Bessere Zeiten

Bessere Zeiten

Bessere Zeiten

Bessere Zeiten – Originaltitel: Svinalängorna – Regie: Pernilla August – Drehbuch: Pernilla August und Lolita Ray, nach einem Roman von Susanna Alakoski – Kamera: Erik Molberg Hansen – Schnitt: Åsa Mossberg – Musik: Magnus Jarlbo, Sebastian Öberg – Darsteller: Noomi Rapace, Tehilla Blad, Ola Rapace, Outi Mäenpää, Ville Virtanen, Junior Blad, Alpha Blad, Selma Cuba, Minna Haapkylä, Håkan Bengtsson, Julia Öhrström-Jönsson u.a. – 2010; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Aili hat ihren Schwiegersohn und die beiden Enkelinnen noch niemals gesehen, denn ihre Tochter Leena brach vor ihrer Eheschließung den Kontakt zu den Eltern ab. Nun liegt Aili im Sterben. Widerwillig fährt Leena mit Johann und den Kindern zu ihr. Dabei wird sie von Erinnerungen heimgesucht: Wie ihre Eltern immer häufiger betrunken waren, sich schlugen und verwahrlosten, während sie für sich und ihren kleinen Bruder sorgen musste, obwohl sie erst 12 war ...
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Kritik

"Bessere Zeiten", die Verfilmung eines Romans von Susanna Alakoski durch Pernilla August, ist ein erschütterndes Charakter- und Familien-, Alkoholiker- und Sozialdrama.

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Am Morgen des schwedischen Luciafestes haben sich die beiden Mädchen Marja und Flisan (Alpha Blad, Selma Cuba) mit Kerzen auf dem Kopf geschmückt und bringen ihren Eltern Leena und Johan (Noomi Rapace, Ola Rapace) Kuchen ans Bett. Während die Kinder mit dem Vater herumtollen, nimmt Leena einen Telefonanruf an. Es ist ihre Mutter Aili Moilanen (Outi Mäenpää). Nach einer kurzen Schockstarre legt Leena auf, ohne ein Wort gesagt zu haben. Aber das Telefon klingelt gleich wieder. Diesmal ist eine Krankenschwester am Apparat. Sie ruft aus einer Klinik in Ystad an und teilt Leena mit, dass ihre Mutter im Sterben liegt und sie noch einmal sehen möchte.

Aufgewühlt geht Leena zum Schwimmen ins Hallenbad. Erinnerungen an ihre Kindheit brechen über sie herein. Sie beabsichtigt nicht, nach Ystad zu fahren, aber als sie nach Hause kommt, hat Johan schon alles für die 600 Kilometer weite Fahrt vorbereitet. Widerwillig setzt Leena sich ins Auto. Nachdem sie Johan am Lenkrad abgelöst hat, verursacht sie beinahe einen schweren Verkehrsunfall, weil sie zu wenig auf die Straße achtet und stattdessen an früher denkt.

In der Klinik verlässt Leena das angegebene Zimmer gleich wieder. Das sei nicht ihre Mutter, sagt sie, aber eine Krankenschwester versichert ihr, dass es sich um Aili Moilanen handelt.

Aili sieht ihren Schwiegersohn und die Enkelinnen zum ersten Mal. Sie gibt Leena die Schlüssel und bittet sie, in ihrer Wohnung nach den Pflanzen zu schauen und ihr ihren Mann zu bringen.

Die Wohnung, in der Leena aufwuchs, ist verdreckt und vermüllt. Leena spült erst einmal das Geschirr, putzt, räumt auf und bringt den Abfall hinaus. Johan und die Kinder wollen ihr helfen, aber das lässt sie nicht zu. Erst jetzt erfährt Johan, dass seine Frau einen Bruder hatte. Sakari sei tot, sagt Leena, aber die Frage ihres Mannes, woran er gestorben sei, beantwortet sie nicht. Stattdessen packt sie die Urne mit der Asche ihres Vaters Kimmo und bringt sie ihrer Mutter ins Krankenhaus. Aili möchte damit zusammen begraben werden. Die Todkranke überredet Leena, ihr eine Zigarette zu geben und raucht. Als Aili behauptet, Kimmo sei ein guter Tänzer gewesen und sie hätten schöne Feste mit ihm gefeiert, herrscht Leena ihre Mutter an: Die Feste seien nichts als Dreck und Kotze, Pisse und Scheiße gewesen. Abrupt verlässt sie das Krankenzimmer.

Die Kinder schlafen bereits. Als Leena sieht, dass sie Sachen angezogen haben, die früher Sakari gehörten, reißt sie die Mädchen aus dem Bett. Johan ist entsetzt. Er versucht Leena festzuhalten, aber sie lässt sich nicht beruhigen und prügelt vor den Augen der Kinder auf ihn ein – bis das Telefon klingelt und es heißt, dass Aili Moilanen soeben gestorben sei. Da bricht Leena schluchzend zusammen und wirft sich vor, nicht bei ihrer Mutter gewesen zu sein, als sie starb.

Bei Leenas Eltern handelte es sich um Einwanderer aus Finnland. Ihr Vater Kimmo (Ville Virtanen) war Dreher, fand aber in Schweden keine Arbeit. Kimmo und Aili Moilanen wohnten mit Leena (als Kind: Tehilla Blad) und dem noch jüngeren Sohn Sakari (Junior Blad) in einem Plattenbau. Aili ging bei hochnäsigen Villenbesitzerinnen putzen, und Leena musste ihr dabei helfen.

Weil Aili als junges Dienstmädchen vergeblich von einer Karriere als Schwimmerin geträumt hatte, sorgte sie dafür, dass ihre pubertierende Tochter in einer Gruppe trainierte und kaufte ihr trotz des Geldmangels sogar einen geeigneten Badeanzug. Tatsachlich gewann Leena schließlich die Juniormeisterschaft, aber als es so weit war, interessierten sich die Eltern nicht mehr dafür, denn sie waren inzwischen schwer alkoholkrank und verwahrlosten zunehmend. An Weihnachten verlor der betrunkene Vater das Gleichgewicht und riss den Christbaum um. Als Leena eine Flasche Schnaps ausschüttete, schlug Kimmo sie mit seinem Hosengürtel, und Aili saß stumm dabei. Immer häufiger stritten die Eltern und prügelten sich. Leena musste für sich und ihren kleinen Bruder sorgen, der schließlich so verstört war, dass er kaum noch etwas zu sich nahm und nur noch apathisch herumsaß.

Eines Morgens tauchten zwei Mitarbeiter vom Jugendamt auf. Margareta Persson und Niklas Lindberg (Kerstin Andersson, Björn Johansson) erkundigten sich nach Sakari, der seit längerer Zeit nicht mehr in der Schule war. Aili behauptete, er sei grippekrank gewesen und versicherte, er werde am nächsten Tag wieder am Unterricht teilnehmen. Kimmo kam betrunken und nur halb bekleidet ins Zimmer getaumelt. Obwohl Margareta Persson und Niklas Lindberg sehen mussten, dass die Verhältnisse nicht in Ordnung waren, unternahmen sie nichts. Leena lief ihnen verzweifelt ins Treppenhaus nach und bat sie, für Sakari zu sorgen, aber sie gingen nicht darauf ein.

Kurz darauf schlug Kimmo seine Frau krankenhausreif. Leena, die sich mit Sakari ins Bad geflüchtet und ihrem Bruder während der lautstarken Auseinandersetzung die Ohren zugehalten hatte, fand ihre Mutter blutend und bewusstlos am Boden liegend vor. Sie rief den Notarzt. Der alarmierte die Polizei. Leena und Sakari wurden in verschiedene Heime gebracht.

Später starb Sakari an einer Überdosis Drogen.

Jetzt wirft Leena sich vor, sich hätte sich auch nach dem Zerbrechen der Familie weiter um ihren Bruder kümmern müssen. Dann würde er noch leben, meint sie. Aber Johan weist sie darauf hin, dass sie damals noch ein Kind gewesen sei.

Im Krankenhaus streift Leena ihrer toten Mutter den Ehering auf den Finger. Sie weiß, dass Aili ihren Mann trotz allem liebte.

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Bei ihrem Debüt als Regisseurin verfilmte die schwedische Schauspielerin Pernilla August (* 1958) – die Ehefrau von Bille August (* 1948) – den Roman „Bessere Zeiten“, den Susanna Alakoski (* 1962), eine in Finnland geborene Schwedin, 2006 veröffentlicht hatte („Svinalängorna“ / „Bessere Zeiten“, Übersetzung: Sabine Neumann, edition fünf, Gräfelfing 2011, ISBN 978-3-942374-10-1).

Der Titel „Bessere Zeiten“ ist sarkastisch, denn es handelt sich um ein erschütterndes Charakter- und Familien-, Alkoholiker- und Sozialdrama. Pernilla August veranschaulicht nicht nur Kinderarmut in einer Wohlstandsgesellschaft, sondern zeigt auch die Traumatisierung von Kindern durch die Alkoholkrankheit und Verwahrlosung ihrer Eltern. Dabei setzt sie nicht auf Gefühle, sondern auf eine möglichst authentisch wirkende Darstellung. Dass viele Außenaufnahmen nachts entstanden und auch sonst dunkle Farben vorherrschen, betont allerdings die düstere Atmosphäre. Die Eltern stellt Pernilla August zwar als kaputte Personen vor, ordnet ihnen jedoch auch einige gute Charaktereigenschaften zu, und dieses Shadowing erhöht die Glaubwürdigkeit. Als Schauspielerinnen überzeugen vor allem Noomi Rapace und Tehilla Blad.

Pernilla August erzählt die eigentliche Geschichte in fragmentarischen Rückblenden aus Leenas Perspektive.

Der Originaltitel „Svinalängorna“ ließe sich mit „Schweinezeile“ übersetzen; so werden Mietskasernen in schwedischen Problemvierteln bezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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