Martin Walser : Ein Angriff auf Perduz

Ein Angriff auf Perduz

Martin Walser

Ein Angriff auf Perduz

Ein Angriff auf Perduz Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1983
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem ein älterer Vertreter den Bewohnerinnen des abgelegenen Dorfes Perduz fünfzehn Gummischürzen aufgeschwatzt hat, jagen sie einen unerfahrenen Wecker-Vertreter davon. Als kleine Wiedergutmachung bringt der erfahrene Vertreter wenigstens den armen Schrankenwärter durch schamlose Lügen dazu, einen Wecker zu kaufen.
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Kritik

Diese im Vergleich zu vielen seiner anderen Erzählungen eher realistische Geschichte über eine Welt, in der jeder glaubt, jeden anderen täuschen und übervorteilen zu müssen, erzählt Martin Walser teils ironisch, teils sarkastisch in einer funkelnden Sprache.
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Die Erzählung „Ein Angriff auf Perduz“ beginnt folgendermaßen:

Der Zug nach Perduz stand auf dem letzten schon nicht mehr überdachten Bahnsteig des Hauptbahnhofs. Dieser Bahnsteig begann auch nicht, wie die anderen, gleich hinter der Sperre, sondern draußen hinter Güterhallen und zu großen Blöcken geschichteten alten Schwellen, umgeben von Bergen von Lokomotivkohlen, im Gleisgelände, so weit von der Sperre entfernt, dass die großen Züge, die in beliebtere Richtungen fuhren, schon fast ihre volle Geschwindigkeit erreicht hatten, wenn sie an uns vorbeifuhren, die wir frierend, dem dichten Fall wässrigen Schnees ausgesetzt, auf dem noch nicht einmal betonierten Bahnsteig siebzehn standen und auf Herrn Großkurth warteten.

Der Ich-Erzähler wartet zusammen mit sechs weiteren Vertretern der Staffel Großkurth für Gutemann-Wecker auf Herrn Großkurth. Gemeinsam nehmen sie den Zug nach Perduz. An jeder Station steigt einer der Vertreter aus. Für die Fahrt ins entlegenste Dorf hat Herr Großkurth den Ich-Erzähler ausgesucht, der noch sehr unerfahren ist.

Vom Bahnhof zum Dorf muss er noch eine halbe Stunde laufen. Ein einziger Fahrgast außer ihm ist bis zur Endstation im Zug geblieben. Der verlangt von dem Ich-Erzähler, dass er auf ihn wartet und nicht schneller läuft als er. Der unerfahrene Vertreter hilft dem Älteren sogar, den schweren Koffer zu schleppen, obwohl er vermutet, dass der andere ein Konkurrent ist, der im Zug gehört hat, dass es sich bei ihm um einen Neuling handelt und der nun glaubt, leichtes Spiel gegen ihn zu haben. Als er jedoch erfährt, dass der andere seit 33 Jahren Vertreter ist und seit sieben Jahren mit Gummischürzen reist, atmet er auf: Doch kein Konkurrent!

Wer einen Wecker brauche, brauche keine Gummischürze und umgekehrt …
Brauche!, schrie er jetzt, als ob irgendein Mensch noch was bräuchte! Die Leute haben alles, mehr als alles! Brauchen tun sie nichts, aber auch gar nichts! Aufschwätzen muss man ihnen jede Stecknadel, jeden Knopf. Alle Jahre kann man jedem einmal was aufschwätzen. Alle Jahre einmal. Und wenn sich da einer einen Wecker aufschwätzen lässt, der kauft in zehn Jahren keine Gummischürze mehr.

In dem Dorf steuert der erfahrene Vertreter das Wirtshaus an. Die Dorfbewohnerinnen erinnern sich an ihn: Vor acht Jahren war er zuletzt in Perduz; damals verkaufte er Unterwäsche. Er stellt den Ich-Erzähler als jungen Kollegen vor, hört sich Geschichten über Todesfälle und Hochzeiten an, macht den Greisinnen mit unterschiedlichen Worten das Kompliment, sie seien seit seinem letzten Besuch nicht älter geworden, und den jungen Frauen sagt er, wie reif und erwachsen sie geworden sind. Erst dann öffnet er seinen Koffer, zeigt seine Gummischürzen, und der Ich-Erzähler muss sie umbinden, ablegen und wieder umbinden. Von einer Gummischürze will niemand etwas wissen. Da redet der erfahrene Vertreter von der Arbeit.

Wasser, überall habe man es doch mit Wasser zu tun, und wenn nicht mit Wasser, dann doch mit Schmutz oder mit beidem zur gleichen Zeit, solle ihm einer beweisen, dass es eine Arbeit gebe, bei der man es nicht mit Feuchtigkeit oder Schmutz oder mit beidem gleichzeitig zu tun habe! Warum denn sonst Gicht und Rheuma so unausbleibliche Belästigungen des Alters geworden seien! Gicht und Rheuma, davor bewahrt die Gummischürze.

Schließlich gelingt es ihm, fünfzehn Frauen zum Kauf einer Gummischürze zu überreden. Die meisten von ihnen bereuen ihren Entschluss gleich wieder, aber sie sagen nichts, weil sie hoffen, dass auch noch andere Frauen den gleichen Fehler machen und sie sich dann gegenüber ihren Ehemännern leichter rechtfertigen können.

Als die meisten sich zum Gehen anschicken, kann der Ich-Erzähler nicht länger warten. Er zieht den Gutemann-Wecker aus der Aktentasche und präsentiert ihn auf der flachen Hand. Da setzt ein wüstes Geschimpfe ein; „Blutsauger“, schreien die Frauen. Der Ich-Erzähler steckt seinen Wecker wieder ein und ist froh, mit heiler Haut davonzukommen.

Der andere geht mit ihm zum Schrankenwärter. Vielleicht kauft der einen Wecker. Als der Ich-Erzähler jedoch merkt, dass die Frau des Schrankenwärters krank ist und der arme Mann sich neben der Arbeit um fünf kleine Kinder kümmern muss, gibt er jede Hoffnung auf. Sein älterer Kollege, der sich jetzt als Josef Schmerker vorstellt, verwickelt den Schrankenwärter in ein Gespräch. Als der Mann erzählt, dass er 1933 aus der Stadt hierher strafversetzt wurde, weil er sich an einem Streik beteiligt hatte, lügt Schmerker, in der Stadt werde immer noch von dem heldenhaften Streik geredet, der sei nicht in Vergessenheit geraten, und er verspricht, dem Schrankenwärter ein kostenloses Abonnement des „Vorwärts“ zu besorgen. Zur Zeit verkaufe man Wecker, fährt er fort, der Gewinn komme den Not leidenden Genossen zugute. Da achtet der Schrankenwärter darauf, dass seine Frau nebenan nichts merkt, holt Geld aus dem Küchenbuffet und kauft einen Wecker.

Auf der Rückfahrt in die Stadt wiederholt Herr Großkurth an jeder Station sein Geschimpfe über den unfähigen Vertreter, den er heute in seiner Staffel gehabt habe.

Um sein Gewissen zu beruhigen, plant der Ich-Erzähler, den „Vorwärts“ für den Schrankenwärter zu abonnieren.

Da ich immer noch einen rechten Brotverdienst suche, und dies mit immer kürzer werdendem Atem, habe ich es bis jetzt – auch weil ich seinen Namen vergessen habe und Erkundigungen anzustellen ebenfalls noch keine Zeit hatte – noch immer nicht getan.

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Was ist das für eine Zeit, in der jeder glaubt, jeden anderen täuschen und übervorteilen zu müssen? Diese im Vergleich zu vielen seiner anderen Erzählungen eher realistische Geschichte erzählt Martin Walser teils ironisch, teils sarkastisch in einer funkelnden Sprache: „Angriff auf Perduz“.

Martin Walser wurde 1927 als Sohn eines Gastwirts und Kohlenhändlers in Wasserburg am Bodensee geboren. 1946 bis 1951 studierte er zunächst an der Theologisch-Philosophischen Hochschule Regensburg, dann Literatur, Geschichte und Philosophie in Tübingen, wo er mit einer Arbeit über Franz Kafka promovierte.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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