Sibylle Berg : Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Sibylle Berg

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2015 ISBN: 978-3-446-24760-4, 256 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Rasmus ist Theaterregisseur. Nachdem es zehn Jahre lang aufwärts ging, erhielt er nur noch Engagements in der Provinz, und auch die bleiben inzwischen aus. Nun versucht er vergeblich, junge Menschen in der "Dritten Welt" für ein Theaterprojekt zu gewinnen. Chloe begleitet ihn. Zu Hause, in Deutsch­land, betreibt sie ein Antiquariat, um nicht nur die Frau des Regisseurs zu sein. Nach 20 Jahren mit Rasmus wirft sich Chloe in eine unvernünftige, leidenschaftliche Affäre mit dem Masseur Benny, will aber auch nicht auf Rasmus verzichten – und der findet durchaus Gefallen an Benny ...
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Kritik

"Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" ist kein nuanciertes Beziehungsdrama, sondern eine zynische Groteske über den Gegen­satz von Sex und Liebe. Sibylle Berg entwickelt die Geschichte, indem sie abwechselnd Chloe und Rasmus zu Wort kommen lässt, also aus zwei Perspektiven.
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Chloe und Rasmus waren Mitte 20, als sie sich vor 20 Jahren begegneten. Seither sind sie ein Paar. Rasmus ist Finne. Er arbeitete als Regisseur an einem unbedeutenden Stadttheater in Deutschland, als Chloe ihn kennenlernte. Zehn Jahre lang ging es mit ihm bergauf. Dann überschritt er den Zenit seiner Karriere und erhielt nur noch Engagements in der Provinz, wobei er sich anfangs einredete, das sei wegen des kulturell noch nicht übersättigten Publikums gut so. Chloe übernahm vor zehn Jahren ein Antiquariat, um nicht nur die Frau des Regisseurs zu sein, aber mehr Geld verdient sie mit Börsenspekulationen. Ohne finanzielle Unterstützung durch ihre Schwiegermutter Lumi würden sie und Rasmus allerdings nur schwer über die Runden kommen. Auch die Drei-Zimmer-Wohnung wurde von Lumi gekauft und läuft auf deren Namen. Alle zwei Monate kommt sie zu Besuch. Geschwängert hatte sie ein mit einer anderen Frau verheirateter Ingenieur, der sie sitzen ließ, als sie schwanger war. Lumi zog ihren Sohn allein auf, studierte Kunst, gehörte der Studentenbewegung an, engagierte sich als Feministin und Terroristin. In Finnland betreibt sie eine kleine Galerie und lehrt an der Kunstakademie.

[Chloe:] Ich wache gegen drei Uhr auf, um ein wenig Ruhe vor Rasmus zu haben und um an etwas anderes zu denken als an das Theater. Aber es fällt mir nichts ein. Rasmus‘ Probleme haben jeden Millimeter unserer Hirne besetzt. Also denke ich jeden Morgen zwischen drei und vier in Ermanglung eigener Probleme über Rasmus‘ Scheitern nach […]

Sex haben Chloe und Rasmus eigentlich nur, wenn er morgens aufwacht und der Druck der gefüllten Blase auf die Prostata eine Erektion bewirkt. An den letzten leidenschaftlichen Sex kann Chloe sich zwar noch erinnern, aber damals war sie 17.

Ich hatte früher nichts gegen Sex. Falls es rhetorisch korrekt ist, würde ich sagen, dass ich theoretisch gerne ficke. Aber nicht mit Rasmus. […] Ich habe mich von der ersten Sekunde mit ihm wohlgefühlt, bin gerne neben ihm gelaufen und hatte keine Angst vor ihm. Aber erregt hat er mich nicht. Vermutlich schließt eine Behaglichkeit Ekstase aus.

Nun halten sich Chloe und Rasmus seit sieben Wochen in einem Strandhotel in der sogenannten „Dritten Welt“ auf, weil Rasmus glaubt, den Menschen hier etwas von der abendländischen Hochkultur vermitteln zu müssen. Die meisten Touristen – es sind überhaupt nur wenige – machen in dem Küstenort nur einen kurzen Zwischenstopp auf einer größeren Reise. Der Strand ist vermüllt, im Wasser treiben mitunter Schlachtabfälle und es riecht überall nach dem Schlachthof, in dem die meisten Bewohner arbeiten. Rasmus scheitert mit seinem Vorhaben, denn die jungen Menschen, die bei seinem Theaterprojekt als Laiendarsteller mitmachen sollen, warten lediglich auf das Bier, das es nach den Proben gibt.

Die meisten, ich korrigiere: alle sind nur bei den Proben, weil sie dadurch nicht in die Schule müssen oder ihren Eltern nicht im Schlachthaus helfen.

In eineinhalb Wochen wollte Rasmus eigentlich mit Chloe nur nach Deutschland zurückfliegen, um neue Gelder zu beschaffen und die Medien auf das Projekt aufmerksam zu machen, aber inzwischen ist ihm die Lust zum Weitermachen vergangen.

Chloe langweilt sich. Sie masturbiert im Bad. Die Türe hat sie zwar zugesperrt, aber durchs Fenster wird sie von einem Mann beobachtet, der ihr am Strand auffiel und den sie wegen seiner guten Kleidung für einen Banker hält. Als sie es bemerkt, ermutigt sie ihn durch ein Zeichen, ins Haus zu kommen und in ihrem Beisein selbst zu masturbieren.

Am nächsten Morgen gehen Chloe und Rasmus zum Strand hinunter, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Am Strand sitzt ein brennender Mann. Offenbar hat er sich selbst mit Benzin übergossen und angezündet. Er ist bereits verschmort und verkohlt. Nur noch an einem neben dem Feuer liegenden Halstuch erkennt Chloe, dass es sich um den Banker handelt.

Auf der Suche nach einem ruhigen Ort zieht Chloe Rasmus in einen Massagesalon.

Der Behandlungsraum wird hergerichtet, was vermutlich meint, dass zwei dreckige Handtücher gegen weniger dreckige Handtücher ausgetauscht werden.

Rasmus wird von einer Frau mit großen Füßen massiert, Chloe von einem rothaarigen Mann Ende 20. Später wird sie erfahren, dass er Benny heißt. Er massiert ihre Waden, ihren Po – und penetriert sie mit einem Finger.

Der Orgasmus geht in dem Rest meines Wohlgefühls fast unter. Dieser kleine Moment des Blutes in den Gliedmaßen, des Zuckens, löst sich auf in dem umfassenden Glück, am Leben zu sein. hier in dem Raum, auf dieser Welt.

Im Hotel packt Chloe ihre Sachen. Sie möchte Rasmus erst am Flughafen wiedersehen.

Während sie mit Benny Sex in einer Absteige hat, steht plötzlich seine Kollegin aus dem Massagesalon in der Tür, zerrt ihn aus dem Bett und ohrfeigt Chloe. Augenscheinlich sind die beiden ein Paar oder es zumindest gewesen. Weil Chloe ihren Liebhaber vermisst, masturbiert sie jede halbe Stunde mit dem notdürftig mit heißem Wasser gereinigten Stiel der Toilettenbürste. Als Benny dann zurückkommt, folgt sie ihm wie ein Hund, auch zur Toilette, und lässt sich von ihm in den Mund urinieren.

Meine Grenzenlosigkeit erregt mich, macht mich stolz.

Rasmus ist erleichtert, als sie rechtzeitig zum Flugzeug kommt, aber sie redet kein Wort mit ihm, und er gewinnt den Eindruck, dass sie gar nicht in ihrem Körper sei.

Zurück in Deutschland, leidet Chloe unter einer Depression. Nach einigen Tagen kündigt sie Rasmus die Ankunft Bennys an. Rasmus weiß zunächst gar nicht, wer das ist, und darauf reagiert Chloe aggressiv. Sie wolle Rasmus zwar nicht verlieren, erklärt sie, müsse jedoch Benny wiedersehen.

Während sie am Flughafen auf ihn wartet, masturbiert sie in einer Toilette.

Zur gleichen Zeit empfängt Rasmus zu Hause „Carmen, die vermutlich Jessica heißt“, eine 60-jährige Prostituierte, die sich schlecht gehalten hat.

So würde ich aussehen, wenn ich Frau und Nutte wäre.

Beim Anblick dieser abgetakelten Frau vergeht Rasmus jede sexuelle Erregung, aber er hat sich „aus beschämend einfachen Gründen“ vorgenommen, eine Frau zu erniedrigen und zieht das jetzt durch, auch wenn die Fellatio mühsam ist.

Chloe ist enttäuscht, als sie Benny in der Menge der Angekommenen erkennt. Im Parka und mit einer Kappe auf dem Kopf sieht er hilflos aus und ebenso grau wie die anderen Menschen.

Wir umarmen uns wie Politiker. Es fühlt sich nicht gut an. […] Was machen wir jetzt? Meine Güte, denke ich, was werden wir schon machen? In meine Wohnung gehen und Rasmus demütigen. Was sonst.
Selten war ein Taxameter so laut.

Nachdem Chloe die Haustüre aufgesperrt hat, zieht sie Benny in den Waschraum im Keller und reißt ihm die Hose herunter. Sie macht sich mit dem Mund an seinem Penis zu schaffen, aber er setzt sie auf die Waschmaschine, stößt ein paar Mal in sie hinein und ejakuliert dann über ihre Beine auf den Boden. Nachdem sie sich wieder angezogen haben, gehen sie in die Wohnung, wo Rasmus im Unterhemd vor dem Fernsehgerät sitzt und sich nicht einmal umdreht, als sie hereingekommen. Chloe sucht das Bad auf, um das Sperma von ihren Beinen zu wischen.

Sie schläft mit Benny auf dem Sofa im Wohnzimmer, und obwohl die beiden sich bemühen, beim Geschlechtsverkehr nicht allzu laut zu stöhnen, hört Rasmus sie. Er bedauert es, nicht in der Lage zu sein, den Geliebten seiner Frau in die Fresse zu schlagen. Aber als er nach ein paar Tagen den Eindruck hat, dass Benny nur die Midlife Crisis seiner Frau sei, „fleischgeworden mit roten Haaren“, dass es zwischen Chloe und Benny nichts Verbindendes gebe und die Affäre wie eine Erkältung vorübergehen werde, beschließt er, die Sache auszusitzen. Er beginnt, beim Essen mit Benny zu plaudern und findet ihn sympathisch. Chloe scheint sich darüber zu wundern, dass der Dildo auch sprechen kann.

Benny wurde von einem Roma gezeugt, der seine bulgarische Geliebte in einem Elendsquartier in Timişoara sitzen ließ. Bennys Mutter zog dann als Prostituierte nach Westeuropa und vernachlässigte ihn. Er stahl und prostituierte sich ebenfalls. Schließlich heuerte er auf einem Frachtschiff an.

Benny fesselt Chloe an den Handtuchwärmer im Bad und streichelt sie. Als sie kurz vor dem Orgasmus ist, verlässt er abrupt den Raum. Nach einer Weile kommt er zurück, bleibt im Türrahmen stehen, betrachtet sie und hört sich ihr Betteln an. Sie giert nach ihm, bis er sie endlich penetriert und zum Höhepunkt bringt.

Als Lumi zu Besuch kommt, flirtet sie mit Benny und unterhält sich überdreht mit ihm.

Dass meine Mutter betrunken, oder sagen wir, dem Stand unserer Blutsverwandtschaft angemessen: erheitert mit dem Liebhaber der Gattin, oder sagen wir versöhnlich: dem Hausfreund, flirtet, ist eine überraschende Wendung des Tages.

In der ersten Zeit bleibt Benny allein in der Wohnung, während Rasmus im Theater und Chloe im Antiquariat zu tun haben. Nach einer Weile freundet er sich mit zwei offensichtlich alkoholkranken Osteuropäern an, mit denen er nun jeden Tag in der Wohnung trinkt und Joints raucht. Das weiße Sofa verdreckt zunehmend, und im 5000 Euro teuren Teppich entdeckt Chloe ein Brandloch.

Aber sie will weder auf Rasmus noch auf Benny verzichten.

Am Theater streiken die Schauspielerinnen und erreichen dadurch, dass Rasmus als Regisseur vom Intendanten abgelöst wird. Seine Frustration versucht er in einer Bar mit Whiskey hinunterzuspülen. Der schmeckt ihm zwar nicht, aber davon wird man wenigstens rasch betrunken. Als er nach Hause kommt, riecht es in der verwüsteten Wohnung nach Rauch, und er muss seiner Mutter den geöffneten Bademantel zumachen. Benny liegt gefesselt, nackt und mit erigiertem Penis auf Rasmus‘ Bett. Striemen deuten darauf hin, dass Chloe ihn mit dem Springseil in ihrer Hand geschlagen hat. Damit droht sie nun auch Rasmus und fordert ihn auf, sich auszuziehen und Benny zu masturbieren.

Es ist das erste Mal, dass ich einen Penis anfasse, der nicht an mir befestigt ist.

Die Männer trinken Grappa.

Wir haben es gut zusammen, und Chloe weiß nicht richtig weiter. Ich spüre, dass sie schlechte Laune bekommt, dass sie es nicht erträgt, uns so entspannt zu sehen, meine Hand am Schwanz ihres Freundes, friedlich besoffen und sie nicht beachtend, das gefällt Chloe nicht, sie steht ein wenig ratlos neben uns.

Rasmus löst Bennys Fesseln. An seiner Stelle fesseln sie Chloe aufs Bett. Benny übergießt sie mit kaltgepresstem Olivenöl und beginnt, sie zu massieren. Beide Männer matschen an ihrem Genital herum. Rasmus fällt das stellenweise grau gewordene Schamhaar seiner Frau auf, die Cellulite und die zu beiden Seiten hängenden Brüste.

Ich will das nicht ficken. Meine Hand schließt sich um Bennys Schwanz. Nur so, nur schnell, nur einmal anfassen dieses Ding, das sichelförmig im Raum steht. Benny dreht sich zu mir und küsst mich. Seine Zunge ist schnell, hart und fast aggressiv. Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung schiebt Benny seinen Schwanz in Chloe, ohne seine Zunge aus meinem Mund zu nehmen, stattdessen greift er nach meinem Schwanz und beginnt mich zu wichsen. […] Chloe kommt. Benny zieht sich aus ihr, und ehe ich denken kann, habe ich seinen nassen Schwanz in meinem Anus. […]


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Die Arbeitsagentur vermittelt Rasmus einen neuen Job: Er soll Rollenspiele mit Patienten einer Anti-Aggressions-Therapiegruppe inszenieren. Das erträgt er nicht lange.

Chloe, die Rasmus seit Tagen nicht mehr gesehen hat, erhält Besuch des mit ihr und Rasmus befreundeten Architektenpaares Lea und David.

Freunde aus einem anderen Leben. Aus einem Leben, in dem sich Paare nett besuchen, um im Anschluss schlecht über das andere Paar zu reden.

Als die beiden gegangen sind, konfrontiert Chloe ihren Liebhaber mit dem nach Sperma riechenden Höschen, das sie im Bad fand und stellt ihn zur Rede. Er leugnet gar nichts, meint nur, er habe sich bemüht, die Situation zu entspannen.

Chloe fühlt sich krank, und in der dritten schlaflosen Nacht zieht Benny vom Sofa ins Schlafzimmer. Rasmus ist noch immer nicht aufgetaucht.

Der geht in einen Club und nimmt als „Hengst“ an einer schwulen „Fickstutenparty“ teil, auf der er befürchtet, als Heterosexueller enttarnt zu werden.

Lumi schleppt ihre fast besinnungslose Schwiegertochter ins Krankenhaus. Erst jetzt erfährt Chloe, dass Rasmus in einem Club einen Infarkt erlitt. Man habe sie immer wieder anzurufen versucht, heißt es. Das war also das ständige Klingeln, das Chloe in ihrer Benommenheit nicht einordnen konnte. Weil es bei den bereits vorgenommenen Bypass-Operationen zu Komplikationen kam, musste Rasmus in ein künstliches Koma versetzt werden. Chloe bricht zusammen. Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie mit einer Infusion in einem Bett neben Rasmus. Die Ärzte diagnostizieren Syphilis, Streptokokken und eine Lungenentzündung.

Lumi eröffnet ihr, dass sie die Wohnung verkauft habe, um mit dem Geld in Rumänien ein neues Leben anfangen zu können. Bald darauf schreibt sie aus Nessebar.

Sobald Chloe dazu in der Lage ist, geht sie wieder arbeiten. Während sie Rasmus im Krankenhaus besucht, kocht Benny zu Hause.

Zwei Wochen, bevor Rasmus aus dem Krankenhaus entlassen werden soll, verabschiedet sich Benny.

Chloe und Rasmus ziehen in eine Zwei-Zimmer-Mansardenwohnung. Während Chloe ihr Antiquariat aufgibt und nur noch an der Börse spekuliert, liest Rasmus viel und verlässt das Bett nur für lange Spaziergänge.

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Der Roman mit dem originellen Titel „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ handelt von einem Paar Mitte 40. Rasmus ist Regisseur, und Chloe betreibt ein Antiquariat, um nicht nur die Frau des Regisseurs zu sein. Nach 20 Jahren mit Rasmus wirft sich Chloe sich in eine unvernünftige, leidenschaftliche Affäre mit dem Masseur Benny, will aber auch nicht auf Rasmus verzichten – und der findet durchaus Gefallen an Benny.

„Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ dreht sich um Sex und Liebe, Langeweile, Mittelmäßigkeit und das Bedürfnis nach Aufregung, um Frustration und Resignation, Angst, Tristesse, Ekel und Verzweiflung. Zentral ist der Gegensatz zwischen illusionären Zukunftsvorstellungen und der Realität. Sex und Liebe bilden eine weitere Dichotomie: Mit Rasmus verbindet Chloe Liebe, aber keine Leidenschaft, mit Benny die pure sexuelle Gier. Dass dieser Dildo auch sprechen kann, nimmt sie erst nach einiger Zeit überrascht zur Kenntnis.

Bei so viel Destruktivität und so starken Gegensätzen wie in „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ ist keine Subtilität möglich. Für Nuancen ist da kein Platz. Sibylle Berg setzt denn auch mehr auf grelle Übertreibungen als auf eine differenzierte Darstellung. Gleich auf der ersten Seite masturbiert Rasmus vor Pornofotos von Schulmädchen auf dem Computer, und Sibylle Berg beschreibt seine vom Ejakulat klebrigen Hände. Später kommt es zu noch weit drastischeren Sexszenen. Die sind nicht stimulierend, sondern ekelerregend. Scham- und schonungslos zwingt Sibylle Berg die Leser da hindurch.

„Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ ist kein facettenreiches Beziehungsdrama, sondern eine zynische Groteske, nebenbei auch eine Satire auf Fitzcarraldo und Christoph Schlingensief, also auf Männer, die glauben, die Menschen im peruanischen Dschungel bzw. in in Burkina Faso für die Oper gewinnen zu müssen.

Sibylle Berg entwickelt die unterhaltsame Geschichte in zahlreichen kurzen Kapiteln. Dabei wechselt sie zwischen inneren Monologen der beiden Hauptfiguren Chloe und Rasmus ab. (Nur im vorletzten Kapitel kommt Benny zu Wort.) Dieser ständige Perspektivenwechsel ist reizvoll, vor allem, wenn dieselbe Szene aus zwei verschiedenen Blickwinkeln erlebt wird, denn das führt zwar nicht den Figuren, aber dem Leser die Subjektivität, also die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung vor Augen.

Wie bei Sibylle Berg nicht anders zu erwarten, glitzert auch in „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ viel zynischer Sprachwitz. Einige dieser Aphorismen wirken allerdings ein wenig aufgesetzt. So zum Beispiel:

Der einzige Grund, warum Frauen nicht schon längst die Welt beherrschen, ist ihre Faulheit. Die meisten, die ich kenne, sind zu träge, um einen Gedanken zu Ende zu bringen. Und immer ein wenig beleidigt, weil sie ahnen, dass sie mehr hätten leisten können, als die Frau eines mittelmäßigen Arschlochs zu sein.

Den Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ von Sibylle Berg gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Katja Riemann und August Zirner (Regie: Stephanie Mende, Sabine Stiepani, ISBN 978-3-95639-012-8).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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