Jorge Semprún : Was für ein schöner Sonntag!

Was für ein schöner Sonntag!

Jorge Semprún

Was für ein schöner Sonntag!

Originalausgabe: Edition Bernard Grasser, Paris 1980 Wasfür ein schöner Sonntag! Übersetzung: Johannes Piron Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1981 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 17, München 2004 ISBN 3-937793-16-X, 427 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der spanische Kommunist Jorge Semprún wurde 1943 in Paris von der Gestapo festgenommen und ins KZ Buchenwald gesperrt. Nach dem Krieg engagierte er sich im illegalen Widerstand gegen das Franco-Regime. Als er Parallelitäten zwischen dem Stalinismus und dem Terror der Nationalsozialisten erkannte, änderte er seine politische Überzeugung.
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Kritik

1979 denkt Jorge Semprún über seine Zeit im KZ Buchenwald und sein politisches Engagement in den vergangenen Jahrzehnten nach. Dabei bilden sich Assoziationsketten von verschachtelten Erinnerungen, Wiederholungen und Variationen.
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1943 wird der kommunistische Spanier Jorge Semprún von der Gestapo in Paris festgenommen und ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht.

Man kam ganz verschreckt aus Compiègne in dieser sagenhaften, unvorstellbaren Welt von Buchenwald an. Man war, schien es, ganz allein und wurde von links und rechts getriezt. Die Quarantäne, das Ungeziefer, die Schläge der SS und der grünen Kapos, sogar von einigen roten Kapos. Die Scheibe Brot, die man oft mit Fäusten gegen den Nachbarn verteidigen musste. Merde! Dein Nachbar, ein braver Büroangestellter, ein Oberst der französischen Armee, ein Professor für Zivilrecht, einfach ein Mann, der zum gierigen Raubtier geworden war, unbarmherzig, nur auf sein eigenes Überleben bedacht, offenbar zu allem bereit für einen zusätzlichen Happen Brot, einen Rest Suppe! Und dann – zwei, drei, vierzehn Tage danach: der Kontakt.
Die Partei nahm sich deiner wieder an.
Die große Überraschung in Buchenwald war das Vorhandensein einer illegalen Organisation der Partei […] (Seite 95f)

Die gut organisierten Kommunisten im Konzentrationslager Buchenwald sorgen dafür, dass Jorge Semprún, der ausgezeichnet deutsch spricht, im Februar 1944 für das Arbeitsstatistik-Büro eingeteilt wird, in dem Willi Seifert das Sagen hat, ein sechs- oder siebenundzwanzigjähriger Kapo, den nichts aus der Ruhe bringt. Aufgabe der Arbeitsstatistik ist es, die Neuzugänge den Arbeitskommandos zuzuteilen. Von Jorge Semprún wird erwartet, dass er durch gefälschte Vermerke auf den Karteikarten dafür sorgt, dass kommunistische Häftlinge nicht für Außenkommandos eingeteilt werden, sondern im Lager bleiben können, wo es sicherer ist und sie Gelegenheit haben, die Arbeit in den Fabriken zu sabotieren.

In diesem Dezember 1944 ist die Strategie der mit der Leitung des Lagers Buchenwald betrauten SS-Offiziere leicht zu erraten. Sie wollen um jeden Preis vermeiden, an die Front geschickt zu werden. Sie wollen weiter als Etappenschweine leben, in der Bequemlichkeit ihrer Sinekure. Deshalb müssen sie um jeden Preis alles vermeiden, was die Aufmerksamkeit von Berlin auf ihre Amtsführung in Buchenwald lenken und Disziplinarmaßnahmen auslösen könnte.
Aber wie lässt sich all das vermeiden? Die beste Lösung besteht darin, die internen Dinge des Lagers den deutschen Kommunisten zu überlassen, die seit Jahren die Schlüsselstellungen der Verwaltung innehaben, seit sie die normalen Strafgefangenen in einem hinterhältigen und blutigen Kampf eliminiert haben […] (Seite 220)

Im Dezember 1944, an einem der zweiundsiebzig Sonntage, die Jorge Semprún im Konzentrationslager Buchenwald verbringen muss, wundert er sich über seinen Landsmann und Leidensgefährten Fernand Barizon, der um 5 Uhr morgens bei pechschwarzem Himmel sarkastisch ruft:

„Kumpel, was für ein schöner Sonntag!“ (Seite 25)

Kurz nach 9 Uhr taucht der holländische Häftling Henk Spoenay in der Arbeitsstatistik auf und lädt Jorge Semprún ein, ihn zu einem Kommando zu begleiten, das sich zwar innerhalb der gesicherten Gesamtanlage von Buchenwald befindet, jedoch außerhalb des inneren, besonders streng überwachten Lagers. Beim Wachtturm melden sie sich vorschriftsmäßig ab, bevor sie bei klirrender Kälte weiter durch den Schnee stapfen. Weil Henk bei dem Kommando länger als erwartet zu tun hat, kehrt Jorge Semprún nach einer Stunde allein zurück. Unterwegs fällt ihm eine besonders schöne Buche auf, und er verlässt die Straße, um den Baum aus der Nähe zu betrachten. Plötzlich hört er hinter sich das Klicken eines Revolvers. SS-Unteroffizier Kurt Kraus hat die Waffe auf ihn gerichtet und schnauzt: „Was machst du hier?“ Leise antwortet der Häftling: „Der Baum – ein wunderschöner Baum!“ Bevor der Deutsche wütend losbrüllt, schlägt Jorge Semprún vorschriftsmäßig die Hacken zusammen, reißt die Mütze vom Kopf und meldet sich mit lauter Stimme: „Häftling Vier-und-vierzig-tausend-neun-hundert-vier!“ Der Unteroffizier bringt ihn zum Wachturm. Als Hauptsturmführer Schwartz wissen will, warum Vier-und-vierzig-tausend-neun-hundert-vier trotz des ausdrücklichen Verbots von der Straße abwich, erklärt ihm der Häftling, er habe einen Baum aus der Nähe betrachten wollen, bei dem es sich möglicherweise um den Baum handelt, unter dem Johann Wolfgang von Goethe und Johann Peter Eckermann bei ihrem Spaziergang auf den Ettersberg gerastet hatten. Der Deutsche ist verblüfft, dass der spanische Kommunist nicht nur seine Sprache so gut beherrscht, sondern auch Goethe kennt, und er zeigt ihm den „Goethe-Baum“, der von den Erbauern des Konzentrationslagers aus Respekt vor dem großen deutschen Dichter verschont wurde und mitten im Lager steht.

Die Reaktion des deutschen SS-Offiziers erinnert Jorge Semprún an eine Szene vor eineinhalb Jahren, als er mit einem anderen Mitglied der im Untergrund operierenden kommunistischen Partei Spaniens in einem französischen Zug saß und plötzlich ein deutscher Offizier die Tür des Abteils aufriss, um das Gepäck zu kontrollieren. Als er jedoch merkte, dass Jorge Semprún deutsch sprach, gab er sich ohne weiteres mit dessen Angabe zufrieden, der Koffer enthalte Wäsche und Kleidungsstücke. In Wirklichkeit bestand der Inhalt aus Waffen und Munition.

Später an diesem Sonntag im Dezember 1944 erzählt der kommunistische Häftling Herbert Weidlich, der 1933 Deutschland verlassen hatte, aber 1939 in Prag aufgegriffen worden war, wie er einmal durch Zufall von seinem Fenster aus einem Paar in einer gegenüberliegenden Wohnung beim Liebesspiel zugesehen habe. Jorge Semprún bemerkt Willi Seiferts betroffenes Gesicht und begreift, dass der Kapo, der bereits im Alter von fünfzehn Jahren eingesperrt worden war, noch nie etwas mit einer Frau gehabt hatte.

Ein Pole setzt sich mit einem Teller Bratkartoffeln, einer Büchse Pastete und einer Flasche Bier an einen Tisch und beginnt, alles in sich hineinzuschlingen, ohne auf seine Mithäftlinge zu achten. Zornig behauptet Jorge Semprún, die Pastete würde nach Scheiße stinken und das sei auch nicht überraschend, denn die SS bereite sie aus Latrinenscheiße und Judenleichen zu. Er redet so lange auf den Polen ein, bis dieser den Rest des Essens stehen lässt.

Die Deutschen, die Tschechen, die Polen […] fressen übrigens zu jeder Tageszeit. Sie braten Kartoffeln, sie schneiden sich dicke Scheiben Brot ab, auf die sie dicke Schichten Margarine streichen. Sie fressen Würste, Fleisch aus Konservenbüchsen. Sie köcheln Süßspeisen, die sie mit Eipulver, Magermilch, Mehl zu bereiten. Sie setzen sich an den langen Tisch und fressen. Jeder für sich. Jeder von ihnen frisst einsam in seiner Ecke. Niemals haben wir sie eine gemeinsame Mahlzeit organisieren, ein Festessen veranstalten sehen […] Niemals hat irgendeiner von ihnen das geringste Stück Brot, den geringsten Napf Suppe, die geringste Wurstscheibe mit einem anderen geteilt. (Seite 270f)

Auch für Jorge Semprún endet dieser Sonntag im Dezember 1944 mit einem Essen, allerdings keinem einsamen, sondern mit einem von Willi Seifert organisierten Festmahl, zu dem eine ganze Gruppe von Häftlingen eingeladen wird. Es gibt ein Hunderagout.

Am 11. April 1945 setzen sich die letzten Wachmannschaften aus dem Konzentrationslager Buchenwald ab, und die ersten amerikanischen Panzer tauchen auf. Jorge Semprún verlässt Buchenwald am 23. April und trifft am 1. Mai wieder in Paris ein.

Drei Jahre später sitzt er mit Freunden im „Méphisto“, und sie unterhalten sich über die deutschen Konzentrationslager.

Da habe ich plötzlich das Wort ergriffen.
„Ihr redet nur Quatsch!“, habe ich gesagt.
Man hat mich etwas erstaunt angeschaut. Und dann hat Courtade ausgerufen:
„Verdammt, das stimmt! Du bist dort gewesen!“
Genau das, ich bin dort gewesen. Ich bin nicht nur dort gewesen, sondern ich bin immer noch dort. (Seite 228)

Als Jorge Semprún im Frühjahr 1949 auf dem Boulevard Saint-Germain beim Café des Deux-Magots eine Zeitung kauft, steht er unvermittelt neben seinem alten Freund Szekeres. Semprún schießt durch den Kopf, dass man ihn gerade vor Szekeres warnte, denn der ungarische Kommunist verließ seinen Posten als Botschaftsrat in Rom und weigert sich trotz einer Aufforderung der Partei, nach Budapest zurückzukehren. Deshalb blickt er Szekeres zwar ins Gesicht, sagt jedoch kein Wort und drückt ihm auf diese Weise Ablehnung und Verachtung aus.

Jorge Semprún ist stellvertretender Leiter der spanischen Übersetzungsabteilung bei der UNESCO in Paris, als die französische Regierung im September 1950 alle Aktivitäten der Kommunistischen Partei Spaniens in Frankreich verbietet, Razzien durchführt und einige Mitglieder der Exil-Partei verhaftet.

Selbstverständlich verfolgt Jorge Semprún im November 1952 die Nachrichten über die mit großen Propagandaaufwand durchgeführten Prozesse gegen Rudolf Slánský und andere ehemals führende Mitglieder der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Entsetzt reagiert er auf die Selbstbezichtigungen des Angeklagten Josef Frank, der zugeben muss, als Häftling im Konzentrationslager Buchenwald an Kriegsverbrechen der SS beteiligt gewesen zu sein und dafür hingerichtet wird. Jorge Semprún kannte Josef Frank und ist sich völlig sicher, dass dieser in Buchenwald keine Schuld auf sich geladen hat.

Die Schauprozesse irritieren Jorge Semprún ebenso wie der Geheimbericht über Verbrechen Stalins, den der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow am 24. Februar 1956 vor dem XX. Parteitag der KPdSU in Moskau abgibt. (Ungewollt erinnert der Erbe Stalins damit auch an den illegitimen und blutigen Ursprung seiner eigenen Machtstellung.)

Tatsächlich wurde nach Stalins Tod alles weiterhin durch Gewaltstreiche, Komplotte und Ermordungen an der Spitze der Macht geregelt. Die Liquidation von Berija und von höchsten Leitern der politischen Polizei illustriert deutlich diese Methode. Selbstverständlich habe ich nicht die geringste Absicht, das Schicksal von Lawrenti Berija zu beweinen. Ich habe nichts damit zu tun, dass man ihn während einer Sitzung des Präsidiums, kurz nach dem Tode Stalins, wie einen Hund abgeknallt und in einen Teppich gewickelt hat, um ihn heimlich aus dem Kreml zu tragen. Die Episode zeigt einfach, bis zu welchem Punkt der Niedertracht, der Willkür, der nackten zügellosen Gewalt die Führungsspitze der KPdSU gelangt war […] (Seite 351)

Zwei Tage nach der Veröffentlichung von Chruschtschows Geheimbericht durch „Le Monde“ im Juni 1956 lässt Jorge Semprún sich um 5 Uhr morgens von einem Taxi an der Plaza de la Cibeles in Madrid absetzen. Weil er als Kommunist mit einer Observierung rechnen muss und mögliche Verfolger abschütteln will, pflegt er ein Stück entfernt von seiner jeweiligen Wohnung auszusteigen und den Rest zu Fuß zu gehen. Das Plätschern des Brunnens erinnert ihn an seine Kindheit. Im Alter von zehn Jahren beobachtete er zufällig, wie ein Mann in Arbeiterkleidung über den Platz rannte und von Beamten der Guardia Civil erschossen wurde.

1959 reist Jorge Semprún zu einer Arbeitstagung nach Moskau, und zweimal – im Sommer 1958 und im Sommer 1960 – verbringt er seine Ferien in der Sowjetunion. Auf der Krim diskutiert er viel mit Adam Schaff, einem Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Polens – bis man ihn am dritten Tag darüber aufklärt, dass sein Kontakt mit Schaff nicht gern gesehen wird, weil dieser 1956 eine antisowjetische Haltung eingenommen hatte.

Zu diesem Zeitpunkt hält Jorge Semprún sich noch an die Maxime:

„Es ist besser, sich mit der Partei zu irren, als außerhalb von ihr recht zu haben!“ (Seite 82)

Bei einem Besuch 1960 in Ostberlin erfährt er, dass Willi Seifert es inzwischen zum Generalmajor der Volkspolizei gebracht hat.

Fernand Barizon – der im Dezember 1944 im KZ Buchenwald „Was für ein schöner Sonntag!“ gerufen hatte – wird Jorge Semprún 1960 als Fahrer zugeteilt. Er soll den Sechsunddreißigjährigen, der inzwischen am Aufbau einer kommunistischen Untergrundorganisation in Spanien mitarbeitet, nach Genf bringen. Um seine Spuren zu verwischen, will Semprún in Genf einen Zug nach Zürich nehmen und dann unter dem Decknamen Ramon Barreto nach Prag fliegen. Die beiden Männer erinnern sich an gemeinsame Erlebnisse in Buchenwald und reden über die Zeit nach dem Krieg. Um sich nicht schon in Genf trennen zu müssen und ihr Gespräch fortsetzen zu können, fahren sie mit dem Auto bis zum Zürcher Flughafen. Als die Swissair-Maschine nach Prag zum letzten Mal aufgerufen wird, verabschieden sie sich, und Fernand Barizon, der gegen alle Regeln noch immer Jorge Semprúns früheren Decknamen Gérard Sorel benützt, fragt:

„Warum sind wir immer noch Kommunisten, Gérard?“ (Seite 415)

Für eine Antwort ist es zu spät.

In Prag nützt Jorge Semprún die Gelegenheit für einen weiteren Besuch in der Nationalgalerie. Beim Anblick eines Gemäldes von Renoir erinnert er sich an eine junge Frau namens Milena Jesenska, die auch einmal davor gestanden hatte. Sie kam im Konzentrationslager Ravensbrück ums Leben.

Im Dezember 1962 beendet Jorge Semprún seine Arbeit für die illegale kommunistische Partei in Spanien. Am 3. September 1964 zitiert man ihn vor eine Delegation des Exekutivkomitees der KPS und teilt ihm mit, dass er wegen seiner abweichenden Auffassungen aus dem Exekutivkomitee der Partei ausgeschlossen wurde. Zu dieser Zeit hat er sich von seiner idealistischen Überzeugung längst verabschiedet.

[…] Von der Illusion, die Werte des Kommunismus trotz der kommunistischen Partei oder sogar gegen sie aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln. Von der Illusion, die Konsequenzen des Stalinismus auf dem Wege der Revolution und, was schlimmer ist, „weltweit“ zu beseitigen! Sicherlich wusste ich schon, was in der kommunistischen Partei nicht von Dauer sein konnte, nämlich die kommunistische Partei selbst, aber ich wusste noch nicht oder noch nicht in vollem Umfang, dass eine andere revolutionäre Kraft, eine andere Avantgarde diese Partei, diesen Typ der Partei zu setzen vermochte […] Ich wusste schon – und es war kein großes Verdienst, es zu wissen! –, dass der Stalinismus eine der Konsequenzen der Niederlage der Revolution war, aber ich wusste noch nicht oder wollte es noch nicht wissen – aus Angst, die Bindungen abzubrechen, als „Abtrünniger“ bezeichnet zu werden –, dass der Stalinismus auch die historische Unmöglichkeit einer Wiederaufnahme der Revolution bedeutete, dass auch der entstaubte, oberflächlich entstalinisierte Stalinismus in sich die Unmöglichkeit der Revolution auf weltweiter Ebene barg.
Kurzum, ich wusste noch nicht – aber es sollte bald kommen –, dass die weltweite Revolution eine historische Legende vom selben Kaliber war wie die der weltweiten Klasse. Beide übrigens genauso unwirksam und falsch wie die andere, wobei die eine die andere stützt wie der Blinde den Lahmen. (Seite 418)

Im Herbst 1970 reist Jorge Semprún mit Costa Gravas und Yves Montand in die USA. Während einer Veranstaltung in der Yale University merkt er, dass ihn eine junge Frau anstarrt, und später sitzt sie neben ihm. Er hält sie für eine Polin, und sie bestätigt seinen Eindruck; ihr Vater kam kurz vor der Befreiung im Konzentrationslager Buchenwald ums Leben, und sie wurde am 11. April 1945 geboren, ausgerechnet an dem Tag, an dem die Wachmannschaften flohen und die ersten Amerikaner in Buchenwald auftauchten. Sie hört aufmerksam zu, als Jorge Semprún ihr von den letzten Tagen in dem Konzentrationslager erzählt.

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In dieser Geschichte habe ich gelegentlich das eine oder andere erfunden. Ohne ein bisschen Erfindung gelangt man nie zur Wahrheit, das weiß jeder. Wenn man die Wahrheit nicht ein bisschen erfindet, geht man quer durch die Geschichte hindurch, vor allem durch die, die man selbst erlebt hat […] Die Geschichte ist eine Erfindung und sogar eine ständige Neuerfindung der Wahrheit […] (Seite 391)

„Was für ein schöner Sonntag!“ ist ein autobiografischer Roman über Jorge Semprún Erlebnisse im Konzentrationslager Buchenwald und in den Jahrzehnten danach, als der überzeugte Kommunist Parallelitäten zwischen den Nationalsozialisten und den Stalinisten ausmachte und daraufhin seine politischen Ansichten radikal änderte.

Kann man mit weniger Worten die gemeinsame Essenz der Terrorsysteme der Nazis und der Sowjets formulieren? Durch Zwangsarbeit arbeiten zu lassen und zu bessern, umzuerziehen, findet man darin nicht die tiefe Identität zwischen den beiden Systemen, was auch immer die historisch oder sogar geografisch bedingten Unterschiede sein mögen? (Seite 153)

Jorge Semprún beginnt seinen Roman „Was für ein schöner Sonntag!“ mit einem Erlebnis an einem Sonntag im Dezember 1944 und tut so, als wolle er am Beispiel dieses einen Tages das Leben im Konzentrationslager Buchenwald veranschaulichen. Ironisch weist er mehrmals darauf hin, dass er dabei chronologisch vorgehen wolle, Stunde für Stunde.

Ich hatte beschlossen, diese Geschichte in chronologischer Reihenfolge zu erzählen. Keineswegs aus Hang zur Einfachheit, nichts ist komplizierter als die chronologische Reihenfolge. Keineswegs aus Sorge um den Realismus, nichts ist irrealer als die chronologische Reihenfolge. Sie ist eine Abstraktion, eine kulturelle Konvention, eine geometrische Eroberung des Geistes. Man hat das schließlich natürlich gefunden, wie die Monogamie.
Die chronologische Reihenfolge ist für denjenigen, der schreibt, eine Form, seinen Einfluss auf die Unordnung der Welt auszudrücken, ihr seinen Stempel aufzusetzen. Man tut so, als wäre man Gott. Erinnern sie sich: am ersten Tag schuf Er dies, am zweiten Tag schuf Er das und so weiter […]
Ich habe beschlossen, diese Geschichte in chronologischer Reihenfolge zu erzählen – alle Stunden eines Sonntags, die eine nach der anderen –, eben weil das kompliziert ist. Und irreal […] (Seite 121)

Doch es wird rasch deutlich, dass Jorge Semprún in seinem autobiografischen Roman nicht nur von diesem Sonntag im Dezember 1944 erzählt. Schon nach sechseinhalb Seiten unterbricht er die Schilderung eines der Erlebnisse an diesem Sonntag und setzt sie erst auf Seite 121 fort. Während der Autor nämlich 1979 an seinem Schreibtisch sitzt und an diesen Sonntag im Dezember 1944 denkt, schweifen seine Gedanken immer wieder ab, und es bilden sich Assoziationsketten von Erinnerungen nicht nur an die Zeit in Buchenwald, sondern mehr noch an die Jahrzehnte danach, als er durch die kommunistischen Schauprozesse schockiert, durch Chruschtschows Enthüllungen über Stalins Verbrechen sowie die Lektüre der Werke von Alexander Solschenizyn („Archipel GULAG“) und Walter Schalamow („Kolyma. Insel des Archipels“) verunsichert wurde und deshalb seine eigene politische Überzeugung überdachte, bis er 1964 aus der Kommunistischen Partei Spaniens ausgeschlossen wurde. Nicht selten erinnert er sich beim Rückblick auf ein bestimmtes Erlebnis an eine Erinnerung, der er damals nachhing, sodass Verschachtelungen entstehen: Erinnerungen in Erinnerungen. Kaleidoskopartig, mit Wiederholungen und Variationen beleuchtet Jorge Semprún seine eigene Entwicklung vor dem nicht weiter erläuterten politischen Hintergrund in den Jahren von 1943 bis 1979.

Das kommt und geht im Gedächtnis, es ist zum Verrücktwerden. (Seite 192)

Zwischendurch erzählt er auch noch von Léon Blum (1872 – 1950), dem Mitbegründer und langjährigen Vorsitzenden der Sozialistischen Partei Frankreichs, der nach dem überwältigenden Wahlerfolg der Volksfront 1936 die französische Regierung übernommen hatte, aber zwei Jahre später wegen seiner Weigerung, in den Spanischen Bürgerkrieg einzugreifen, zurücktreten musste. Im September 1940 ließ die Vichy-Regierung ihn festnehmen, und im April 1943 kam er als Sondergefangener der Deutschen in den Falkenhof auf dem Ettersberg, wo er die Zeit nutzt, um über die platonische Idee der Gleichheit zu schreiben. Erst nach einem amerikanischen Luftangriff auf die Fabriken und Kasernen in Buchenwald am 24. August 1944, als KZ-Häftlinge Reparaturarbeiten durchführten, erfuhr er von dem nahen Konzentrationslager. – Übrigens hatte Léon Blum 1901 „Neue Gespräche von Goethe mit Eckermann“ veröffentlicht.

Johann Wolfgang von Goethe und Johann Peter Eckermann treten in dem Roman „Was für ein schöner Sonntag!“ ebenfalls auf. Der Dichter und sein Privatsekretär hatten tatsächlich am 26. September 1827 einen Ausflug auf den Ettersberg unternommen. Jorge Semprún lässt sie in die Zeit seiner eigenen Gefangenschaft in Buchenwald erneut auf dem Ettersberg spazieren gehen und macht Eckermann zum Ich-Erzähler. Während der Besichtigung des Falkenhofs erklärt Goethe seinem Begleiter, dass dieses Anwesen auf ausdrücklichen Wunsch Heinrich Himmlers errichtet wurde, und er stellt zufrieden fest, dass die Tiere auf dem Falkenhof gut gepflegt aussehen.

„Ich habe mir in der Tat sagen lassen, dass all diese Tiere täglich Fleischbrocken erster Qualität erhalten. Die Bären bekommen überdies Honig und Marmelade zu fressen. Die Affen Näschereien: in Milch eingeweichte Haferflocken oder Kuchen zum Beispiel. In einer so schweren Zeit wie der unsrigen scheint mir diese Achtung vor dem Leben der Tiere, vor den Bedürfnissen der Natur spezifisch deutsch zu sein. Die Franzosen hätten selbstverständlich diese Tiere bei den ersten Versorgungsschwierigkeiten gegessen.“ (Seite 308)

Unter dem Siegel der Verschwiegenheit flüstert Goethe Eckermann zu, einem Gerücht zu Folge halte man in einem der Pavillons des Falkenhofs einige französische Politiker und eine italienische Prinzessin gefangen. Zu seinem Bedauern erhält Goethe keine Erlaubnis, Léon Blum zu besuchen. Er hätte gern mit ihm über das Verhältnis der Intellektuellen zur Politik diskutiert. Seiner Meinung nach sei es zwar die Pflicht der Intellektuellen, ihre Gedanken zur Politik zu äußern, aber sie müssten sich von der Machtausübung fernhalten.

Ergriffen weist Goethe seinen Begleiter darauf hin, dass der Baum, in dessen Schatten sie beide gern gerastet hatten, „trotz der schrecklichen Notwendigkeiten des Krieges“ aus Respekt vor dem deutschen Dichterfürsten nicht gefällt wurde, sondern noch immer mitten im KZ Buchenwald steht, „was sicherlich dazu beiträgt, die Stimmung dieser elenden Eingesperrten aus verschiedenen Gründen zu heben“. (Seite 314)

„Wer weiß. Vielleicht werden all diese unglücklichen Individuen, dieses Gemisch aus den verschiedensten Nationen, das hier entsteht, dazu beitragen, eine gemeinsame europäische Seele zu schmieden? Die listigen Umwege der Geschichte sind, wie ihnen nicht unbekannt ist, mein lieber Eckermann, zahlreich!“ (Seite 314)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Adolf Muschg - Von einem, der auszog, leben zu lernen
Adolf Muschg beschäftigt sich mit den drei Reisen, die Johann Wolfgang von Goethe in die Schweiz unternahm, aber es geht ihm nicht um faktenreiche Reiseberichte, sondern er verknüpft damit erbauliche Betrachtungen über Goethes Versuche, Klarheit über sich selbst zu gewinnen und "leben zu lernen".
Von einem, der auszog, leben zu lernen

Adolf Muschg

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