John Verdon : Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks

Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks

John Verdon

Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks

Originalausgabe: Peter Pan Must Die Crown Publishers, New York 2014 Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks Übersetzung: Friedrich Mader Wilhelm Heyne Verlag, München 2015 ISBN: 978-3-453-41830-1, 569 Seiten, 9.99 € (D) ISBN: 978-3-641-15456-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Immobilienunternehmer Carl Spalter wird bei der Beerdigung seiner Mutter erschossen. Das Gericht verurteilt die Witwe Kay wegen des Verbrechens, aber der Leiter der Ermittlungen manipulierte das Beweismaterial und hatte Sex mit Carl Spalters Tochter. Nachdem Dave Gurney, ein Detective im Ruhestand, heraus­gefunden hat, dass der Mord nicht wie vom Gericht angenommen geschehen sein kann, versucht er die Wahrheit zu ergründen ...
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Kritik

In dem Whodunit-Thriller "Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks" sorgt John Verdon mit kniffligen Ermittlungen, falschen Fährten und überraschenden Wendungen für spannende Unterhaltung.
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David („Dave“) Gurney arbeitete 25 Jahre lang beim New York Police Department. Seine erste Ehe wurde geschieden, als er 24 Jahre alt war. Mit Madeleine, seiner zweiten Frau, zeugte Dave zwei Söhne. Danny kam als Vierjähriger ums Leben, als er einer Taube auf die Straße nachlief und von einem Auto erfasst wurde. Kyle studiert Jura in New York. Im Alter von 46 Jahren quittierte Dave Gurney den Dienst beim New York Police Department und zog mit Madeleine aufs Land, nach Walnut Crossing/Pennsylvania. Das geschah vor drei Jahren.

Obwohl Dave im Ruhestand ist, bittet ihn ein ehemaliger Kollege um Hilfe. Jack Hardwick will beweisen, dass es sich bei der vor kurzem erfolgten Verurteilung Kay Spalters zu 25 Jahren Haft um einen Justizirrtum handelt. Dabei geht es ihm vor allem darum, die Polizei in aller Öffentlichkeit bloßzustellen, um sich für den erzwungenen Abschied aus dem Bureau of Criminal Investigation der State Police zu rächen.

Katherine („Kay“) R. Spalter soll ihren Ehemann Carl erschossen haben, und zwar am 2. Dezember 2011 um 10.20 Uhr bei der Beerdigung seiner Mutter auf dem Friedhof Willow Rest in Long Falls. Der steinreiche Immobilienmakler Carl Spalter, der vor einem Jahr seine Kandidatur für das Amt des Gouverneurs angekündigt hatte, überlebte den Kopfschuss zunächst, war jedoch vollständig gelähmt und konnte sich nicht mehr äußern. Erst während des Prozesses starb er. Kay Spalter beteuerte zwar ihre Unschuld, aber die von Michael Klemper, dem Leiter der Ermittlungen, vorgelegten Beweise bzw. Indizien überzeugten die Geschworenen, dass sie ihren Mann aus einem leer stehenden Apartment eines Spalter Realty gehörenden Gebäudes mit einem Präzisionsgewehr erschossen hatte. Nun will Jack Harwick mit Unterstützung Dave Gurneys nachweisen, dass Michael Klemper von Anfang an nur Belastungsmaterial gegen Kay Spalter gesammelt und alles andere unterschlagen hatte. Der Rechtsanwalt Lex Bincher bereitet inzwischen die Beantragung eines Wiederaufnahme-Verfahrens vor.

Dave begleitet Jack ins Hochsicherheitsgefängnis Bedford Hills. Kay Spalter gibt zu, dass sie ihren Mann betrog. Er habe deshalb nicht nur über eine Scheidung, sondern auch über eine Änderung seines Testaments nachgedacht, sagt sie. Weil er nicht mehr dazu kam, etwas zu unternehmen, blieb Kay Spalter zwar die Erstbegünstigte, aber durch die Verurteilung wegen Mordes hat sie ihre Ansprüche verloren. An ihrer Stelle können nun Carls unverheirateter Bruder Jonah und Alyssa Spalter, die 19-jährige, heroinsüchtige Tochter aus Carls erster Ehe, mit der Erbschaft rechnen.

Beweise für die Unterschlagung von Entlastungsmaterial und bewusst falscher Zeugenaussagen würden für eine Aufhebung des Gerichtsurteils gegen Kay Spalter reichen. Jack Hardwick will darüber hinaus eine sexuelle Affäre von Michael Klemper und Alyssa Spalter nachweisen, also des Chefermittlers mit einer Person, die ein Motiv für den Mord hatte. Wie Carl Spalter tatsächlich ums Leben kam, interessiert Jack Hardwick nicht weiter; dem hasserfüllten Mann geht es nur um persönliche Rache. Verärgert registriert er, dass Dave Gurney diese Einstellung nicht teilt, sondern systematisch mit Ermittlungen im Mordfall Carl Spalter beginnt.

Nachdem Dave sich auf dem Friedhof Willow Rest in Long Falls umgesehen hat, verschafft er sich Zugang zu dem Apartment, aus dem Kay Spalter den Schuss abgegeben haben soll. Allen Zeugenaussagen zufolge geschah der Mordanschlag, als Carl Spalter aufgestanden war, um seine Trauerrede zu halten. Auf dem Weg zum Mikrofon stürzte er mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Zunächst dachten die Trauergäste, er sei gestolpert, aber dann sahen sie das Blut, das aus einer winzigen Kopfwunde sickerte. Einen Schuss hatte niemand gehört. Wahrscheinlich war ein Schalldämpfer benutzt worden. Außerdem knallten die ganze Zeit über Feuerwerkskörper. Durch einen Blick aus dem Fenster stellt Dave fest, dass sich die Querstrebe eines Lichtmastes in der Schusslinie befindet. In dem Zimmer stellte die Polizei zwar ein zur verwendeten Munition passendes Präzisionsgewehr mit Schmauchspuren sicher, aber von diesem Fenster aus konnte der Täter bzw. die Täterin Carl Spalter nicht wie von den Zeugen beschrieben in den Kopf treffen.

Estavio Bolocco („Bolo“), der Bewohner des benachbarten Apartments, berichtet Dave, dass er eine weniger als 1.50 Meter große zierliche Person zweimal beim Betreten der leer stehenden Wohnung gesehen habe. Zuerst hielt er sie für eine Frau, aber es handelte sich um einen Mann. Das erkannte er am Geräusch des Urinierens.

Bei seinem Besuch in der Seniorenresidenz Emmerling Oaks in Indian Valley, in der Mary Spalter starb, lässt Dave sich von der Leiterin Carol Blissy die Aufnahmen der Überwachungskameras vom Todestag der alten Dame zeigen. Eine zartgliedrige Person wie die von Estavio Bolocco beschriebene ist auf dem Bildschirm zu sehen. Carol Blissy erinnert sich an den Fahrer eines Lieferwagens, der Chrysanthemen für die 93-jährige Bewohnerin Marjorie Stottlemeyer brachte. Dave fällt allerdings auf, dass der Bote zwei Blumensträuße bei sich hatte. Kein Zweifel: Derselbe Mann, der sich in dem Apartment aufhielt, aus dem Carl Spalter angeblich erschossen wurde, war zuvor heimlich bei dessen Mutter, und zwar unmittelbar bevor man sie tot auffand.

Wenn aus Ihrem Besucherbuch hervorgegangen wäre, dass Mary Spalter kurz vor ihrem Tod etwas zugestellt wurde, wäre die ganze Sache wahrscheinlich viel genauer untersucht worden. Für den Mörder war es offenbar wichtig, dass ihr Tod wie ein Unfall aussieht.

Dave stößt in diesem Zusammenhang noch auf einen dritten Toten. Der Gangster Gus Gurikos, der gegen Provision Profikiller vermittelt hatte, starb an dem Tag, an dem Carl Spalter niedergeschossen wurde durch einen Kopfschuss. Man fand den Toten mit fünf langen Nägeln, die ihm wohl der Mörder durch Augen, Ohren und Kehle getrieben hatte. Dabei denkt Dave an die drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen.

Jack Hardwick wohnt in einem Farmhaus im Dorf Dillweed. Während Dave sich dort mit ihm und Jacks im Bureau of Criminal Identification arbeitenden Freundin Esti Moreno über das weitere Vorgehen berät, wird das Haus kurz nacheinander von zwei Schüssen getroffen, und das Licht geht aus. Die Projektile durchtrennten sowohl die Strom- als auch die Telefonleitung. Der Scharfschütze muss ein Nachtsichtzielfernrohr benutzt haben. Vermutlich handelt es sich um Carl Spalters Mörder. Aber welchen Sinn hat die Ausschaltung des Festnetzanschlusses? Der Täter muss doch davon ausgehen, dass zumindest eine der anwesenden Personen ein Handy bei sich hat. Handelt es sich um die gleiche Warnung wie bei den Nägeln in Gus Gurikos‘ Kopf? Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Dave hält Kay, Alyssa oder Jonah Spalter für mögliche Drahtzieher. Denkbar wäre aber auch, dass Carl ohne Mitwirkung eines oder mehrerer Familienangehörigen erschossen wurde und sich dann Alyssa Spalter und Michael Klemper gegen Kay Spalter verschworen. Jonah Spalter hat eine Freikirche gegründet; die Cyberspace Cathedral. Am Tag nach dem Tod seines Bruders sagte er eine bereits vorbereitete Kapitalaufnahme in zweistelliger Millionenhöhe ab.

Nachdem der von Jack Hardwick engagierte eitle Rechtsanwalt Lex Bincher in der von Brian Bork moderierten Fernsehsendung „Justiz auf dem Prüfstand“ die Aufdeckung eines Justizskandals im Fall der Ermordung Carl Spalters angekündigt hat, brennt sein Haus in Cooperstown mitsamt den beiden Nachbarhäusern nieder. Sieben Tote werden geborgen. Lex Binchers abgeschnittener Kopf bleibt verschwunden.

Von einem persönlichen Kontakt bei Interpol erfährt Jack Hardwick etwas über einen sowohl mit Präzisionsgewehren als auch mit Brandsätzen arbeitenden schmächtigen Auftragskiller, dem Dutzende von Morden nachgesagt werden. Er heißt Petros Panikos; Peter Pan lautet sein Spitzname. Vermutlich kam er als Findelkind in ein bulgarisches Waisenhaus. Das ging eines Tages in Flammen auf. Dabei starben die meisten der Bewohner, weil die Türen verkeilt waren. Petros gehörte zu den Überlebenden. Er kam in das griechische Dorf Lykonos und wurde von der Familie Panikos adoptiert. Vor 25 Jahren gingen der Souvenirladen und das Blumengeschäft der Familie in Flammen auf, und sowohl die Eltern als auch ihre drei leiblichen Söhne kamen dabei um. Der Adoptivsohn verschwand. Falls dieses Monster Carl Spalter, Mary Spalter, Gus Gurikos und Lex Bincher ermordete, ergibt sich die Frage nach dem Auftraggeber bzw. der Auftraggeberin.

Wir suchen nach einem professionellen Killer, der sich vielleicht Petros Panikos oder Peter Pan nennt. Oder ganz anders. Geburtsname unbekannt. Name im Reisepass unbekannt. Geburtsdatum unbekannt. Nationalität unbekannt. Leibliche Eltern unbekannt. Aktuelle Adresse unbekannt. Vorstrafen unbekannt.

Mit der Nachricht, Petros Panikos sei Carl Spalters Mörder, überrascht Dave den New Yorker Mafia-Paten Adonis Angelidis alias Donny Angel in einem vertraulichen Gespräch. Adonis Angelidis klärt Dave darüber auf, dass Petros Panikos nur für die schwierigsten Aufträge engagiert wird, für als unmöglich durchführbare Vorhaben, an die sich kein anderer Profikiller wagt. Dabei befolgt Petros Panikos keine Anweisungen, sondern bestimmt selbst, wie er vorgeht.

„Er kriegt einen Namen, einen Termin und das Geld. Alles andere entscheidet er.“

Zu Hause hält Dave den Stand der Ermittlungen auf einem Zettel fest:

1. Nach Zeugenaussagen war das Opfer zum Zeitpunkt des Anschlags in einer Position, die es unmöglich erscheinen lässt, dass der Schuss aus dem Apartment abgefeuert wurde, in dem man Mordwaffe und Schmauchspuren entdeckt hat.
2. Die Ermordung der Mutter, um die Anwesenheit des Opfers am Friedhof zu garantieren, scheint unnötig kompliziert. Wurde die Mutter aus einem anderen Grund getötet?
3. Der Killer, der den Mord verübt hat, ist dafür bekannt, dass er nur die schwierigsten Aufgaben übernimmt. Weshalb fällt die Ermordung Carl Spalters in diese Kategorie?
4. Wenn Kay Spalter nicht selbst geschossen hat, kann es sein, dass sie den Killer engagiert hat?
5. Könnte Jonah den Killer bestellt haben, um an das Vermögen von Spalter Realty zu kommen?
6. Hat Alyssa vielleicht nicht nur mit Klemper zusammengearbeitet, um Kay die Sache in die Schuhe zu schieben, sondern auch den Killer engagiert, um das Vermögen ihres Vaters zu erben?
7. Welches Geheimnis sollte mit der Ermordung und der Verstümmelung von Gurikos geschützt werden?
8. Wurde Carl getötet, weil er versucht hat, jemand anders zu töten?

Als Kyle Gurney auf dem Weg von New York City zur Freundin Kim Corazon in Syracuse einen Umweg macht, um seinen Vater zu besuchen, erklärt ihm dieser:

„Das gemeinsame Ziel ist, Kay aus dem Gefängnis zu holen. Dieses Ziel ist praktisch schon erreicht, weil anhand der neuen Beweise ein Wiederaufnahmeverfahren und eine Aufhebung des Schuldspruchs so gut wie sicher sind. Jacks persönliches Ziel hingegen ist Rache. Er will der Behörde, die ihn geschasst hat, größtmöglichen Schaden zufügen […].“
Kyle nickte: „Und was ist dein Ziel?“
Ich möchte wissen, was tatsächlich passiert ist.“

Sobald Kyle mit dem Motorrad weitergefahren ist, bereitet sich Dave auf die nächsten Schritte vor. Zum Glück ist Madeleine nicht zu Hause, sondern hilft eine Woche lang Dennis und Deirdre Winkler auf deren Farm in Buck Ridge. Dave ist froh, allein im Haus zu sein, denn er rechnet mit einem Mordanschlag, und er will Petros Panikos sogar noch provozieren, weil er nur so an den Massenmörder herankommt. Am Montagabend will Dave bei Brian Bork auftreten. Mit dem Sender ist abgesprochen, dass ab Sonntag Enthüllungen über Carl Spalters Mörder in „Justiz auf dem Prüfstand“ angekündigt werden.

[Jack Hardwick:] „Aber was machst du am Montag, wenn dein Auftritt ansteht? Was willst du dann erzählen?“
Gurney wich der Frage aus. „Mit Glück ist die Sache dann schon gelaufen, und wir müssen uns nicht mehr um die Sendung kümmern. Es kommt nur auf die Werbung für unsere angeblichen Enthüllungen an. Panikos soll sich so bedroht fühlen, dass er sich gezwungen sieht, mich noch vor Montag aus dem Verkehr zu ziehen.“

Der beste Platz für einen Scharfschützen, der es auf Dave vor oder in seinem Haus abgesehen hat, ist der Barrow Hill. Am Sonntagvormittag wollen Dave und Jack die Gegend mit geliehener elektronischer Ausrüstung sichern.

Unerwartet kommt Kyle am Samstagabend aus Syracuse zurück. Er fragt seinen Vater, ob der Nachbar Jäger sei, denn ganz in der Nähe sah er im Dunkeln zwischen Kiefern einen Mann mit einem Gewehr. Außerdem spricht er Dave auf den geplanten Fernsehauftritt an. Kyle weiß davon, weil er bereits entsprechende Ankündigungen gesehen hat. Gegen die Abmachung strahlt der Sender die Werbespots bereits seit dem Vortag aus! Dabei haben Jack und Dave das Überwachungsgerät noch gar nicht installiert.

Vom Haus aus ist zu sehen, dass ein Vorderreifen von Daves Auto platt ist. Hat Petros Panikos ein Loch in den Reifen geschossen, um ihn aus dem Haus zu locken? Lauert er bereits auf ihn? Im nächsten Augenblick kracht es, und ein Holzstoß fängt Feuer. Zum Glück ist das Holz feucht, und die Flammen verlöschen bald wieder.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Nachdem Dave seinem Sohn ein halbwegs sicheres Versteck zwischen zwei Felsen gezeigt hat, rennt er zu Kyles Motorrad – und stößt auf einen nach Alkohol riechenden Toten mit einem Gewehr. Augenscheinlich wurde ihm bei der Explosion der Brandbombe die Halsschlagader zerfetzt. Es ist Mick Klemper.

Langsam dämmerte ihm, was passiert war.
Wie Panikos hatte Klemper die Werbespots für Justiz auf dem Prüfstand gesehen, die sensationelle Enthüllungen ankündigten. Vielleicht in dem verzweifelten Bemühen, den Schaden in Grenzen zu halten, oder aus schierer Wut […], hatte er sich auf den Weg gemacht.
Betrunken und zornig war er durch den Wald zu Gurneys Haus gewankt, als die Dämmerung hereinbrach.

Dave kehrt noch einmal um und schärft seinem Sohn ein, die Notrufnummer zu wählen.

„Erzähl ihnen alles, was passiert ist, bis zu dem Zeitpunkt, als wir aus dem Fenster geklettert sind. Der Plattfuß, die Explosion, dass der Reifen wahrscheinlich zerschossen wurde. Sag ihnen, dass ich früher bei der New Yorker Kriminalpolizei war und dass ich nach der Explosion eine Bewegung oben auf dem Barrow Hill bemerkt habe. Dass du dich auf meine Anweisung hin versteckt hast und dass ich die Verfolgung aufgenommen habe. Das ist alles, was du weißt.“

Weil Petros Panikos wahrscheinlich mit einem Nachtsichtgerät und einem Infrarotzielfernrohr ausgerüstet ist, wagt Dave es nicht, auf direktem Weg zum Barrow Hill hinaufzufahren. Stattdessen umrundet er den Hügel und wartet darauf, dass die Blaulichter der Streifenwagen den Killer verscheuchen. Tatsächlich flieht jemand mit einem Quad. Dave verfolgt ihn.

Der Verbrecher verschwindet bei einem Sommervolksfest in der Menge. Dave will ihm nach, aber am Eingang hält ihn ein Polizist auf. Während dieser noch Daves Papiere kontrolliert, detoniert in der Nähe ein Brandsatz. Dave rennt los. Gleich darauf explodiert ein Stockcar während eines Rennens. Aus einem Stall für die bei den verschiedenen Vorführungen und Wettbewerben vorgesehenen Tiere schlagen Flammen. Madeleine, Dennis und Deirdre Winkler holen Alpakas heraus. Dave drängt seine Frau, das Volksfest unverzüglich zu verlassen.

Das Gelände wird evakuiert.

Jack Hardwick meldet sich telefonisch bei Dave. Beide suchen getrennt voneinander nach Petros Panikos.

Dave entdeckt einen schmächtigen Kapuzenträger, der Petros Panikos sein könnte und ihm auch deshalb auffällt, weil er das Chaos unberührt beobachtet. Obwohl Dave sich nicht sicher sein kann, ob er den Massenmörder oder einen ahnungslosen Besucher des Volksfestes vor sich hat, entsichert er seine Beretta in der Sweatshirttasche, nähert sich der Person und sagt: „Du bist ein toter Mann, Panikos.“ Der Angesprochene bleibt gelassen und reagiert wie ein Unbeteiligter, der sich über Dave wundert. Seine Hände hat er in den Falten des Kapuzenshirts verborgen. Plötzlich wirbelt er herum. Dave schießt ihn nieder.

Die Menge weicht zurück. Ein Polizist in Zivil packt Dave von hinten. Der Cop, der Dave am Eingang aufhalten wollte, kommt dazu. Dave erklärt ihnen, er habe in Notwehr geschossen, der am Boden Liegende sei ein gefährlicher Profikiller mit einer Waffe. Der Zivilbeamte schaut nach, aber der Schwerverletzte hat nur ein pinkfarbenes Handy in der Hand. Dave schreit:

„Verdammt! […] Das Telefon! Nehmt es ihm weg! Das ist der Zünder! Nehmt es ihm weg!

Weil keiner auf ihn hört, stürzt Dave nach vorn und holt aus, um nach dem Handy zu treten, aber die beiden Polizisten reißen ihn zu Boden. Und Petros Panikos drückt einen Knopf. Im nächsten Augenblick kracht eine Serie von sechs Explosionen. Sie lösen das sich drehende Riesenrad aus seiner Verankerung. Die Menschen in den Kabinen schreien. Die über hundert Tonnen schwere Stahlkonstruktion walzt über Petros Panikos‘ Unterkörper.

Als Jack Hardwick dem Toten das Handy abnehmen will, merkt er zu spät, dass es mit einer Schnur am Handgelenk gefestigt ist. Sobald diese sich spannt, löst sich ein Schuss. Jack Hardwick sackt über die Leiche. Weil in dem Chaos keine wirksame Hilfe zu erwarten ist, fährt Dave ihn mit Jacks Wagen zum Krankenhaus. Zum Glück ist der Durchschuss nicht lebensbedrohlich.

An Jack Hardwicks Bett versammeln sich Dave, Madeleine und Kyle.

Inzwischen hat Dave herausgefunden, was geschehen ist.

„Alle dachten, dass Carl gestolpert und gestürzt ist, weil ihn ein Schuss traf. Aber stell dir einfach mal vor, er wurde getroffen, weil er gestolpert und gestürzt ist.“

Carl Spalter sollte gar nicht erschossen werden. Petros Panikos stand mit einem Präzisionsgewehr am Fenster des leer stehenden Apartments und zielte auf den am Grab sitzenden Trauergast Jonah Spalter. In dem Augenblick, in dem er abdrückte, stolperte Carl Spalter auf dem Weg zum Mikrofon und fing auf diese Weise die Kugel ab. Bei einem auf Jonah Spalter gerichteten Schuss – ein Ziel seitlich von und tiefer als die ursprünglich angenomme Position – war die Querstrebe des Lichtmastes nicht im Weg. Weil der Sektenführer Jonah Spalter aus Sicherheitsgründen keinen festen Wohnsitz hat, sondern ständig mit seinem zum Büro umgebauten Wohnwagen unterwegs ist, tötete Petros Panikos Mary Spalter im Seniorenheim und bereitete den eigentlichen Auftragsmord für die Beerdigung vor. Nachdem er den Falschen erschossen hatte, tat er alles, damit es niemand erfuhr, denn er hatte einen Ruf in der Unterwelt zu verlieren. Der Auftraggeber konnte ihn ohnehin nicht mehr verraten: Carl Spalter starb bei dem Versuch, an das Geld seines Bruders zu kommen. Alyssa Spalter und Michael Klemper sorgten als skrupellose Trittbrettfahrer dafür, dass die Witwe wegen Mordes verurteilt wurde und deshalb das Erbe ihrer Stieftochter überlassen musste.

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„Peter Pan Must Die“ bzw. „Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks“ lautet der Titel des vierten Thrillers, den der amerikanische Schriftsteller John Verdon über die Figur Dave Gurney geschrieben hat. Zuvor erschienen bereits: „Think of a Number“ / „Die Handschrift des Todes“ (2010), „Shut Your Eyes Tight“ / „Schließe deine Augen“ (2011) und „Let the Devil Sleep“ / „Gute Nacht“ (2012). Friedrich Mader übertrug alle vier Bücher ins Deutsche.

Der Immobilienunternehmer Carl Spalter wird bei der Beerdigung seiner Mutter mit einem Präzisionsgewehr erschossen. Das Gericht verurteilt die Witwe wegen des Verbrechens, aber Dave Gurney, ein Detective im Ruhestand, findet rasch heraus, dass die Rekonstruktion der Schusslinie falsch ist: Zwischen dem Fenster des Apartments, in dem die Tatwaffe sichergestellt wurde und der Position, die Carl Spalter laut übereinstimmender Aussage aller Zeugen zum Zeitpunkt des Schusses einnahm, befindet sich der Seitenarm eines Lichtmastes. Dieser Widerspruch macht neugierig, und John Verdon hält die Spannung in dem Whodunit-Thriller „Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks“ über 569 Seiten hoch, indem er uns darüber rätseln lässt, was geschehen ist.

Mit einer kurzen Ausnahme erzählt John Verdon aus der Perspektive des Protagonisten Dave Gurney. (Nur einmal versetzt er sich kurz in den Mörder.) Wir erfahren einiges über Daves Privatleben, aber seine Antriebsgründe wirken ebenso küchenpsychologisch wie die Motive des Täters, und John Verdon leuchtet die Charaktere in „Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks“ nur so weit aus, wie es für die Handlung erforderlich ist. Es geht ihm nicht um eine Psychostudie, sondern um spannende Unterhaltung. Und die liefert er vor allem durch falsche Fährten und überraschende Wendungen. Bis zum apokalyptischen Finale mit einer Unzahl von Toten setzt John Verdon in „Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks“ weniger auf effekthascherische Gewaltakte, als auf knifflige Ermittlungsarbeit.

Der Spitzname des Profikillers und der Originaltitel beziehen sich auf die Hauptfigur einiger Kindergeschichten des schottischen Schriftstellers J. M. Barrie (1860 – 1937): Peter Pan lebt auf der fiktiven Insel Nimmerland und wird nie erwachsen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Wilhelm Heyne Verlag

George Orwell - 1984
Bei "1984" handelt es sich um eine düstere und hoffnungslose Vision, eine beklemmende Warnung vor der uneingeschränkten Vereinnahmung der Menschen durch eine Parteielite. Der längst als Klassiker geschätzte Roman ist aktueller denn je.
1984

George Orwell

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