Erik Fosnes Hansen : Choral am Ende der Reise

Choral am Ende der Reise

Erik Fosnes Hansen

Choral am Ende der Reise

Originaltitel: Salme ved reisens slott J. W. Cappelens Forlag, Oslo 1990 Choral am Ende der Reise Übersetzung: Jörg Scherzer Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995
Buchbesprechung

Inhaltsangabe


Als am 10. April 1912 die "R. M. S. Titanic" in Southampton zu ihrer Jungfernfahrt nach New York ausläuft, ist auch eine aus sieben Musikern bestehende Schiffskapelle mit an Bord. Bis die Seereise nach fünf Tagen mit einer Katastrophe endet, haben wir Gelegenheit, mehr über die Biografien einiger dieser Musiker zu erfahren, die allesamt gescheitert sind.

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Kritik

Erik Fosnes Hansen versucht keine avantgardistischen Experimente, sondern er bettet die einzelnen Erzählungen, die mit zwei Ausnahmen nicht weiter untereinander verknüpft sind, in die Rahmenhandlung über die Jungfernfahrt der "Titanic" ein. Dabei gelingt es ihm, dem erschütternden und trostlosen Roman eine poetische Atmosphäre zu geben.
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Am 10. April 1912, kurz vor Sonnenaufgang, geht Jason Coward mit einem Koffer und einem Geigenkasten durch die noch leeren Straßen von London zur Waterloo Station. Dabei erinnert er sich, wie ihm sein Vater ein Teleskop schenkte und einmal mit ihm – er war damals zehn – um 5.47 Uhr einen Venusdurchgang beobachtete, ein Ereignis, das es in seiner Generation nicht noch einmal geben wird. Daraus ersehe man, erklärte der Vater, dass ein menschliches Leben auf der astronomischen Zeitachse nur ein winziger Punkt sei.

„Man kann die Bedeutungslosigkeit des einzelnen Menschen nicht genug unterstreichen. […] Der Einzelne ist nur ein Teil, nur ein kleiner Stein in einem großen Mosaik. Und dieses Mosaik ist der Boden der Zukunft. […] Das schönste Muster, das Herrlichste und Wahrste in diesem Mosaik ist die Wissenschaft. In den Laboratorien, den Anatomiesälen und den Observatorien wird Stein auf Stein für den Fortschritt des Menschen gelegt. Das ist eine lange und mühevolle Arbeit. Aber sie wird uns voran bringen.“ (Seite 36f)

Jasons Vater, John M. Coward, war Seuchenarzt im Missionskrankenhaus von Whitechapel und praktizierte außerdem in seinem Privathaus, aber er interessierte sich darüber hinaus für Astronomie und erklärte seinem Sohn, Töne seien Ausdruck anderer, unbekannter Phänomene.

„Das hat Kepler gedacht: dass die Planetenbahnen als Töne die Harmonie im Weltall ausdrücken. Die Sphärenmusik.“ (Seite 55f)

An der Waterloo Station trifft Jason sich mit dem aus St. Petersburg stammenden Geiger Alexander Bjeschnikow, dem Bratschisten James Reel aus Dublin, dem Cellisten Georges Donner aus Paris, dem Bassisten Petronius Witt aus Rom, der eigentlich Giovanni Petronio Vitellotesta heißt, einem Pianisten, von dem sie alle nur den Fantasienamen „Spot“ kennen und dem erst achtzehn Jahre alten Geiger David Bleiernstern aus Wien. Ein Impresario in der Whitechapel High Street hatte die Musiker angeheuert; sie fahren mit einem Sonderzug von London nach Southampton, wo sie zusammen mit Besatzungsmitgliedern und Passagieren an Bord der „R. M. S. Titanic“ gehen. Ihre Aufgabe wird es sein, die Gäste vor und nach dem Essen zu unterhalten, jeden Tag ein Promenaden- und ein Abendkonzert zu geben und außerdem am Sonntag bei den Gottesdiensten zu spielen.

Auch J. Bruce Ismay, der Direktor der „White Star Line“ und Reeder der „Titanic“, geht an Bord, und Thomas Andrews, der geschäftsführende Direktor von Harland & Wolff und Konstrukteur dieses größten und modernsten bis dahin jemals gebauten Passagierschiffes, macht die Jungfernfahrt mit, um Verbesserungsmöglichkeiten herauszufinden. Der etwa sechzigjährige Edward John Smith, der älteste und erfahrenste Kapitän der Reederei, wird das elegante Schiff nach Amerika steuern. Es ist geplant, dass er nach dieser Fahrt zu Hause bleibt. Dort warten seine junge Frau Eleanor und der knapp ein Jahr alte Sohn auf ihn.

Der Purser McElroy führt die Musiker zu ihrer Kajüte und ermahnt sie, sich zurückhaltend gegenüber den Gästen vor allem in der ersten Klasse zu benehmen.

Schließlich wird die „Titanic“ in die Fahrrinne geschleppt. Der Sog löst die „S. S. New York“ aus ihrer Vertäuung. Antriebs- und steuerlos treibt sie auf die „Titanic“ zu. Ein schwerer Unfall droht die Jungfernfahrt vorzeitig zu beenden. Im letzten Augenblick zieht ein herbeigeeilter Schlepper die „New York“ zur Seite.

Dr. Coward, der Vater des Kapellmeisters, wurde Regimentsarzt in Indien und zog nach Vellore bei Madras. Jason blieb in einem englischen Internat zurück, und die Ferien verbrachte er bei seiner Tante Mabel und seinem Onkel, Reverend Chadwick, auf dem Pfarrhof in Devon. Seine Eltern kehrten nicht, wie geplant, nach ein paar Jahren wieder zurück, sondern sie fielen beide einer Epidemie zum Opfer. Darauf veränderte er sich, wurde distanziert und unnahbar.

Heimlich verliebte er sich in Mary, die etwas verrückte Tochter des Kaufmanns in Devon, die sich von ihm nach einem besonders mörderischen Indianerstamm „Chippewa“ rufen ließ. Einmal, als er wieder in den Ferien zu seinen Verwandten kam, erfuhr er, dass Chippewa in den Fluss gegangen war und sich das Leben genommen hatte. Sie sei im vierten Monat schwanger gewesen, hieß es. Jason gestand, der Vater des Ungeborenen gewesen zu sein. Daraufhin warfen ihn Onkel und Tante hinaus.

Während des Medizinstudiums trank Jason einmal mit seinen Kommilitonen Paul Hugo und Peter Munroe im Pathologiesaal medizinischen Alkohol und tanzte sturzbetrunken mit ihnen zwischen den Leichen herum. Daraufhin wurde sie alle drei von der Universität verwiesen. Ein Anwalt wollte sich dafür einsetzen, dass die Hochschule ihn wieder aufnahm, doch Jason mochte nicht weiterstudieren.

Ein oder zwei Jahre lang lebte er im Elend. In dieser Zeit begegnete er in einer Kneipe einem Russen, der vor Heimweh brüllte, bis ihn der Wirt hinausprügeln wollte. Da stellte Jason sich auf die Seite des Russen, doch obwohl ihnen auch noch ein paar andere Gäste halfen, konnten sie sich der Übermacht nicht erwehren und wurden auf die Straße geworfen. Alexander Bjeschnikow – so hieß der Russe – bedankte sich bei Jason, bezeichnete ihn als seinen Freund, zog ihn zu einem Pfandleiher und bat ihn, seine Geige auszulösen. Jason besaß ebenfalls eine Violine. Gemeinsam begannen sie, in Music Halls und in einem Hotel zu spielen. (Alexander Bjeschnikow hatte nach dem Blutsonntag im Januar 1905 in St. Petersburg seinen jüngeren Bruder in Stich gelassen und sich als blinder Passagier auf einem schwedischen Segelschiff eingeschlichen.)

Dann traf Jason seinen früheren Kommilitonen Peter Munroe erstmals wieder. Der fuhr seit der Relegation zur See. Nach dem Besuch eines ekeligen Spektakels, bei dem ein dafür abgerichteter Hund Dutzende von Ratten tot biss, fand Jason auf der Straße eine halb erfrorene minderjährige Nutte im Schnee. Er trug sie in die Dachkammer, in der er hauste, zog der Bewusstlosen die nassen Sachen aus, bettete sie aufs Sofa und deckte sie zu. Als sie am anderen Morgen seine Geige sah, brachte sie ihn auf die Idee, auf einem Schiff zu spielen wie ihr Vater.

1908 heuerten Jason und Alexander als Musiker bei der „Cunard Line“ an, und seither fahren sie zur See.

Ein paar Minuten, in denen der Pianist „Spot“ allein in der Kajüte ist, nützt er, um zwei Streifen Kokain zu schnupfen. Eigentlich heißt er Leo von Lewenhaupt, aber diesen Namen hat er längst abgelegt.

Sein Vater, ein deutscher Kavallerieoffizier, zwang Leo von klein auf zum Üben auf der Geige und am Klavier. Bereits als Zwölfjähriger gab der Wunderknabe Konzerte. Schließlich führte der Vater seinen Sohn einem berühmten Musiklehrer aus Paris vor. Der bestätigte Leos außergewöhnliche Begabung und erklärte sich bereit, ihn zu unterrichten. Aber Leo wollte keine Virtuosenkarriere, denn auf der Bühne kam er sich wie ein dressiertes Pferd in einer Zirkusarena vor, sondern er träumte vom Ruhm eines Komponisten. Der Vater ließ es nicht zu, dass der Fünfzehnjährige Komposition studierte. Da erschoss dieser sein Pferd Fidelio und seinen Schäferhund und lief von zu Hause fort, um sich von dem Meister, zu dem er bei der ersten Begegnung Vertrauen gefasst hatte, ausbilden zu lassen.

Schließlich heiratete er Danielle, eine Schülerin aus der Musikklasse des Meisters. Während sie nach sechs Jahren einen glänzenden Abschluss erreichte, brach Leo das Studium vorzeitig ab, um wie besessen zu komponieren, aber mit keinem seiner Werke war er zufrieden.

Dass er aber komponieren durfte, wie er es immer gewollt hatte, schenkte ihm keinen Frieden, befreite ihn nicht, wie er es gehofft hatte. Leo ahnte die Wahrheit, und eben dies zerstörte alles, er ahnte, dass es eine Lüge war. All das war Lüge. Er hatte keinen eigenen Ausdruck, es gelang ihm nicht, seine eigenen Grenzen zu durchbrechen, eine Sprache zu finden, die echt war. (Seite 311)

Nach neun Jahren hielt Danielle es nicht mehr aus und verließ ihn mit ihrer Tochter Josephine. Da war er neunundzwanzig.

Einige Zeit später traf er den Meister wieder, trank mit ihm ein paar Gläser Absinth und folgte ihm trotz dessen Warnung in die „Association des Assassins“, eine Rauschgifthöhle.

Dann floh er vor seinen Gläubigern, und seither nennt er sich nur noch „Spot“.

David Bleiernstern wuchs in Wien als Sohn eines jüdischen Musikalienhändlers auf. Während eines Ferienlagers entdeckte er mit seinem Freund Hannes Schachl eine Gruppe Mädchen, die im nahen Waldsee badeten und sich dann nackt sonnen wollten, bis ihre Badeanzüge wieder trocken waren. Die beiden vierzehnjährigen Jungen, die bis dahin noch keine unbekleideten Mädchen oder Frauen gesehen hatten, schlichen sich näher und schauten durch die Sträucher an einem Abhang neben dem Ufer zu. Aus einer Laune heraus schubste Hannes seinen Freund hinunter und lief weg, während die Mädchen kreischten und ihre Gruppenführerin auf einer Bestrafung des „kleinen, ekligen Scheißkerls“ bestand.

Eines der Mädchen, Sofia Melchior, traf David in Wien wieder. Sie zog schließlich bei ihrer verwitweten Mutter aus und mietete ein Mansardenzimmer. Dort liebten sich die beiden fast jeden Tag bis zur Erschöpfung. Seinen Eltern, die nichts davon erfahren durften, log David vor, er mache jeden Nachmittag zusammen mit Hannes die Hausaufgaben. Als Davids schulischen Leistungen immer schlechter wurden, redete Hannes auf ihn ein, doch vernünftig zu sein, aber der Verliebte hörte nicht auf ihn.

Im Burgtheater erlebten David und Sofia den berühmten Schauspieler Max Jänner in der Rolle des Mephisto. Jänner, ein vorwiegend in Berlin lebender Wiener, kannte Sofias Mutter und besuchte sie des Öfteren. Sofia war gern mit ihm zusammen. Sie begriff, dass die leidenschaftliche Affäre mit David keine Zukunft hatte; anders als ihr jugendlicher Geliebter konnte der mehr als doppelt so alte, gewandte und lebenserfahrene Freund sie in ihrer weiteren Entwicklung fördern. Als David merkte, dass er Sofia an Jänner verlor, tauchte er bei einer Gesellschaft auf, zog den Armeerevolver seines Vaters aus der Tasche, spannte den Hahn und zielte auf Jänner. Der redete äußerlich ruhig auf den Achtzehnjährigen ein, bis dieser in die Decke schoss, weil er nicht wusste, wie sich die Waffe wieder sichern ließ. In der Nacht, während die Polizei bereits nach ihm fahndete, versteckte David sich im Gartenschuppen der Familie Schachl. Am Morgen floh er mit einem Koffer und seiner Geige und reiste nach London. Der Impresario in der Whitechapel High Street, der die Kapelle für die Jungfernfahrt der „Titanic“ zusammenstellte, nahm David nur, weil der bereits angeheuerte zweite Geiger wegen einer Blinddarmentzündung ausgefallen war.

Mehrere Schiffe melden, dass in einem Gebiet, das die „Titanic“ auf ihrem Weg nach New York durchqueren wird, Eisfelder und Eisberge gesichtet wurden.

Zum Abendkonzert am Sonntag, den 14. April, taucht Petronius nicht auf. Er bleibt verschwunden, und die Kapelle muss ohne Bass zurechtkommen. Um 21.05 Uhr erscheint er unvermittelt in einem der vornehmsten Bordrestaurants. Er scheint verrückt geworden zu sein.

Eigentlich heißt der Italiener Giovanni Petronio Vitellotesta. Den Namen erhielt die Familie einer Legende zufolge aufgrund eines seltsamen Vorfalls: Petronius‘ Urgroßvater, ein Metzger, ärgerte sich darüber, dass seine Frau sich ihm schon ein halbes Jahr nach der Hochzeit verweigerte. Um sie zu erschrecken, höhlte er einen Kalbskopf aus, zog seine Sachen aus, damit das herauslaufende Blut und Fett sie nicht ruinierte und stülpte sich den Kalbskopf über. Als er nackt und mit erigiertem Penis hinter seiner schreienden Frau durch die Straßen rannte, hätten ihn die Bürger beinahe erschlagen, weil sie ihn zunächst für ein Ungeheuer hielten.

Als Petronius zwölf Jahre alt war, kam ein Marionettentheater in die Stadt, und er schloss sich den weiterziehenden Gauklern an. Giacomo, der Leiter der Truppe, wollte ihn schließlich mit seiner Tochter Giulia verheiraten, aber Petronius mochte seine Freiheit nicht aufgeben und erbat sich immer wieder einen Aufschub – bis Giulia sich in einen anderen verliebte.

Einmal spielten sie auf Einladung der verwitweten Contessa Francesca del Vetro auf der Terrasse ihres Schlosses vor ihr und ihren beiden Kindern Cristiano und Maria. Steif saßen sie da und verfolgten lustlos den Beginn der Vorstellung. Da kam Petronius auf eine Idee: Er nahm seine Geige, und während die Puppenspieler die Marionetten wieder zu bewegen begannen, erzählte er, ein Geist aus seinem Instrument hauche den Puppen Leben ein. Deren Bewegungen sahen plötzlich ganz natürlich aus, auch als die Puppenspieler hervorkamen, auf den Stufen der Terrasse weitermachten und man die Drähte deutlich sehen konnte. So wurde die Aufführung doch noch zu einem Erfolg. In dem Zimmer, in dem Petronius untergebracht wurde, wartete jemand auf ihn, der behauptete, der beschworene Geist aus der Violine zu sein und Petronius erzählte, Graf Lorenzo del Vetro habe ihm – einem seiner Musiker – aus Eifersucht die Kehle durchgeschnitten und seine Geige an einem Pfeiler zertrümmert.

„Ein brutaler Mann. Hätte er sich damit begnügt, mir die Kehle durchzuschneiden. Aber, wie gesagt, er musste ja obendrein meine Geige zerschlagen. […] Weißt du, er hat sie zerschlagen, während sie noch klang.“ (Seite 475)

Weil Petronius einmal vergaß, die Petroleumlampe zu löschen, brannte das Marionettentheater ab und Giacomo kam in den Flammen um. Mit Gelegenheitsjobs schlug er sich weiter durchs Leben, trat zum Beispiel als Bassist in einem Zirkus auf, heiratete, ließ sich scheiden, und wurde schließlich Schiffsmusiker.

Am 14. April 1912, kurz vor Mitternacht, 150 km vor der Küste Neufundlands, schrammt die „Titanic“ an einem Eisberg entlang. Durch einen 90 m langen Riss auf der Steuerbordseite dringt Wasser ein. Das Schiff wird sinken. Die Rettungssignale werden zwar von anderen Schiffen aufgefangen, aber diese sind zu weit weg, um rechtzeitig zur Stelle sein zu können. Die Rettungsboote reichen für 1200 Menschen; an Bord der „Titanic“ befinden sich jedoch 2224 Passagiere und Besatzungsmitglieder! Damit keine Panik aufkommt, holt der Purser die Kapelle an Deck. Während Frauen und Kinder in die Rettungsboote klettern sollen, spielen Jason Coward und seine Männer lebensfrohe Weisen. Um 0.45 Uhr wird das erste Rettungsboot zu Wasser gelassen. Weil die Passagiere, von denen die meisten nur ein dumpfes Geräusch gehört haben, nicht glauben wollen, dass eine ernsthafte Gefahr besteht, sind nur 28 statt 65 Frauen und Kinder an Bord des ersten Rettungsbootes.

Um 2.20 Uhr versinkt die „Titanic“ mit dem Bug nach unten. 1513 Menschen sterben bei der Katastrophe, 711 werden am frühen Morgen von der inzwischen eingetroffenen „Caparthia“ gerettet.

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Handelt es sich bei „Choral am Ende der Reise“ um ein weiteres Melodram über den Untergang der „Titanic“? Nein, Erik Fosnes Hansen verwendet die katastrophal endende Jungfernfahrt des Unglücksschiffes nur als Rahmenhandlung, um vor diesem Hintergrund das Leben einiger Musiker darzustellen, die an Bord der „Titanic“ für die Unterhaltung der Passagiere zu sorgen hatten. Allerdings handelt es sich nicht um die tatsächliche Besetzung der Bordkapelle, sondern um fiktive Figuren.

Die tatsächliche Besetzung der Bordkapelle auf der „Titanic“:
Wallace Henry Hartley (Kapellmeister), George Krins (Geige), Roger Bricoux (Cello), W. Theodore Brailey (Klavier), J. Wesley Woodward (Cello), P. C. Taylor (Klavier), J. F. C. Clarke (Bass), John Law Hume (Geige).

Der Engländer Jason Coward, der Russe Alexander Bjeschnikow, der Italiener Giovanni Petronio Vitellotesta, der Deutsche Leo von Lewenhaupt und der Wiener Jude David Bleiernstern: Sie sind allesamt in ihrem Leben gescheitert und auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit. Die tragische Havarie beendet ihre Träume und setzt einen Schlussakkord. Weil die Leser wissen, was mit der „Titanic“ geschieht, ist der Gedanke an den Tod von der ersten Seite an präsent. Der tragische Untergang des damals für unsinkbar gehaltenen größten und modernsten Dampfers auf seiner Jungfernfahrt ist eine Metapher für die Vermessenheit der Technikgläubigkeit angesichts der Naturgewalten und lässt zugleich die Einzelschicksale der Musiker zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen.

Erik Fosnes Hansen versucht in „Choral am Ende der Reise“ keine avantgardistischen Experimente, sondern er bettet die einzelnen Erzählungen, die mit zwei Ausnahmen (Jason Coward und Alexander Bjeschnikow) nicht weiter untereinander verknüpft sind, in die Rahmenhandlung über die Jungfernfahrt der „Titanic“ ein. Dabei gelingt es ihm, dem erschütternden und trostlosen Roman eine poetische Atmosphäre zu geben.

Der Norweger Erik Fosnes Hansen wurde 1965 in New York geboren, wuchs aber in Oslo auf. Schon mit zwanzig veröffentlichte er sein erstes Buch, einen zur Zeit der Kreuzzüge spielenden historischen Roman („Falkenturm“). Hansen arbeitet nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Literaturkritiker für die norwegische Tageszeitung „Aftenposten“. 1990 wurde er mit dem Literaturpreis „Riksmalsprisen“ ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch
Die Seitenangaben beziehen sich auf die Fischer-Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 2002

Der Untergang der Titanic

Erik Fosnes Hansen: Das Löwenmädchen

Michel Houellebecq - Elementarteilchen
Michel Houellebecq lässt uns die Leere und Depression der Figuren in seinem Roman "Elementarteilchen" intensiv spüren. Dazu tragen auch seine dürre, nachlässige Sprache und die gewollte Banalität der Dialoge bei.
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