Christian Lorenz Müller : Ziegelbrennen

Ziegelbrennen
Ziegelbrennen Originalausgabe: Otto Müller Verlag, Salzburg / Wien 2018 ISBN 978-3-7013-1262-7, 502 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1944 flieht ein mit einer Kroatin verheirateter Donauschwabe mit seiner Familie vor der Ustascha und den Partisanen von Slawonien nach Österreich. 2015 erforscht ein Vorarlberger Historiker die Ereignisse auf dem Balkan, und eine aus Polen stammende Aktionskünstlerin steht an dem zur Abwehr von Flüchtlingen errichteten Grenzzaun zwischen Ungarn und Kroatien.
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Kritik

Der auf dem Balkan und in Österreich spielende Roman "Ziegelbrennen" beginnt und endet mit dem Thema Flucht. Christian Lorenz Müller entwickelt die verschiedenen Handlungsstränge in seinem Roman "Ziegelbrennen" im ständigen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Generationen und Perspektiven. Zugleich variiert er den Sprachstil.
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Die Quendlers in Slawonien

Raimund Quendler wurde 1911 in Sveti Ivan bei Poschega in Slawonien als ältestes Kind von Jakob und Hildegard Quendler geboren. Sein aus dem Banat stammender Urgroßvater hatte sich dort angesiedelt. Raimunds  jüngere Brüder heißen Erwin, Klaus und Sieghart. 1939 heiratet der Donauschwabe eine zwölf Jahre jüngere Tochter kroatischer Kleinhäusler, die er statt Ružmarinka Rosmarinka nennt. Sie ist erst 17 Jahre alt, als sie schwanger wird und den Sohn Anton zur Welt bringt. Eineinhalb Jahre später, 1942, folgt die Tochter Helga.

Im Frühjahr 1944 sind Jakob und Raimund beim Pflügen, als Hildegard und Rosmarinka auf dem Quendler-Hof von Titos Partisanen heimgesucht werden, die etwas zu essen verlangen. Rosmarinka brät ihnen Spiegeleier. Einen der Männer kennt sie; es ist Darko Belanović, der seine Ausbildung zum Frisör abgebrochen hat. Der Anführer wird Bolzen gerufen. Um die Partisanen nicht noch einmal ins Haus lassen zu müssen, deponiert Rosmarinka von da an Speisen und Getränke in einer von ihrem Mann gezimmerten, vor dem Eingang aufgestellten Sitztruhe.

Einige Zeit später kommt eine Gruppe von Mitgliedern des 1929 von Ante Pavelić gegründeten faschistischen Geheimbundes Ustascha auf den Quendler-Hof und erkundigt sich nach Partisanen. Sie riechen zwar das bereitgestellte Essen, nehmen jedoch an, der Geruch komme aus der Küche und ziehen wieder ab, nachdem sie vergeblich nach Hinweisen auf Partisanen gesucht und nach Namen gefragt haben.

Die Flucht der Quendlers

Gleichzeitig von kommunistischen Partisanen und faschistischen Terroristen bedroht zu werden, ist zu viel für Raimund und Rosmarinka. Als noch im selben Jahr (1944) ein Eisenbahntransport für 600 Frauen und Kinder nach Österreich zusammengestellt wird, fährt Raimund seine Mutter Hildegard, Rosmarinka, Anton und Helga zu den Lastwagen, auf deren Ladeflächen sich die Flüchtlingsfrauen und Kinder drängen, die zum Zug gebracht werden wollen. Die beiden Männer folgen mit einem Fuhrwerk, aber Jakob stirbt auf der Flucht.

Raimund und Rosmarinka kommen schließlich auf einem Bauernhof in Österreich unter, auf dem schon zahlreiche andere Flüchtlingsfamilien leben. Als Gegenleistung müssen sie hart arbeiten.

Die Quendlers nach dem Krieg

Nach dem Krieg finden Raimund und Rosmarinka bezahlte Arbeit in einer Ziegelbrennerei. Dort bleibt Raimund auch, als Rosmarinka trotz der schädlichen Lösungsmitteldämpfe wegen höherer Löhne zu dem Klebstoffproduzenten Dr. Minzner wechselt.

Von einem Besuch in Sveti Ivan kommt Rosmarinka zur Verwunderung ihres Mannes mit einem Kopftuch zurück. Darunter verbirgt sie die in einem Frisörsalon in der Heimat rasierte Glatze. Bei dem Frisör handelt es sich um Darko Belanović. Der hasst die Donauschwaben, weil er glaubt, dass einer von ihnen dafür gesorgt hatte, dass die Ustascha seine Eltern, Brüder und sogar die Großmutter abholte und ermordete. Als er Rosmarinka Quendler erkannte, hielt er ihr ein Rasiermesser an den Hals und zwang sie, stillzuhalten, während er sie aus Rache kahl schor.

Anton Quendler studiert Theologie in Österreich und in den USA – bis er Sophie begegnet, der Tochter eines österreichischen Großbauern und Bürgermeisters. Statt sich zum Priester weihen zu lassen, bricht Anton das Studium zwei Semester vor dem Ende ab und heiratet Sophie, die von ihrer Schwiegermutter abschätzig als „Madame“ bezeichnet wird. Sophie und Anton Quendler bekommen zwei Töchter: Romana und Valentina.

Nach Raimunds Tod zu Beginn der Neunzigerjahre stellt sich heraus, dass der Bauer, für den er und Rosmarinka nach der Flucht schufteten, keine Sozialabgaben für sie entrichtete. Die Rente fällt entsprechend niedriger aus. Rosmarinka, deren Lunge durch das jahrelange Einatmen von Lösungsmitteldämpfen geschädigt ist, zieht zu Anton und ihrer Schwiegertochter nach Perneck. Dort arbeitet sie in einem Betrieb, der Wäscheleinen produziert – und leidet wegen des Kurbelns bald an einer Arthrose im rechten Handgelenk.

2009 stirbt Rosmarinka.

Kurz zuvor erzählte sie noch dem mit ihrer Enkelin Valentina liierten Historiker Arthur Mantler von ihren Erlebnissen.

Valentina Quendler

Während Romana nach Kuala Lumpur zieht, bleibt ihre jüngere Schwester Valentina in Europa. Mit dem Vorarlberger Historiker Arthur Mantler, der zur Jahrtausendwende ihr Lebensgefährte wird, lebt sie nur die ersten fünf Jahre in einer gemeinsamen Wohnung. Dann setzt sie ihre berufliche Karriere als Entwicklerin von Computerspielen zunächst in Frankfurt, dann in Berlin und später in Hamburg fort. Die beiden sehen sich oft monatelang nicht.

Arthur Mantler

Inzwischen ist Arthur Mantler, der Sohn einer Ärztin und eines Juristen, Ende 30. Bei der Scheidung der Eltern waren Arthur und sein jüngerer Bruder Michi 14 bzw. 11 Jahre alt.

2015 bekommt der Autor der als Buch veröffentlichten Magisterarbeit „Ethnizität ohne nationale Bindungen: Jugoslawismus in Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina in den späten 1980er Jahren“ ein Hermann-Lenzlott-Stipendium des Unternehmens Heldenstahl. Wenigstens für ein Jahr kann Arthur seinen Forschungen ohne finanzielle Not nachgehen. Der Historiker vergleicht seine Lage mit der von Migranten:

Wie jung muss man eigentlich sein, um daran zu glauben, dass etwas gelingen, ganz und gar gelingen kann, zum Beispiel die Integration von einigen zehntausend jungen Männern, die alle Geld verdienen, ihr Vergnügen und ihren Sex haben wollen, ganz gleich, ob sie nun Syrer oder Iraker sind, Eritreer oder Tschetschenen? Junge Männer, die frustriert und wütend werden, wenn sie keine Arbeit, kein Vergnügen und keinen Sex bekommen, ähnlich wie der Historiker selbst, der in eineinhalb Monaten wieder ohne Einkommen dastehen wird und der eine Beziehung führt, die diese Bezeichnung längst nicht mehr verdient. An Sex denkt er lieber nicht. Kurz wird ihm weinerlich zumute, weil er sich als ein Asylsuchender des Geistes sieht, als ein vom universitären Betrieb verfemter, mittelloser, von allen guten Gefühlen verlassener Flüchtling, ganz allein in dieser Stadt, zusammen mit Syrern, Eritreern und Tschetschenen, von denen er gar nicht weiß, ob sie nicht in Wirklichkeit Iraker, Äthiopier oder Dagestaner sind.

Für sein Projekt führt Arthur standardisierte Interviews mit Jugendlichen, die entweder selbst oder deren Eltern auf dem Balkan aufwuchsen. Die Tonaufnahmen sollen im Rahmen einer Ausstellung abgespielt werden. Von Maria Radauer, der 28-jährigen Pressereferentin des Stahlunternehmens, erfährt Arthur, dass Heldenstahl beabsichtigt, demnächst für mindestens fünf Jahre eine Betriebshistorikerin bzw. einen Betriebshistoriker einzustellen und er gute Chancen hat, die Stelle zu bekommen.

Maria meint über die Firma, für die sie arbeitet:

„Ein Stahlwerk wird von den Nazis gebaut und mit tausenden von Zwangsarbeitern betrieben. Nach dem Krieg arbeiten hier deutschstämmige Flüchtlinge, die durch die Nazipolitik ihre Heimat verloren haben. Und in den 90er Jahren kommen Arbeiter aus Ex-Jugoslawien dazu.“

Fast jeden Tag erhält Arthur eine mehr oder weniger lange Nachricht von Valentinas Vater Anton Quendler – per Fax, weil Anton sich nicht mehr auf SMS umstellen mag. Die Mitteilungen werden immer verrückter. Einmal schreibt Anton, er habe einen Kofferraum voll leerer PET-Flaschen gesammelt und aufgeschnitten, um damit 79 Marillen in einen Spalierbaum zu hängen. Weil er allerdings 19 Früchte verloren und eine an ein Kind verschenkt habe, würden nun bloß 59 Marillen in dem Baum hängen, dessen Laub er mit fauchender Gasflamme abgesengt habe. In einem anderen Fax klagt Anton, seine Bücher hätten ihn bedroht, die Gesichter abgewendet und ihm nur noch den Rücken gezeigt. Daraufhin habe er sie alle aus den Regalen gerissen.

Asja Szczakowska

Auf der Suche nach einer Person, die sich mit Soundfiles auskennt und bereit wäre, ihm bei der Aufbereitung der Interviews für die geplante Ausstellung zu helfen, stößt Arthur durch Zufall auf die aus Polen stammende junge Konzeptkünstlerin Asja Szczakowska, die ihren Körper als ihr Material betrachtet. Mit ihrer aktionistisch-politischem Kunst prangert sie die katholische Kirche an, die Organisationen wie die Ustascha unterstützte und Faschisten auf der Flucht über die „Rattenlinien“ half.

Kurz nachdem sie Arthur kennengelernt hat, verlagert sich ihr Schwerpunkt zum Thema Grenzen. Das tut sie beispielsweise bei einer Veranstaltung im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (mumok). Danach schickt sie Arthur aus dem Krankenhaus einen Presseartikel aufs Smartphone:

„Kalt war es im mumok. Man hatte alle Fenster geöffnet, den Saal durch eine Rolle aus scharfem Natodraht  in zwei Hälften geteilt und düster beleuchtet. Auf der einen Seite das abgedeckte Buffet und ein paar Heizpilze […] Auf der anderen Seite fand sich nichts dergleichen. Die Performance sollte um 20 Uhr beginnen, aber um 20:30 Uhr war von der Künstlerin noch nichts zu sehen. […] Niemand wusste so recht, weshalb er auf der „Butterseite“ gelandet war und sich wärmen konnte, oder warum er hungrig in der Kälte ausharren musste.
[…] zunehmend grob auftretende[n] Securitys. Ein paar ältere Herrschaften auf der angenehmeren Seite wurden daran gehindert, einen aufgespannten Regenschirm mit ein paar Häppchen darin über die Barriere zu bugsieren.
Schließlich wurden sämtliche Ausgänge mit Stacheldraht versperrt. […]
Gegen 21:15 Uhr plötzlich begann eine junge Frau in Kopftuch und weitem Mantel laut zu schreien. Sie zerrte heftig an dem Natodraht, sie wollte von der hungrigen auf die satte Seite und ließ sich selbst von der Security nicht davon abhalten, unter der Barriere hindurchzukriechen. Dabei rissen ihr die Zacken Kopftuch und Mantel vom Leib und alles, was sie sonst noch auf der Haut trug. […] Es war Szczakowska, die sich auf der anderen Seite wieder hochstemmte, und, grauenvoll zugerichtet, auf die weißen Paravents zustürmte […]. Sie stieß die Paravents zu Boden und wälzte sich für Minuten schreiend darauf herum. […]“

Sobald die Verletzungen abgeheilt sind, plant Asja eine entsprechende Aktion an der kroatisch-ungarischen Grenze und fährt los. Vor Ort trifft sie auf drei Flüchtlinge, die einen Holzbalken verwenden, um den mit Eisenklammern in der Erde befestigten Grenzzaun hochzustemmen und hindurchzukriechen – allerdings von Ungarn nach Kroatien. Asja könnte durch die Lücke ohne neue Verletzungen auf die andere Seite, aber das alles irritiert sie, und sie verharrt unentschlossen auf der kroatischen Seite.

Balkanreisen

Zur gleichen Zeit (2015) sind auch Arthur und Valentina auf dem Balkan unterwegs, jedoch nicht miteinander, denn sie haben ihr ohnehin nur sporadisches Zusammenleben beendet.

Valentina wird wegen eines Auftrags der Kroatischen Zentrale für Tourismus von ihrem Hamburger Chef Matthias Jensen auf einen Recherche-Urlaub geschickt, zusammen mit ihrem vor vier Jahren mit seinen Eltern – einer bosnischen Muslima und einem kroatischen Serben – aus der Vojvodina immigrierten Kollegen Zoltan.

Arthur reist ebenfalls nicht allein, sondern mit der Pressereferentin Maria Radauer. Während die beiden auf Rab darauf warten, dass ein Hubschrauber mit ihnen zu einem Rundflug startet, ruft Valentina an: Ihr Vater Anton hatte sich in seiner selbstgebauten „Kapelle“ so mit Draht gefesselt – 80 Laufmeter Draht, 31 Mauerhaken, 27 Ringschrauben –, dass zehn Männer fast zwei Stunden damit beschäftigt waren, ihn zu befreien, Er liegt nun im Krankenhaus. Dort stirbt er einige Zeit später.

Aus Dubrovnik teilt Valentina ihrem bisherigen Lebensgefährten mit, dass sie schwanger sei. Arthur vermutet Zoltan als Erzeuger, aber Valentina erklärt ihm, Matthias Jensen sei der Vater des Ungeborenen.

Arthur und Maria werden während der Balkanreise ein Paar.

Der Historiker Arthur vergleicht die Kriege auf dem Balkan und am Persischen Golf:

„Die Ähnlichkeiten sind wirklich frappierend. In Ex-Jugoslawien haben sich die Orthodoxen und die Katholiken die Köpfe eingeschlagen. Im Irak stehen Schiiten gegen Sunniten. […]
Gleich darauf kommt er auf die bosnischen Muslime zu sprechen, die schwächste Gruppe während der Kriege der 90ern. Sie seien zwischen die Fronten der Serben und Kroaten geraten, genauso wie heutzutage die orientalischen Christen zwischen Sunniten und Schiiten zerrieben würden.“

„… ich wollte sagen, dass der Bosnienkrieg erst zu Ende gegangen ist, als die Amerikaner die Muslime aufgerüstet haben. Es ist eine Pattsituation entstanden, die die Konfliktparteien reif für Verhandlungen gemacht hat. […] Im Moment rüsten die Golfstaaten die Sunniten in Syrien auf. Die Iraner unterstützen die Schiiten und die Alewiten, und der Westen bewaffnet die orientalischen Christen und Kurden. Es wird dauern, bis ein Gleichgewicht des Schreckens hergestellt ist.“

Maria und Arthur besichtigen das Jasenovac Education Center auf dem Gelände eines früheren Konzentrationslagers bei Jasenovac in Kroatien. Als sie in dem nahen serbischen Dorf Mlaka nach dem Weg zu dem dortigen Massengrab (Mlaka Execution) fragen, lernen sie die Emigranten Ratko und Svetlana kennen, die sich inzwischen ein Zweithaus in der alten Heimat gebaut haben und deren drei in der Schweiz geborene Töchter bereits erwachsen sind. Ratko berichtet, wie 1991 die Serben über die Save kamen und das Gebiet in Besitz nahmen. Während die Serben keine Plünderungen zugelassen hätten, so Ratko weiter, sei die kroatische Armee bei der Rückeroberung des Dorfes im Jahr 1995 brutal gegen die Bevölkerung vorgegangen. Von Ratko erfahren Arthur und Maria auch, dass die Gedenkstätte für das Massengrab und die Zufahrtsstraße von Israel finanziert wurden. Weil Kroatien von der EU Geld für Minenräumungen erhält, hat man große Areale als Minenfelder ausgewiesen und mit Warnschildern versehen, obwohl es dort gar keine Sprengfallen gibt.

Keine 24 Stunden nach der Begegnung mit Ratko und Svetlana werden Maria und Arthur von der deutschsprachigen Kroatin Anna eingeladen. Ihre Sicht der Dinge ist eine ganz andere als die des Serben.

In dem nationalen Rausch, der damals aufgekommen ist, haben sich fast alle Jugoslawen wieder in Serben oder Bosnier oder Kosovaren verwandelt.

In Sveti Ivan bei Poschega finden Arthur und Maria die Stelle, an der früher der Quendler-Hof stand. Aber dort befindet sich jetzt der Neubau einer anderen Familie. Auf einem nahen Friedhof entdeckt Maria das Grab von Sieghart Quendler, 1919 – 1985. Arthur ruft Valentina an, um es ihr mitzuteilen. Sie weiß, dass ihr Großonkel nach Brasilien ausgewandert war, aber nach ein paar Jahren zurückkam. Der Dorfpfarrer, den Maria und Arthur befragen, stellt in den Kirchenbüchern fest, dass Sieghart Quendler 1952 aus Lateinamerika zurückkam und die Bauerntochter Marina Kantner heiratete.

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In seinem auf dem Balkan und in Österreich spielenden Roman „Ziegelbrennen“ spannt Christian Lorenz Müller den Bogen von 1944 bis 2015, vom Zweiten Weltkrieg über die Balkankriege bis heute. Das Buch beginnt und endet mit dem Thema Flucht. 1944 flieht der mit einer Kroatin verheiratete Donauschwabe Raimund Quendler mit seiner Familie von Slawonien nach Österreich. 2015 steht die aus Polen stammende Aktionskünstlerin Asja Szczakowska an dem zur Abwehr von Flüchtlingen errichteten Grenzzaun zwischen Ungarn und Kroatien. Zugleich erforscht der Vorarlberger Historiker Arthur Mantler, der 15 Jahre lang mit Raimund und Rosmarinka Quendlers Enkelin Valentina liiert war, was in den letzten Jahrzehnten auf dem Balkan geschah und wie jugendliche Migranten darüber denken.

Im ständigen Wechsel zwischen den Zeitebenen bzw. Generationen und von Präteritum und Präsens entwickelt Christian Lorenz Müller die Handlungsstränge. Dabei verändern sich auch die Perspektiven. Die Darstellung wirkt sprunghaft und fragmentarisch.

Christian Lorenz Müller variiert in „Ziegelbrennen“ zugleich den Sprachstil. Neben der Erzählerstimme hören wir beispielsweise Interview-Mitschnitte. Das klingt so:

Der Mann mit der Brille ist mein Opa. Gleich rechts daneben, das ist Tudjman. Das ist in den frühen 90er Jahren aufgenommen. Geraschel von Papier. Seiten werden umgeblättert. Ich bin sehr stolz, dass Opa mir das Album hinterlassen hat. Mein Vater hätte es auch gerne gehabt. Wieder Geraschel. Ein Buch wird zugeklappt. Opa ist mehrmals mit Tudjman zusammengetroffen. […]

In den Text eingefügt sind außerdem wörtliche Dialoge, bei denen die Sprechenden wie bei einem Theaterstück am Zeilenanfang genannt werden, Briefe, SMS, Fax-Mitteilungen und Zeitungsartikel. Hin und wieder blitzt eine Wortneuschöpfung von Christian Lorenz Müller in „Ziegelbrennen“ auf, zum Beispiel:

Maria zieht den Historiker auf das warmgesonnte Holz [einer Bank].

Christian Lorenz Müller wurde 1972 in Rosenheim geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Trompetenmacher. 2010 debütierte er mit dem Roman „Wilde Jagd“, für den er 2012 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr erhielt er den Georg-Trakl-Förderungspreis für Lyrik. „Ziegelbrennen“ ist sein zweiter Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Otto Müller Verlag

Das Auseinanderbrechen Jugoslawiens

Graham Greene - Unser Mann in Havanna
"Unser Mann in Havanna" ist eigentlich kein Spionage-Thriller, sondern eine witzige Parodie des Genres mit zum Teil sehr komischen Szenen und eine sarkastische Satire über Geheimdienstpraktiken, die Graham Greene aus eigener Erfahrung kannte.
Unser Mann in Havanna

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