Das jüngste Gewitter

Das jüngste Gewitter

Das jüngste Gewitter

Das jüngste Gewitter – Originaltitel: Du levande – Regie: Roy Andersson– Drehbuch: Roy Andersson – Kamera: Gustav Danielsson – Schnitt: Anna Märta Waern – Musik: Benny Andersson – Darsteller: Jörgen Nohall, Elisabet Helander, Sandy Mensson, Jessica Lundberg, Jan Vikbladh u.a. – 2007; 90 Minuten

Inhaltsangabe

In etwa 50 grotesken Episoden erzählt Roy Andersson sowohl von der Absurdität des Alltags in unserer Zivilisationsgesellschaft als auch von der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Die langsamen Bewegungen der Menschen zeugen von der Mühseligkeit des Lebens. "Morgen ist auch noch ein Tag", sagt der Barkeeper, wenn er die letzte Runde des Abends einläutet. Das kann man auch als Drohung auffassen ...
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Kritik

Roy Andersson hat "Das jüngste Gewitter" aus sorgfältig gestal­te­ten, mit starrer Kamera gefilmten Tableaus komponiert. Die tragi­komi­schen Episoden veranschaulichen auf einzigartige Weise die Tristesse und Absurdität der menschlichen Existenz. Ein Meisterwerk!
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Ein Mann schläft in einem Büro auf dem Sofa, über dem ein Bild von Don Quijote und Sancho Panza hängt. Als ein Zug vorbeidonnert, schreckt er hoch und teilt uns entsetzt mit, er habe in einem Albtraum anfliegende Bomber gesehen.

An den beiden Enden einer Parkbank sitzen ein schäbig gekleideter Mann (Jörgen Nohall) und seine vulgäre Braut (Elisabeth Helander). Mia fordert Uffe auf, sie endlich allein zu lassen und keift: „Keiner versteht mich. Kein Schwein versteht mich!“ Selbst Uffes Hund lüge, sobald er das Maul aufmache, klagt sie. Nach einer Weile steht Uffe auf und geht langsam weg. Nach ein paar Metern dreht er sich noch einmal um und ruft zurück: „Essen ist fertig!“ Später sitzen die beiden bei Uffes noch in der Küche hantierenden Mutter, der Mia Grausamkeit vorwirft, weil nur alkoholfreies Bier auf dem Tisch steht, obwohl man – so die Braut – die Welt nur betrunken ertragen könne.

Die Mitarbeiter einer Großküche schauen aus einem breiten, bis in Kinnhöhe mit Milchglas versehenen Fenster. Davor schlurft ein auf seinen Rollator gestützter Greis vorbei. An einer langen Leine schleift er seinen auf dem Rücken liegenden, winselnden Schoßhund mit, ohne zu merken, dass sich eine Pfote des Tiers in der Leine verfangen hat.

Mit diesen drei Episoden beginnt Roy Andersson seinen Film „Das jüngste Gewitter“. Fast 50 weitere folgen, zum Beispiel:

Grundschüler warten brav auf ihre Lehrerin (Jessica Nilsson). Die kommt schluchzend ins Klassenzimmer und eilt gleich wieder hinaus auf den Korridor. Was denn los sei, fragen die besorgten Kinder. Ihr Mann habe sie „Schlampe“ genannt, klagt sie. Was das bedeute, möchten die Schüler wissen. Das müssten sie selbst herausfinden, lautet die Antwort.

In einem Teppich-Geschäft zeigt ein zerstreuter Verkäufer (Pär Fredriksson) einem Ehepaar Läufer. Dabei erzählt er von einem Streit an diesem Morgen mit seiner Frau und gibt zu, sie als „Schlampe“ beschimpft zu haben. „Das war nicht nett“, kommentiert die Kundin. Aber der Angestellte verteidigt sich mit dem Hinweis, dass seine Frau ihn zuvor als „Würstchen“ verunglimpft habe.

Während ein Geschäftsmann (Gunnar Ivarsson) in einem Restaurant am Telefon mit seinen erfolgreichen Abschlüssen prahlt, stiehlt ihm ein am Nebentisch sitzender Gast (Waldemar Nowak) die Brieftasche, begleicht die Rechnung, gibt ein großzügiges Trinkgeld, das den Kellner staunen lässt, und geht. Erst als der Bestohlene ebenfalls aufbrechen möchte, stellt er fest, dass er die Zeche nicht bezahlen kann.

Eine Studentenverbindung feiert ein Jubiläum. Während die Gäste auf die Stühle steigen und „O, gamla klang- och jubeltid“ gröhlen, wird einer der Alten Herren zum Telefon gerufen. Sein Sohn verlangt zum wiederholten Mal Geld von ihm. Der Vater hält ihm vor, dass er auch seine Mutter und seine Schwester bereits angebettelt habe und will ihm nichts mehr geben. Dann lässt er sich doch erweichen, weist allerdings darauf hin, dass es nun wirklich das allerletzte Mal sei. Der Sohn benötigt den Betrag sofort und erwartet vom Vater, dass dieser auf der Stelle zur Bank geht. Das sei unmöglich, weil er in wenigen Minuten eine Rede zu halten habe, erklärt der Vater. Darüber ist der Sohn so ungehalten, dass er auflegt.

Ein schmächtiger Tubabläser (Björn Englund) liegt unter seiner korpulenten, nur mit einer Pickelhaube bekleideten Frau (Birgitta Persson) im Bett. Während sie sich rhythmisch auf ihm bewegt und lustvoll stöhnt, beklagt er sich darüber, dass seine Altersvorsorge durch gefallene Aktienkurse ruiniert sei.

Ein Mann klingelt an einer Tür. Der Frau, die öffnet, hält er einen schönen Blumenstrauß hin, aber sie schlägt die Tür wortlos zu und klemmt dabei die Blumen ein. Schluchzend geht er Mann die Treppe hinunter und klagt: „Niemand versteht mich!“ Der Briefträger, der ihm begegnet, sagt uninteressiert „Verstehe“ und verteilt weiter die Post.

Ein junges Mädchen (Jessika Lundberg) schwärmt für Micke Larsson (Eric Bäckman), den Gitarristen einer Band. Anna träumt von ihrer Hochzeit mit ihm. Während sie Geschenke wie zum Beispiel eine Thermoskanne auspackt, sitzt er am Fenster und klimpert auf seiner Gitarre. Plötzlich zieht die Landschaft vor dem Fenster vorbei, als befände sich das Paar in einem fahrenden Zug. In einem Bahnhof halten Anna und Micke an und öffnen das Fenster, denn sie werden von einer Menschenmenge bejubelt. Dann fahren sie mit dem Haus weiter.

Eine Straßenbahn hält. Es ist die Linie 14 nach „Lethe“. Eine surreale Zahl von Fahrgästen steigt aus und überquert vor der Straßenbahn das Gleis. Schließlich fährt sie an, und die restlichen Menschen müssen auf dem Gehsteig warten, bis die Straße wieder frei ist.

Während eines Gewitters stellen sich einige Passanten im Wartehäuschen einer Bushaltestelle unter. Ein Mann nähert sich im strömenden Regen und möchte auch ins Trockene, aber niemand macht ihm Platz, und er muss weitergehen.

Ähnlich ergeht es einem älteren Herrn vor einem vollen Aufzug. Weil ihn die anderen nicht mitnehmen, quält er sich die Treppe hoch. Er ist Psychiater (Håkan Angser). Bei den Menschen im Lift handelt es sich um Patienten von ihm. Oben in seiner Praxis angekommen, durchquert er den Warteraum, zieht den Mantel aus und erklärt uns Zuschauern, dass die Beschwerden der Patienten von ihrem Egoismus und ihrer Gemeinheit hervorgerufen werden.

Ein arabisch aussehender Frisör (Kemal Sener) ärgert sich über einen rassistischen Kunden (Olle Olson). Im Jähzorn fährt er ihm mit dem elektrischen Haarschneider über den Kopf, lässt ihn mit der Schneise im Haar sitzen und geht in eine nahe Kneipe. Als der Kunde dort mit zwei Polizisten auftaucht und tobt, hat sich der Frisör beruhigt und erklärt sich bereit, die Sache unentgeltlich in Ordnung zu bringen: Er schneidet dem Mann eine Glatze.

Der Glatzköpfige nimmt gleich darauf als Berater an einer Geschäftsbesprechung teil. Kurz nachdem der CEO (Bengt C. W. Carlsson) des Unternehmens die Teilnehmer begrüßt und das Meeting eröffnet hat, erleidet er einen Herzinfarkt und fällt tot vom Stuhl. Bei der Trauerfeier singt eine Frau das Lied „Ich habe von einer Stadt über den Wolken gehört“.

Ein Schreiner (Leif Larsson) steht mit seinem Auto im Stau. Durchs offene Seitenfenster erzählt er uns von einem Traum:

Als sich eine großbürgerliche Familie zum Abendessen versammelt, ist er im Blaumann dabei, obwohl er keine der anwesenden, Abendrobe tragenden Personen kennt. Bevor die Gäste sich an die festlich gedeckte lange Tafel setzen, möchte der Handwerker ihnen zeigen, dass man das Tischtuch mit einem Ruck unter dem Geschirr wegziehen kann. Die Gastgeberin weist darauf hin, dass es sich bei einer der Terrinen um ein über 200 Jahre altes Erbstück handelt, aber der Handwerker versichert ihr, dass nichts passieren könne. Dann zieht er an dem Tischtuch, fällt nach hinten und reißt das gesamte Geschirr mit. Auf der langen Tischplatte kommen Intarsien zum Vorschein: zwei Hakenkreuze.

Wegen des Schadens muss der Schreiner sich vor Gericht verantworten. Dem Richter und seinen Beisitzern wird Bier in Krügen serviert, und sie prosten sich zu. Ob man den Angeklagten zum Tod verurteilen solle, fragt der Richter ins Publikum. „Ja, auf den elektrischen Stuhl mit ihm!“, gröhlt es zurück. Der Richter findet das auch und verkündet das Urteil: „Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten: elektrischer Stuhl!“ Der Verteidiger bricht schluchzend zusammen, aber der Verurteilte meint: „So ist das nun mal.“

Popcorn essend schaut das auf die Hinrichtung wartende Publikum zu, wie der Handwerker auf den elektrischen Stuhl geschnallt wird und einer der Gefängnisbeamten ihm rät, sich zu entspannen.

Zum Glück war das alles nur ein Albtraum des Schreiners, der nun weiterfährt.

Passanten schauen verwundert zum Himmel auf. Ein Bombergeschwader nähert sich Göteborg.

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Roy Andersson hat seinem Film „Das jüngste Gewitter“ ein Motto aus Johann Wolfgang von Goethes zehnter Römischer Elegie vorangestellt:

Freue dich also Lebendger der lieberwärmeten Stätte,
Ehe den fliehenden Fuß schauerlich Lethe dir netzt.

Beim Lethe handelt es sich in der griechischen Mythologie um einen der Flüsse der Unterwelt. In Roy Anderssons Film sehen wir eine Straßenbahn im Nebel, die „Lethe“ als Endhaltestelle angeschrieben hat.

Noch befinden wir uns im Leben, in einem surreal verfremdeten Göteborg.

Im ersten Bild schreckt ein Mann aus dem Büroschlaf hoch. Er hatte einen Albtraum von einem Luftangriff. Aber der bewahrheitet sich: Gegen Ende des Films blicken Menschen verwundert zum Himmel hoch, und nach einer Weile sehen wir es auch: Ein Bombergeschwader über Göteborg. Auf diese Weise erhält „Das jüngste Gewitter“ einen düsteren Rahmen.

„Das jüngste Gewitter“ ist der zweite Teil einer Trilogie von Roy Andersson über das menschliche Wesen („Du levande-trilogin“). Die Titel der beiden anderen Filme lauten: „Songs from the Second Floor“ (2000) und „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ (2014).

In etwa 50 teils grotesken, teils tragikomischen Episoden erzählt Roy Andersson auf einzigartige Weise sowohl von der Absurdität des Alltags in unserer Zivilisationsgesellschaft als auch von der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Die langsamen Bewegungen der Menschen zeugen von der Mühseligkeit des Lebens. „Morgen ist auch noch ein Tag“, sagt der Barkeeper, wenn er die letzte Runde des Abends einläutet. Das kann man auch als Drohung auffassen! Die Menschen sind allesamt einsam und unglücklich. Keiner versteht den anderen oder fühlt sich von seinem Lebensgefährten verstanden.

Eigentlich gibt es also nichts zu lachen, aber jede der kurzen Episoden in „Das jüngste Gewitter“ ist urkomisch. Die kafkaesken Szenen erinnern an Buster Keaton oder Monty Python, aber das Lachen bleibt einem wie bei „Warten auf Godot“ angesichts der Tristesse im Halse stecken. Eingerichtet hat Roy Andersson die Szenen sorgfältig und mit einem feinen Gespür für Komik, wie es außer ihm vielleicht nur noch Loriot hätte tun können.

Einzigartig und meisterhaft wie der Aufbau und die absurde Komik des Films ist auch die Form der einzelnen Episoden. Jede davon ist als sorgfältig gestaltetes artifizielles Tableau angelegt. Die Farben sind fahl. Die Figuren kommen zumeist nicht ins Bild, sondern stehen, sitzen oder liegen bereits vor der fest eingerichteten Kamera, und die zeigt die Totale fast ohne Schnitte in einer Weitwinkelperspektive, ohne Schwenk und ohne Zoom. Eine Kamerafahrt gibt es nur bei der Feier der Studentenverbindung.

Der in „Das jüngste Gewitter“ immer wieder zu hörende New-Orleans-Jazz wurde von der „Papa Bue’s Viking Jazzband“ eingespielt, die der dänische Posaunist Arne Bue Jensen (1930 – 2011) 1956 gegründet hatte. Das Lied „Jag har hört om en stad ovan molnen“ (Ich habe von einer Stadt über den Wolken gehört) stammt von der schwedischen Kirchenmusikerin Lydia Augusta Lithell (1909 – 1957). Bei dem von einer Blaskapelle intonierten Marsch handelt es sich um den von Edvard Persson (1888 – 1957) komponierten Schlager „En liden hvid kanin“ (Ein kleines weißes Kaninchen). Bei „O, gamla klang- och jubeltid“ (O alte Klang- und Jubelzeit) handelt es sich um die schwedische Version des deutschen Studentenlieds „O alte Burschenherrlichkeit“. Der Gitarrist Micke Larsson wird von Eric Bäckman (* 1988) alias Cat Casino gespielt, einem früheren Mitglied der schwedischen Metal-Band „Deathstars“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015

Roy Andersson: Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

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Mit profunden Kenntnissen und sehr viel Einfühlungsvermögen ist es der Psychologin Linde Salber (* 1944) gelungen, die widersprüchlichen Facetten im Charakter von Anaïs Nin nachvollziehbar darzustellen.

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