Hotel Ruanda

Hotel Ruanda

Hotel Ruanda

Hotel Ruanda - Originaltitel: Hotel Rwanda - Regie: Terry George - Drehbuch: Terry George und Keir Pearson - Kamera: Robert Fraisse - Schnitt: Naomi Geraghty - Musik: Andrea Guerra - Darsteller: Don Cheadle, Sophie Okonedo, Joaquin Phoenix, Nick Nolte, Desmond Dube, David O'Hara, Cara Seymour, Fana Mokoena, Hakeem Kae-Kazim, Tony Kgoroge, Mosa Kaiser, Mathabo Pieterson, Ofentse Modiselle, Xolani Mali, Neil McCarthy u.a. - 2004; 120 Minuten

Inhaltsangabe

Als Ruandas Präsident am 6. April 1994 bei einem Attentat ums Leben kommt, versuchen radikale Hutu-Milizen, die Tutsi in Ruanda auszurotten. Mehr als 1200 Tutsi suchen Zuflucht im Hotel "Mille Collines" in Kigali, das von dem mit einer Tutsi verheirateten Hutu Paul Rusesabagina geführt wird. Immer wieder bedrohen marodierende Hutu-Milizionäre ihn und seine Schützlinge, aber es gelingt ihm, sie wenigstens in seinem Hotel vom Morden abzuhalten ...
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Kritik

"Hotel Ruanda" ist ein politischer Film, aber Terry George zeigt keine Massaker, sondern die authentische, ergreifende Geschichte eines Überlebenden – Paul Rusesabagina –, der die Filmemacher beriet und mit ihnen nach Kigali flog.
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Das Vier-Sterne-Hotel „Mille Collines“ in Kigali gehört der belgischen Fluggesellschaft Sabena. Als sich 1994 die Auseinandersetzungen zwischen den Hutu und den Tutsi in Ruanda immer weiter verschärfen, verlässt der europäische Hotelmanager das Land, und der Hutu Paul Rusesabagina (Don Cheadle) übernimmt die Leitung des „Les Milles Collines“.

Wenn Paul Rusesabagina zum Einkaufen in die Stadt fährt, sieht er randalierende Hutu, und im Radio hört er, wie die Tutsi als „Kakerlaken“ beschimpft werden, die man wie Ungeziefer ausrotten müsse. Nach dem Abschuss des Flugzeugs, mit dem Präsident Juvénal Habyarimana am 6. April 1994 von einem Gipfeltreffen in Daressalam zurückkommen wollte, eskalieren die Auseinandersetzungen: Mit Gewehren, Macheten und Nagelkeulen bewaffnete Hutu-Milizen errichten Straßensperren, durchkämmen Kigali und verschonen bei ihrer Jagd auf Tutsi auch keine Frauen und Kinder (Völkermord in Ruanda).

Pauls Ehefrau Tatiana (Sophie Okonedo), eine Tutsi, ihre Kinder Roger, Elys und Diane (Ofentse Modiselle, Mathabo Pieterson, Mosa Kaiser) und die Nachbarfamilien werden von Hutu-Rebellen zusammengetrieben. Ihnen droht der Tod. Paul besticht den Anführer mit viel Geld und darf sie schließlich mit in sein Hotel nehmen. Unter den Geretteten ist auch das mit Paul und Tatiana befreundete Ehepaar Odette und Jean Baptiste Nyiramilimo (Lebo Mashile, Thulani Nyembe) mit seinen vier Kindern. Außerdem bringt die Rot-Kreuz-Schwester Pat Archer (Cara Seymour) zwanzig Waisenkinder ins Hotel „Mille Collines“.

Zunächst glaubt Paul, sich auf den Schutz der UN-Beobachter verlassen zu können, zumal der kanadische Colonel Oliver (Nick Nolte) Verstärkung erwartet. Allerdings haben die Blauhelm-Soldaten Befehl, nicht in gewalttätige Auseinandersetzungen einzugreifen, und es stellt sich heraus, dass die neu eingetroffenen Männer nur Ausländern beim Verlassen des Landes helfen dürfen. Die Afrikaner werden sich selbst überlassen, und keine westliche Regierung unternimmt etwas, um das Morden zu beenden. „Ihr seid noch nicht einmal Nigger, sondern Afrikaner“, sagt Colonel Oliver zu Paul und drückt damit auf sarkastische Weise seine Kritik an der Haltung der internationalen Staatengemeinschaft aus. Für die Öffentlichkeit in den USA und in Europa ist der Völkermord in Afrika weit weg. „Wenn die Leute im Westen diese Bilder sehen“, meint der englische Fernsehjournalist Jack Daglish (Joaquin Phoenix), „dann werden sie sagen ‚mein Gott, wie furchtbar‘, und dann werden sie ihr Abendessen fortsetzen.“ – Paul ist entsetzt, denn mit der Abreise der ausländischen Gäste ist das letzte Hemmnis beseitigt, das die Hutu-Milizen davon abhalten könnte, die Menschen im „Mille Collines“ zu massakrieren.

Als Hutu-Milizionäre Paul aus dem Bett holen und von ihm verlangen, das Hotel zu räumen, ruft er den Sabena-Präsidenten Tillens (Jean Reno) an. Der telefoniert mit dem Büro des französischen Staatspräsidenten und erreicht, dass die Milizionäre den Befehl zum Abzug erhalten, bevor sie jemandem etwas angetan haben. Weil keine weitere Hilfe aus dem Westen zu erwarten ist, sollen alle Anwesenden, die Kontakte zu Ausländern haben, diese anrufen und auf den Völkermord hinweisen.

Im Warenlager des Großhändlers George Rutaganda (Hakeem Kae-Kazim), bei dem Paul Bier und Spirituosen kauft, werden Tutsi-Frauen in Käfigen gefangen gehalten und vergewaltigt. Während der Lieferwagen des Hotels beladen wird, kündigt George seinem Kunden an, dass die Hutu-Miliz (Interhamwe) auch die Tutsi unter den Gästen des „Mille Collines“ töten werde. „Ihr glaubt doch nicht, dass ihr alle umbringen könnt?“, entgegnet Paul. „Wieso nicht?“, meint George. „Die Hälfte haben wir schon geschafft.“

Auf dem Rückweg verlieren Paul und sein Fahrer im Nebel die Orientierung. Das Fahrzeug rumpelt über Unebenheiten auf der Straße. Paul steigt aus, um nachzusehen – und stellt fest, dass sie über Leichen gefahren sind.

Paul Rusesabagina sorgt schließlich für 1268 Flüchtlinge, die er in den 113 Gästezimmern und anderen Räumen des Hotels untergebracht hat. Als die Wasserzufuhr abgesperrt wird, schöpfen die Menschen im „Mille Collines“ das Wasser aus dem Swimmingpool.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Sobald marodierende Hutu-Milizionäre auftauchen und die Menschen im Hotel bedrohen, versucht Paul, mit ihren Anführern ins Gespräch zu kommen und sie zu besänftigen. Mehrmals hilft ihm auch der Hutu-General August Bizimungu (Fana Mokoena), den er mit Single Malt Whisky und Havanna-Zigarren besticht, unterwürfig umwirbt und schlitzohrig belügt.

Die Telefongespräche ins Ausland zeigen schließlich Wirkung: Colonel Oliver kehrt mit UN-Soldaten zurück, um eine bestimmten Anzahl von Familien zu einem Flugzeug zu bringen, mit dem sie in Sicherheit gebracht werden sollen. Auch Paul und seine Familie sind darunter, doch im letzten Augenblick bleibt er zurück, denn solange noch Schutzsuchende im Hotel sind, will er sich um sie kümmern. Der Hotelangestellte Gregoire (Tony Kgoroge) benachrichtigt die Führung der radikalen Hutu, die daraufhin über den Rundfunk dazu aufrufen, die Tutsi nicht entkommen zu lassen. Der UN-Konvoi wird angegriffen, und Colonel Oliver bleibt nichts anderes übrig, als zum Hotel zurückzufahren. Erst im zweiten Anlauf gelingt es ihm am 28. Mai 1994, die Menschen aus dem „Mille Collines“ in ein Flüchtlingslager zu bringen. Dort findet Tatiana auch ihre beiden kleinen Nichten Anais und Carine (Kgomotso Seitshohlo, Lerato Mokgotho), die Kinder ihres Bruders Thomas Mirama (Antonio David Lyons) und ihrer Schwägerin Fedens (Leleti Khumalo), die offenbar ums Leben gekommen sind. Sie werden nach Belgien ausgeflogen, wo sie ein viertes Kind bekommen und die verwaisten Nichten adoptieren.

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Es ist ein Wagnis, den Völkermord 1994 in Ruanda zum Thema eines Kinofilms zu machen. Gewiss wird es Kritiker geben, die es ablehnen, eine der schlimmsten humanitären Katastrophen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Hintergrund eines letztlich doch auch unterhaltsamen Kinoabends zu machen. Wenn man jedoch ein breiteres Publikum auf solche historischen Ereignisse aufmerksam machen möchte, reicht eine Dokumentation wahrscheinlich nicht aus. Terry George missbraucht in „Hotel Ruanda“ den Genozid nicht für Schockeffekte, sondern zeigt statt der Massaker das Überleben einiger Menschen. Der grauenvolle Hintergrund bleibt schon allein durch die Hasstiraden im Rundfunk gegenwärtig. Wie Steven Spielberg in „Schindlers Liste“ greift Terry George das Beispiel eines Mannes heraus, dem es gelingt, rund 1200 Menschen zu retten. „Hotel Ruanda“ handelt von Paul Rusesabagina, und die politischen Aussagen – wie die Kritik an der internationalen Staatengemeinschaft, die bei dem Völkermord untätig blieb – sind in diese persönliche Geschichte eingebaut. Wie Oskar Schindler ist Paul Rusesabagina keine fiktive Figur, sondern der Mann hat 1994 tatsächlich das Hotel „Mille Collines“ in Kigali geleitet und dort 1268 Menschen Zuflucht vor den Mörderbanden geboten. Paul Rusesabagina, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten ein Schwertransportunternehmen in Brüssel leitete, beriet die Filmemacher und flog mit ihnen – erstmals seit seiner Ausreise im Mai 1994 – nach Kigali. Etwa neunzig Prozent der Filmszenen seien authentisch, meinte er, nachdem er „Hotel Ruanda“ gesehen hatte.

Der Hauptdarsteller Don Cheadle, die Nebendarstellerin Sophie Okonedo und die Drehbuchautoren Terry George und Keir Pearson wurden für einen „Oscar“ nominiert.

Raoul Peck wählte in seinem Fernsehfilm über den Völkermord in Ruanda„Sometimes in April“ – einen anderen Ansatz als Terry George in „Hotel Ruanda“: Er zeigt sozusagen, was außerhalb des Hotels „Mille Collines“ geschah, allerdings inszenierte er die Massaker nicht aus Effekthascherei, sondern in ernster Absicht. Hauptfiguren seiner Geschichte sind zwei Hutu-Brüder, die sich zehn Jahre nach dem Völkermord vor einem Kriegsverbrecher-Tribunal wiedersehen. Der eine war im April 1994 Moderator bei einem Hetzsender gegen die Tutsi, der andere ein General, der sich damals weigerte, bei dem Morden mitzumachen.

Originaltitel: Sometimes in April – Regie: Raoul Peck – Drehbuch: Raoul Peck – Kamera: Eric Guichard – Schnitt: Jacques Comets – Musik: Bruno Coulais – Darsteller: Idris Elba, Debra Winger, Oris Erhuero, Pamela Nomvete, Carole Karemera u. a. – 2005; 140 Minuten

Statt eines Hoteliers zeigt Michael Caton-Jones in „Mord unter Zeugen“ (TV) / „Shooting Dogs“ (Kino) einen Pater, der 2500 verfolgten Tutsi in einer Berufsschule Zuflucht bietet, in der auch UN-Truppen stationiert sind. Als diese am 11. April 1994 abziehen, kann Pater Christopher nichts mehr für seine Schützlinge tun.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005 / 2007

Völkermord in Ruanda
Michael Caton-Jones: Mord unter Zeugen / Shooting Dogs
Terry George: Ein einziger Augenblick

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