Antonio Tabucchi : Erklärt Pereira

Erklärt Pereira

Antonio Tabucchi

Erklärt Pereira

Originalausgabe: Sostiene Pereira. Una testimonianza, 1994 Übersetzung: Karin Fleischanderl Carl Hanser Verlag, München 1995 Taschenbuch: dtv, München 1997 ISBN: 3-423-12424-5, 212 Seiten, 8 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Lissabon, August 1938. Der einsame ältere Kulturredakteur Pereira will die politischen Verhältnisse in Portugal nicht wahrhaben und übersetzt lieber französische Romane aus dem 19. Jahrhundert. Als er einen Mitarbeiter sucht, der Nekrologe schreiben soll, gerät er an einen Widerstandskämpfer und wird durch dessen Vorbild an die Ideale erinnert, die er selbst als Jugendlicher vertrat. Allmählich begreift Pereira, dass er Stellung beziehen muss ...
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Kritik


Bedächtig und differenziert arbeitet Antonio Tabucchi die allmähliche Entwicklung des Protagonisten Pereira heraus. Bedeutendes und Alltägliches liegen in "Erklärt Pereira" nahe beieinander.

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Lissabon, August 1938. Nicht nur in Italien und Deutschland, sondern auch in Spanien und Portugal herrschen faschistisch-autoritäre Regime: Mussolini, Hitler, Franco und António de Oliveira Salazar (1889 – 1970). Portugiesische Zeitungen berichten zwar über die Taufe einer Luxusyacht, jedoch nicht über die Ermordung politischer Gegner im eigenen Land.

Pereira, ein gebildeter, einsamer und zurückhaltender älterer Herr, der den Kulturteil der katholischen Abendzeitung „Lisboa“ redigiert, will die politischen Verhältnisse nicht wahrhaben und übersetzt lieber französische Romane aus dem 19. Jahrhundert. Der Vergangenheit wendet er sich auch zu – und ignoriert dabei zugleich die Wirklichkeit –, wenn er angesichts eines Fotos seiner verstorbenen Frau von seinem Alltag erzählt.

Als er einen freien Mitarbeiter sucht, der vorsorglich Nachrufe auf noch lebende Schriftsteller schreiben soll, damit das Material rechtzeitig bei deren Tod verfügbar ist, fällt seine Wahl auf Monteiro Rossi, der gerade an der philosophischen Fakultät über den Tod in der Literatur promoviert hat und dringend Geld benötigt. Die ersten Beiträge verfasst Monteiro Rossi nicht im Voraus, sondern über den von politischen Gegnern ermordeten spanischen Schriftsteller Federico García Lorca (1898 – 1936) und das Idol der italienischen Faschisten: Gabriele d’Annunzio (1863 – 1938). Pereira weiß, dass die Zensur eine Veröffentlichung der kritischen Artikel nicht zulassen würde, aber er hebt sie auf und bezahlt Monteiro das vereinbarte Honorar. Auch die weiteren Nachrufe, die Monteiro liefert, sind wegen der zum Ausdruck gebrachten antifaschistischen Überzeugung und der zumindest indirekten Kritik am Salazar-Regime nicht für die Zeitung geeignet. Statt die Zusammenarbeit mit dem Querkopf aufzukündigen, hält Pereira jedoch an ihm fest, denn durch den Idealismus und die Aufrichtigkeit Monteiros wird ihm seine eigene Lethargie bewusst und er erinnert sich an die politischen Ideen, die er als Jugendlicher vertreten hatte. Pereira beginnt, sich wieder für Politik zu interessieren und hört Manuel, dem Kellner in seinem Stammlokal aufmerksam zu, wenn dieser von Übergriffen der Polizei berichtet. Als Pereira während einer Bahnfahrt einer Jüdin auf der Flucht begegnet, beschäftigt er sich mit dem Schicksal der Juden in den faschistischen Regimen. Allmählich begreift Pereira, dass er Stellung beziehen muss. Er vergisst seine Kränklichkeit und achtet wieder auf ein gesünderes Leben.

Monteiro Rossi und seine attraktive jüdische Freundin Marta gehören im Untergrund zu den Organisatoren des antifaschistischen Widerstands in Portugal. Pereira lässt sich von Monteiro überreden, einen Regimegegner zu verstecken. Es ist Monteiro selbst, der bei Pereira Zuflucht sucht. Nach kurzer Zeit spürt die Geheimpolizei den Widerstandskämpfer dort auf, und Pereira muss ohnmächtig zusehen, wie der junge Mann vor seinen Augen brutal totgeprügelt wird.

Mit Hilfe des mit ihm befreundeten Arztes Dr. Cardoso gelingt es Pereira, einen Augenzeugenbericht über die Ermordung Monteiros an der Zensur vorbeizuschmuggeln und in der Zeitung „Lisboa“ zu veröffentlichen. Damit prangert er das verbrecherische Regime an. Mit einem gefälschten Pass versucht er danach, sich nach Frankreich abzusetzen …

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Antonio Tabucchi erzählt die Geschichte nicht als allwissender Autor, sondern er tut so, als protokolliere da jemand – wer bleibt unklar – „eine Zeugenaussage“ (so der Untertitel des Romans „Erklärt Pereira“). Die Floskel „Pereira erklärt“ bzw. „erklärt Pereira“ steht nicht nur am Anfang und am Ende des Romans, sondern Antonio Tabucchi wiederholt sie beinahe auf jeder Seite. Das wirkt nicht eintönig, sondern eher beklemmend, denn beim Lesen assoziieren wir es mit einem Verhör in einem Polizeistaat – und so ist es wohl von Antonio Tabucchi gewollt. Übrigens erfahren wir weder Pereiras Vornamen noch die Umstände seiner „Zeugenaussage“.

Der Protagonist, der sich lange Zeit in den sprichwörtlichen Elfenbeinturm zurückgezogen hat (im „Dritten Reich“ sprach man auch von „innerer Emigration“), erinnert sich durch das Vorbild eines engagierten Freiheitskämpfers an die politischen Ideale, die er selbst als Jugendlicher hatte. Er ändert seine Einstellung nicht abrupt, sondern ganz allmählich in einer vielschichtigen und durchaus widersprüchlichen Entwicklung, die Antonio Tabucchi differenziert herausarbeitet. Bedeutendes und Alltägliches liegen dabei nahe beieinander. Der Veränderung des Protagonisten entsprechend, baut Antonio Tabucchi auch die Geschichte bedächtig auf. Weil der Ton der Umgangssprache entspricht und zwischen Ernst und Ironie wechselt, liest sich „Erklärt Pereira“ recht leicht und man übersieht vielleicht, wie geschickt der auf den ersten Blick kunstlos wirkende Roman aufgebaut ist.

Roberto Faenza verfilmte den Roman von Antonio Tabucchi 1995 mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle: „Erklärt Pereira“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

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