William Boyd : Ruhelos

Ruhelos

William Boyd

Ruhelos

Originalausgabe: Restless Bloomsbury Publishing, London 2006 Ruhelos Übersetzung: Chris Hirte Berlin Verlag, Berlin 2007 ISBN: 978-3-8270-0692-9, 368 Seiten, 22 € Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2008 ISBN: 978-3-8333-0536-8, 368 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1976 erfährt Ruth Gilmartin, dass ihre Mutter nicht in England, sondern in Russland geboren wurde und während des Zweiten Weltkriegs für den Secret Intelligence Service arbeitete. Eva Delektorskaja gehörte zu einer von Lucas Romer geführten Spezialeinheit, die ab 1940 versuchte, die USA zum Kriegseintritt zu bewegen. Sie verliebte sich in Romer, und die beiden wurden heimlich ein Paar. Doch seit einem Mordanschlag verdächtigt Eva ihren Geliebten, sie verraten zu haben ...
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Kritik

Die beiden Handlungsstränge in dem Agentenroman "Ruhelos" von William Boyd sind von unterschiedlicher Qualität. Ruths Geschichte wirkt seicht; der andere Teil des Romans ist dagegen spannend, interessant und vielschichtig.

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Wenn ich als Kind frech war, widersprach oder mich irgendwie schlecht benahm, wies mich meine Mutter zurecht, indem sie sagte: „Eines Tages kommt jemand und bringt mich um. Dann wird es dir leid tun.“ Oder: „Sie kommen aus heiterem Himmel und holen mich ab – was sagst du dann?“ Oder: „Eines Morgens wachst du auf, und ich bin weg. Einfach verschwunden. Wart’s nur ab!“
Es ist merkwürdig, aber man denkt nicht ernsthaft nach über diese Drohungen, wenn man jung ist. Doch wenn ich heute auf die Ereignisse des Sommers 1976 zurückblicke, als England unter einer nicht enden wollenden Hitzewelle ächzte und stöhnte, weiß ich genau, wovon meine Mutter sprach: Heute kenne ich die dunkle Unterströmung aus Angst unter der glatten Oberfläche ihres Alltags, die auch nach vielen Jahren friedlichen Dahinlebens nicht versiegte. Heute weiß ich, dass sie ständig Angst hatte, umgebracht zu werden. Und das aus gutem Grund. (Seite 9)

Oxford, 1976. Die siebenundzwanzig Jahre alte allein erziehende Mutter Ruth Gilmartin verdient ihren Lebensunterhalt, indem sie Ausländern wie dem iranischen Ingenieur Hamid Kazemi Sprachunterricht erteilt („Oxford English Plus“). Kurz nachdem sie 1970 ihr Deutsch- und Französisch-Studium in Oxford abgeschlossen hatte, erlag ihr Vater einem Herzinfarkt. Ihre Mutter Sally verkaufte daraufhin die Villa in Banbury und zog in ein Cottage in Middle Ashton. Ruth wollte an der Universität Hamburg über „Die Revolution in Deutschland 1918 – 1923“ promovieren – und ließ sich auf ein Verhältnis mit ihrem Doktorvater Professor Karl-Heinz Kleist ein, obwohl dieser verheiratet war. Irmgard Kleist tolerierte allerdings die erotischen Abenteuer ihres Mannes. Als Ruth schwanger wurde, drängte Kleist auf eine Abtreibung, aber sie trug das Kind aus und kehrte im Januar 1975 mit ihrem Sohn Jochen nach Oxford zurück. Professor Robert („Bobbie“) York betreut sie nun, aber Ruth hat schon lange nicht mehr an ihrer Dissertation gearbeitet.

Bei einem Besuch in Middle Ashton wundert Ruth sich über ihre Mutter. Als ob sie sich verfolgt fühlen würde, blickt die Sechsundsechzigjährige immer wieder ruhelos durchs Fenster zum Witch Wood hinüber, und obwohl ihr augenscheinlich nichts fehlt, lässt sie sich von Ruth im Rollstuhl durch den Ort fahren. Zum Abschied drückt Sally Gilmartin ihrer Tochter einen Schnellhefter mit dem Titel „Die Geschichte der Eva Delektorskaja“ in die Hand. Wer das sei, fragt Ruth und erfährt, dass ihre Mutter nicht in Bristol, sondern als Eva Delektorskaja in Russland geboren wurde. Evas Eltern emigrierten nach der Oktoberrevolution mit ihr und ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Kolja. Evas Mutter Marja starb 1924 in China. Sergej Pawlowitsch Delektorski zog mit den Kindern nach Berlin und 1928 weiter nach Paris, wo er vier Jahre später die kinderlose Witwe Irène Argenton heiratete.

Evas Bruder Kolja, der schließlich als Musiklehrer in Paris arbeitet, wird 1939 erschossen. Nach der Beerdigung wendet sich ein vierzigjähriger Engländer namens Lucas Mansfield Romer an Eva und erklärt ihr, Kolja sei für den Secret Intelligence Service in die Action Française eingeschleust worden. Offenbar habe man ihn durchschaut und deshalb ermordet. Romer überredet Eva, anstelle ihres toten Bruders für den britischen Geheimdienst tätig zu werden.

Mit einem britischen Pass auf den Namen Eve Dalton reist Eva Delektorskaja zur Spezialausbildung nach Edinburgh. Noch im selben Jahr verstärkt sie Romers offiziell zu The Government Code and Cipher School gehörendes Team in Ostende. Sie und ihre Kollegen Morris Devereux, Angus Woolf, Sylvia Rhys-Meyer und Alfie Blytheswood haben die Aufgabe, als „Agence d’Information Nadal“ einen Propagandakrieg gegen die Nationalsozialisten zu führen.

Bei einem Einsatz in Prenslo an der deutsch-holländischen Grenze entgeht Eva nur durch ihre blitzschnelle Flucht aus dem Toiletten-Fenster einer Gaststätte einem Zugriff der Deutschen [vgl. Venlo-Zwischenfall]

Sie verliebt sich in Romer, und die beiden werden heimlich ein Paar.

Auch als die Gruppe 1941 nach New York abkommandiert wird, setzen sie ihr Verhältnis fort. Ziel der psychologischen Kriegsführung ist nun der Kriegseintritt der USA. Weil 80 Prozent der Amerikaner dagegen sind, ist das keine leichte Aufgabe.

Romer beauftragt seine Geliebte, sich in Washington an Mason Harding heranzumachen, einen Presseattaché von Harry Hopkins, der wiederum als Vertrauter des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt gilt. Harding ist zwar verheiratet und hat zwei Kinder, aber als er in Baltimore zu tun hat, verabredet er sich mit Eva im Allegany Hotel. Romer überlässt es Eva, ob sie mit Harding ins Bett geht oder nicht. Auf jeden Fall will er Fotos, mit denen Harding erpresst werden kann, Roosevelt eine Karte zuzuspielen, auf der die Deutschen angeblich die von Hitler geplante Neuordnung Südamerikas – die Aufteilung in fünf Vasallenstaaten – eingezeichnet haben.

Bald darauf wird Eva von Romer nach Albuquerque, New Mexico, geschickt. Dort erhält sie bei einem konspirativen Treffen eine Karte, die den Eindruck erwecken soll, dass die Lufthansa bereits Flugrouten zwischen Mexiko und den USA plant. Damit soll sie nach Las Cruces fahren. Man werde sie im Alamogordo Inn kontaktieren, heißt es.

Eva wundert sich über die schlechte Qualität der Fälschung, aber sie reist weiter. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wird sie im Bungalow ihres Motels in Las Cruces von einem Mexikaner überfallen. Mit einem Revolver zwingt er sie, sich ans Steuer seines Autos zu setzen. Am Rand einer Schlucht muss sie anhalten. Eva weiß, dass er sie nun töten will. Plötzlich zieht sie einen Bleistift aus ihrem Haar und rammt ihn ihrem Entführer ins Auge. Den Papieren des Toten entnimmt sie, dass es sich um Vizeinspektor Luis de Baca handelt. Sie schiebt das Auto zum Abgrund, und nachdem es in die Tiefe gestürzt ist, klettert sie nach, legt den vierten Gang ein, versteckt 3000 Dollar im Handschuhfach, platziert eine abgerissene Ecke der Mexiko-Karte im Wagen und vertauscht den Bleistift gegen einen abgebrochenen Scheibenwischer.

Weil ihr klar ist, dass sie verraten wurde, versteckt sie sich nach ihrer Rückkehr in New York in einem Fluchtquartier, das nicht einmal Romer kennt. Bei einem konspirativen Treffen mit ihm erfährt sie, dass der Schnipsel der Mexiko-Karte, der die Echtheit der Südamerika-Karte zu bestätigen scheint, Roosevelt vorgelegt wurde. Sie habe wieder einmal hervorragende Arbeit geleistet, meint Romer.

Seit dem Überfall in Las Cruces traut Eva niemandem mehr. Stecken hinter dem Anschlag die Deutschen? Sollte bei Evas Leiche die Mexiko-Karte gefunden werden? Das hätte bewiesen, dass der britische Geheimdienst mit Fälschungen arbeitet, um auf einen Kriegseintritt der USA hinzuarbeiten.

Als Morris Devereux tot aufgefunden wird und es heißt, er habe Selbstmord begangen, befürchtet Eva, dass Romer hinter dem Mordanschlag auf sie steckt und dabei ist, seine Mitarbeiter auszuschalten. Sofort nimmt sie ein Taxi zur Central Station, verwischt ihre Spuren und setzt sich nach Burlington, Vermont, ab. Ein Freund namens Paul Witoldski bringt sie am 7. Dezember 1941 über die Grenze nach Kanada.

Dort erfährt sie von dem japanischen Überfall auf den US-Marinestützpunkt Pearl Harbor (7. Dezember) und der amerikanischen Kriegserklärung an Japan (8. Dezember): Nicht die Anstrengungen des Secret Intelligence Service, sondern das Desaster in Pearl Harbor veranlassen die US-Regierung, sich aktiv am Zweiten Weltkrieg zu beteiligen.

Am 18. Januar 1942 geht Eva als Lily Fitzroy in St. John, New Brunswick, an Bord eines Schiffes, das sie nach England bringt. Als eine Sozialsiedlung in Deptford durch einen deutschen Luftangriff zerstört wird, gibt Eva sich als die älteste Tochter einer vermutlich verschütteten Familie aus und nennt sich nun Sally Fairchild.

In London erfährt sie, dass Angus Woolf und Sylvia Rhys-Meyer in einem Wasserflugzeug saßen, das zwischen Lissabon und Poole Harbour abgeschossen wurde. Von ihrem Team in Ostende bzw. New York leben nur noch sie, Romer und Alfie Blytheswood. Das bestärkt Eva in ihrem Verdacht, Romer habe versucht, seine Mitarbeiter zu liquidieren. (Blytheswood stirbt 1957 an einem Schlaganfall.)

In einem Pub lernt Eva alias Sally Fairchild den irischen Diplomaten Sean Gilmartin kennen. Er besorgt ihr Papiere. Im März 1942 stellt er sie seinen Eltern in Dublin vor, und zwei Monate später wird Hochzeit gefeiert. Aus Eva Delektorskaja ist nun Sally Gilmartin geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet Sean Gilmartin mit einem Partner zusammen eine Anwaltskanzlei in Banbury und zieht mit seiner Frau nach Oxfordshire.

Als Ruth die Aufzeichnungen ihrer Mutter gelesen hat, bittet diese sie, Lucas Mansfield Romer ausfindig zu machen. Ruth wendet sich an ihren Doktorvater Robert York. Der findet heraus, dass Romer am 7. März 1899 geboren wurde und nach dem Ersten Weltkrieg am St. John’s College in Oxford und an der Sorbonne Geschichte studierte. Von 1926 bis 1935 arbeitete er im Außenministerium. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Verleger und heiratete eine Frau namens Miriam Hilton, mit der er zwei Kinder zeugte. Seit seiner Erhebung zum Peer im Jahr 1953 nennt er sich Lord Mansfield, Baron von Hampton Cleeve.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

York bringt Ruth mit Timothy Thoms zusammen, der an einer Geschichte des britischen Geheimdienstes von 1909 bis zur Gegenwart arbeitet. Ruth lässt ihn die Aufzeichnungen ihrer Mutter lesen. Nach der Lektüre ist Thoms überzeugt davon, dass es sich bei Romer um einen Doppelagenten handelte, der in Wahrheit für den NKWD (Narodny Kommissariat Wnutrennich Del) arbeitete. Die Russen wollten aus machtpolitischen Erwägungen eine aktive Beteiligung der USA am Zweiten Weltkrieg verhindern und die Amerikaner aus Europa heraushalten. Deshalb sabotierten sie die britischen Bemühungen, Roosevelt zur Kriegserklärung zu bewegen, und als der Coup mit der Südamerika-Karte Wirkung zeigte, befahlen sie Romer, seine Mitarbeiter auszuschalten. Als erstes sollte Eva in Las Cruces ermordet werden. Bei der Toten hätte man die schlecht gefälschte Mexiko-Karte gefunden. Dadurch wären die Bemühungen des britischen Geheimdienstes durchkreuzt worden.

Unter dem Vorwand, ein Zeitungsinterview mit ihm führen zu wollen, wendet Ruth sich an Lord Mansfield, aber sie erhält von seiner Sekretärin Anna Orloggi eine Absage. Doch als sie bei einem Telefonanruf die Kriegspropaganda des Secret Intelligence Service erwähnt, erhält sie einen Termin im Brydges‘, einem exklusiven Club in London. Als Lord Mansfield bei dem kurzen Gespräch zu der Auffassung kommt, dass es sich bei Ruth um eine harmlose Journalistin handelt, die nichts über seine geheimdienstliche Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg weiß, schickt er sie ohne Interview fort.

Ruth fährt nach Middle Ashton. Sie wundert sich, dass ihre Mutter nicht zu Hause ist und erst einige Zeit später kommt. Sally Gilmartin war ebenfalls in London. Sie hatte gewartet, bis Lord Mansfield aus dem Club kam. Dann folgte sie ihm und fand heraus, wo er wohnt.

Am nächsten Morgen fährt Ruth erneut nach Middle Ashton, und als sie ihre Mutter nicht dort antrifft, sieht sie ihre Sorge bestätigt, dass Sally unterwegs ist, um sich an Romer zu rächen. Aufgeregt eilt Ruth nach London. Ihre Mutter sitzt vor Lord Mansfields Haus im Auto. Als er vorfährt, stellen ihn die beiden Frauen. Im Salon erklärt Sally ihm, sie habe alles über seine geheimdienstliche Tätigkeit aufgeschrieben. Ein Professor in Oxford werde daraus ein Buch machen. Sein Versteckspiel sei vorbei.

Wie von Sally erwartet, nimmt Romer sich noch in der Nacht das Leben.

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Der Agentenroman „Ruhelos“ von William Boyd handelt von einer russischen Emigrantin, die 1939 für den Secret Intelligence Service angeworben wird und im Zweiten Weltkrieg für die als Nachrichtenagentur getarnte British Security Coordination (BSC) arbeitet, deren vordringliche Aufgabe es ist, die USA durch manipulierte Meldungen zur aktiven Beteiligung am Krieg zu bewegen. Liebe und Verrat stehen im Zentrum der Geschichte.

William Boyd entwickelt die Handlung in zwei Erzählsträngen. Die Geschichte der britischen Agentin Eva Delektorskaja beginnt 1939 in Paris, die ihrer Tochter Ruth Gilmartin 1976 in Oxford. Von Eva erzählt William Boyd in der dritten Person, Ruth lässt er in der Ich-Form auftreten.

Die beiden Handlungsstränge in „Ruhelos“ sind von unterschiedlicher Qualität. Ruths Geschichte wirkt seicht. Bezeichnend dafür ist, wie William Boyd die Figuren der mutmaßlichen RAF-Terroristen Ludger Kleist und Ilse Bunzl behandelt: Sie nisten sich bei der Doktorandin in Oxford ein, aber ansonsten spielen sie keine Rolle. Ganz anders dagegen die Spionagegeschichte: In diesem anspruchsvollen Teil des Romans „Ruhelos“ schildert William Boyd kenntnisreich die Ausbildung und Arbeit von Geheimagenten. Da sind selbst die vielen Details spannend und interessant.

Den Roman „Ruhelos“ von William Boyd gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Martina Gedeck (Bearbeitung: Moritz W. Lange, Regie: Robert Schoen, Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, 5 CDs, ISBN: 978-3-455-30525-8).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Berlin Verlag

MI5 / MI6
British Security Coordination (BSC)

William Boyd: Einfache Gewitter

Tom Wolfe - Back to Blood
"Back to Blood" ist eine grelle Gesellschaftssatire. Mit über­bordender Fabulierlust füllt Tom Wolfe mehr als 750 Seiten. Manches ist platt, aber es gibt auch viele originelle Einfälle. "Back to Blood" bietet ein unangestrengtes, unterhaltsames Lesevergnügen.
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