Sansibar

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Sansibar

Originaltitel: Sansibar – Regie: Rainer Wolffhardt – Drehbuch: Leopold Ahlsen, nach dem Roman "Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch – Kamera: Fritz Moser – schnitt: Guntram von Ehrenstein – Darsteller: Robert Graf, Beatrice Schweizer, Paul Dahlke, Karl Lange, Jens-Joachim Neitzel, Ola Svensson, Josef Sieber, Dierk Hardebeck, Detlof Krüger, Joachim Ernst, Edith Heerdegen, Hans Elwenspoek, Anneliese Hartnack u. a. – 1961; 90 Minuten

Inhaltsangabe

In der Hafenstadt Rerik an der Ostsee begegnen sich im Herbst 1937 die Jüdin Judith Levin, die auf der Flucht ins Ausland ist, und der KP-Funktionär Gregor, der sich nicht länger von der Partei bevormunden lassen will. Als Gregor erfährt, dass der Pastor den Fischer Knudsen bat, eine Barlach-Statue zu einem Freund nach Schweden zu bringen, um sie vor den Nazis zu retten, sieht er eine Möglichkeit, Judith zu helfen und sich auch selbst abzusetzen ...
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Kritik

Der Film "Sansibar" fällt zwar gegenüber der Romanvorlage von Alfred Andersch ab, v. a. weil sich die inneren Monologe nicht wiedergeben lassen, aber es handelt sich um ein spannendes, sehenswertes Drama.
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Die Handlung spielt an einem Tag und in der darauffolgenden Nacht im Herbst 1937 in der abgelegenen Ostsee-Hafenstadt Rerik nordöstlich von Wismar.

Während die anderen Fischer zum Dorsch-Fang hinausfuhren, blieb Heinrich Knudsen (Paul Dahlke) an Land, denn er soll heute Nachmittag Instruktionen von einem Mitglied des ZK der verbotenen und deshalb im Untergrund tätigen Kommunistischen Partei bekommen. Knudsen ist das letzte Mitglied in Rerik; keiner der anderen Kommunisten redet noch über Politik. Knudsen sieht inzwischen auch keinen Sinn mehr darin und überlegt, ob er nicht doch mit seinem Schiffsjungen Klaus (Jens-Joachim Neitzel) auf seinem Kutter zum Fischen fahren soll, statt den Funktionär zu treffen.

Am Ende bleibt Knudsen doch da und geht zur vereinbarten Zeit in die Georgenkirche. Der Instrukteur, der sich Gregor (Robert Graf) nennt, kam mit dem Fahrrad nach Rerik. Zu Knudsens Verwunderung und Verärgerung schlägt der Genosse ihm vor, sich gemeinsam auf dem Kutter nach Schweden abzusetzen: Gregor sieht auch keinen Sinn mehr in der Parteiarbeit, will sich nicht länger von der Organisation herumkommandieren lassen und von niemandem mehr abhängig sein. Knudsen kann allerdings nicht fort, denn er will seine Frau Bertha (Edith Heerdegen) nicht im Stich lassen: Sie ist geistesgestört, und er muss aufpassen, dass man sie nicht abholt, in eine Anstalt sperrt oder tötet.

Pastor Helander (Karl Lange) taucht auf und geht auf die beiden Männer im Kirchenschiff zu. Vor ein paar Stunden bat er Knudsen, die von Ernst Barlach 1930 aus Holz gefertigte Statue „Der lesende Klosterschüler“ nach Schweden zu bringen und dem Propst von Skillinge zu übergeben. Die Figur steht auf der Liste der Kunstwerke, die nicht mehr gezeigt werden dürfen und soll deshalb am nächsten Morgen abgeholt werden. Helander will verhindern, dass die Nationalsozialisten sie zerstören. Knudsen weigerte sich, die Bitte des Pfarrers zu erfüllen, aber Gregor ist spontan bereit, bei der Rettung der eindrucksvollen Statue mitzuhelfen, die er als Symbol der Gedankenfreiheit begreift. Endlich sieht er eine Aufgabe für sich, die keinen Parteiauftrag darstellt, sondern auf seiner persönlichen Entscheidung beruht.

Helander war im Ersten Weltkrieg bei Verdun ein Bein zerschossen und amputiert worden. Der Stumpf schmerzt, und die Prothese sitzt nicht gut. Doktor Frerking (Joachim Ernst) rät dem Pfarrer, noch am selben Abend zu Professor Gebhard nach Rostock zu fahren, denn die entzündete Narbe droht aufzuplatzen und der Patient hat Zucker. Helander, der wütend auf Gott ist, weil dieser den nationalsozialistischen Terror zulässt, überlegt, ob er auf diese Weise um eine Entscheidung für oder gegen die Rettung der Barlach-Figur herumkommt. Doch statt ein Taxi zu rufen, bleibt er im Pfarrhaus.

In Rerik legt kaum noch ein größeres Schiff an, aber an diesem Abend läuft ein schwedischer Dampfer in den Hafen ein. Am Kai beobachtet Gregor unter den Schaulustigen eine schöne junge Schwarzhaarige, die ihm bereits bei seiner Ankunft auffiel. Er ahnt, dass es sich um eine Jüdin handelt, die ins Ausland möchte.

Judith Levin (Beatrice Schweizer) stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. An diesem Nachmittag kam sie aus ihrer Heimatstadt Hamburg. Ihre gelähmte Mutter hatte ihr geraten, große Häfen wie in Rostock, Travemünde, Kiel und Flensburg zu meiden, stattdessen nach Rerik zu fahren und von dort zu versuchen, nach Schweden zu fliehen. Judith wollte ihre verwitwete Mutter nicht verlassen, doch während sie gestern das Frühstücksgeschirr spülte, vergiftete sich ihre Mutter. Nun muss Judith versuchen, von Rerik ins Ausland zu kommen, damit das selbstlose Opfer ihrer Mutter nicht umsonst war.

Der Wirt (Hans Elwenspoek) in Rerik verlangte vorhin ihren Pass. Judith behauptete, ihn im Koffer zu haben und aus dem Zimmer holen zu müssen, und er ermahnte sie, es nicht zu vergessen, sonst müsse er nachts zu ihr kommen. Wenn sie sich dem schmierigen Wirt hingäbe, würde er sie vielleicht laufen lassen. Judith versucht, Zeit zu gewinnen.

Nachdem sich die Hoffnung, von dem schwedischen Schiff mitgenommen zu werden, zerschlagen hat, wird Judith von Gregor ohne lange Erklärungen in die Bahnhofsgaststätte mitgenommen. Um Mitternacht gehen sie in die Georgenkirche, wo Gregor sich mit dem Pfarrer verabredet hat. Sie schrauben die Barlach-Figur „Der lesende Klosterschüler“ vom Sockel, schlagen sie in eine Decke ein und laden sie auf einen Handkarren.

Knudsen hatte sich doch noch bereit erklärt, die Statue nach Skillinge zu bringen. Inzwischen ist er mit dem Jungen auf dem Kutter hinausgefahren und wartet an einer verborgenen Stelle. Der Junge ruderte mit einem Boot zu einer Landzunge und soll mit Gregor und der Statue zum Kutter kommen.

Verwundert sieht der Junge nicht nur einen Mann, sondern auch eine Frau auftauchen. Gregor bedeutet ihm, das sei schon in Ordnung. Obwohl sie vorsichtig rudern, geraten sie in Gefahr, vom Patrouillenboot entdeckt zu werden. Knudsen lenkt die Beamten ab. Als der Fischer die Frau sieht, wendet er sich verärgert an Gregor und poltert los: „Das hast du dir fein ausgedacht. Wenn ich das Mädchen an Bord nehme, dann gibt’s ja eigentlich keinen Grund, dass ich dich nicht auch noch mitfahren lasse – so hast du dir es wohl ausgedacht, was?“

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Obwohl es ihm schwer fällt, auf die Gelegenheit zur Flucht zu verzichten, beteuert Gregor, es gehe ihm nur um die Frau und die Statue, er selbst werde zurückbleiben. Da erklärt Knudsen sich einverstanden, geht mit Judith, dem Jungen und der Statue an Bord und legt ab.

Als Gregor im Morgengrauen wieder zu seinem Fahrrad zurückkommt, das an der Kirchenmauer lehnt, beobachtet er, wie vier SS-Offiziere vorfahren, in die Kirche gehen, wieder herauskommen und beim Pfarrhaus klingeln. Die Haushälterin öffnet ihnen die Tür. Da fährt Gregor rasch los.

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Leopold Ahlsen (Drehbuch) und Rainer Wolffhardt (Regie) hielten sich zwar weitgehend an die literarische Vorlage, den Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch, und übernahmen viele der Dialoge, aber das Ende veränderten sie erheblich: Da verzichteten Sie auf hochdramatische Szenen wie die Konfrontation des Pastors mit den SS-Offizieren, die gewalttätige Auseinandersetzung von Gregor und Knudsen und die Szene, in der Klaus am schwedischen Strand endlich die Gelegenheit hätte, seinen Traum zu erfüllen.

Die Rolle des Schiffsjungen Klaus ist im Vergleich zum Roman bedeutungslos. Das hängt auch damit zusammen, dass Leopold Ahlsen und Rainer Wolffhardt nicht versuchten, die Struktur des Romans – den Wechsel der Perspektiven und die Hervorhebung der Kapitel über den Jungen – nachzuahmen. Während Alfred Andersch in seinem Roman die Motive und Zweifel der Figuren durch innere Monologe nachvollziehbar machte, waren Leopold Ahlsen und Rainer Wolffhardt auf Dialoge und Handlungen angewiesen, da sich innere Monologe im Film nicht überzeugend darstellen lassen. Dadurch ging aber auch viel von dem Hin- und Hergerissensein der Figuren verloren.

Die Verfilmung fällt zwar gegenüber der Romanvorlage deutlich ab, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht sehenswert ist: „Sansibar“ ist ein spannender, stringent erzählter, gut fotografierter Schwarz-Weiß-Film mit hervorragenden Schauspielern wie Paul Dahlke, Robert Graf und Karl Lange.

Eine DVD mit der Verfilmung von Leopold Ahlsen und Rainer Wolffhardt liegt der 2008 vom Diogenes Verlag herausgebrachten Buchausgabe „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch bei.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008

Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund
Bernhard Wicki: Sansibar oder der letzte Grund

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