Max Frisch : Homo faber

Homo faber

Max Frisch

Homo faber

Homo faber. Ein Bericht Erstausgabe: Suhrkamp Verlag 1957

Inhaltsangabe

"Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung? Ich gebe zu: Ohne die Notlandung in Tamaulipas (26. III.) wäre alles anders gekommen; ich hätte diesen jungen Hencke nicht kennen gelernt, ich hätte vielleicht nie wieder von Hanna gehört, ich wüsste heute noch nicht, dass ich Vater bin. ..."

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Kritik

Max Frisch konterkariert in diesem nur scheinbar sachlich geschriebenen "Bericht" Techniker, die nicht an den Zufall glauben und überzeugt sind, dass es für alles eine Ursache gibt. An diesem Beispiel zeigt er, dass dieses Denken nicht nur falsch ist, sondern auch verantwortungslos sein kann.
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Der 50-jährige Staudamm-Ingenieur Walter Faber glaubt nicht an das Schicksal; er hält alles für berechenbar und meint, selbst Gefühle kontrollieren zu können. Zu Beginn seines „Berichts“ schreibt er:

Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung? Ich gebe zu: Ohne die Notlandung in Tamaulipas (26. III.) wäre alles anders gekommen; ich hätte diesen jungen Hencke nicht kennen gelernt, ich hätte vielleicht nie wieder von Hanna gehört, ich wüsste heute noch nicht, dass ich Vater bin. Es ist nicht auszudenken, wie anders alles gekommen wäre ohne diese Notlandung in Tamaulipas. Vielleicht würde Sabeth noch leben. Ich bestreite nicht: Es war mehr als ein Zufall, dass alles so gekommen ist, es war eine ganze Kette von Zufällen. Aber wieso Fügung? Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik; Mathematik genügt mir.

1957. Walter Faber lernt während eines Fluges von New York nach Mexiko Herbert Hencke kennen, einen Deutschen, der auf dem Weg zu seinem Bruder Joachim ist. Bei Joachim Hencke handelt es sich um einen Mediziner, der in seiner Studentenzeit mit Walter Faber befreundet war.

Von 1933 bis 1935 arbeitete Walter Faber als Assistent an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich an seiner Dissertation über die Bedeutung des sogenannten Maxwell’schen Dämons. Damals war er mit der Kunststudentin Hanna Landsberg zusammen. „Ich nannte sie eine Schwärmerin und Kunstfee. Dafür nannte sie mich: Homo Faber.“ Um ans Heiraten denken zu können, verdiente zu wenig Geld, und er fühlte sich auch noch zu jung dafür. Seine Eltern waren ohnehin dagegen, weil sie sich für den Fall seiner Eheschließung mit einer Halbjüdin Sorgen um seine Karriere machten. Dann wurde ihm eine viel versprechende Stelle in Bagdad angeboten. Zur gleichen Zeit eröffnete ihm Hanna, sie sei schwanger. „Ihre Behauptung, ich sei zu Tode erschrocken, bestreite ich noch heute. … Ich fragte: Hast du denn einen Arzt, wo du hingehen kannst? Natürlich meinte ich bloß: um sich einmal untersuchen zu lassen. Hanna nickte. Das sei keine Sache, sagte sie, das lasse sich schon machen!“ Gleich darauf zog Hanna unvermittelt von Zürich nach München. Sie hatte verstanden, dass Faber das Kind nicht wollte.

Faber trat die Stelle in Bagdad an. Von Hanna hörte er nichts mehr. Auch nicht von Joachim. Nun erfährt er von dessen Bruder, dass Hanna und Joachim damals heirateten. Auch eine Tochter sollen sie gehabt haben. 1938 sei es Hanna gelungen, nach Paris zu emigrieren. Dort lebte sie zwei Jahre mit einem französischen Schriftsteller zusammen.

Das Flugzeug, in dem Walter Faber und Herbert Hencke sitzen, muss in der Wüste von Mexiko notlanden. Niemand wird ernsthaft verletzt. Nachdem sie endlich in Mexiko-Stadt eingetroffen sind, beschließt Walter Faber, Herbert Hencke bei der Suche nach Joachim zu begleiten. Als sie endlich in Guatemala seinen Aufenthaltsort finden, erfahren sie von einheimischen Mitarbeitern der Hencke-Bosch GmbH, er sei tot. Die Tür der von ihm bewohnten amerikanischen Wellblechbaracke ist verriegelt. Sie sprengen die Tür auf. Er hat sich erhängt.

In New York wird Faber von seiner Geliebten vom Flughafen abgeholt. Ivy freut sich auf gemeinsame Tage mit ihm. Erst in einer Woche hat er in Paris zu tun. Plötzlich greift Faber zum Telefon und bucht statt des Fluges eine Schiffsreise. Am nächsten Vormittag muss er los.

An Bord des Dampfers verliebt er sich in die 20-jährige Sabeth, die ihn an Hanna erinnert. Sie möchte einige Tage in Paris verbringen und dann nach Rom trampen. Nach der Ankunft in Le Havre trennen sich ihre Wege.

Da sie vom Louvre sprach, streift Faber dort tagelang herum, und tatsächlich trifft er sie wieder. „Sie war wirklich ein Kind, wenn auch Kettenraucherin, sie hielt es wirklich für Zufall, dass man sich in diesem Paris nochmals getroffen hatte.“ Er bietet ihr an, sie in seinem Leihwagen nach Rom zu fahren. Sie nehmen getrennte Zimmer, aber in einer Nacht mit einer Mondfinsternis kommt sie dann doch mit in sein Zimmer.

Während der Reise erfährt Faber, dass Sabeths Mutter im Archäologischen Institut in Athen arbeitet („Götter gehören zu ihrem Job“). Sie war mit einem Mann namens Piper verheiratet, aber die Ehe scheiterte. Sabeth stamme aber nicht aus dieser Verbindung, sondern aus der ersten Ehe ihrer Mutter. Sabeths Erzählungen weisen immer deutlicher darauf hin, dass Hanna ihre Mutter ist. Aber selbst als das geklärt ist, verdrängt Faber den Gedanken, Sabeth könne seine Tochter sein. Er hält Joachim für den Vater und zweifelt nicht daran, dass Hanna das von ihm gezeugte Kind abgetrieben hat.

Auch auf dem Weg von Italien nach Griechenland weicht Faber nicht von Sabeths Seite. Weil in Korinth alle Hotels belegt sind, wandern sie die ganze Nacht im Freien und schlafen am Vormittag am Strand. Faber schwimmt im Meer, als er ihren Schrei hört.

Sabeth oben auf der Böschung: Sie hält ihre rechte Hand auf die linke Brust, wartet und gibt keinerlei Antwort, bis ich die Böschung ersteige (es ist mir nicht bewusst gewesen, dass ich nackt bin) und mich nähere – dann der Unsinn, dass sie vor mir, wo ich ihr nur helfen will, langsam zurückweicht, bis sie rücklings (dabei bin ich sofort stehen geblieben!) rücklings über die Böschung fällt.

Sabeth wurde oberhalb der linken Brust von einer Schlange gebissen und hat sich bei dem Sturz am Kopf verletzt. Faber trägt die Bewusstlose zur Straße hinauf, hält einen Karren an und bringt sie nach Athen ins Krankenhaus.

Was mich beruhigte: Die Mortalität bei Schlangenbiss (Kreuzotter, Vipern aller Art) beträgt drei bis zehn Prozent, sogar bei Biss von Kobra nicht über fünfundzwanzig Prozent, was in keinem Verhältnis steht zu der abergläubischen Angst vor Schlangen, die man allgemein noch hat.

Im Krankenhaus begegnet er auch Hanna wieder. Er will ein Hotelzimmer nehmen, aber sie besteht darauf, dass er bei ihr wohnt.

„Walter, was hast du mit Elsbeth gehabt?“
Dabei wusste sie es bestimmt.
„Komm“, sagt sie, „sag es!“
Ich weiß nicht, was ich antwortete.
„Ja oder nein!“, fragt sie.
Gesagt war gesagt –
Hanna lächelte noch, als hätte sie’s nicht gehört, ich war erleichtert, dass es endlich gesagt war, geradezu munter, mindestens erleichtert.
„Bist du mir böse?“, frage ich.
Ich hätte lieber auf dem Boden geschlafen, Hanna bestand darauf, dass ich mich wirklich ausruhen sollte, das Bett war bereits mit frischen Tüchern bezogen – alles für die Tochter, die ein halbes jahr in der Fremde gewesen ist: ein neues Pyjama, das Hanna wegnahm, Blumen auf dem Nachttisch, Schokolade, das blieb.
„Bist du mir böse?“, frage ich.
„Hast du alles?“, fragt sie, „Seife ist da –“
„Ich konnte nicht wissen“, sage ich –
„Walter“, sagt sie, „wir müssen schlafen.“

Sabeth stirbt, nicht am Schlangenbiss, sondern an einer Schädelbasisfraktur, die von den Ärzten übersehen wurde.

Nach einer sechswöchigen Reise (New York, Caracas, Havanna, Düsseldorf und Zürich) kehrt Faber nach Athen zurück – und bricht dort zusammen. Die Ärzte im Krankenhaus diagnostizieren Magenkrebs. Während er auf die Operation wartet, schreibt er seinen „Bericht“ zu Ende. Der Text endet mit den Worten: „08.05 Uhr Sie kommen.“

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Max Frisch konterkariert in diesem nur scheinbar sachlich geschriebenen „Bericht“ Techniker, die nicht an den Zufall glauben und überzeugt sind, dass es für alles eine Ursache gibt. An diesem Beispiel zeigt er, dass dieses Denken nicht nur falsch ist, sondern auch verantwortungslos sein kann.

Das Geschehen in „Homo faber“ ist ereignisreich genug. Entscheidend aber ist die Entwicklung Fabers. Allmählich gelingt es ihm nicht mehr, zu verdrängen, dass Sabeth seine Tochter sein könnte. Aber bis ans Ende klammert er sich immer verzweifelter an sein Weltbild, in dem es zwar Zufälle, aber keine schicksalshafte Fügung gibt. Und natürlich geht es um seine Schuld. Sabeth stirbt nicht am Schlangenbiss, sondern weil sie vor ihrem nackten Vater zurückweicht [Inzest].

Der Roman ist ein einziger Tafelanschrieb: Mann gegen Frau,Technik gegen Natur, genaueste Berechnungen gegen wuchernde Dschungel-Vegetation, alles geht restlos auf. Und wenn sämtliche, fein säuberlich über den ganzen Roman verstreute Gegensätze erkannt worden sind, bleibt unterm Strich ein großes Gefühl übrig: Es vibriert vor Schicksal und Sexualität. (Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung, 14. Dezember 2010)

Angeblich verfasste Walter Faber seinen Bericht in zwei Teilen, 80 Prozent in der Zeit vom 21. Juni bis 8. Juli 1957 in Caracas, den Rest ab 19. Juli in Athen. Faber berichtet chronologisch. Mit Sabeths Unfall ändert sich das. Bevor er darauf zu sprechen kommt, nimmt er das Wiedersehen mit Hanna an Sabeths Krankenbett vorweg und springt dann mehrmals in der Darstellung vor und zurück. Das ist ein geschickter dramaturgischer Kunstgriff, denn das plötzliche Hin und Her schafft Unruhe und steigert die Spannung.

Max Frisch schreibt virtuos knapp und konkret, problembewusst und zugleich unterhaltsam.

Volker Schlöndorff verfilmte den Roman 1991: „Homo faber“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2010
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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