István Szabó: Mephisto
mit Klaus Maria Brandauer u.a.
      Kritik:
István Szabó hat seine Verfilmung eines Romans von Klaus Mann auf den grandiosen Schauspieler Klaus Maria Brandauer zugeschnitten. "Mephisto" ist ein erschütternder und psychologisch differenzierter Film über die Motive, die einen Menschen dazu bringen können, sich mit dem Bösen einzulassen. Filmkritik
 

Mephisto

 
  Inhalt:
Der Schauspieler Hendrik Höfgen ist im Grunde kein schlechter Mensch, aber sein maßloser Ehrgeiz verleitet ihn dazu, potenzielle Förderer verlogen zu umschmeicheln, seine politischen Ideale zu verraten und sich mit führenden Nationalsozialisten zu arrangieren. Zu spät erkennt er, dass der Preis dafür sein Identitätsverlust ist. Inhaltsangabe, Handlung



Originaltitel: Mephisto - Regie: István Szabó - Drehbuch: Peter Dobai und István Szabó, nach dem Roman "Mephisto" von Klaus Mann - Kamera: Lajos Koltai - Schnitt: Zsusa Csákány - Musik: Zdenko Tamássy - Darsteller: Klaus Maria Brandauer, Rolf Hoppe, Krystyne Janda, Karin Boyd, Ildikó Bánsági, Péter Andorai, György Cserhalmi, Ildikó Kishonti, Christine Harbort, Christian Grasshof u.a. - 1980; 140 Minuten
   


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István Szabó: Mephisto

Handlung:

Hendrik Höfgen (Klaus Maria Brandauer) glaubte schon als Sopran im Knabenchor, besser als alle anderen zu sein. Einmal sang er eine Oktave höher als vorgesehen und hielt sich dabei für einen jubilierenden Engel, aber der Chorleiter sagte nur abfällig: "Sei doch still." Da stürzte er aus seinem Himmel und schämte sich.

Inzwischen ist Höfgen Theaterschauspieler in Hamburg, aber er leidet darunter, nur in der Provinz auftreten zu können. Wie besessen trainiert er nicht nur seine Rollen, sondern auch Gesang und Tanz. Ballettunterricht erhält er von seiner Geliebten Juliette (Karin Boyd), der in Deutschland geborenen Tochter eines Hamburger Ingenieurs und einer Schwarzen. Er mag es nicht, wenn sie ihn bei seinem richtigen Vornamen – Heinz – nennt.

Durch seine Kollegin Nicoletta von Niebuhr (Ildikó Bánsági) lernt er bei einer Leseprobe deren Freundin Barbara Bruckner (Krystyna Janda) kennen. Anders als Hendrik Höfgen stammt sie aus einem großbürgerlichen Haus; ihr Vater ist Geheimrat. Bei einem Spaziergang im Wald macht er ihr einen Heiratsantrag, und sie wird seine Ehefrau.

Gemeinsam mit seinem kommunistischen Freund und Kollegen Otto Ulrichs (Péter Andorai) will Hendrik Höfgen das Theater politisch und künstlerisch revolutionieren.

Er kritisiert Barbara, weil sie sich einen Abend lang mit dem Schauspieler Hans Miklas (György Cserhalmi) unterhielt, der kein Hehl daraus macht, dass er Mitglied der NSDAP ist. Durch den Kontakt mit einem Nationalsozialisten werde man beschmutzt, schimpft Höfgen und wirft seiner Frau politische Richtungslosigkeit vor. Einige Tage später provoziert er Hans Miklas. Otto muss den aufgebrachten Kollegen festhalten, damit dieser sich nicht auf den Herausforderer stürzt. Daraufhin verlangt Höfgen vom Theaterdirektor die fristlose Entlassung von Hans Miklas: "Er oder ich!"

Als die berühmte Schauspielerin Dora Martin (Ildikó Kishonti) in Hamburg auftritt, hält sich Hendrik Höfgen in seiner Garderobe die Ohren zu, weil er ihr den frenetischen Applaus nicht gönnt, aber nach der Vorstellung richtet er es so ein, dass er ihr begegnet und sie auf verlogene Weise beglückwünschen kann. Dadurch erreicht er, dass sie ihren Einfluss geltend macht, um ihm ein Engagement in Berlin zu verschaffen.

"Hendrik Höfgen erobert die Herzen der Berliner Arbeiter", lautet eine Schlagzeile über seinen Auftritt im Rahmen einer kommunistischen Veranstaltung.

Obwohl er inzwischen verheiratet ist, lässt er Juliette nachkommen und man sagt ihm wohl kaum zu Unrecht Affären mit Dora Martin und der Sekretärin des Berliner Theaterintendanten nach.

Wegen ihrer jüdischen Herkunft und der Wahlerfolge der NSDAP beabsichtigt Dora Martin, Deutschland zu verlassen und nach Amerika zu gehen. Sie wundert sich über Höfgens politische Blindheit.

Als Höfgen am 30. Januar 1933 von seiner Frau erfährt, dass Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, schimpft er über den "österreichischen Kabarettisten". Aber was habe das mit ihm zu tun? Er sei Schauspieler und interessiere sich nicht für Politik. Barbara, selbst Jüdin, warnt ihn wegen seiner Zusammenarbeit mit Otto Ulrichs und anderen Kommunisten. Höfgen stöhnt: Er könne sich nicht ins Ausland absetzen, denn er benötige für seinen Beruf die deutsche Sprache.

Am 27. Februar brennt der Reichstag. Die nationalsozialistische Regierung macht die Kommunisten dafür verantwortlich. Hendrik Höfgen hält sich gerade zu Dreharbeiten in Budapest auf. Einige seiner Kollegen kehren nicht mehr ins Bücher von Dieter Wunderlich Deutsche Reich zurück. Höfgen zögert und bleibt vorerst in Ungarn. Da schreibt ihm seine Bekannte Angelika Siebert, dass die mit dem preußischen Ministerpräsidenten (Rolf Hoppe) befreundete Schauspielerin Lotte Lindenthal (Christine Harbort) nach ihm gefragt habe und gern mit ihm als Partner auf der Bühne stehen würde. Nach Rücksprache mit ihrem mächtigen Freund könne sie ihm zusichern, dass er bei einer Rückkehr nach Berlin nichts zu befürchten habe.

Hendrik Höfgen wagt es, und Lotte Lindenthal verschafft ihm sogar die ersehnte Rolle des "Mephisto". Als der Ministerpräsident die Vorstellung besucht, lässt er Hendrik Höfgen während der Pause in seine Loge kommen und gratuliert ihm zu dem Auftritt. Wenig später lädt Lotte Lindenthal ihren Kollegen zu einer Gesellschaft des Ministerpräsidenten ein. Als sich dieser über den schlaffen Händedruck des Schauspielers wundert, trainiert sich Höfgen einen kräftigeren Händedruck an.

Barbara Höfgen emigriert mit ihrem Vater nach Paris.

Obwohl er damit ein Risiko eingeht, nimmt Hendrik Höfgen den jüdischen Garderobier Böck (István Komlós) bei sich auf. Außerdem verwendet er sich beim Ministerpräsidenten für Otto Ulrichs – von dem er weiß, dass er nach dem Reichstagsbrand in ein Konzentrationslager gesperrt wurde – und erreicht dessen Freilassung. Der Ministerpräsident weiß natürlich von Höfgens früheren Verbindungen zu den Kommunisten, aber er tut es als Jugendsünden ab.

Hans Miklas, der Hitlers Machtübernahme gar nicht erwarten konnte, ist entsetzt über dessen Politik und beginnt sich von den Nationalsozialisten zu distanzieren. Er beabsichtigt, aus der NSDAP auszutreten und sammelt am Theater Unterschriften für ein Protestschreiben. Bevor er etwas erreichen kann, wird er im Wald erschossen. Er sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, heißt es auf einem Aushang im Theater.

Der preußische Ministerpräsident fragt Höfgen eines Tages nach Barbara. Der vermutet seine Frau in Paris, aber sein Protegé verrät ihm, sie sei in Amsterdam und habe sich dort Gegnern der Nationalsozialisten angeschlossen. Er rät Höfgen zur Scheidung und besteht darauf, dass er sich auch von seiner schwarzen Geliebten trennt. Höfgen bittet darum, dass Juliette ungehindert ausreisen darf. Tatsächlich holen zwei SS-Männer sie wenig später ab und schieben sie in einen Zug nach Frankreich.

Hendrik Höfgen wird vom preußischen Ministerpräsidenten zum Intendanten des Staatstheaters ernannt.

Eine von der nationalsozialistischen Führung vorgeschlagenen Reise zu einer internationalen Veranstaltung in Paris nützt Hendrik Höfgen, um sich ein letztes Mal mit Juliette zu treffen und sie zu bitten, ihm nicht mehr zu schreiben. Auch mit Barbara verabredet er sich. Sie versteht nicht, warum er in Berlin bleibt. Höfgen entgegnet, man könne sich nicht aussuchen, in welchem Land und in welcher Zeit man geboren sei. "Freiheit? Wozu? Ich brauche nur Erfolg!"

Nach der Scheidung heiratet Hendrik Höfgen Nicoletta von Niebuhr.

Als er erfährt, dass man Otto Ulrichs erneut verhaftet hat, lässt er sich einen Termin beim preußischen Ministerpräsidenten geben. Der wirft ihn wütend hinaus und warnt ihn: "Achten Sie darauf, dass Sie nicht wie ein Käfer zertreten werden!" Nach dem Fehlschlag versucht Höfgen es bei Lotte Lindenthal, die inzwischen die Frau des Ministerpräsidenten geworden ist. Sie klärt ihn darüber auf, dass Otto Ulrichs bereits tot sei. Selbstmord lautet die offizielle Version.

Der Ministerpräsident nimmt Hendrik Höfgen mit zu einer gigantischen Parteitagskulisse und fordert ihn auf, in die Mitte der Anlage zu gehen. Dort wird Höfgen von mehreren Scheinwerfern geblendet, die ihn verfolgen, wenn er verzweifelt herumläuft. Voller Angst denkt er: "Was wollen die von mir? Ich bin doch nur ein Schauspieler!"

Filmkritik:

István Szabó hat Klaus Manns 1936 in Amsterdam veröffentlichten Roman "Mephisto. Roman einer Karriere" werkgetreu verfilmt und für die Hauptrolle die Idealbesetzung gefunden: Klaus Maria Brandauer, der in jeder Szene zu sehen ist, spielt den vielschichtigen Charakter auf grandiose Weise.

Gerhart Waeger weist darauf hin, dass Höfgen innerlich hohl sei und nur dann eine Persönlichkeit zu haben scheine, wenn er in eine Rolle schlüpfe.

Sein [Brandauers] Höfgen gerät durch rein interpretatorische Mittel in fast gespenstischer Weise zur charakterlichen "Unperson", die zunächst nur im Rollenspiel auf der Bühne ein "Gesicht" bekommt, später aber Wege findet, auch im Privatleben eine "Rolle" spielen und Persönlichkeit damit wenigstens vortäuschen zu können. (Gerhart Waeger: Mephisto, Zoom Nr. 20/1981)

"Mephisto" ist ein außergewöhnlich vielschichtiges Porträt eines Karrieristen. Hendrik Höfgen ist im Grunde kein schlechter Mensch; er setzt sich hin und wieder für Freunde ein, aber sein maßloser Ehrgeiz verleitet ihn dazu, potenzielle Förderer verlogen zu umschmeicheln, seine politischen Ideale zu verraten und sich mit führenden Nationalsozialisten zu arrangieren. Zu spät erkennt er, dass der Preis dafür sein Identitätsverlust ist. "Mephisto" ist ein erschütternder und psychologisch differenzierter Film über die Motive, die einen Menschen dazu bringen können, sich mit dem Bösen einzulassen.

Einige der Figuren weisen deutliche Parallelen zu Hermann Göring, Emmy Sonnemann, Joseph Goebbels auf, und bei dem "Mephisto"-Darsteller und Intendanten des Staatlichen Schauspielhauses in Berlin denkt man sofort an Gustaf Gründgens (1899 – 1963), der dieses Amt von 1934 bis 1945 ausübte und von 1926 bis 1929 mit Klaus Manns Schwester Erika verheiratet war.

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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