William Gibson : Quellcode

Quellcode

William Gibson

Quellcode

Originalausgabe: Spook Country Verlag G. P. Putnam's Sons, New York 2007 Übersetzung: Stefanie Schaeffler Klett-Cotta, Stuttgart 2008 ISBN 978-3-608-93769-5, 448 Seiten, 22.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die frühere Rocksängerin Hollis Henry, die sich seit der Auflösung der Band mit journalistischen Arbeiten durchschlägt, soll für ein geplantes Magazin über neueste Computertechniken und deren Anwendung in der Locative Art schreiben. Bald ahnt sie, dass es um etwas anderes geht: Um die Aufspürung eines mit Dollarnoten gefüllten Frachtcontainers. Hollis ist nicht die einzige Person, die hinter dem Container her ist ...
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Kritik

Über die Charaktere der Figuren in dem Agententhriller "Quellcode" erfahren wir kaum etwas; die Handlung dient William Gibson wohl nur dazu, eine paranoide Gesellschaft darzustellen. Das ist denn auch das Besondere an "Quellcode".
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Hollis Henry, die frühere Sängerin der inzwischen aufgelösten Rockgruppe „The Curfeu“, zu der auch Reg Inchmale, Laura („Heidi“) Hyde und Jimmy Carlyle gehörten, schlägt sich als selbstständige Journalistin durch. Von Philip Rausch, der sich als Redakteur eines geplanten Technologie-Magazins mit kulturellem Touch ausgibt, das „Node“ heißen soll, erhält sie Anfang 2006 den Auftrag, über neueste Computertechniken und deren Anwendung in der Locative Art zu schreiben. (Bei dieser neuen Kunstform werden virtuelle, dreidimensionale, nur mit einem Spezialhelm zu sehende Szenen mit Hilfe von GPS in die Landschaft eingefügt.) Also fliegt Hollis nach Los Angeles und lässt sich durch die französische Kuratorin Odile Richard mit dem Künstler Alberto Corrales bekannt machen, der „räumlich markierte Hypermedia“ (Seite 34) gestaltet.

Die technischen bzw. elektronischen Grundlagen seiner Kunstwerke stammen von dem Kanadier Robert Ferguson, der sich „Bobby Chombo“ nennt. „Er ist der Technikkönig von diesen Locative-Art-Künstlern“, erklärt Alberto Corrales im Interview. Früher arbeitete er als Chef-Troubleshooter einer Firma, die Navigationsgeräte herstellt. Alberto Corrales kennt ihn seit zwei Jahren. Auf Anweisung von Philip Rausch drängt Hollis Henry den Künstler, sie zu Bobby Chombo zu bringen. Widerstrebend erfüllt ihr Alberto Corrales den Wunsch. Er weiß, dass es der ebenso geniale wie neurotische CPS-Freak nicht mag, wenn jemand von ihm erfährt, geschweige denn bei ihm auftaucht. – Nur weil Bobby Chombo „The Curfeu“ schätzte, wirft er die unangemeldete Besucherin nicht gleich wieder hinaus.

Unerwartet ruft der Geldgeber des Magazins „Node“ Hollis Henry aus der Halle ihres Hotels in Los Angeles an und lädt sie zu einem Gespräch ein. Hubertus Hendrik Bigend wurde am 7. Juni 1967 in Antwerpen als Sohn des Industriellen Benoît Bigend und der Bildhauerin Phaedra Seynhaev geboren und gründete die Werbeagentur „Blue Ant“. Freimütig bestätigt er Hollis‘ Verdacht, dass es bei ihrem Auftrag gar nicht um einen Artikel geht, sondern um etwas ganz anderes. Bigend erzählt ihr, dass CIA-Teams in der Straße von Malakka zusammen mit Piraten Handelsfrachter entern und diese nach Massenvernichtungswaffen durchsuchen, während die echten Piraten ihre Beute machen. Bei so einer Aktion sei den CIA-Agenten im August 2003 ein Container auf einem von Iran nach Macao fahrenden Frachter verdächtig vorgekommen, doch man habe ihnen per Funk befohlen, ihn nicht weiter zu untersuchen. Bigend nimmt an, dass Bobby Chombo die von dem Container in regelmäßigen Zeitintervallen abgegebenen Signale empfängt und ortet. Die Information versteckt er offenbar mit Mitteln der Steganografie in den Musikdateien auf einem iPod und schickt diesen nach San José in Costa Rica. Wer Bobby Chombo dafür bezahlt, weiß Hubertus Bigend allerdings nicht.

Tatsächlich werden die iPods von Costa Rica nach New York weitergeleitet. Empfänger ist Tito, das dreißigjährige Mitglied einer verhältnismäßig unbedeutenden Familie des organisierten Verbrechens, zu der auch seine Cousins Alejandro und Eusebio, seine Cousine Vianca, sein Onkel Carlito und seine Tante Juana gehören. Es handelt sich um Exilkubaner aus Havanna, deren Vorfahren aus China stammten. Aufgrund seiner Ausbildung spricht Tito russisch und amerikanisch.

Tito wird von einem Mann namens Brown observiert und abgehört. In dessen Terminologie handelt es sich bei Tito um einen IF (Illegal Facilitator), eine Person, die mit ihren kriminellen Aktivitäten andere Kriminelle unterstützt. Um die SMS zu verstehen, die Tito erhält bzw. abschickt, bringt Brown in New York den Studenten Milgrim in seine Gewalt, einen Drogenabhängigen, der russisch versteht. Brown scheint im Auftrag einer US-amerikanischen Behörde zu handeln, doch ob es wirklich so ist, findet Milgrim nicht heraus.

Der Container ist offenbar gerade nach Vancouver unterwegs.

Titos Auftraggeber, „der Alte“, ein Amerikaner, der früher bei der National Security Agency (NSA) gearbeitet hatte, aber einige Jahre vor den Anschlägen des 11. September 2001 ausgeschieden war, fliegt mit Tito und einem weiteren Mitarbeiter, dessen Vorname Garreth lautet, in einer Cessna nach Vancouver. An der Grenze weist Tito sich als „Ramon Alcin“ aus.

Brown und Milgrim – dessen US-amerikanischer Pass nun auf den Namen „David Miller“ lautet – fliegen ebenfalls mit einem Privatflugzeug nach Vancouver.

Hollis Henry wird von Hubertus Bigend hingeschickt. Odile Richard begleitet sie. Oliver Sleight, ein Mitarbeiter des örtlichen Büros der Agentur „Blue Ant“, holt die beiden am Flughafen ab.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Von Bobby Chombos Schwester Sarah Ferguson erfährt Hollis dessen Adresse in Vancouver. Als sie ihn aufsuchen will, fällt sie in der Einfahrt Garreth auf. Er nimmt sie mit in die Wohnung, in der sich außer Bobby auch der Alte und Tito aufhalten. (Bobby arbeitet auch für den Alten.) Hollis erklärt, sie habe Bobby Chombo bereits in Los Angeles für einen Artikel über Locative Art interviewt und sei nach Vancouver gereist, um das Interview abzuschließen. Nur weil Garreth sie als Sängerin der Gruppe „The Curfeu“ erkennt und ihre Identität damit unzweifelhaft ist, stellt der Alte sie vor die Wahl, sich entweder vorübergehend einsperren zu lassen oder Garreth zu begleiten. Auf jeden Fall will er sie bis zum Abschluss der geplanten Aktion unter Kontrolle behalten.

„Darf ich über alles schreiben, was ich sehen werde?“
„Natürlich“, antwortete er, „allerdings werden Sie vor den Augen des Gesetzes vermutlich zur Mittäterin, wenn sie sich aus freien Stücken dazu entschließen, uns bei unserem Vorhaben zu begleiten. Noch entscheidender dürfte allerdings sein, dass die Person, die wir behelligen wollen, sehr mächtig ist und guten Grund hat, jedes Wissen über das, was sie miterleben werden, zu unterdrücken.“ (Seite 358f)

Hollis begleitet Garreth in ein leer stehendes Künstlerloft in der Nähe des Hafens und sieht zu, wie er mit einem Präzisionsgewehr neunmal auf den Container schießt. Er erklärt ihr, der Frachtcontainer sei mit 100 Millionen Dollar in 100-Dollar-Noten beladen. Die habe er nun mit einem radioaktiven Cäsium-Isotop markiert, damit niemand sie unbemerkt in den Verkehr bringen könne. Titos Aufgabe ist es, die Einschusslöcher mit Hochenergie-Magneten abzudecken und mit passender Farbe zu besprühen.

Am nächsten Tag wird der Container auf einen Lastwagen verladen, der in Richtung zur US-amerikanischen Grenze losfährt.

Hollis Henry berichtet Hubertus Bigend, sie sei bei dem Versuch, noch einmal mit Bobby Chombo zu sprechen, auf einen älteren Mann und dessen Mitarbeiter gestoßen. Man habe sie vierundzwanzig Stunden lang gefangen gehalten und dann wieder freigelassen. Auf diese Weise braucht sie Bigend nicht zu verraten, was sie gesehen hat.

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„Quellcode“ („Spook Country“) ist eine Art Spionagethriller von William Gibson (*1948), der selbst von einer „caper novel“ spricht. Es wimmelt von Begriffen wie Virtual Reality, Geohacking, GPS, Data-Mining, Scrambler, Steganografie, iPod, PowerBook, Keyboard, Pager, Headset, WLAN, Locative Art. Die Handlung spielt nämlich in einer vernetzten High-Tech-Welt voller Elektronik. Seit dem 11. September 2001 leben die Menschen im Bewusstsein einer Bedrohung, beispielsweise durch Terroranschläge, und belauern sich misstrauisch. Die Drahtzieher undurchsichtiger globaler Aktionen bleiben jedoch im Hintergrund.

William Gibson beginnt „Quellcode“ mit drei Geschichten – die von Hollis Henry, Brown und Tito – und entwickelt sie parallel im Wechsel. Es dauert einige Zeit, bis Verbindungen zu erkennen sind und die verschiedenen Handlungsstränge verknüpft werden. Dabei bleiben die Figuren bis zum Schluss schemenhaft; wir erfahren kaum etwas über ihre Charakterzüge und können deshalb auch ihre Motive nicht immer nachvollziehen. Die Handlung dient William Gibson wohl nur dazu, eine paranoiden Gesellschaft darzustellen, wie sie vor allem in den USA entstand. Das ist denn auch das Besondere an „Quellcode“.

Despite a full complement of thieves, pushers and pirates, Spook Country is less a conventional thriller than a devastatingly precise reflection of the American zeitgeist, and it bears comparison to the best work of Don DeLillo. Although he is a very different sort of writer, Gibson, like DeLillo, writes fiction that is powerfully attuned to the currents of dread, dismay and baffled fury that permeate our culture. Spook Country – which is a beautifully multi-leveled title – takes an unflinching look at that culture. (Bill Sheehan, The Washington Post)

Dass Brown auf Seite 25 erst einmal als „Braun“ eingeführt wird, mag als Flüchtigkeitsfehler ignoriert werden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Martin Walser - Das dreizehnte Kapitel
Martin Walser beginnt seinen Briefroman "Das dreizehnte Kapitel" mit einer Satire. Erst das zweite Kapitel ist ein Brief. Zwischendurch lesen wir einen inneren Monolog. Wer sich nicht daran stört, dass die Geschichte konstruiert wirkt, unterhält sich auf hohem Niveau.
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