Jasper Fforde : Im Brunnen der Manuskripte

Im Brunnen der Manuskripte
Originalausgabe: The Well of Lost Plots Hodder and Stoughton, London 2003 Im Brunnen der Manuskripte Übersetzung: Joachim Stern Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005 ISBN 3-423-24464-X, 417 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während ihrer Schwangerschaft zieht Thursday Next sich in den Brunnen der Manuskripte zurück. Im Rahmen des FigurenAustauschProgramms löst sie die Kriminalassistentin Mary Jones in dem drögen Krimi "Caversham Heights" ab und bereitet sich auf die Große Dienstprüfung der JurisFiktion vor. Aber die erhoffte Ruhe ist nicht von langer Dauer, denn jemand befreit den Minotaurus, und Thursdays Lehrerin kommt bei einem Mordanschlag ums Leben ...
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Kritik


Im Vergleich zu den ersten beiden Bänden der Buchreihe fällt der Plot des dritten Romans etwas ab. Aber auch "Der Brunnen der Manuskripte" ist voller origineller Ideen und vergnüglicher Anspielungen auf bekannte literarische Werke.

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Inhalt der ersten beiden Bände der Buchreihe: „Der Fall Jane Eyre“„In einem anderen Buch“

Anfang 1986, zwei Monate nach ihrer Vermählung mit Landen Parke-Laine, zieht die LiteraturAgentin Thursday Next (*1950) sich für die Dauer ihrer Schwangerschaft in ein unveröffentlichtes Manuskript zurück, um größere Aufregungen zu vermeiden. Nach der Geburt ihres Kindes will sie ihren inzwischen von dem Bösewicht Schitt-Hawse genichteten Ehemann suchen und retten. Tief unten im Brunnen der Manuskripte findet Thursday einen drögen Krimi, der wohl nie veröffentlicht wird: „Caversham Heights“. Den hält sie für ihr Vorhaben gut geeignet.

Die Handlung von „Caversham Heights“ spielt in Reading. Im Rahmen des FigurenAustauschProgramms wird Thursday Next die Kriminalassistentin Mary Jones für einige Monate ablösen und in deren zum Hausboot umfunktionierten altertümlichen Flugboot wohnen. Mary ist nur als Expositionshilfe konzipiert: Ihre Aufgabe ist es, zuzuhören, wenn der Privatdetektiv Jack Spratt erläutert, was für die Leser wichtig ist. Dass es sich bei „Caversham Heights“ um ein Manuskript handelt, für das sich wohl kaum ein Verlag finden lässt, ist den Romanfiguren nicht verborgen geblieben: Sie befürchten, dass sie am Ende wieder in einzelne Wörter zerlegt und in die TextSee gekippt werden.

Auf dem Hausboot ziehen auch zwei Figuren-Rohlinge ein, denen Thursday die vorläufigen Namen Ibb und Obb gibt. (Im weiteren Verlauf von „Caversham Heights“ entwickelt Ibb sich zu einer attraktiven jungen Frau mit dem Namen Lola, und aus Obb wird Randolph, der sich in Lola verliebt und es kaum erträgt, dass sie mit nahezu jeder männlichen Figur des Romans ins Bett geht.)

Der Brunnen der Manuskripte ist die Schnittstelle, wo die Vorstellungen des Autors mit den Personen, der Handlung und der Erzählperspektive zusammengeführt werden, damit der Leser das Ganze am Ende versteht. (Seite 59)

Im Brunnen der Manuskripte gibt es Mitarbeiter, deren Aufgabe es ist, die in den Romanen benötigten Requisiten zu besorgen. Thursday entdeckt auch ein Geschäft, das „Erstklassige Vorgeschichten. Ausschließlich Maßanfertigungen“ anbietet. In einer bestimmten Sektion wimmelt es von Zentauren, Troglodyten, Faunen, Chimären, Elfen, Feen, Dryaden, Sirenen, Marsbewohnern, Kobolden, Harpyien, Aliens, Einhörnern, Drachen, Orks und Yahoos. Thursday begegnet im Brunnen der Manuskripte den drei Hexen aus „Macbeth“ von William Shakespeare, Emperor Zhark, dem Warrington-Kater bzw. der Cheshire Cat aus „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll, Uriah Hope aus „David Copperfield“ von Charles Dickens und zahlreichen anderen Romanfiguren. Kapitän Nemo aus „20 000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne lädt sie auf das Wrack seines U-Bootes „Nautilus“ ein, in dem er immer noch haust. In Acht nehmen muss Thursday sich vor den Grammasiten, einer parasitären Lebensform, „die im Inneren von Büchern auftritt und sich von Wörtern und grammatischen Formen ernährt“ (Seite 75). Noch gefährlicher ist der Minotaurus. Für ihn hat man eigens das Labyrinth nachgebaut, doch um eine artgerechte Haltung sicherzustellen, schickte der Monsterschutzverein vor zwölf Jahren eine Prüfkommission in das Labyrinth. Die hat noch nicht wieder herausgefunden. Deshalb wird der Minotaurus weiterhin in einem Verlies in „Sword of the Zenobians“ bewacht, und zwar von dem Privatdetektiv David Perkins aus der Krimireihe „Perkins & Snell“ und Mathias, der auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches braunes Pferd aussieht, obwohl es sich um ein Houyhnhnm aus „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift handelt. Mathias‘ Stute ist nicht anwesend; sie studiert gerade politische Wissenschaften am All Souls College in Oxford.

„Fällt das nicht auf?“, frage ich. „Ein Pferd in Oxford?“
„Sie würden sich wundern, wie unaufmerksam Professoren sein können“, erwiderte Perkins. „Das Schwein Napoleon [aus „Farm der Tiere“ von George Orwell] hat am Nuffield College dialektischen Materialismus studiert und mit summa cum laude bestanden.“ (Seite 92)

Seit fast fünf Jahren füttert Perkins den Minotaurus mit Joghurt, denn griechische Jungfrauen sind inzwischen kaum noch zu bezahlen.

Einige Zeit nach Thursdays Besuch in „Sword of the Zenobians“ entkommt der Minotaurus aus seinem Verlies, tötet Mathias und frisst Perkins halb auf, bevor er sich mit einem Martin-Bacon Mk VII SchleuderHelm aus dem Buch katapultiert. Thursday fällt auf, dass der Schlüssel zum Verlies fehlt: Jemand scheint den Minotaurus befreit zu haben. Aber nur acht Mitglieder der JurisFiktion kennen den Zugangscode!

Während ihrer Zeit in „Caversham Heights“ muss Thursday Next sich vor Gericht verantworten, weil sie den Schluss des Romans „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë geändert hatte. Statt des inzwischen ebenfalls ermordeten Rechtsanwalts Akrid Snell aus „Perkins & Snell“ verteidigt der Vogel Greiff sie in dem Verfahren. (Zu dessen berühmtesten Fällen gehört die Schadenersatzklage Hans-Guck-in-die-Luft gegen die Stadtverwaltung Frankfurt am Main wegen mangelhafter Sicherung des Flussufers.) Der Herzkönig aus „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll führt den Vorsitz, obwohl er nicht viel von der Rechtsprechung versteht und fortwährend Anklage und Verteidigung verwechselt. Die Herzkönigin verlangt ungeduldig immer wieder die Hinrichtung der Angeklagten. Am Ende wird Thursday Next wegen „eines Eingriffs zweiter Klasse in ein literarisches Kunstwerk gem. FAL/0605973 StGJ in Verbindung mit dem 1584 vom GattungsRat erlassenen Gesetz zum Schutz der Handlungsverläufe“ (Seite 260) für schuldig befunden. Aber die Verkündung des Strafmaßes kann noch Jahre dauern.

Erfreulicher ist es, dass Thursday die Große Dienstprüfung der JurisFiktion besteht. Das verdankt sie nicht zuletzt ihrer ausgezeichneten Lehrerin Miss Havisham aus dem Roman „Große Erwartungen“ von Charles Dickens.

Die exzentrische alte Dame versucht, mit frisierten Autos Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Dabei rast sie bewusst an Radaranlagen der Polizei vorbei und holt anschließend den Film heraus, um ihre Leistungen dokumentieren zu können. Als Thursday Verdacht schöpft, dass der Befreier des Minotaurus auch einen Mordanschlag auf Miss Havisham geplant haben könnte, fährt diese gerade am Strand von Pendine in der Sozialistischen Republik Wales ein verbotenes Autorennen. Thursday kommt zu spät, um den Start zu verhindern. Sie beobachtet, wie das rechte Vorderrad an Miss Havishams Wagen wegbricht, der Kühler sich in den Sand bohrt, das Auto sich vier- oder fünfmal überschlägt und der Tank explodiert. Sofort rennt Thursday zu der Unfallstelle und zieht ihre Lehrerin aus dem Wrack, aber Miss Havisham erliegt den schweren Verbrennungen.

Am Anfang war OralTrad. Das erste Upgrade nach zehntausend Jahren war OralTradPlus, das – wegen der besseren Merkfähigkeit – Reime besaß. Tausende von Jahren lang war OTP das einzige Betriebssystem für Erzählungen. Es wird auch heute noch verwendet. Das System verzweigte sich vor ungefähr zwanzigtausend Jahren. Auf der einen Seite entwickelte sich CaveDaubPro […] Der andere Strang, die foneto-piktischen ErzählSysteme, begann mit TonTafel V 2.1, durchlief dann konkurrierende Systeme (WachsTafel, Papyrus, PergaPlus) und mündete schließlich in das preisgekrönte SCROLL, das achtmal upgegradet wurde, ehe SCROLL V 3.5 schließlich von dem brandneuen und offensichtlich überlegenen BOOK V 1 weggefegt wurde […] hat sich BOOK fast achtzehn Jahrhunderte lang als führendes SpeicherSystem etabliert. (Seite 130)

BOOK, das bewährte Betriebssystem für Erzählungen, soll durch ein neues System abgelöst werden: UltraWord™. Es benützt ein schnelleres Memory Fading, damit die Leser die Bücher häufiger lesen müssen, wenn sie sich an den Inhalt erinnern möchten. Thursday ist entsetzt, als sie durch Zufall merkt, dass UltraWord™ nur die dreimalige Lektüre eines Buches erlaubt; danach kann es nicht mehr aufgeschlagen werden. Die Einführung des neuen Betriebssystems würde also das Ende von Antiquariaten und öffentlichen Bibliotheken bedeuten. Thursday findet heraus, dass der JurisFiktion-Agent Harris Tweed UltraWord™ mit allen Mitteln durchsetzen will, denn dann würde er zusammen mit seinen Mitverschwörern von TextGrandCentral (TGC) die gesamte Literatur kontrollieren. Tweed folgt Thursday nach Norland Park im Roman „Gefühl und Verstand“ von Jane Austen, wo sich das Hauptquartier von TextGrandCentral befindet. „Hört nicht auf die Verrückte!“, ruft er. „Sie ist eine Mörderin, die vor nichts Halt macht!“ (Seite 360) Tweed behauptet, Thursday Next sei krankhaft ehrgeizig und wolle unbedingt Protokollführerin werden. Deshalb habe sie Miss Havisham und Perkins ermordet, die ihr dabei im Weg standen.

Als kurze Zeit später der JurisFiktion-Agent Vernham Deane aus „Squire of High Potternews“ von Daphne Farquitt verdächtigt wird, er habe den Minotaurus befreit, damit dieser Perkins umbrachte, gilt Thursday als rehabilitiert. Nach Deanes Festnahme werden zwei Mordanschläge auf die junge LiteraturAgentin verübt: einmal von einem Tiger, dann von einem Auftragskiller, der jedoch aufgrund eines Fehlers beim Lesen nicht Thursday, sondern Thursby aus „Der Malteser Falke“ von Dashiell Hammett erschießt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Tatsächlich wurde David Perkins ermordet, weil er den Verschwörern von TextGrandCentral auf die Spur gekommen war. Seinen Geschäftspartner Akrid Snell, dem er davon erzählt hatte, räumten die Verbrecher ebenfalls aus dem Weg. Und weil sie vermuteten, Miss Havisham wisse ebenfalls Bescheid, manipulierten sie das Vorderrad an ihrem Rennwagen.

Wortmeister Xavier Libris stellt das neue System in einer großen Versammlung vor und preist dessen Vorzüge. UltraWord™ werde für eine schnörkellose Literatur sorgen, kündigt er an. Es gebe nur noch dreiundvierzig Wörter und keines davon habe mehr als sechs Buchstaben. Thursday lässt die Stahlplatte entfernen, die „Das Kapital“ von Karl Marx und „Mein Kampf“ von Adolf Hitler trennte. Die auf diese Weise ausgelöste Explosion zerstört vorübergehend die Verbindung von TextGrandCentral mit der Außenwelt. Libris und Tweed verlieren dadurch die Orientierung, weil sie nichts mehr von den Storycode-Maschinen empfangen, den Gedanken-, Vorstellungs- und Bildübertragungsmaschinen, mit deren Hilfe die in der Großen Bibliothek stehenden Bücher in die Köpfe der Leser projiziert werden. Thursday Next erreicht, dass die Versammlung die Einführung von UltraWord™ ablehnt. BOOK V 8.3 bleibt weiter in Gebrauch. Libris, Tweed und vierundzwanzig Mitverschwörer bei TextGrandCentral müssen sich vor einem Gericht verantworten. Einige von ihnen werden in ihre Bücher zurückgeschickt, aus der Fiktion verbannt oder in einzelne Wörter verwandelt und in die TextSee gekippt.

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In seiner furiosen Buchreihe über die LiteraturAgentin Thursday Next – „Der Fall Jane Eyre“, „In einem anderen Buch“, „Im Brunnen der Manuskripte“, „Es it was faul“ – hat Jasper Fforde eine eigene Welt kreiert. Im Vergleich zu den ersten beiden Bänden fällt der Plot des dritten Romans – „Der Brunnen der Manuskripte“ – etwas ab, und die Spannung wird durch zu viele Nebenhandlungen beeinträchtigt. (Das mag auf die mangelnde Erfahrung des „PlotSchmieds“ Nathan Snudd im Brunnen der Manuskripte zurückzuführen sein.) Abgesehen davon ist auch der dritte – fast ausschließlich in der fiktiven Welt des Brunnens der Manuskripte bzw. in einem Manuskript mit dem Titel „Caversham Heights“ spielende – Band der Buchreihe voller origineller Ideen und vergnüglicher Anspielungen auf andere literarische Werke.

Jasper Fforde (*1961) stammt aus Wales und arbeitete jahrelang als Kameramann, bis er mit „The Eyre Affair“ eine Romanreihe über die Spezialagentin Thursday Next begann, die er mit „Lost in a Good Book“ und „The Well of Lost Plots“ fortsetzte. Sechsundsiebzig Verlage hatten das Manuskript des ersten Bandes abgelehnt, bevor es 2001 gedruckt wurde. Inzwischen gilt Jasper Ffordes Buchreihe in den angelsächsischen Ländern als Kult. Eine deutsche Übersetzung des ersten Bandes erschien 2004 unter dem Titel „Der Fall Jane Eyre“. Im November 2004 folgte der zweite Band: „In einem anderen Buch“. Der dritte Band („Im Brunnen der Manuskripte“) erschien im Juni 2005, der vierte („Es ist was faul“) im Oktober 2006 bei dtv.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Deutscher Taschenbuch Verlag

Jasper Fforde (kurze Biografie / Bibliografie)

Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre
Jasper Fforde: In einem anderen Buch

Leo A. Nefiodow - Der fünfte Kondratieff
Leo A. Nefiodow erläutert seine Auffassung anschaulich und interdisziplinär. Sein Buch "Der fünfte Kondratieff" ist klug und informativ.
Der fünfte Kondratieff

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