Tom Drury : Das stille Land

Das stille Land

Tom Drury

Das stille Land

Originalausgabe: Driftless Area Grove Press, New York 2006 Das stille Land Übersetzung: Gerhard Falkner / Nora Matocza Klett-Cotta, Stuttgart 2015 ISBN: 978-3-608-98022-6, 215 Seiten, 19.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Trotz seines Studiums arbeitet Pierre Hunter als Barkeeper in Shale. Als der 24-Jährige beim Schlittschuhlaufen auf dem Lens Lake einbricht, wird er von einer jungen Frau gerettet, die sich Stella Rosmarin nennt und allein in einem Haus am Ufer wohnt. Die beiden verlieben sich. Als Anhalter gerät Pierre an einen Fahrer, der nicht nur Benzin­geld verlangt, sondern auch versucht, Pierres Rucksack zu rauben. Pierre über­wältigt ihn jedoch, und als er die Zündkabel herausreißen will, entdeckt er eine mit Banknotenbündeln gefüllte, in den Motor­raum geklebte Plastiktüte ...
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Kritik

Wie ernst meint Tom Drury das? Vieles wirkt wie eine Persiflage. "Das stille Land" entzieht sich einer Schubladisierung, wechselt von Genre zu Genre. Die mit schrägen Figuren bevölkerte Geschichte ist durchaus fesselnd, aber am Ende sitzt man etwas ratlos da.
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Weil seine mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus in Desmond City/Iowa liegende Freundin Rebecca Lee darüber klagt, dass die ins Zimmer scheinende Parkplatzbeleuchtung beim Schlafen störe, schaltet der 17-jährige Pierre Hunter am Abend drei Lampen aus. Der zuständige Elektriker wundert sich darüber, behebt die Störung, und nachdem das Licht in der zweiten Nacht wieder nicht gebrannt hat, legt er sich in der dritten auf die Lauer und ertappt den Jungen am Schaltkasten. Pierre kommt mit einem Hausverbot davon.

Rebeccas Freundin Carrie Sloan, die Vorsitzende eines Poesie-Workshops in der Kleinstadt Shale, überbringt Pierre kurz darauf die Mitteilung, dass Rebecca mit ihm Schluss mache, nicht wegen eines anderen Jungen, sondern weil sie ihre Freiheit haben und andere Menschen kennenlernen wolle. Pierre nimmt das widerstandslos hin. Im Jahr darauf zieht Rebecca mit ihren Eltern nach Yuma/Arizona, und er hört nie wieder etwas von ihr.

Pierres Eltern stammen beide aus Council Bluffs/Iowa. Nachdem ihre vorherigen Ehen geschieden worden waren, kamen sie nach Shale und richteten sich in einem großen Haus oberhalb der Kleinstadt ein. Ihren Sohn Pierre bekamen sie, als die in Council Bluffs zurückgelassenen Kinder aus ihren ersten Ehen bereits erwachsen waren. Pierres Vater arbeitet als Elektrophysiker bei einem Luft- und Raumfahrtunternehmen in Desmond City, die Mutter leitet ein Versicherungsbüro in Shale.

Einige Jahre nachdem Rebecca sich von Pierre getrennt hat, beginnt er auf dem College in Ames zu studieren. Im Winter des dritten Studienjahres stirbt zuerst seine Mutter und drei Wochen danach auch sein Vater. Nach seinem Bachelor-Abschluss in Naturwissenschaften kehrt Pierre nach Shale zurück, mietet ein Apartment über einem Schreibwarenladen und wird von Terry Benton in dessen Nachtklub „Jack of Diamonds“ am Lens Lake außerhalb der Stadt als Barkeeper eingestellt. Besonders ehrgeizig wirkt das nicht. Der Küchenchef Keith Lyon ist hingegen stolz darauf, als bester Koch in der Gegend anerkannt zu sein. Die Kellnerin Charlotte Blonde jobbte zunächst nur, um ihr Studium am Community College in Desmond City zu finanzieren, aber dann wurde sie von einem Assistenten schwanger, bekam eine Tochter, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr Studium abzubrechen und weiter im „Jack of Diamonds“ zu kellnern.

Carrie Sloan bricht ihr Studium ebenfalls ab, kehrt nach Shale zurück und heiratet Pierres Freund Roland Miles. Obwohl die beiden ständig streiten und fremdgehen, bleiben sie zusammen.

Was das Jahr, in dem er 24 Jahre alt wird, für ihn bedeuten wird, ahnt Pierre in der Silvesternacht davor noch nicht. Nachdem er bei einer Party in Shale einiges getrunken hat, geht er ins Freie und redet ein paar Worte mit einem Greis namens Tim Geer. Als er dann zu der Party zurückkehren will, irrt er sich in der Tür und platzt in eine andere Feier. Die Leute fühlen sich gestört, rufen die Polizei, und Pierre muss die Nacht im Gefängnis von Desmond City verbringen.

Pierres Anwalt handelt schließlich mit dem Staatsanwalt aus, dass die Anklage wegen Hausfriedensbruchs fallengelassen wird, wenn Pierre Trunkenheit in der Öffentlichkeit gesteht. Er muss dann lediglich an einem Seminar über die Folgen des Alkoholmissbrauchs teilnehmen. Nachdem Pierre sich mit dem Deal einverstanden erklärt hat, holt er Schlittschuhe aus dem Kofferraum seines Autos und geht hinunter zum zugefrorenen Flüsschen.

Die Schlittschuhe gehörten früher seinem Vater. Pierre fand sie im Keller, als er 14 Jahre alt war und durfte sie behalten. Nun gleitet er auf dem Eis bis zum Lens Lake. Bevor er das andere Ufer erreicht, bricht plötzlich die Eisdecke, und Pierre stürzt ins Wasser. Er taucht zwar gleich wieder auf, aber es gelingt ihm nicht, aufs Eis zurück zu klettern. Da taucht eine junge Frau in einem langen orangeroten Mantel mit pelzgefütterter Kapuze auf und ruft ihm zu: „Durchhalten!“ In sicherer Entfernung von der offenen Stelle schlägt sie einen Pflock ins Eis, befestigt daran ein Seil und wirft ihm das andere Ende zu. So hilft sie ihm, aus dem Wasser zu kommen und bis zur tragenden Eisschicht zu kriechen. Weil er völlig durchnässt ist, nimmt sie ihn mit in ihr Haus über dem Steilufer des Sees, in dem sie ganz allein wohnt, leiht ihm ihren Bademantel und stellt ihm ihren Wäschetrockner zur Verfügung. Sie nennt sich Stella Rosmarin, und Pierre findet sie außergewöhnlich schön.

Er verliebt sich in sie, und Stella, die ebenso einsam ist wie er, erwidert seine Gefühle.

Einige Zeit später fährt Pierre als Anhalter nach Kalifornien, um eine Cousine zu besuchen. In Cassin’s Finch/Utah begegnet er einer jungen Frau, die ihm anvertraut, wie die Narben in ihrem Gesicht entstanden: Sie zerkratzte sich das Gesicht im Drogenrausch. Inzwischen hat sie sich vorgenommen, keine Drogen mehr zu nehmen, und wenn sie genügend Geld gespart hat, will sie sich das Gesicht operieren lassen. Sie täuscht Pierre vor, dass sie bei ihrer Großmutter wohne, die sie ausgesperrt habe. Als er begreift, dass Linda kein Zuhause hat, lässt er sie in seinem Motelbett schlafen, während er die Nacht in einem Sessel verbringt. Am anderen Morgen schenkt sie ihm zum Dank dafür und dass er nicht versuchte, ihre Lage auszunutzen, einen Stein, der ihr Glück gebracht hat.

Auf der Rückreise lässt Pierre sich auf einem Rastplatz in Minnesota von einem Mann in einem verbeulten Pick-up mit herausgebrochener Heckscheibe mitnehmen, der ihn fragt, ob er sich am Benzingeld beteiligen würde. Der Fahrer behauptet, sein Ziel sei San Antonio/Texas. 100 Kilometer vor Shale hält der Kerl unvermittelt an und fordert Pierre zum Aussteigen auf. Als dieser verwundert fragt, was los sei, wirft ihn der Fahrer gewaltsam hinaus. Nun rächt es sich, dass Pierre so unvorsichtig war, seinen Rucksack auf die Ladefläche zu legen. Denn bevor er danach greifen kann, fährt der Mann an. Obwohl Pierre ihm bereits Geld fürs Benzin gab, hat er es offenbar auch noch auf das Gepäck abgesehen. Pierre wirft den Glückstein – und das Unwahrscheinliche geschieht: Er trifft den Kerl am Kopf. Der Pick-up kommt von der Straße ab und bleibt stehen. Pierre läuft hin. Der Fahrer atmet, hängt jedoch bewusstlos zwischen Sitz und Armaturenbrett. Nachdem Pierre seinen Rucksack an sich genommen hat, öffnet er die Motorhaube, um die Zündkabel herauszureißen. Da entdeckt er eine mit Klebeband befestigte Plastiktüte. Die nimmt er ebenfalls mit.

Als der Pick-up-Fahrer – er heißt Shane Hall – wieder zu sich kommt, steht eine Frau bei ihm, die angehalten hat, um ihm zu helfen. Statt ihr dankbar zu sein, bedroht er sie mit dem Stein, zwingt sie, ihm ihre Wagenschlüssel zu geben, lässt sie stehen und fährt mit ihrem Auto weg, nachdem er zunächst im Motorraum des Pick-up vergeblich nach der Plastiktüte mit dem aus dem Safe einer Autowaschanlage geraubten Geld suchte.

Shane Hall übernachtet bei seinem Kumpel Edmund („Ned“) Anderson in Chartrand. Der verdient viel Geld durch den Handel mit aus Kalifornien eingeschmuggelten Amphetaminen und betreibt zur Tarnung einen Autoverleih.

Shane wuchs mit zwei Brüdern und drei Schwestern in Limonite in der Nähe der kanadischen Grenze auf. Der Vater betrieb eine Geflügelfarm, die Mutter arbeitete als Anwaltsgehilfin. Während des Studiums der Kommunikationswissenschaften verhökerte Shane gestohlene elektronische Geräte, und nach dem Bachelor-Abschluss wurde er Einbrecher. In Neds Auftrag fuhr er vor eineinhalb Jahren nach St. Ivo/Wisconsin und zündete dort ein Ferienhaus an. Ned hatte ihm gesagt, der in Scheidung lebende Besitzer wolle es nicht seiner Frau überlassen und es stehe seit Monaten leer. Später stellte sich heraus, dass in dem Haus eine junge Frau ums Leben kam, die auf das Anwesen aufpassen sollte.

Die Plastiktüte, die Pierre im Motorraum des Pick-up fand, ist mit 77 000 Dollar gefüllt. Pierre telefoniert herum, bis er Linda in Cassin’s Finch am Apparat hat und sie nach ihrer Adresse fragen kann. Dann sucht er eine Schachtel, legt die Banknotenbündel hinein und schickt Linda das Paket.

Weil er ahnt, dass der Pick-up-Fahrer nach ihm sucht, um das Geld zurückzubekommen, belegt Pierre bei Geoff Lollard in Shale einen Selbstverteidigungskurs.

Allison Kennedy, die Frontsängerin einer Band, spricht Pierre auf Stella Rosmarin an:

„Hey, ich habe gehört, du triffst dich manchmal mit meiner Cousine“, sagte sie.
„Stella?“, sagte Pierre.
„Ja.“
„Das ist deine Cousine? Davon hatte ich ja keine Ahnung.“
„Was weißt du über sie?“
„Was sollte ich denn über sie wissen?“
„Sei einfach vorsichtig. Mehr brauche ich nicht zu sagen.“
„Warum?“
„Na ja … sie ist gestürzt.“

Allison erzählt, dass Stella vor eineinhalb Jahren von einer Leiter gestürzt sei, lange im Krankenhaus gelegen habe und nach der von den Ärzten zunächst gar nicht erwarteten Genesung nicht mehr dieselbe gewesen sei.

Pierre fragt Stella, ob Allison tatsächlich ihre Cousine sei, und sie bestätigt es. Was sie erzählt habe, fragt Stella, und Pierre antwortet:

„Dass du von einer Leiter gestürzt und fast gestorben bist und danach nicht mehr dieselbe warst.“

Als Pierre fort ist, liegt Stella noch lange im Bett und denkt nach. Er würde ihr nicht glauben, was geschehen war.

Sie war in einem brennenden Zimmer mit aufflammenden Wänden aufgewacht und zum Fenster gestürzt. Aber das Feuer raste in dieselbe Richtung, brach über sie herein und warf sie zu Boden. Erst als sie aus dem Fenster sprang und nicht in die Tiefe stürzte, begriff sie, dass sie sich in einer Zwischenwelt bewegte.

Wochenlang war sie als Schatten unterwegs, bis sie einen 74 Jahre alten Mann namens Tom Geer fand, der sie nicht nur hören konnte, sondern auch den Mut hatte, ihr zu antworten.

„Sie sind gestorben“, sagte er. „Es war ein Feuer.“
„Genau“, sagte sie. „Und ich muss denjenigen finden, der es gelegt hat.“

Tim Geer brachte sie nach Desmond City, wo Stella Rosmarin nach einem Sturz von der Leiter auf der Intensivstation des Krankenhauses lag und nur noch von Apparaten am Leben gehalten wurde.

Die Übertragung vollzog sich völlig unaufhaltsam, kaum dass sie in ihrer Nähe war, es war wie Schwerkraft, als würde sie jetzt den Sturz zu Ende führen, den sie aus dem Fenster des brennenden Hauses getan hatte. Sie lag eine Weile ganz still, spürte den roboterhaften Rhythmus der Maschine und die Traurigkeit zweier Tode.
Dann zerrt sie ihre Hände von den Schienen weg, an denen sie mit hellblauem Klebeband befestigt waren. Sie zog die Beatmungsmaske weg, setzt sich auf und sog die Luft in ihre Lungen. Ein Mann in seegrüner Krankenhauskleidung kam herein, blieb stehen und sah sie sprachlos an.
„Ist schon okay“, sagte sie. „Ich brauche dieses Zeug nicht mehr.“

Pierre wird von einem Bundespolizisten mit dem Spitznamen Telegram Sam angesprochen.

„Sie sind am 18. August in einem Pick-up mitgefahren, der an der Kreuzung mit dem Highway 223 von der Autobahn abkam. Sie haben auf der Autobahn getrampt, was illegal ist, aber das kümmert mich in diesem Fall nicht. Der Fahrer des Trucks hatte Ihren Koffer gestohlen, verlor aber das Bewusstsein.“

Es habe sich nicht um einen Koffer, sondern um einen Rucksack gehandelt, korrigiert Pierre, bestätigt aber die übrigen Angaben.

„Also weiter. Der Truck war auf den Namen Shane Hall zugelassen und kommt aus dem Norden, und soweit wir feststellen konnten, war dieser Hall tatsächlich der Fahrer. Am selben Abend, und das ist Ihnen vermutlich nicht bekannt, hat Hall, oder der Mann, von dem wir glauben, dass es Hall ist, den Wagen einer Frau gestohlen.“

Der Polizist nimmt an, dass Hall sich in der Gegend aufhält und nach Pierre sucht.

„Von der Polizei in Minnesota haben wir erfahren, dass er einen Mann an einen Heizkörper gefesselt und krankenhausreif geschlagen hat, und zwar ein paar Tage, bevor Sie ihm begegnet sind. Deshalb also meine Frage: Was war in dem Rucksack?“

Pierre versichert, dass in dem Rucksack nur Kleidung gewesen sei. Von der Plastiktüte mit dem Geld verrät er nichts.

Tatsächlich hört Shane Hall sich nach dem Anhalter um, der ihm das Geld wegnahm. Weil er weder den Namen noch den Wohnort kennt, ist es nicht so einfach, ihn aufzuspüren.

Stella, die bereits Pierres Unfall auf dem zugefrorenen See voraussah, drängt ihn, für eine Weile zu verschwinden. Sie warnt ihn vor drei Männern, die sich das Geld zurückholen wollen. Der Mann, dem er es abnahm, habe ein Haus in Wisconsin angezündet, sagt sie, und die Frau, die darin schlief, sei in den Flammen ums Leben gekommen.

„Was soll mit ihm geschehen?“
„Er wird sterben. Aber das musst nicht ausgerechnet du erledigen.“

Pierre hat von dem Fall gehört und glaubt zu verstehen, dass es sich bei Stella um die Frau aus dem brennenden Haus handelt.

„Du warst es“, sagte er.
Sie nahm ein Zündholzbriefchen in die Hand, brach ein Streichholz heraus und rieb es am Beton an. „Nicht in meiner jetzigen Gestalt“, sagte sie. „Ich bin erst nach dem Brand hierhergekommen. Du hättest mich damals gar nicht sehen können. Ich war nur der Geist des Lebens, das ich vorher gelebt hatte. Verstehst du, was ich meine?“
„Du warst nicht Stella.“
„Nein, ich bin sie geworden.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Während in einem Geräteschuppen in Shale das Theaterstück „Geiselnahme“ über die Besetzung eines Farmhauses durch Bankräuber im Jahre 1933 aufgeführt wird, betreten drei Fremde den Klub „Jack of Diamonds“. Die Kellnerin Charlotte Blonde unterhält sich gerade mit dem Staubsaugervertreter Larry Rudd. „Ist Pierre da?“, fragt einer der Neuankömmlinge. Charlotte antwortet misstrauisch, ihr Kollege habe frei, aber bevor sie Larry Rudd daran hindern kann, meint dieser, dass der Gesuchte vielleicht bei der Theaterveranstaltung zu finden sei. Sobald die Fremden gegangen sind, greifen Keith Lyon und Charlotte Blonde zum Telefon und rufen Carrie Miles an, die sich die Aufführung mit Pierre zusammen ansehen wollte.

Aufgrund der telefonischen Warnung verlässt Pierre den Schuppen. Er sieht den Fahrer des Pick-ups näherkommen. Shane Hall hat den Stein bei sich und fragt nach dem Geld. Pierre behauptet, es vergraben zu haben und geht mit ihm zu einem Auto, neben dem Halls Kumpane Ned Anderson und Lyle Wood-Mills warten.

„Ist das der Kerl?“, fragte der Ältere.
„Ja“, sagte Shane. „Er sagt, er hat das Geld vergraben.“

Dass er es nicht in seiner Wohnung versteckt hat, wissen die drei bereits, denn sie haben dort alles durchwühlt und zerstört. Pierre muss sich zwischen Ned und Lyle auf die Rückbank setzen, während Shane das Lenkrad übernimmt. Angeblich will Pierre sie zu der Stelle lotsen, wo er das Geld vergraben hat. Tatsächlich lockt er sie auf einen Weg, über den er eine Kette gespannt hat. In der Dunkelheit sieht Shane sie zu spät.

Wie die Klinge eines Schwertes ratschte die Kette kreischend über die Motorhaube, zertrümmerte die Windschutzscheibe und drückte die Dachstützen ein, sodass sie, anstatt das Auto einfach zu stoppen, wie eine riesige Hand wirkte, die es auf der Fahrbahn zermalmte.
Dann folgten mehrere ohrenbetäubende Geräusche gleichzeitig, als nämlich die Kette brach und die Airbags aufplatzten. Dies alles geschah in einem einzigen Augenblick, und das Innere des Autos füllte sich mit Rauch und einem Hagel von Sicherheitsglas.

Pierre, der als Einziger darauf vorbereitet war, lässt sich aus dem Wrack fallen. Er läuft durch einen Obstgarten zu einer Hütte und holt eine Schrotflinte. Die lädt er mit fünf Patronen und feuert einen ersten Schuss in die Luft ab.

Shane und Ned und Lyle gingen auf die Hütte zu und schossen dabei um sich wie Revolverhelden im Wilden Westen.

Während des Angriffs geraten Shane und Lyle in Streit.

Shane hob die Pistole und drückte ab und Lyle stürzte und blieb im Gras liegen.
„Jetzt hab ich echt genug gesehen“, sagte Ned.
„Der verfluchte Shane hat mich niedergeschossen“, sagte Lyle.
„Ach was, du bist überhaupt nicht verletzt“, sagte Shane. „Halt’s Maul.“
„Nicht verletzt? Du hast ihn ins Herz geschossen“, sagte Ned.
„Na ja, ihr provoziert mich.“ […]
„Das ist entsetzlich“, sagte Lyle. „Jetzt sterbe ich in so einem bescheuerten Landschaftsschutzgebiet oder was weiß ich, wie das heißt, in das du uns geschleppt hast, bloß weil du nicht auf dein Geld aufpassen kannst.“

Pierre sieht den Feuerstoß, bevor er den Knall hört, zurückschießt und etwas am Hals spürt.

Als Stella in den Obstgarten kommt, stößt sie zunächst auf Lyles Leiche, dann auf Shane, der sterbend am Boden liegt. Warum er das Haus in Wisconsin angezündet habe, fragt sie ihn, und er antwortet, Ned habe ihn dazu angestiftet. Der ist mit dem kaputten Auto weggefahren.

Telegram Sam und ein Hilfssheriff sperren den Tatort ab. Sie haben Ned Anderson festgenommen und im Obstgarten drei Tote gefunden: Shane Hall, Lyle Wood-Mills und Pierre Hunter.

Kurz nach Pierres Beerdigung wird Keith Lyon im „Jack of Diamonds“ von einer Fremden angesprochen.

„Ich bin wegen Pierre Hunter hier.“
„Oje“, sagte Keith.
„Ich weiß schon Bescheid“, sagte sie.

Linda berichtet dem Küchenchef, wie sie Pierre in Utah begegnete und dass er ihr einen Karton mit 77 000 Dollar schickte. Ein Teil des Geldes sei für eine Gesichtsoperation gedacht gewesen, erklärt sie, aber die habe sie nicht machen lassen.

„Ich habe mit ein paar Ärzten gesprochen, und die meinten, sie könnten sie vielleicht ein bisschen kleiner machen, aber ganz verschwinden lassen könnten sie sie nicht. Das ist gar nicht so einfach, wie Pierre und ich uns das vorgestellt hatten. Also habe ich mir gedacht, wenn mir sowieso Narben bleiben, dann kann ich auch gleich die behalten, die ich mir selbst zugefügt habe.“

Am nächsten Tag findet Keith in Pierres durchwühlter, verwüsteter Wohnung einen Zettel:

Garten-Mondviole an Charlotte Blonde
Gewehre an Roland Miles
MGA an Carrie Sloan
grauen Filzhut an Keith Lyon
Schlittschuhe an Stella Rosmarin.

Das bringt Linda auf die Idee, das Geld unter diesen fünf Personen aufzuteilen, aber Keith winkt sogleich ab: Er möchte nichts davon.

Pierre und Stella gehen eine Straße entlang. Sie bringt ihn zu einer Türe auf einer Insel, für die er einen Schlüssel hat. Auf dem Weg über die Treppe nach unten kann sie ihn zwar nicht begleiten, aber sie verspricht, dass sie ihn in seinem neuen Leben finden werde.

Er ist viele Kilometer weit gelaufen, und während er durch den Obstgarten geht, wird ihm plötzlich klar, wie müde er ist. Er setzt sich am Fuß einer Weide nieder und legt sein Gewehr neben sich. Seine Augen schließen sich, seine Beine fallen auseinander, und er atmet tief.
Als er erwacht, ist es dunkel und kühl. Er hat keine Ahnung, wie lange er geschlafen hat. Es kommt ihm vor, als wäre es tagelang gewesen. Eine Frau in Stiefeln und einem langen Mantel steht vor ihm und schaut ihn an. […]
Er hat das überaus seltsame Gefühl, diesen Ort und diese Frau zu kennen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass er gerade erst aufgewacht ist, dass er quasi immer noch träumt. Aber als er ihre Hand nimmt, fühlt die sich warm und real an, und sie gehen den Weg zwischen den Obstbäumen entlang, auf deren Blättern das Mondlicht leuchtet.

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Pierre Hunter wird unwissentlich zum Werkzeug eines Racheplans. „Das stille Land“ dreht sich um Schuld und Sühne, vor allem aber um das Schicksal, das dem Einzelnen kaum Alternativen lässt. Während der Betroffene dem vorbestimmten Weg ahnungslos folgt, sieht ein Greis wie Tim Geer Entwicklungen nicht nur voraus, sondern vermag auch Weichen auf dem Lebensweg anderer Menschen zu stellen. Darüber hinaus lässt Tom Drury in „Das stille Land“ Tote auftreten, die mehr als die Lebenden wissen und mit einigen von ihnen kommunizieren. Diese esoterischen Elemente wirken in „Das stille Land“ beinahe wie selbstverständlich.

Wie ernst der Autor das alles meint? Vieles wirkt wie eine Persiflage. „Das stille Land“ entzieht sich einer Schubladisierung. Tom Drury eilt zunächst durch die Vorgeschichte des Protagonisten Pierre Hunter und reiht kurze Episoden aneinander. Dann glaubt man, den Ansatz einer Coming-of-Age-Geschichte und einer Romanze zu lesen, aber im nächsten Augenblick beginnt eine Road Novel mit einem kriminalistischen Plot, der auf den Show Down eines Westerns zusteuert. Parallel dazu entwickelt sich „Das stille Land“ zum Esoterik-Roman.

Durch die mit schrägen Figuren bevölkerte Geschichte führt uns ein auktorialer Erzähler, der hin und wieder zwischen den Handlungssträngen wechselt und uns auf diese Weise einen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten verschafft – was für Spannung sorgt. Die Darstellung ist lakonisch, eher leise und ohne Effekthascherei. Es fällt nicht schwer, „Das stille Land“ zu lesen, und Tom Drury versteht es auch, den Leser zu fesseln, aber am Ende sitzt man etwas ratlos da.

Der Name Pierre Hunter ist sprechend: Pierre bedeutet Stein, Hunter ließe sich mit Jäger übersetzen.

Der Originaltitel lautet „The Driftless Area“. Geologisch ist damit ein Gebiet ohne Geschiebe gemeint, also eine von Gletschern und tektonischen Bewegungen verschonte Landschaft.

Die Kleinstadt Shale in Iowa ist ebenso fiktiv wie andere Ortsangaben. Iowa ist allerdings die Heimat des Autors Tom Drury; er wurde dort 1956 auf einer Farm geboren.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Tom Drury: Die Traumjäger

Uwe Johnson - Jahrestage
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