Nelson Algren : Der Mann mit dem goldenen Arm

Der Mann mit dem goldenen Arm

Nelson Algren

Der Mann mit dem goldenen Arm

Originaltitel: The Man with the Golden Arm Doubleday & Co, Garden City, New York 1949 Der Mann mit dem goldenen Arm Übersetzung: Carl Weissner Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1996
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Frankie ("Machine") Majcinek schlägt sich im polnischen Elendsviertel von Chicago als berufsmäßiger Kartenspieler durch. Von einer Jugendfreundin wird er durch eine vorgetäuschte Schwangerschaft zur Eheschließung erpresst, und als sie nach einem Verkehrsunfall, den er betrunken verursachte, nicht mehr gehen kann, kommt er darüber nur durch Alkohol und Morphium zeitweise hinweg.

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Kritik

In dem naturalistischen Roman "Der Mann mit dem goldenen Arm" schildert Nelson Algren den vergeblichen Existenzkampf eines jungen Mannes in dem von Gaunern und Hasardeuren, Prostituierten und Stripperinnen, Süchtigen und Drogenhändlern geprägten Arbeiter- und Einwandererviertel von Chicago nach dem Zweiten Weltkrieg.
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Chicago nach dem Zweiten Weltkrieg. Der neunundzwanzigjährige Berufskartenspieler Frankie („Machine“) Majcinek und seine drei Jahre jüngere Ehefrau Sophie („Zosh“) steckten schon als Kinder zusammen. Sophie verliebte sich in Frankie, obwohl sie ständig stritten, er sie mitunter wochenlang ignorierte und ihr beispielsweise einmal ein 5-Cent-Stück in die Hand drückte und dazu sagte: „Da hast ’n Nickel, Kleine. Ruf mich an, wenn du achtzehn bist.“ Frankie ging mit jedem Mädchen, versuchte auch gar nicht, es zu verheimlichen, und wenn Sophie ihm deshalb Vorhaltungen machte, gab er schamlos alles zu.

Er hatte jedesmal gewonnen, obwohl er immer restlos im Unrecht gewesen war. Und sie im Recht, so furchtbar eindeutig im Recht. Bis all die Niederlagen, die sie erlitt, insgeheim das Verlangen nach einer Rache weckten, wie sie eine gewisse Art von Liebe offenbar verlangt. (Seite 93)

Sie spielte ihm vor, schwanger zu sein und erzwang damit die Eheschließung, weil sie es sich wünschte – aber auch aus Rache.

[…] das Gefühl, dass sie sich nun im heiligen Stand der Ehe befand, hatte er ihr von Anfang an nicht gegeben. Er feierte seine Hochzeitsnacht, indem er das Schlagzeug der Drei-Mann-Kapelle übernahm, die man für das Ereignis verpflichtet hatte, und anschließend trank er sich einen Vollrausch an. (Seite 95)

Zwischendurch war Frankie drei Jahre lang im Krieg. Ein Unfall kettete ihn schließlich an Sophie. Damals hatten sie in der „Tug & Maul Bar“ von Antek Witwicki zu viel getrunken. Während der anschließenden Autofahrt sank Frankie der Kopf aufs Lenkrad, und Sophie musste rasch zupacken, aber er schob sie zur Seite. Dann streifte er eine Straßenbahn, trat das Gaspedal durch und krachte in eine Laterne. Sophie schien sich von ihren Verletzungen zwar zu erholen, doch am 2. September 1945 – dem Tag, an dem die Japaner kapitulierten –, konnte sie nach dem Aufwachen ihre Beine weder spüren noch bewegen. Seither sitzt sie in einem Rollstuhl und verlässt die Wohnung im polnischen Viertel von Chicago nicht mehr.

Vertrauen kennt Frankie nicht.

Nie hatte ihm jemand vertraut. Er selbst hatte sich nie vertraut. Der Gedanke, dass ihm jemand mit Vertrauen begegnete, machte ihn schwindelig wie ein doppelter Whisky auf leeren Magen. (Seite 201)

Aufgrund einer Kriegsverletzung – wie er sich selbst vormacht – lässt er sich von dem Rauschgifthändler Louie Fomorowski immer wieder Morphium injizieren. Er bildet sich zwar ein, mit einer kleinen Menge auszukommen und rechnet sich aus, das sei billiger als Alkohol, aber der Drogendealer weiß es besser. Louie war selbst süchtig gewesen, hatte es jedoch vor neunzehn Jahren geschafft, endgültig davon loszukommen. Geduldig wartet er darauf, dass sein Kunde für fünfzig Dollar am Tag Morphium benötigt. Wie die anderen Süchtigen auch, wird Frankie sich das Geld auf irgendwelchen Wegen beschaffen.

Seit 1939 ist Frankie mit Solly („Sparrow“) Saltskin befreundet. Sparrow gibt sich den Anschein, geistig nicht ganz normal zu sein, und vielleicht ist er ja auch ein wenig debil. Er sagt von sich:

„Ich kann mir in zwei Tagen, ohne mich anzustrengen, mehr Schwierigkeiten aufhalsen als die meisten Menschen in einem ganzen Leben, und wenn sie sich noch so viel Mühe geben […]“ (Seite 23)

Sparrow verkauft gestohlene Hunde. Einmal gerät er an einen „zynischen hinterhältigen Spitz“, der sich zuerst von ihm mit „drei Buletten samt Gurke“ füttern lässt, ihn dann in die Hand beißt und bellt, als sei er gebissen worden. Immer wieder gerät Sparrow in Schwierigkeiten – bis Violet eine Liebesaffäre mit ihm beginnt. Violet ist mit einem älteren Arbeiter namens Stash Koskozka verheiratet und wohnt wie Frankie und Sophie in dem Haus, das Schwabatzki gehört.

Sie [Violet] konnte ihn [Sparrow] vor Schwierigkeiten bewahren, bis er in einer Januarnacht auf dem Eis ausrutschte und in seinen bisher schlimmsten Ärger mit dem Gesetz hineinschlitterte. Der Gehsteig war so blank wie die Tanzfläche in Guyman’s Paradise – jeder hätte da straucheln und mit dem Ellbogen versehentlich ein Schaufenster einschlagen können. Sogar das eines Juweliergeschäfts. In der Dunkelheit hätte so etwas selbst einem Streifenpolizisten vom Park District passieren können. (123)

Der von Frankie eingeschaltete und von Violet bezahlte Anwalt Zygmunt erreicht, dass Sparrow lediglich wegen Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wird. Sparrow ist Violet dankbar, dass sie den Anwalt „vom sauer verdienten Geld des alten Stash“ bezahlt hat und strengt sich an, ihre keine neuen Schwierigkeiten zu machen. Während der Bewährungszeit gerät er nur einmal in eine dumme Situation. Da gelingt es ihm nicht, eine Polizeistreife, die ihn morgens um 4 Uhr am Hintereingang eines Blumenladens anhält, davon zu überzeugen, dass er ein Geranienstöckchen für das Grab seiner Mutter kaufen möchte. Die Cops glauben ihm nicht, zumal er eine Taschenlampe und ein Stemmeisen bei sich hat. Die Blechwanne, die er außerdem herumschleppt, habe er nur von der Straße forträumen wollen, damit der Gaul des Milchmanns nicht darüber stolpert. Aber im nahen Klempner- und Sanitärgeschäft fehlt eine Badewanne. Als Violet dem Klempner Geld gibt, zieht er seine Anzeige zurück, und Sparrow kommt mit dreißig Tagen Haft davon. Die verwendet er, um darüber nachzudenken, wie er Violet das viele Geld zurückgeben kann. Unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis geht er zu „Gold’s Department Store“, nimmt dem alten Kaufhausdetektiv in der Abteilung für Damenunterwäsche und modisches Schuhwerk den Revolver ab, beugt sich über den Ladentisch und lässt die Registrierkasse aufspringen. Da liegen die Geldscheine bündelweise vor ihm. Ein Vierteldollar fällt heraus und rollt über den Boden. Sparrow versucht, ihn zu kriegen. Da schlägt Gold mit einem Waschbrett zu und trifft ihn hinter dem linken Ohr. Gefesselt wird Sparrow der Polizei übergeben – und Violet muss wieder einen Anwalt bezahlen.

In Schwabatzkis Mietshaus wohnt auch „Süffel-John“ mit Molly Novotny, die nach Mitternacht im „Club Safari“ die Gäste dazu animiert, weitere Drinks zu bestellen. Eines Tages, während seine Frau schläft, schleicht Frankie sich ein Stockwerk tiefer zu Molly. Es ist der Beginn eines Liebesverhältnisses, das ihm hilft, der Sucht und der Einsamkeit zu widerstehen.

Während einer Pokerrunde Ende 1946 bei Zero Schwiefka prahlt Louie Fomorowski mit einem Silberdollar. Prompt verliert er ihn an Frankie, der dort als Kartengeber (Dealer) beschäftigt ist. Als Louie die Silbermünze gegen einen gewöhnlichen Schein tauschen will, steckt Sparrow sie rasch ein. Zu dritt gehen sie vor die Tür. Sparrow lässt den Silberdollar fallen. Louie bückt sich danach.

Frankie verschränkte die Finger, um seine zitternden Hände zu bändigen. Wenn das Zittern nicht aufhörte, würde er […] anfangen zu heulen. Er empfand ein brennendes Schamgefühl, dass er in einem kalten Schweiß auf jenem Feldbett gelegen und um Morphium gebettelt hatte, und ein wütendes Aufbegehren flößte seinen Händen neue Kraft ein. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und schlug Louie die gefalteten Hände mit voller Wucht in den Nacken.
Aus dessen Kehle drang ein kurzes, erschrecktes Gurgeln. Dann sackte der Kopf schlaff herunter wie bei einem Huhn auf dem Hackblock. (209f)

Rasch verstecken Frankie und Sparrow die Leiche hinter einem Schuppen und gehen wieder zu den Kartenspielern hinein, ohne sich etwas anmerken zu lassen.

Einige Tage später erfährt Frankie von seinem Vetter Kvorka, der Polizist ist, dass man Louie gefunden hat und Captain Bednar nach dem Mörder fahndet, der dem Opfer wohl auch die wohlgefüllte Brieftasche stahl.

Als Frankie merkt, dass Sparrow in der „Tug & Maul Bar“ Runden ausgibt, verdächtigt er seinen Freund, die Brieftasche unbemerkt an sich genommen zu haben. Sparrow versichert ihm jedoch, es handele sich um Geld, das Violet dem alten Stash abgenommen habe, und er macht ihn darauf aufmerksam, dass der blinde, stinkende Penner „Pig“, der als Straßenhändler für Louie gearbeitet hatte, einen neuen Anzug trägt und im „Safari Club“ groß angibt. Frankie will Pig zur Rede stellen, aber bevor er damit anfangen kann, warnt ihn der Blinde:

„Leben und leben lassen, Dealer. Daran halt ich mich. Wer mir keine Fragen stellt, dem stell auch ich keine Fragen. […] Ich verpfeif keinen. Ich tu keinen anschwärzen, wenn er mich in Frieden lässt. Leben und leben lassen. So seh ich das.“ (Seite 245)

Aus Langeweile versuchen Frankie und Sparrow, in „Nieboldt’s Kaufhaus“ Bügeleisen zu stehlen. Sparrow, der merkt, dass man sie beobachtet, verdrückt sich gerade noch rechtzeitig. Frankie wird festgenommen und zu neun Monaten Haft verurteilt.

Am elften Tag im Gefängnis bricht er aufgrund der Entzugserscheinungen zusammen, doch nachdem er anschließend zehn Tage ohne größere Schwierigkeiten überstanden hat, wächst sein Selbstvertrauen wieder.

Nach seiner Entlassung will er von Sparrow nichts mehr wissen, und als dieser ihm einen Whisky ausgibt, lässt er das volle Glas auf der Theke stehen.

Neunzig Tage wilde Ehe mit Violet sind für Sparrow genug: Er hält es nicht mehr bei ihr aus, stiehlt Geld aus ihrer Schürze und schleicht sich davon. Um aus seinen neun Dollar mehr zu machen, spielt er Karten, aber er verliert und kann seine Spielschulden nicht bezahlen. Verzweifelt wendet er sich an „Blind Pig“. Der überredet ihn zu einem Geschäft: Er soll einer Frau Morphium ins Hotelzimmer bringen und dafür zwei Dollar bekommen. In dem Hotelzimmer trifft Sparrow nicht auf eine Frau, sondern auf Frankie, der wieder süchtig geworden ist. Gleich darauf stehen die Cops Bednar und Kvorka in der Tür und verhaften Sparrow wegen Rauschgifthandels: Pig hat ihn hereingelegt. Frankie kommt ungeschoren davon, denn der Konsum von Morphium ist nicht strafbar.

Weil Bednar den Mord an Louie Fomorowski aus politischen Gründen unbedingt vor den anstehenden Wahlen aufklären muss, versucht er, den Namen des Mörders durch Drohungen und Versprechungen aus dem kleinen Gauner herauszubekommen. Nach dreißig Tagen bricht Sparrow zusammen und verrät seinen früheren Freund. Frankie wird von seinem Vetter Kvorka vor der Verhaftung gewarnt, sagt seiner Frau, er gehe Brötchen holen und taucht unter. Eine Fünfdollarnote klebt er sich vorsichtshalber mit einem Heftpflaster an den Arm. Straßenräuber würden nicht wagen, das Pflaster abzureißen, aus Furcht, auf die zerstochene Vene eines Fixers zu stoßen. Polizisten kennen solche Hemmungen allerdings nicht.

Während Frankies Gefängnisaufenthalt war Molly Novotny fortgezogen. Er entdeckt sie auf der Bühne einer Striptease-Bar, und sie versteckt ihn bei sich. Die Vierundzwanzigjährige ist froh, für jemand sorgen zu können, denn das hilft ihr dabei, sich nicht dauern betrinken zu müssen. Nach drei Wochen wird Frankie ungeduldig. Heimlich schleicht er sich in der Nacht auf den 1. April 1948 zu Antek, aber der macht ihm klar, dass mindestens bis zu den Wahlen nach ihm gefahndet wird. Von dem Wirt erfährt Frankie auch, dass man Sophie in eine Nervenheilanstalt gebracht hat. Als er wieder zu Molly zurückkehrt, ist „Süffel-John“ bei ihr, und sie bettelt darum, nicht wieder getreten zu werden. Frankie und Molly rechnen damit, dass John zur Polizei geht. Tatsächlich erreichen sie nicht einmal die Haustür; da ist bereits die Sirene des ersten Streifenwagens zu hören. Molly hält die Cops hin, während Frankie sich im Keller versteckt, aus einem Fenster klettert und möglichst unauffällig zur nahen Hochbahnstation geht. Ein Beamter fordert ihn von hinten auf, stehenzubleiben, gibt einen Warnschuss ab und zielt dann auf Frankies Beine. Der springt mit dem Splitter eines Querschlägers in der Ferse in den abfahrenden Zug.

In einem schäbigen Hotelzimmer versucht er, den Splitter mit einer Rasierklinge zu entfernen. Das Stöhnen kommt dem Portier verdächtig vor; er sieht nach, und als er Frankies blutigen Fuß sieht, ruft er die Polizei an.

Die Cops finden Frankie nicht mehr lebend vor: Er hat sich inzwischen mit einer zusammengelegten Paketschnur am metallenen Bettpfosten erhängt.

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„Der Mann mit dem goldenen Arm“ ist ein deprimierender, mitunter auch zynischer bzw. ironischer Roman. Er handelt von Frankie („Machine“) Majcinek, der sich im polnischen Elendsviertel von Chicago als berufsmäßiger Kartenspieler durchschlägt. Von einer Jugendfreundin wird er durch eine vorgetäuschte Schwangerschaft zur Eheschließung erpresst, und als sie nach einem Verkehrsunfall, den er betrunken verursachte, nicht mehr gehen kann, kommt er darüber nur durch Alkohol und Morphium zeitweise hinweg.

Nelson Algren schildert den vergeblichen Existenzkampf eines jungen Mannes und führt mit seiner Darstellung des Milieus von Gaunern und Hasardeuren, Prostituierten und Stripperinnen, Süchtigen und Drogenhändlern die Tradition des von Upton Sinclair (1878 – 1968) begründeten Chicagoer Naturalismus fort.

Otto Preminger verfilmte den Roman 1955: „Der Mann mit dem goldenen Arm“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Zweitausendeins, Frankfurt/M

Otto Preminger: Der Mann mit dem goldenen Arm

Nelson Algren (Kurzbiografie)
Ein ausführliches Porträt Simone de Beauvoirs finden Sie
in meinem Buch EigenSinnige Frauen. Zehn Porträts
(Verlag F. Pustet, Regensburg; Taschenbuch: Piper Verlag, München)

Botho Strauß - Paare, Passanten
In mehr als hundert scheinbar beziehungslos aneinander gereihten Skizzen spiegelt sich die Gesellschaft: Beobachtungen in Alltagssituationen; poetische, metaphernreiche Episoden; absurde, surreale Szenen; Gedankensplitter und philosophisch-essayisische Betrachtungen.
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Botho Strauß

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