Erster Weltkrieg: Vorgeschichte


In der Nacht zum 11. Juni 1903 erschossen serbische Offiziere im Belgrader Palast König Alexander I. Obrenovic und Königin Draga, malträtierten die zuckenden Körper mit ihren Säbeln und warfen sie aus dem Fenster. Der brutale Militärputsch brachte mit König Peter I. Karadordevic eine russophile Dynastie auf den serbischen Thron. Die „Radikale Volkspartei“ ergriff die Macht in Serbien; ihr Gründer, Nikola Pasic (1846 – 1926), regierte von 1904 bis zu seinem Tod fast ununterbrochen als Ministerpräsident. Von Russland unterstützt, entwickelte sich Serbien zum Zentrum des südslawischen Nationalismus. Die k. u. k. Monarchie reagierte auf die Machtverschiebung und die österreichfeindliche Politik des neuen Regimes, indem sie Einfuhren von landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus Serbien unterdrückte („Schweinekrieg“, 1906 – 1911).

Im Sommer 1908 zwang ein Staatsstreich Sultan Abdul Hamid II., die osmanische Verfassung von 1876 wieder in Kraft zu setzen (Jungtürkische Revolution, 1908/09). Bei den Aufständischen handelte es sich vorwiegend um junge Studenten und Offiziere, die sich im thessalonischen Untergrund und im Pariser Exil gegen das autokratische Regime in Konstantinopel verschworen und zugleich jede ausländische Bevormundung ablehnten.

Innerhalb weniger Wochen verlor das Osmanische Reich Kreta, Bulgarien, Bosnien und die Herzegowina. Eleftherios Venizelos (1864 – 1936) proklamierte im September 1908 den Anschluss Kretas an Griechenland. Der aus dem Hause Sachsen-Coburg stammende bulgarische Fürst Ferdinand I. rief am 5. Oktober 1908 das unabhängige Königreich Bulgarien und sich selbst zum Zaren aus.

Am selben Tag annektierte Kaiser Franz Joseph die seit der Berliner Konferenz (1878) österreichischer Militärverwaltung unterstehenden osmanischen Balkanprovinzen Bosnien und Herzegowina. In einer geheimen Besprechung hatte der österreichische Außenminister Alois Lexa Freiherr von Aehrenthal am 16. September 1906 zwar seinen russischen Amtskollegen Alexander Petrowitsch Iswolski vage darauf vorbereitet, aber die Berliner Regierung sah sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Als das Osmanische Reich, Serbien und Montenegro heftig gegen das österreichische Vorgehen protestierten, drohte Krieg auszubrechen (Bosnische Annexionskrise, 1908/1909). Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow ermächtigten Generalstabschef Helmuth von Moltke, der österreichischen Militärführung zu versichern, dass ihr das Deutsche Reich zur Seite stünde, falls sich die Krise zum Krieg ausweitete.

Das Osmanische Reich musste am 26. Februar 1909 den Verlust seiner beiden Balkanprovinzen akzeptieren. Russland glaubte, einer militärischen Kraftprobe mit den Mittelmächten noch nicht gewachsen zu sein und kam deshalb der ultimativen deutschen Aufforderung nach, die Annexion Bosniens und der Herzegowina zu billigen (22. März 1909). Serbien, das auf keinen militärischen Beistand mehr rechnen konnte, sah sich gezwungen, ebenfalls formell zuzustimmen (31. März 1909). Damit wurde die Krise oberflächlich beigelegt. Berlin hatte sich noch stärker als vorher an Wien gekettet: Bülow sprach am 29. März 1909 vor dem Reichstag von der „Nibelungentreue“.

Italien empörte sich gegen die rigorose Balkanpolitik der Österreicher. Hinter dem Rücken der Dreibund-Vertragspartner traf sich König Viktor Emanuel am 24. Oktober 1909 im Schloss von Raccognigi bei Turin mit dem russischen Zaren und sicherte diesem heimlich zu, die russische Vorherrschaft auf dem Balkan zu unterstützen.

In der Türkei versuchten die Anhänger des Sultans, das Rad der Geschichte noch einmal zurückzudrehen und ihm wieder zur absoluten Herrschaft zu verhelfen. Doch am 27. April 1909 stürzten die Jungtürken Sultan Abdul Hamid II., schickten ihn ins Exil und hoben seinen Bruder Mohamed V. auf den Thron. Faktisch übte allerdings das „Komitee für Einheit und Fortschritt“, das Führungsorgan der Jungtürken, die Macht aus (Jungtürkische Ära, 1908 – 1918). Die ursprünglich liberale Einstellung der Jungtürken schlug bald in eine nach innen repressive und nach außen expansive Politik um.

Von Russland ermutigt, schlossen sich Serbien und Bulgarien am 13. März 1912 gegen das Osmanische Reich und die Doppelmonarchie zusammen (Balkanbund), Griechenland und Montenegro traten dem Bündnis wenige Monate später bei. Das Osmanische Reich musste sich angesichts der neuen Gefahr beeilen, durch Zugeständnisse an Italien den Tripoliskrieg (1911/12) zu beenden: Am 18. Oktober unterzeichneten die italienischen und die türkischen Unterhändler in Lausanne einen Friedensvertrag. Am selben Tag erklärten Serbien, Bulgarien und Griechenland dem „Kranken Mann am Bosporus“ den Krieg und folgten damit dem Schritt ihres montenegrinischen Bündnispartners vom 8. Oktober (Erster Balkankrieg, 1912/13). Die Albaner, die sich seit 1910 gegen die Osmanen auflehnten, riefen am 28. November 1912 das unabhängige Albanien aus. Die Auseinandersetzungen auf dem Balkan drohten sich zum europäischen Krieg auszuweiten. Am 2. Dezember 1912 erklärte Bethmann Hollweg, das Deutsche Reich werde an der Seite der Doppelmonarchie kämpfen, wenn Russland auf dem Balkan interveniere. Am 8. Dezember 1912 drängte Helmuth von Moltke in einer Besprechung („Kriegsrat“) mit Wilhelm II. darauf, sofort loszuschlagen. Doch die Kriegsgegner setzten sich durch und hielten sowohl die Österreicher als auch die Russen davor zurück in den Balkankrieg einzugreifen. Am 17. Dezember 1912 begannen in London die Friedensverhandlungen (Londoner Botschafterkonferenz, 17. Dezember 1912 – 30. Mai 1913). Im Präliminar-Friedensvertrag vom 30. Mai 1913 verzichtete das Osmanische Reich auf die ägäischen Inseln und fast den gesamten Besitz auf der Balkanhalbinsel. Albanien wurde als unabhängiger Staat anerkannt und Wilhelm Prinz zu Wied (1876 – 1945) als albanischer Fürst (Mbret) eingesetzt. Er konnte sich allerdings nur ein halbes Jahr lang halten (7. März bis 5. September 1914).

Wie sie ihre Eroberungen aufteilen sollten, darüber konnten sich die Balkanstaaten nicht einigen. Als am 24. Juni 1913 in dem von Serbien beanspruchten Makedonien bulgarische Truppen einmarschierten, kam es zum Krieg zwischen den bisherigen Bündnispartnern (Zweiter Balkankrieg, 1913). Rumänien griff den südlichen Nachbarn am 10. Juli an, um die Grenzen am Schwarzen Meer (Dobrudscha) zu verschieben. Am 12. Juli trat auch die Türkei auf der Seite der Feinde Bulgariens in den Krieg ein. Österreich wurde von Italien und Deutschland davor zurückgehalten, zugunsten Bulgariens zu intervenieren. So wurde Bulgarien innerhalb weniger Wochen geschlagen; es musste die südliche Dobrudscha an Rumänien abtreten und auf beinahe die gesamte Beute aus dem Ersten Balkankrieg verzichten (Frieden von Bukarest, 10. August 1913). Obwohl die Serben als Hauptgewinner aus den beiden Balkankriegen hervorgingen, fanden sie sich nicht damit ab, dass sie noch immer nicht über einen Zugang zur Adria verfügten. Der Balkan blieb das „Pulverfass Europas“.

Fortsetzung

© Dieter Wunderlich 2006

Erster Weltkrieg: Inhaltsverzeichnis

Erich Maria Remarque - Im Westen nichts Neues
Der desillusionierte Ich-Erzähler, der 1916 als 18-jähriger Schüler an die Westfront kommt, schildert seine Erlebnisse in einer einfachen, lakonischen Sprache ohne Reflexionen, Erklärungen oder politische Überlegungen: "Im Westen nichts Neues".
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Erich Maria Remarque

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