir nachtrauerst. Dein Kummer ist die beste Garantie dafür, dass Jouri sich nicht an dein Scheusal heranmacht.“ (Seite 330f)

Obwohl sich der Erzähler schon lange nicht mehr mit Tina trifft, entdeckt er sie eines Tages Arm in Arm mit Jouri auf der Straße.

Bei der Beerdigung seines plötzlich verstorbenen Institutsleiters sieht er Julia wieder, die inzwischen mit dem Biologieprofessor Toon verheiratet ist.

Bei Julias Anblick zog sich mir das Herz zusammen. Leichenblass stand sie da, mit strähnigem Haar, das wie Algen ihr inzwischen eckiges Gesicht umrahmte. Warum erging es den Frauen, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen nur so, dass sie ihren jugendlichen Liebreiz und Glanz so schnell verloren, während sie beinahe verzweifelt versuchten, den Verfall mit allerlei Salben und Schminke aufzuhalten? Ach, wie stimmte mich das jedes Mal melancholisch, und einmal mehr pries ich mich selbst glücklich, dass ich am Ende tatsächlich das Siegerlos gezogen hatte, denn Katja sah, ungeschminkt, so aus, als stünde sie in den Startblöcken, um die Welt zu erobern. (Seite 358)

Toon begrüßt ihn, stellt ihm die hübsche Biophysik-Studentin Lorna Meijvogel vor und ersucht ihn, sie bei ihren Forschungen zu unterstützen. Als der Erzähler mit ihr Flora und Fauna an einem Entwässerungsgraben studiert, fallen sie plötzlich übereinander her, zunächst im Freien, dann gleich noch einmal in Lornas Zimmer über einer Zahnarztpraxis. Lorna, die seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr von ihrer Mutter, einer Ärztin, mit der Antibabypille versorgt wird, trieb es mit Onkeln, Schülern und Lehrern, Kommilitonen, Dozenten und Professoren, aber in der neuen Affäre entdeckt sie neue Leidenschaften. Nach ein paar Wochen fragt sie ihren Liebhaber:

„Wie kriegen wir den Geist wieder in die Flasche?“
„Muss er das denn? Zurück in die Flasche?“ (Seite 369)

Er versucht, das Verhältnis vor Katja und Jouri zu verheimlichen. Zu seiner Verwunderung spricht Frederica ihn eines Tages darauf an. Als Toon ihm Lorna bei der Trauerfeier für den verstorbenen Institutsleiter vorstellte, sei ihr nicht entgangen, wie er Lorna angeblickt habe, sagt sie. Deshalb setzte sie eine befreundete Privatdetektivin auf ihn an. Vergeblich beteuert der Erzähler, er habe mit Lorna nur Pflanzen bestimmt und ihr zum Beispiel Natternzungen gezeigt. Frederica will auf keinen Fall, dass Jouri etwas von der Beziehung erfährt, denn das könnte ihre Ehe gefährden. Wie beim ersten Kuss stehen die beiden vor einem Schneeflockenbaum, als ihm Frederica ihre Liebe gesteht:

„Das Komische ist, dass ich mich – auch wenn ich mir dessen nicht bewusst war, als ich die Komödie spielte und so tat, als wäre ich in dich verliebt – tatsächlich wahnsinnig verliebt habe in dich, und daran hat sich auch nie etwas geändert, ebenso wenig wie bei dir. Aber ich wollte ja den charmanten und zuvorkommenden Jouri. Woher sollte ich wissen, dass du dich als scharfer Kuschelbär entpuppen würdest und Jouri als ein ausgebrannter, ausgetrockneter, ständig rechnender Professor, der nur dann einen hochkriegt, wenn er über Primzahlen grübelt. Aber wenn du unbedingt mit jemand anderem als deiner Frau Pflanzen bestimmen willst … Schneeflockenbaum klingt doch viel freundlicher als Natternzunge.“ (Seite 384f)

Damit beginnt eine Affäre zwischen Frederica und dem besten Freund ihres Mannes.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Hebe kommt bei einem Autounfall ums Leben. Der Erzähler hat seit dreißig Jahren nicht mehr an sie gedacht, aber Jouri ruft ihn an und fragt ihn, ob er mit zur Trauerfeier komme. Hebe war die ganze Zeit über Jouris Geliebte. Als er das Stipendium für Harvard bekam, traf er sich nicht mit Julia, sondern mit Hebe im Restaurant „Woo Ping“, und sie kam als Au-pair-Mädchen mit nach Cambridge, Massachusetts. Dass Jouri nicht sie, sondern Frederica heiratete, fand sie angenehm, denn sie wollte frei bleiben.

Jouri versichert, er habe es nie darauf angelegt, seinem Freund eine Freundin auszuspannen, aber dessen Wahl sei für ihn wie ein Gütesiegel gewesen, weil er ihn seit Kindergartenzeiten bewundert habe. Überhaupt sei Sex für ihn immer nur eine „feuchte, klebrige und ziemlich primitive Angelegenheit“ (Seite 397) gewesen. Frederica beklage sich seit einiger Zeit nicht mehr über fehlenden Sex, das beweise ihre Untreue, und er wisse auch, wer der Liebhaber sei.

Der Mathematikprofessor folgt schließlich einem Ruf nach Harvard.

Einige Zeit später erfährt sein Freund bei einem Besuch seiner Mutter, dass Frederica allein aus den USA zurückkam und nach ihm fragte. Christa gab ihr jedoch die neue Adresse ihres Sohnes nicht, weil sie nicht will, dass er seine Ehefrau betrügt.

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In dem Roman „Der Schneeflockenbaum“ lässt Maarten ‚t Hart einen namenlosen Ich-Erzähler zu Wort kommen, der an der Rijksuniversiteit Leiden Biologie studiert, wie es auch der Autor tat.

In der grotesken Geschichte geht es um eine im Sandkasten begonnene lebenslange Freundschaft, die auch nicht zerbricht, als Jouri seinem besten Freund eine Eroberung nach der anderen ausspannt. Dabei interessiert er sich im Grunde nur für Mathematik. Erst im Alter erkennen der Erzähler und Jouris Ehefrau, dass sie die falschen Partner heirateten und eigentlich füreinander bestimmt gewesen wären. Ähnlich erging es der Mutter des Erzählers, die sich nach dem Tod ihres ersten Mannes mit einem inzwischen ebenfalls verwitweten Jugendfreund vermählte und überzeugt war, dass es sich bei ihren jeweils ersten Eheschließungen um Fehlentscheidungen gehandelt habe. Der Roman „Der Schneeflockenbaum“ handelt also von falschen Weichenstellungen und verpassten Lebenspartnerschaften.

Die chronologische Entwicklung der Geschichte, das behäbige Tempo und der burleske Stil wirken etwas altmodisch, aber Maarten ‚t Harts Erzählfreude macht den tragikomischen Roman „Der Schneeflockenbaum“ unterhaltsam und lesenswert.

Der Schneeflockenbaum gehört übrigens zur Familie der Ölbaumgewächse (Oleaceae). Innerhalb der Gattung werden mehr als achtzig Arten unterschieden. Eine davon heißt Chionanthus virginicus. Um einen Schneeflockenbaum dieser Art geht es im Roman von Maarten ‚t Hart.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Piper Verlag

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