Hugo Claus : Der Kummer von Belgien

Der Kummer von Belgien

Hugo Claus

Der Kummer von Belgien

Originalausgabe: Het verdriet van Belgie Verlag De Bezige Bij, Amsterdam 1983 Übersetzung: Johannes Piron Der Kummer von Flandern Klett-Cotta, Stuttgart 1986 Taschenbuch: dtv, München 1999 Der Kummer von Belgien Neuübersetzung: Waltraud Hüsmert Klett-Cotta, Stuttgart 2008 ISBN 978-3-608-93600-1, 824 Seiten, 24.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In "Der Kummer von Belgien" geht es um einen 1929 geborenen Belgier im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren kurz davor und danach. Der Roman von Hugo Claus besteht aus hunderten von Episoden, die durch die Person des heranreifenden Protagonisten Louis Seynaeve zusammengehalten werden, aus dessen zumindest anfangs naiven Perspektive wir das Geschehen erleben: seine Versuche, sich zu orientieren, die ersten sexuellen Erfahrungen, den Konflikt zwischen Flamen und Wallonen, die Bedrohung durch die Nationalsozialisten ...
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Kritik

"Der Kummer von Belgien" ist eine Mischung aus Familiensaga, Coming-of-Age-Geschichte, Schelmenstück und zeitgeschichtlichem Porträt. Hugo Claus erzählt nahezu ohne Effekthascherei und in einem burlesken Ton. Das ist unterhaltsam, auch wenn wegen des Fehlens einer dramatischen Handlung keine dramatische Spannung entsteht.
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Louis Seynaeve wurde am 5. April 1929 in der flämischen Stadt Walle geboren, und zwar als Sohn des Buchdruckers Staf Seynaeve. Seine Mutter Constance, eines der fünf Kinder des inzwischen verstorbenen Schleusenmeisters Basiel Bossuyt und dessen Ehefrau Meerke, hatte an der Pädagogischen Hochschule studiert.

In dem von katholischen Klosterschwestern geführten Internat, das Louis besucht, hat er mit seinen drei Mitschülern Dondeyne, Vlieghe und Byttebier einen Geheimbund geschlossen. Später nehmen sie auch Albert Goossens auf. Jeder der „Apostel“ – so nennen sie sich – muss „verbotene Bücher“ in den gemeinsamen Schatz einbringen.

Vlieghe gehörten drei davon, Liebe im Nebel, ein Programm der Operette Rose Marie und, das riskanteste, eine Biografie des Ketzers und Freimaurers G. B. Shaw. (Seite 7)

Hin und wieder erhält Louis Besuch von seinem Vater und dessen „der Pate“ genanntem Vater, aber seine Mutter kam schon lange nicht mehr, und die beiden Männer drucksen etwas von einem Unfall herum. In seiner Fantasie malt Louis sich aus, seine Mutter sei über die Treppe gestürzt und habe sich die Ellbogen gebrochen. Doch dann erfährt er, dass sie ein zweites Kind erwartet. Daraufhin rätselt er mit den anderen Aposteln, wie Kinder entstehen und woher sie kommen.

Immer wieder necken die Schüler den schrulligen, übellaunigen Gärtner Baekelandt, der sich jedes Mal von ihnen zu einer Schimpftirade provozieren lässt.

„Ihr könnt froh sein, dass ihr nich in Deutschland geboren seid, ihr Hosenschisser. Dort müssen die Kinder morgens büffeln und nachmittags beim Bauern schaffen. Dann hättet ihr beim Kartoffelsetzen helfen können, bei der Roggenernte und beim Ställeausmisten. So läuft das in Deutschland, und deshalb siegen sie. Mir macht keiner was vor über die Deutschen, es sind Lumpenhunde, aber sie wissen, was sie wollen, ihr Land is in Ordnung, die Leute haben Arbeit. Die Belgier dagegen, die folgen dem schlechten Beispiel der Franzosen, nie zufrieden, streiken und stempeln gehen. Denen geht’s zu gut, das is meine Meinung.“ (Seite 82)

Schwester Sankt Gerolf darf ihre Kammer im Kloster nicht verlassen. Sie heißt mit bürgerlichem Namen Georgine de Brouckère und stammt aus Moeskroen. Als ihre wohlhabenden Familie merkte, dass sich ihr Geist verwirrte, wurde sie ins Kloster gebracht, wo sie sich nach einiger Zeit selbst in Brand steckte. Seither muss sie wie eine Gefangene in ihrem Zimmer bleiben. – Die Apostel machen sich einen Spaß daraus, durch ein Fenster in das Gebäude zu klettern und die Geisteskranke zu besuchen.

Ob Hitler noch zu bremsen sei, fragen sich viele. Schwester Imelda meint:

„Man kann von den Deutschen sagen, was man will, und unsere Kirche hat es nicht leicht in Deutschland, aber die Kommunisten, die halten sie immerhin in Schach.“ (Seite 176)

Die Sommerferien verbringt Louis in Bastegem bei Tante Violet, einer der beiden Schwestern seiner Mutter, denn Constance Seynaeve erholt sich in der Schweiz von einer Totgeburt. – Tante Violet achtet darauf, dass Louis nichts Unpassendes zu lesen bekommt:

„Später, wenn du mehr Urteilsfähigkeit besitzt, darfst du lesen, was du willst. Jetzt würden Bücher, die nicht für dein Alter geeignet sind, nur deiner Seele schaden.“ (Seite 232)

Und seine Großmutter Meerke, die mit ihrer Tochter Violet zusammen in einem Haushalt lebt, schärft Louis ein:

„Merk’s dir für ein ganzes Leben, Louis. Regierungen kommen und gehen, aber die Kirche, die bleibt immer bestehen, und wer sich gegen die Kirche wendet, der wird untergehen.“ (Seite 249)

Berenice, Meerkes dritte Tochter, lebt übrigens in Wallonien und ist mit einem Araber oder Ägypter verheiratet. Louis weiß nicht recht, woher er kommt – aus Bulgarien heißt es – und ob es sich um einen Moslem, Juden oder orthodoxen Christen handelt. Jedenfalls heißt er Firmin Debeljanow. – Constance, Berenice und Violet haben auch noch zwei Brüder: Omer ist geisteskrank und wird in einem Kloster gepflegt. Von seinem Onkel Armand hält Louis nicht viel; er glaubt zu wissen, dass der früher beim Staat angestellte Diplomlandwirt wegen seiner „Sauferei“ entlassen wurde.

Papa hatte Recht, Leute wie Armand Bossuyt oder auch wie die meisten sich um den Verstand saufenden Franzosen sollte man in Arbeitslager sperren, wie Hitler das macht, der niemals ein Glas Alkohol anrührt, ein Vorbild für sein erwachendes Volk. (Seite 236)

Werden die Deutschen in Belgien einmarschieren? Jules, der Zimmermann, meint:

„Ja […] Sie können nicht anders. Ihr Antichrist befiehlt es ihnen. Das steht schwarz auf weiß geschrieben. Vergiftet durch Pillen und chemische Mittel werden sie kommen. Denk an meine Worte. Daladier und Chamberlain glauben es nicht. Sie sollten besser die alten Bücher lesen, in denen es angekündigt wird.“ (Seite 242)

Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 holt Constance Seynaeve ihren Sohn aus dem Internat. Louis wohnt nun wieder bei seinen Eltern, dem „Paten“ und der „Bomama“ genannten körperbehinderten Mutter seines Vaters, die sieben Kinder zur Welt gebracht hat. Anders als im Internat lebt er nun wieder mit Erwachsenen zusammen. Aus deren Gesprächen wird er nicht immer klug.

„Dieser Doktor Martens hat aber auch keine weiße Weste“, sagte Mama. „Anscheinend wird in seiner Klinik … also, du weißt, was ich meine … anscheinend kommen sie von überallher, aus Deutschland und Frankreich, die reichen Frauen, um … du weißt schon, was ich meine …“ (Seite 95)

Louis befreundet sich mit dem drei Jahre älteren Tetje Cosijns und vor allem mit dessen elfjährigen Schwester Rebekka („Bekka“). Bei den Cosijns handelt es sich wohl um Zigeuner; jedenfalls sind es keine waschechten Flamen. Louis beobachtet, dass Tetje von Männern Geld dafür bekommt, dass er mit ihnen mitgeht.

Im April 1940 besetzen die Deutschen Dänemark und Norwegen.

Weil die Engländer die schwedischen Eisenerzminen besetzen wollen, bleibt den Deutschen nichts anderes übrig, als in Norwegen und Dänemark einzurücken. In null Komma nichts haben sie es geschafft. Es geht nichts über das deutsche Organisationstalent.
Mussolini kündigt an, dass von seiner Seite einiges zu erwarten sei. Aber erst im Frühjahr. (Seite 306)

Constance Seynaeve schneidet ihrem Mann die Haare, damit er einen ordentlichen Eindruck macht, wenn er Major Nowé de Waelhens aufsucht, um sich über dessen Sohn Thiery zu beschweren. Der wollte Stafs DKW kaufen und dafür einen kleinen alten Fiat in Zahlung geben. Angeblich, um Geld von seiner Mutter zu holen, fuhr er mit dem DKW los – und ist seither verschwunden. Dann stellte sich auch noch heraus, dass Thiery mit den Raten für den Fiat im Rückstand war, und Staf musste das Fahrzeug dem Gebrauchtwagenhändler zurückgeben.

„Das hat man davon, wenn man den Leuten vertraut. Wenn man zu gut ist.“
„Zu gut?“, rief Mama. „Du meinst wohl: zu blöd. Thiery hat den DKW längst verkauft und das Geld zu den schlechten Weibern getragen.“ (Seite 304)

Major Nowé de Waelhens ist nicht zu Hause, und Thierys Mutter geht in keiner Weise auf Staf Seynaeve ein. In der augenblicklichen politischen Situation könne sie ihren Mann nicht mit solchen Bagatellen belästigen, erklärt sie, und als Staf mit der Polizei droht, weist sie auf die guten Beziehungen ihres Mannes hin.

„Wir wissen, wem man in Belgien in diesen Zeiten vertrauen kann und wem nicht.“
„Oh, Sie hässliche, hutzlige Hopfenstange!“, Papa sprang mit hochrotem Kopf auf. „Wir werden Leuten von Ihrer Sorte eine Lektion erteilen. Das flämische Volk wird Rechenschaft verlangen, Madame, es ist lange genug ausgepresst worden!“ (Seite 306)

Staf wendet sich an die Polizei, aber der Polizist Theo van Paemel rät ihm davon ab, etwas gegen die einflussreiche Familie Nowé de Waelhens zu unternehmen, zumal er bereits – wie alle Subskribenten der vierbändigen „Geschichte Flanderns“ – auf einer schwarzen Liste stehe und er sich außerdem durch den Kauf von zwei deutschen Druckmaschinen verdächtig gemacht habe:

„Es gibt Stimmen, die behaupten, Goebbels hätte euch die Maschinen geschenkt, damit ihr Nazipropaganda damit druckt.“ (Seite 307)

Im Mai 1940 beginnen die Deutschen ihren Westfeldzug mit dem Einmarsch in die neutralen Staaten Belgien, Holland und Luxemburg. Sobald der erste deutsche Soldat die belgische Grenze überschreitet, dringen auch die Franzosen in den Nachbarstaat ein.

Die Franzosen, die Helme schief auf dem Kopf, nach Knoblauch und Pernod stinkend, vergriffen sich an flämischen Witwen und Waisen, drangen ohne anzuklopfen in unsere Häuser ein, begehrten Schnaps und Frauen, ja, genau wie im Mittelalter. (Seite 315)

Theo van Paemel drängt Staf Seynaeve, Walle für eine Weile zu verlassen:

„Die neue Behörde, die Staatssicherheit, spielt verrückt. Gestern haben sie einen Bauern festgenommen, weil er auf seinem Acker Papier verbrannt hat.“ (Seite 315)

Tetjes und Bekkas Vater holt Staf mit einem vermutlich gestohlenen Feuerwehrauto ab.

Papa sagte: „Ich gehe nicht gerne, Constance, das weißt du, aber Königin Wilhelmine von Holland hat ihr Land auch verlassen.“ (Seite 317)

Während sich Bekkas Vater nach Bayern durchschlägt und Tetje zu seinen Großeltern in Roeselare gebracht wird, kehrt Staf Seynaeve nach drei Wochen zu seiner Familie zurück.

Obwohl Staf zu den überzeugten Flamen zählt, weigert er sich, Mitglied in einer der nationalistischen Organisationen zu werden, etwa dem VNV (Vlaams Nationaal Verbond) oder der DeVlag (Deutsch-Vlämische Arbeitsgemeinschaft), denn in diesem Fall würde sein mit den Franzosen sympathisierender Vater einen Packen Schuldscheine auf den Tisch legen: Der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen geht mitten durch die Familie Seynaeve hindurch.

Louis schließt sich jedoch 1941 ohne Wissen seiner Angehörigen der NSJV (Nationaal-Socialistische Jeugd in Vlaanderen) an und stiehlt seinem Vater Geld, um sich die entsprechende Uniform kaufen zu können. Einmal, als er Wache steht, kommt ausgerechnet seine Mutter vorbei, und zwar in Begleitung ihres Chefs Dr. Henny Lausengier vom deutschen Frontreparaturbetrieb ERLA in Walle, wo sie als Sekretärin beschäftigt ist. Am Abend einigt Constance sich mit ihrem Sohn darauf, dass Staf weder etwas von ihrem Ausflug noch von Louis‘ Mitgliedschaft in der NSJV erfahren soll.

Einen Greis, der sich einen Stuhl ins Freie gestellt hat und darauf sitzt, fordert Louis barsch auf, den Gehsteig frei zu machen.

Nach einiger Zeit bleibt Louis den NSJV-Treffen fern – und ärgert sich darüber, dass niemand kommt, um ihn zurückzugewinnen.

Sein Freund Maurice de Potter, der Klassenprimus in Latein und Mathematik, stolpert beim Fangenspielen und stürzt so unglücklich, dass ihm die Eisenspitze eines Zauns durchs Auge ins Gehirn dringt. Louis geht mit auf den Friedhof, um seinem Freund die letzte Ehre zu erweisen.

Eines Tages bemerkt er, dass Bekkas Unterhose blutbefleckt ist. Er macht sie darauf aufmerksam, aber sie scheint es nicht weiter tragisch zu nehmen und schlägt seinen Rat aus, einen Arzt aufzusuchen. Tagelang beschäftigt ihn die „seltsame Zigeunerkrankheit“.

Als sich Bekka einige Zeit bei ihrer Tante Alicia in Baudroux-sur-Mer aufhält, teilt sie Louis in einem Brief mit, man habe ihren Vater in Deutschland verhaftet.

Tante Alicia hier meint es is weil er was gegen die Regierung oder gegen den Fürer gesagt hat gegen seinen Willen aber ich meine es is weil mein Vati wie ein Zigeuner aussieht oder wie ein Egipter und das is so ähnlich wie ein Jude und die Deutschen wollen nich das sone Menschen in der Fabrik arbeiten neben den anderen Arbeitern. (Seite 463)

Immer häufiger fällt in Walle der Strom aus. Die Seynaeves essen dann weiße Bohnen in Tomatensoße bei Kerzenlicht. Vermutlich aufgrund der Unterernährung bricht Louis im Park ohnmächtig zusammen. Passanten bringen ihn nach Hause. Seine Mutter bestellt ihn daraufhin in ihr Büro bei den ERLA-Werken und sorgt dafür, dass er dort mit einem Arzt namens Donkers in einen Nebenraum geht. Louis muss die Hose herunterlassen, und Donkers betastet seine Genitalien. Danach versichert der Arzt, er sei gesund. Aus Verärgerung über seine Mutter, die die peinliche Untersuchung veranlasst hatte, macht Louis seinen Vater darauf aufmerksam, dass er von Constance betrogen werde:

„Wissentlich willst du es nicht sehen, dass deine Frau im Büro von ERLA … Dass sie dort das Opfer und die Sklavin ihrer Triebe ist […] Aber komm mir später nur nicht: ‚Mein Sohn hat Bescheid gewusst und es mir nicht offen, von Mann zu Mann, ins Gesicht gesagt.'“ […]
„Ich bring sie um“, sagte Papa, doch als Mama um halb zwölf nach unten kam, war er zu müde für einen Mord. Er schlief auf seinem Stuhl, den Rücken an der Tapete, mit offenem, röchelndem Mund […] (Seite 452f)

Kurze Zeit später ereifert Staf sich bei Tisch, weil seine Frau kaum etwas zu sich nimmt.

„Warum wolltest du heute Abend nichts von den Heringen essen?“, rief Papa. „Raus mit der Sprache.“
„Dauernd gibt es Hering.“
„Ach, das ist dir wohl nicht gut genug! Für dich muss es Entrecôte sein im Hotel ‚Zum Schwan‘! […] Du wolltest nur nicht, dass dein Atem nach Heringen riecht!“, brüllte Papa.
[…] „Sag schon, sag’s deinem Sohn, dass du mir Hörner aufsetzt mit dem Besatzer!“
„Er ist kein Besatzer, er ist ein anständiger Mensch.“
„Hörst du, sie gibt es zu!“ (Seite 475f)

Staf Seynaeve meldet sich als Freiwilliger zur Ersten Hilfe, doch weil er kein Blut sehen mag, zieht er es vor, nach Luftangriffen mit einer Armbinde und einem weißen Blindenstock den Verkehr zu regeln.

In den Schulferien wird Louis nach Mecklenburg geschickt und dort bei Gustav und Emma Vierbücher einquartiert.

Wieder zurück in Walle, verliebt er sich in ein etwas älteres Mädchen namens Simone und überlegt:

Wenn man ein Mädchen schon sechsmal lange geküsst und ihr zweimal den Büstenhalter ausgezogen hat, kann man sie dann als seine feste Freundin betrachten? (Seite 523)

Als er einmal versucht, Simone unter den Rock zu fassen, lässt sie es nicht zu. Er sei zu jung für sie, erklärt sie ihm, und außerdem gehe sie mit Jacques van de Sompel, dem Sohn eines Holzhändlers.

Bekka kommt aus Baudroux-sur-Mer zurück. Nun probiert Louis es bei ihr: Er zieht ihr das Höschen herunter und schaut sich alles genau an.

Ceusters und Coene, zwei Mitschüler aus der Abiturklasse, werden abgeführt und tauchen nie wieder auf. Louis hört verschiedene Gerüchte, was mit ihnen geschehen sein könnte.

Dem Religionslehrer Evariste de Launay de Kerchove, den die Schüler heimlich „Eiko“ (Abkürzung von Eierkopf) nennen, fehlen eines Tages zwei Schneidezähne. Bald darauf wird er abgeholt und nach Deutschland deportiert.

Louis hilft seinem Vater, Schwerverletzte auf Lastwagen zu verladen und wird mit Sterbenden konfrontiert. Sechsmal fährt er zwischen dem Bahnhof und dem Lazarett hin und her, dann schläft er ein.

Einmal bringt Louis seiner Tante Nora – einer Schwester seines Vaters – ein paar Bücher. Da dreht sie das Foto von Onkel Leon auf dem Kaminsims um und verführt ihn.

Constance wundert sich über ihren Mann:

„Louis, findest du nicht auch, dass dein Vater ziemlich oft zu Madame Kerskens von gegenüber geht? Er schneidet ihr die Rosen, mäht den Rasen, ich glaube, er putzt ihr sogar die Schuhe, ich kann die Lederwichse nicht mehr finden. Klar, du weißt mal wieder von nichts, du Jesuitenbalg. Aber es ist mir sowieso schnuppe. Soll er sein Vergnügen woanders suchen, bei mir wird er’s nicht finden. Doch du könntest ihm mal ganz beiläufig stecken, dass sein Madammeke Kerskens von gegenüber regelmäßig bei Mijnheer Groothuis in einer Badewanne voll Champagner sitzt, wenn er seine Partys gibt. Groothuis ist zwar vom anderen Ufer, aber Weiber holt er trotzdem ins Haus, für die anderen Fabrikanten. Er hat immer mehrere Eisen im Feuer. Nach dem Krieg werden die Leute ja auch wieder Textilien und Teppiche brauchen.“ (Seite 631)

Constance kümmert sich inzwischen noch weniger als zuvor um den Haushalt, und wenn Staf nicht abwäscht, stapelt sich das gebrauchte Geschirr in der Küche.

Staf überlegt kurz, ob er mit seiner Familie nach Argentinien auswandern soll, und Constance lässt sich von dem Gedanken mitreißen.

„Hier erwartet uns doch nur Kummer“, sagte sie.
„Der Kummer von Belgien“, sagte Papa. (Seite 739)

Ende 1944 öffnet Louis im Beisein Bekkas seine Hose und fordert sie auf, sein Gemächt anzuschauen. Dann will er bei ihr gucken. Widerstrebend zieht Bekka ihren Slip ein Stück hinunter, aber Louis gibt erst Ruhe, als sie ihn ganz abgestreift hat. Dann drängt er sie, die Beine zu spreizen. Bekka lässt sich auch dazu überreden. Zuerst will sie nicht angefasst werden, dann lässt sie zu, dass er sich ihrer Vulva mit seinem Penis nähert.

„Oh, du Mistkerl“, sagte Bekka zärtlich. Sie legte zwei Finger auf ihren Schlitz, spreizte sie, zog die dunklen Lippen auseinander, rosa und rote Falten waren zu sehen, ein glänzender kleiner Krater.
„Sag mal Guten Tag. Nein, nicht reinstecken, nur mit dem Köpfchen berühren.“ Sie hob den Po. Die beiden Teile begrüßten, berührten einander. Erstaunlich leicht glitt eins ins andere.
„Aber nur ganz kurz“, sagte das Adelsfräulein seiner Gedankenspiele, und er gehorchte […] und zog sich zurück; sie aber stieß mit aller Kraft den Unterleib vor […] (Seite 650f)

Einige Zeit später wird Louis von Michèle angesprochen, einer Freundin von Thérèse, die beinahe seinen Onkel Omer geheiratet hätte. Er soll ihren Keller aufräumen und sich dabei ein Taschengeld verdienen. Nach getaner Arbeit wäscht Louis sich im Bad die Hände. Währenddessen uriniert Michèle ungeniert neben ihm, und Louis merkt, dass sie unter dem Rock nichts anhat. Die Witwe – ihr Mann wurde füsiliert – nimmt ihn mit ins Schlafzimmer und treibt es mit ihm. Danach schluchzt sie und schämt sich wegen des gepolsterten Büstenhalters. Ihre Brüste seien schlaff geworden, sagt sie, weil sie ihren Sohn Renétje gestillt habe.

Bevor Louis nach dem Krieg mit einer Druckerlehre beginnt, schreibt er über seine bisherigen Erlebnisse eine Novelle unter dem Titel „Der Kummer“. Das Manuskript bringt er selbst zu der Redaktion der Zeitschrift „Mercurius“, die einen Literatur-Wettbewerb ausgeschrieben hat. Auf dem Titelblatt steht: „Der Kummer von Louis Seynaeve“. Ein Angestellter weist ihn darauf hin, dass die Beiträge per Post eingeschickt werden müssen und auf den eingereichten Manuskripten keine Verfasser genannt werden dürfen, damit die Jury ohne Ansehen der Person entscheiden kann. Um die Situation zu retten, lügt Louis, er heiße Maurice und das Manuskript habe sein Bruder Louis geschrieben, kurz bevor er von den Deutschen abgeholt worden und in einem Konzentrationslager umgekommen sei. Der betroffene Angestellte rät ihm daraufhin, den Titel zu ändern:

Der Kummer, das ist ein guter Titel. Andererseits … irgendwas fehlt. Es ist … es ist … so kahl. Jeder Mensch hat Kummer. Warum nennen Sie es nicht Kummer ums Vaterland […] Oder schlicht und einfach Der Kummer von Belgien.“ (Seite 795f)

Bald darauf erfährt Louis, dass „Der Kummer von Belgien“ von „Mercurius“ gedruckt wird.

„Der Kummer von Belgien, das bist du“, sagt Meerke zu ihrem Enkel.

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Mit dem Roman „Der Kummer von Belgien“ präsentiert Hugo Claus eine Mischung aus Familiensaga, Coming-of-Age-Geschichte, Schelmenstück und zeitgeschichtlichem Porträt. Es geht um einen jungen Belgier im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren kurz davor und danach.

Die Romanfigur Louis Seynaeve wurde am 5. April 1929 geboren, am selben Tag wie Hugo Claus, und zwar ebenfalls als Sohn eines Druckers. Offenbar will der Autor gar nicht verheimlichen, dass „Der Kummer von Belgien“ zumindest teilweise autobiografisch ist. Die fiktive flämische Stadt Walle entspricht dabei in etwa der wirklichen Stadt Kortrijk in Westflandern.

Der Roman „Der Kummer von Belgien“ ist in zwei unterschiedliche Blöcke gegliedert; der erste Teil trägt den Titel „Der Kummer“, und über dem zweiten Teil steht: „Von Belgien“. „Der Kummer“ setzt sich aus 27 Kapiteln zusammen; „Von Belgien“ besteht aus ein paar hundert Episoden. Eine dramatische Handlung gibt es nicht; zusammengehalten werden die Episoden nur durch die Person des heranreifenden Protagonisten Louis Seynaeve, aus dessen zumindest anfangs naiven Perspektive wir das Geschehen erleben: seine Versuche, sich zu orientieren, die ersten sexuellen Erfahrungen, den Konflikt zwischen Flamen und Wallonen, die Bedrohung durch die Nationalsozialisten. Louis Seynaeve tritt zumeist in der dritten Person Singular auf, ist hin und wieder aber auch in der Ich-Form zu hören:

„Ja, Meneer“, sagte Louis. (Wenn ich ihm damit eine Freude machen kann.) – Seite 130

Hugo Claus erzählt eher konventionell, nahezu ohne Effekthascherei und in einem burlesken Ton. Das ist unterhaltsam, auch wenn wegen des Fehlens einer Handlung im herkömmlichen Sinn keine dramatische Spannung entsteht.

Der „Kummer“ ist in der Tat ein preiswürdiges Buch, eine Reflexion zum Trauma der nationalen und kulturellen Randgruppe der Flamen – und wie ihr Streben nach Identität sie unter deutscher Besatzung dem Faschismus in die Arme trieb. (Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung, 20. März 2008)

„Der Kummer von Belgien“ weist Elemente des Künstler-, des Schelmen- und des Entwicklungsromans auf und hält doch skeptische Distanz zu allen idealtypischen Genremustern. Alle erzählerische Teleologie und finale Sinnstiftung scheint ihm [Hugo Claus] suspekt, und Louis ist weder Held, noch Anti-Held, sondern das Zentrum einer Erzählung, die immer wieder in seltsam wackeligen Perspektivwechseln von der ersten in die dritte Person kippt oder ansatzlos zwischen realistischem Erzählen und narzisstischen Wunschfantasien wechselt. Es liegt nahe, Hugo Claus mit Pieter Brueghel zu vergleichen. Man sollte dann aber an den Brueghel von Gemälden wie „Die niederländischen Sprichwörter“ denken, in dem ein Gewimmel von Figuren und allegorischen Situationen die Hierarchie des Bildraumes in Vorder- und Hintergrund, Haupt- und Nebenmotive unterläuft. (Klaus Nüchtern, Süddeutsche Zeitung, 14. Juli 2008)

Der 1983 veröffentlichte Roman „Het verdriet van België“ wurde zunächst von Johannes Piron übersetzt und trug den Titel „Der Kummer von Flandern“ (1986). Die Neuübersetzung von Waltraud Hüsmert erschien 2008 unter dem Titel „Der Kummer von Belgien“.

Claude Goretta verfilmte den Roman „Der Kummer von Belgien“:

Originaltitel: Het verdriet van België – Regie: Claude Goretta – Drehbuch: Hugo Claus, nach seinem Roman „Der Kummer von Belgien“ – Kamera: Dominique Brenguier – Schnitt: Victorine Habets – Musik: Jurre Haanstra – Darsteller: Marianne Basler, Damiaan De Schrijver, Mathias Engelbeen, Dirk Roofthooft, Rik van Uffelen, Hilde Uitterlinden, Greta Van Langhendonck u. a. – 1995

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Hugo Claus (Kurzbiografie / Bibliografie)

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"Die Haischwimmerin" ist eine abgedrehte Groteske. Mit überbordender Fantasie, viel Humor und Sprachwitz erzählt Heinrich Steinfest eine surreale Abenteuergeschichte: Unterhaltung auf literarischem Niveau.

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Heinrich Steinfest

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