F. Scott Fitzgerald : Der seltsame Fall des Benjamin Button

Der seltsame Fall des Benjamin Button
Originalausgabe: The Curious Case of Benjamin Button in: The Saturday Evening Post, 1922 in: "Tales of the Jazz Age" Scribners, New York 1922 Der seltsame Fall des Benjamin Button Neuübersetzung: Christa Schuenke Diogenes Verlag, Zürich 2008 ISBN: 978-3-257-23659-0, 71 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Das Ehepaar Button erwartet 1860 in Baltimore ein Kind. Als Roger Button ins Krankenhaus kommt und nach seiner Frau fragt, merkt er an den Reaktionen der Schwestern, dass etwas nicht stimmt. Besorgt geht er weiter, bis er vor dem Bett des Neugeborenen steht. Er kann es kaum glauben: Sein erst wenige Stunden alter Sohn sieht aus wie ein alter Mann! – Dessen körperliche Verfassung verbessert sich von Jahr zu Jahr; er wird immer jünger ...
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Kritik

Aus einem ebenso originellen wie skurrilen Plot entwickelt F. Scott Fitzgerald eine konsequente, temporeiche, mit einem Feuerwerk von witzigen Einfällen gespickte tragikomische Erzählung. "Der seltsame Fall des Benjamin Button" ist eine literarische Perle.
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Roger Button, der Präsident des Eisenwaren-Großhandelsunternehmens „Roger Button & Co“, eilt 1860 ins „Maryland Private Hospital for Ladies and Gentlemen“ in Baltimore, um nach seiner hochschwangeren Frau zu sehen. Am Eingang begegnet er Dr. Keene, dem langjährigen Hausarzt seiner Familie. Aufgeregt fragt Roger Button, ob seine Frau bereits niedergekommen sei und ob sie einen Jungen oder einen Mädchen geboren habe. An den unwirschen Reaktionen des Doktors merkt er, dass etwas nicht in Ordnung ist. Besorgt erkundigt er sich nach dem Befinden seiner Frau und fragt voller Vorahnungen, ob es etwa Drillinge seien. Statt ihm zu antworten, erklärt ihm Dr. Keene, er müsse sich einen anderen Hausarzt suchen und lässt ihn stehen.

Button betritt das Krankenhaus und geht auf eine Krankenschwester zu, die hinter einem Tisch sitzt.

„Guten Morgen“, sagte sie und blickte freundlich zu ihm auf.
„Guten Morgen. Ich – ich bin Mr Button“
Als die junge Frau diese Worte vernahm, breitete sich ein unaussprechliches Entsetzen auf ihrem Gesicht aus. Sie sprang auf, als wollte sie die Flucht ergreifen, und es war nicht zu übersehen, dass sie allergrößte Mühe hatte, sich zu bezähmen.
„Ich möchte gern zu meinem Kind“, sagte Mr Button.
Die Krankenschwester stieß einen kleinen Schrei aus. „Oh – selbstverständlich!“, rief sie hysterisch. „Die Treppe hianuf. Gleich da oben. Gehen Sie – nach oben!“ (Seite 9)

Endlich sieht Button das Neugeborene. Es hat einen Bart, sieht wie ein siebzigjähriger Mann aus und ist mit etwa 1.70 Meter viel zu groß für das Kinderbett: Seine Beine hängen heraus.

„Bist du mein Vater?“, will es wissen. (Seite 12)

Buttons Sohn beschwert sich, er habe bei dem Kindergeschrei auf dieser Station kein Auge zugetan.

„Und als ich was zu essen verlangt hab, da haben sie mir ein Fläschchen mit Milch gebracht!“ (Seite 13)

Die zuständige Krankenschwester fordert Mr Button auf, seinen Sohn unverzüglich mit nach Hause zu nehmen.

„Gehen Sie hinunter in die Stadt und kaufen Sie Ihrem Sohn etwas zum Anziehen.“
Die Stimme seines Sohnes verfolgte Mr Button bis in den Flur. „Und einen Krückstock, Vater. Ich will einen Krückstock haben.“ (Seite 15)

Als Button am Sklavenmarkt vorbeikommt, wünscht er sich kurz, sein Sohn wäre schwarz.

Nachdem er eine Hose und ein Hemd gekauft hat, nimmt er seinen Sohn, der den Namen Benjamin bekommt, mit nach Hause. Mr Button schenkt ihm eine Rassel. Benjamin schüttelt sie hin und wieder gehorsam, aber es ist nicht zu übersehen, dass er sich dabei langweilt. Statt zu spielen, vertieft Benjamin sich lieber in einen Band der „Encyclopedia Britannica“. Sein Vater wundert sich über den gestiegenen Verbrauch von Zigarren – bis er ihn eines Tages mit einem Stummel einer Havanna erwischt.

Mit fünf kommt Benjamin Button in den Kindergarten, doch wenn er bunte Untersetzer flechten oder grünes Papier auf orangefarbenes kleben soll, döst er ein. Darüber beschwert sich die Erzieherin bei seinen Eltern und fordert sie auf, ihn aus dem Kindergarten zu nehmen.

Als er zwölf ist, haben seine Eltern sich an ihn gewöhnt. Seine körperliche Verfassung verbessert sich von Jahr zu Jahr: Mit achtzehn geht er gerade wie ein Fünfzigjähriger.

Sein Vater schickt ihn zum Studium nach Connecticut. Benjamin Button besteht die Aufnahmeprüfung am Yale College. Drei Tage nach der Immatrikulation wird er zum Kanzler gerufen, der mit ihm zusammen einen Studienplan aufstellen will. Als Benjamin Button das Büro betritt, glaubt Mr Hart, der Vater des Studenten sei gekommen, um sich nach seinem Sohn zu erkundigen. Aber der vor seinem Schreibtisch stehende Mann beteuert, achtzehn zu sein. Da hält Mr Hart ihn für verrückt und fordert ihn auf, unverzüglich die Stadt zu verlassen. Auf dem Weg zum Bahnhof wird Benjamin Button von einer Meute verfolgt, denn es hat sich in Windeseile herumgesprochen, dass ein Irrer die Aufnahmeprüfung für Yale bestanden habe. Rufe sind zu hören:

„Das muss der Ewige Jude sein!“ (Seite 31)

„Scher dich doch nach Harvard!“ (Seite 32)

Zwei Jahre später fängt Benjamin Button an, seinem Vater bei der Leitung des Familienunternehmens zu helfen. Roger Button besucht mit ihm Tanzabende, um ihn in die Gesellschaft einzuführen. Dabei werden sie in der Regel für Brüder gehalten.

Bei einem Tanzdinner im Landhaus der Shevlins verliebt Benjamin Button sich in die zwei oder drei Jahre jüngere Generalstochter Hildegarde Moncrief. Sie schätzt ihn auf fünfzig, und das hält sie für das ideale Alter eines zu ihr passenden Ehemanns. Ein halbes Jahr später findet die Verlobung statt, aber ihr Vater verweigert seine Zustimmung zu der Verbindung, denn es kursieren die übelsten Gerüchte über Benjamin Button. Die einen behaupten, er sei in Wirklichkeit nicht der Sohn, sondern der Vater von Roger Button. Andere wollen wissen, dass er vierzig Jahre lang im Gefängnis saß. Und es gibt Leute, die ihn für John Wilkes Booth halten, den Mörder von Abraham Lincoln. Hildegarde lässt sich davon nicht beirren: Sie heiratet Benjamin Button noch im selben Jahr (1880).

1895 zieht sich Roger Button aus der Leitung der prosperierenden Firma zurück und überlässt sie seinem Sohn. Aufgrund des Reichtums sind Benjamin Button und seine Frau Hildegarde in Baltimore hoch angesehen.

Und als Benjamin dem alten General Moncrief das nötige Geld gab, damit der seine bis dato von neun bekannten Verlagshäusern abgelehnte zwanzigbändige Geschichte des Bürgerkriegs drucken lassen konnte, da versöhnte sich sogar Hildegardes Vater mit seinem Schwiegersohn. (Seite 43)

Weil Hildegarde immer weniger Lust hat, mit ihm tanzen zu gehen, langweilt Benjamin Button sich zunehmend mit ihr. Und als 1898 der Spanisch-Amerikanische Krieg ausbricht, meldet er sich zur Armee. Er bringt es zum Lieutenant-Colonel und kehrt als Kriegsheld nach Baltimore zurück.

1910 vertraut er das Familienunternehmen seinem Sohn Roscoe an, der inzwischen in Harvard studierte. Er bewirbt sich an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts und besteht die Prüfung. Weil er sein Alter verschweigt und inzwischen wie ein Student aussieht, geht diesmal alles gut. Bei einem Football Match trägt er maßgeblich zum Sieg des Harvard-Teams gegen die Mannschaft aus Yale bei. 1914 schließt er sein Studium ab.

Hildegarde lebt seit einiger Zeit in Italien. Benjamin Button zieht zu seinem Sohn – was diesem gar nicht gefällt. Roscoe Button ist inzwischen verheiratet und hat einen Ruf zu verlieren. Deshalb verlangt er von seinem Vater, dass dieser ihn im Beisein anderer mit „Onkel“ anspricht.

Schließlich erhält Benjamin Button eine mit der Beförderung zum Brigadegeneral verbundene Einberufung. Der Schneider, bei dem er sich eine Uniform machen lässt, will ihm statt der Generalsabzeichen eine hübsche Anstecknadel vom Christlichen Verein Junger Frauen aufschwatzen. Ohne sich von seinem Sohn zu verabschieden, fährt Benjamin Button mit dem Zug nach Camp Mosby in South Carolina, wo er das Kommando über eine Infanteriebrigade übernehmen soll. Nachdem er das Taxi bezahlt hat, fordert er den Wachsoldaten auf, sich um sein Gepäck zu kümmern, aber der Angesprochene nimmt ihn nicht ernst. Ein Colonel kommt herbeigeritten. Dem zeigt Benjamin Button seinen Einberufungsbescheid. Woher er den habe, fragt der Offizier und steckt das Dokument ein. Zwei Tage später wird Benjamin Button von seinem Sohn wie ein von zu Hause fortgelaufener Junge abgeholt.

1920 bekommen Roscoe Button und seine Frau einen Sohn.

Als das Kind fünf Jahre alt ist, spielt Benjamin mit ihm unter der Aufsicht einer Amme. Sie kommen gemeinsam in einen Kindergarten, wo es für Benjamin „die faszinierendste Sache der Welt [ist], aus schmalen Streifen von buntem Papier kleine Matten zu flechten“ (Seite 63). Während Roscoes Sohn ein Jahr später eingeschult wird, bleibt sein Großvater im Kindergarten.

Er ging nun schon das dritte Jahr wieder in den Kindergarten, doch unterdessen war er zu klein, um zu verstehen, was es mit den leuchtend bunten Papierstreifen auf sich hatte […] Die Kindergärtnerin redete auf ihn ein, doch so sehr er sich auch Mühe gab, sie zu verstehen, er verstand sie einfach nicht.“ (Seite 64)

Schließlich nimmt man ihn aus dem Kindergarten, und eine Amme wird zum Mittelpunkt seiner Welt. Bald gibt es keine störenden Erinnerungen mehr für ihn, etwa an das Studium, die Ehe oder den Militärdienst.

Es gab nichts als die schützenden Wände seines Bettchens und Nana und einen Mann, der ihn hin und wieder besuchen kam. (Seite 65)

Er konnte sich an nichts erinnern. Er konnte sich nicht einmal recht dran erinnern, ob die Milch beim letzten Füttern warm oder kalt gewesen war […] Und dann erinnerte er sich an gar nichts mehr. Wenn er Hunger hatte, schrie er – das war alles. (Seite 66)

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In „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ erzählt Francis Scott Fitzgerald von einem Menschen, der als alter Mann auf die Welt kommt und immer jünger wird, bis er als Säugling verdämmert. Aus diesem ebenso originellen wie skurrilen Plot entwickelt Fitzgerald eine konsequente, temporeiche, mit einem Feuerwerk von witzigen Einfällen gespickte Handlung. Stilistisch gelungen ist beispielsweise auch die Wiederholung der Kindergartenszene: Während es dem Fünfjährigen gar keinen Spaß macht, bunte Untersetzer zu flechten oder grünes Papier auf orangefarbenes zu kleben, macht der Fünfundsechzigjährige – der nun erneut in den Kindergarten kommt – nichts lieber als das. Weil dieser Benjamin Button ein einsamer Mensch ist, hat die komische Erzählung auch eine tragische Komponente. „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ ist eine literarische Perle.

Die Erzählung „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ von F. Scott Fitzgerald gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Gert Heidenreich (Diogenes, Zürich 2008).

David Fincher verfilmte die Erzählung von F. Scott Fitzgerald. Für den Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ wurde jedoch nur die Grundidee der Erzählung von Francis Scott Fitzgerald übernommen. Während Benjamin Button in der literarischen Vorlage 1930 im Alter von siebzig Jahren stirbt, wird er im Film erst 1919 geboren, und zwar nicht in Baltimore, sondern in New Orleans.

F. Scott Fitzgerald’s Idee eines rückwärts laufenden Lebens wurde von Andrew Sean Greer (* 1970) in seinem 2004 veröffentlichten Roman „The Confessions of Max Tivoli“ noch einmal aufgegriffen (Übersetzung: Uda Strätling, 352 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2005).

 

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Inhaltsangabe und Buchkritik: © Dieter Wunderlich 2009 / 2011
Textauszüge: © Diogenes

David Fincher: Der seltsame Fall des Benjamin Button

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