Max Frisch : Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie

Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie

Max Frisch

Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie

Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie Manuskript: 1952 (Überarbeitung: 1961) Uraufführung: 5. Mai 1953 Schauspielhaus Zürich und Schiller-Theater Berlin (revidierte Fassung: Hamburg, 12. September 1962) Buchausgabe (revidierte Fassung):Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1962
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Max Frisch zeigt Don Juan einmal nicht als tragische Figur. In seiner Komödie kapituliert Don Juan, lässt sich von einer seiner zahlreichen Verehrerinnen in einen Palast sperren und wird am Ende auch noch Vater.
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Kritik

"Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie" ist weder ein charakteristisches noch ein besonders wichtiges Werk des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, aber eine amüsante Komödie allemal.
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Tenorio ist verzweifelt über seinen Sohn Don Juan, denn der ist bereits 21 und macht sich immer noch nichts aus Frauen, sondern beschäftigt sich lieber mit Geometrie. Der Vater hat ihn schon ins Bordell geschleppt, aber da hat er auch nur Schach gespielt. Tenorio klagt: „Er hat kein Herz, ich sag’s, genau wie seine Mutter. Kalt wie Stein.“

Don Gonzalo von Ulloa, der Komtur von Sevilla, beauftragt den vermeintlichen Taugenichts, die maurische Festung von Cordoba zu vermessen — und ist erstaunt, als Don Juan erfolgreich und unverletzt zurückkehrt. (Er ahnt nicht, dass man dazu nicht die Mauern abschreiten muss, sondern in sicherer Entfernung bleiben kann, wenn man ein paar geometrische Lehrsätze beherrscht.) Dem Helden von Cordoba gibt er seine Tochter Anna als Braut.

Die Bordellbesitzerin Celestina ist verärgert, weil sich die hübsche Prostituierte Miranda in Don Juan verliebt hat:

Verliebt! Und du wagst dich unter meine Augen? Verliebt in einen einzelnen Herrn. — Hier ist dein Bündel, und damit basta! … Hab ich euch nicht immer und immer gewarnt: Lasst eure Seel aus dem Spiel? Ich kenne das Schlamassel der wahren Liebe. Wie sonst käme ich dazu, meinst du, ein Bordell zu führen?

Celestina erklärt Miranda, warum Männer ins Bordell gehen:

Also wozu kommen sie hierher? Ich will es dir sagen, mein Schätzchen: Hier, mein Schätzchen, erholt sich der Mann von seinen falschen Gefühlen. Das nämlich ist das, wofür sie zahlen mit Silber und Gold. … Ich verkaufe hier keine Innerlichkeit. Verstanden? Ich verkaufe keine Mädchen, die innen herum von einem andern träumen. Das, mein Schätzchen, haben unsre Kunden auch zuhaus! – Nimm dein Bündel, sag ich, und verschwinde. … Heul nicht auf meiner Schwelle herum, wir sind ein Freudenhaus.

Statt „Ja“ sagt Don Juan bei der Trauung „Nein“. Er begegnete Anna am Vorabend im Park, ohne sie zu kennen, und sie liebten sich am Ufer des Sees. Weil die Braut sich offenbar dem Erstbesten hingab — auch wenn er es zufällig selbst war –, vermag er ihr nicht die ewige Treue zu schwören.

Der Brautvater fordert ihn zum Duell heraus. Seine Ehefrau, Donna Elvira, tritt dazwischen. Sie bewundert Don Juans Mut, und als er sich verstecken will, zieht sie ihn in ihre Kammer …

„Ich ertrage keine Freunde, die meiner sicher sind“, warnt Don Juan seinen Freund Don Roderigo. Eine verschleierte Frau tritt auf, von der Don Juan annimmt, es handele sich um Donna Anna. Um sie loszuwerden, verrät er ihr, dass er inzwischen nicht nur mit ihr geschlafen habe, sondern auch mit ihrer Mutter und mit Donna Inez, der Braut seines Freundes. Don Roderigo stürzt davon und ersticht sich. Don Gonzalo erscheint, fordert Don Juan erneut zum Zweikampf heraus — und fällt. Pater Diego nähert sich mit der leblosen Donna Anna auf den Armen: Sie hat sich aus Liebeskummer ertränkt. Don Juan ist verwirrt: Die verschleierte Besucherin ist also nicht Donna Anna! Er fordert sie auf, den Schleier zu lüften: Es ist Miranda.

Zwölf Jahre später. Obwohl Don Juan bankrott ist, lässt er durch seinen Diener Leporello eine festliche Tafel decken. Er erwartet dreizehn Damen, die behaupten, er habe sie verführt; dazu hat er den Bischof von Cordoba und das Denkmal des toten Komturs eingeladen.

Bevor die ersten Gäste kommen, erscheint Celestina, teilweise als Denkmal verkleidet. Sie verlangt von Don Juan eine Verdoppelung des vereinbarten Honorars, sonst werde sie den Steinernen Gast nicht spielen.

Don Juan: Das nenne ich Erpressung.
Celestina: Nennen Sie’s, wie Sie wollen, Don Juan, es geht mir nicht um die Benennung, sondern ums Geld.

Miranda, die inzwischen die Witwe des Herzogs von Ronda ist und in einem Schloss mit 44 Zimmern wohnt, lädt Don Juan nochmals ein, bei ihr zu wohnen und bietet ihm auch an, seine Schulden zu bezahlen. Aber er will nichts davon hören. Sie gibt ihm zu bedenken:

Du hast immer bloß dich selbst geliebt und nie dich selbst gefunden. Darum hassest du uns. Du hast uns stets als Weib genommen, nie als Frau. Als Episode. Jede von uns. Aber die Episode hat dein ganzes Leben verschlungen.

Als nächstes tritt der Bischof ein. Im Verlauf des Gesprächs sagt Don Juan:

Meine Hände, so höre ich, sind wie Wünschelruten; sie finden, was der Gatte zehn Jahre lang nie gefunden hat an Quellen der Lust. … Gerade Sie, Bischof von Cordoba, sorgen für meinen Ruhm wie kein andrer, es ist ein Witz: die Damen, die von euren Predigten kommen, träumen ja von mir, und ihre Ehegatten ziehen die Klinge, bevor ich die Dame auch nur bemerkt habe so muss ich mich schlagen, wo ich stehe und gehe, Übung macht mich zum Meister, und noch bevor ich meine Klinge wieder einstecke, hängen die Witwen an meinem Hals, schluchzend, damit ich sie tröste.

So könne das nicht weitergehen. Es müsse etwas geschehen:

Jetzt sind es zwölf Jahre schon, Eminenz, seit dieses Denkmal steht mit dem peinlichen Spruch: DER HIMMEL ZERSCHMETTERE DEN FREVLER, und ich, Don Juan Tenorio, spaziere dran vorbei, sooft ich in Sevilla bin, unzerschmettert wie irgendeiner in Sevilla. Wie lang, Eminenz, wie lang denn soll ich es noch treiben? Verführen, erstechen, lachen, weitergehen … Es muss etwas geschehen, Bischof von Cordoba, es muss etwas geschehen!

Don Juan unterbreitet dem Bischof einen Vorschlag: Er hat alles vorbereitet, um seine Höllenfahrt zu inszenieren, eine Bodenklappe und eine Maschine, die es knallen und nach Schwefel riechen lassen wird. Die Kirche soll Don Juan in einem Kloster verstecken. Niemand dürfe etwas davon erfahren. Wenn alle glauben, dass der Frevler seine gerechte Strafe erhalten habe, sei auch der Kirche gedient. Und er könne sich endlich still und zufrieden der Geometrie widmen.

Da gibt sich der vermeintliche Bischof zu erkennen: Don Balthazar Lopez, der gehörnte Ehemann von Donna Belisa, hat sich verkleidet, um Don Juans Spiel zu durchkreuzen. Unbeirrt führt Don Juan seinen Plan durch — und Don Balthazar Lopez versucht vergeblich, die Damen davon abzuhalten, an den Spuk zu glauben. Weil er öffentlich darauf beharrt, ein Schwindler habe den Steinernen Gast gespielt, wird er des Landes verwiesen. In Marokko erhängt er sich.

Der letzte Akt spielt im Palast der Herzogin von Ronda. Don Juan unterhält sich mit dem früheren Pater Diego, der zum Bischof von Cordoba avancierte:

Ich bin ja ihr Gefangener, vergessen Sie das nicht, ich kann ja nicht aus diesem Schloss heraus; wenn man mich draußen sieht, ist meine Legende hin, und das heißt, ich hätte abermals als Don Juan zu leben.

Miranda berichtet den beiden, dass man die Höllenfahrt des Don Juan in Sevilla als Theaterstück aufführt. Ihr wird schwindlig und sie sagt zu Don Juan: „Ich glaube, wir bekommen ein Kind.“

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Die Don-Juan-Legende stammt wohl aus dem mittelalterlichen Spanien. Tirso de Molina (Der Verführer von Sevilla: Uraufführung 1624), Molière (Don Juan oder Der steinerne Gast, Uraufführung 1665), Antonio de Zamora (Jede Frist läuft ab und jede Schuld wird bezahlt und Der steinerne Gast: Uraufführung 1714), José Zorilla y Moral (Don Juan Tenorio, Uraufführung 1844) und andere haben den Stoff dramatisch bearbeitet; Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte machten daraus eine Oper (Il dissoluto punito ossìa Il Don Giovanni, Uraufführung 1787).

Mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung reiste Max Frisch im April 1951 in die USA. Dort verfasste er im folgenden Winter die Komödie „Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie“, die am 5. Mai 1953 vom Schauspielhaus Zürich (Regie: Oskar Wälterlin, Hauptrolle: Will Quadflieg) und vom Schiller-Theater in Berlin (Regie von Hans Schalla, Hauptrolle: Peter Mosbacher) uraufgeführt wurde. 1961 überarbeitete Max Frisch das Stück noch einmal. Die Neufassung wurde am 12. September 1962 vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg erstmals aufgeführt (Regie: Ulrich Erfurth, Hauptrolle: Ullrich Haupt) und erwies sich als erfolgreicher als die Originalversion.

In Max Frischs Vorstellung ist Don Juans Untreue nicht die Folge von Triebhaftigkeit und Ausschweifung, sondern der Selbstverliebtheit dieses grüblerischen, nach Wahrheit suchenden Intellektuellen, der zu keiner echten Beziehung fähig ist und weder Liebe noch Freundschaft kennt. In seinem Nachwort schreibt Max Frisch über Don Juan:

Sein Ruhm als Verführer (der ihn als Ruhm begleitet, ohne dass er sich selbst mit diesem Ruhm identifiziert) ist ein Missverständnis seitens der Damen. Don Juan ist ein Intellektueller, wenn auch von gutem Wuchs und ohne alles Brillenhafte. Was ihn unwiderstehlich macht für die Damen von Sevilla, ist durchaus seine Geistigkeit, sein Anspruch auf eine männliche Geistigkeit, die ein Affront ist, indem sie ganz andere Ziele kennt als die Frau und die Frau von vornherein als Episode einsetzt — mit dem bekannten Ergebnis freilich, dass die Episode schließlich sein ganzes Leben verschlingt.

Der klassische Don Juan ist eine tragische Figur. Anders wird er hier gezeigt: Don Juan kapituliert, lässt sich von einer seiner zahlreichen Verehrerinnen in einen Palast sperren und wird am Ende auch noch Vater.

„Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie“ ist weder ein charakteristisches noch ein besonders wichtiges Werk des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, aber eine amüsante Komödie allemal.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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