Frank Schulz : Kolks blonde Bräute

Kolks blonde Bräute
Kolks blonde Bräute Erstausgabe: Haffmans Verlag, Zürich 1991 Vom Autor durchgesehene Neuausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt/M 2004 ISBN 3-86150-526-6, 299 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach zwölf Jahren besucht Bodo Morten erstmals wieder Alfred Kolk, mit dem er schon befreundet war, als sie noch Kinder waren. Sie erinnern sich an die regelmäßigen Skatabende in einer Hamburger Kneipe, mit denen sie vor dreizehn Jahren aufhörten, weil Kolk immer häufiger so besoffen war, dass er beim Spiel völlig versagt hatte.
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Kritik

Der Roman "Kolks blonde Bräute" besteht fast ausschließlich aus den Kneipengespräche einiger Saufkumpane. Aber aus diesem belanglosen Material hat Frank Schulz eine urkomische und aberwitzige Satire gemacht.
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Bodo Morten, der fünfundvierzigjährige Erzähler, wurde vor ein paar Jahren von einem Auto überfahren, weil er es vorbeigewinkt und nichtsdestoweniger losgetorkelt war. Der Schädelbruch hatte ihn zum „amtlichen Frührenter“ (Seite 271) gemacht.

Wir Frührentner sind ein zähfideles Völkchen. Wir verstehen zu leben. Savoir-vivre, eh? (Seite 10)

Er hängt aber nicht nur herum, sondern er schreibt auch Bücher. Vor einiger Zeit las er in einer Kneipe in St. Pauli aus seinem zweiten Roman „Die Fontanelle“.

Jetzt leiht er sich ein Auto und fährt nach Eimsbüttel, wo sein Freund Alfred Kolk, dessen Frau Manuela („Manu“) und ihre Kinder in einem Einfamilienhaus mit „Kahpord“ wohnen. Als Bodo und Alfred noch Kinder waren, standen dort noch keine Häuser, und sie spielten auf den Feldern „Kauboi un Ihnjahna“.

Eines von Kolks Kinder fragt:

„Pabbaaa?“
„Wadd iß.“
„Warum höaß du auf eim Ohr schläääächd?“
Wadd iß?“ (Seite 23)

Während Kolk die Kronkorken immer wieder neu und symmetrisch ordnet, trinken sie ein Bier nach dem anderen und erinnern sich an die Zeit, als sie sich in der Hamburger Kneipe „Die Glucke“ mit Heiner und Satschesatsche regelmäßig zu Skatabenden trafen. Wenn Yvonne das Bier brachte, sagte Kolk: „Dange dier. Briengß mier noch n Tuhnfischsalahd und n Blogg und n Schreiba? Und n ßgahdbladd?“ (Seite 45) Während des Spiels unterhielten sie sich über die zwölf Bedrohungen der Welt, zu denen sie die ganze „Umweldkagge“ mit dem „Ohzohnloch“ und so zählten, den „Atohmkriech“, die „Atohmkraffdwergke“, „Ehdß“ und den Mobb: „Huhligännß, Neonahzieß un dadd gannße Krobbzeuchß“. (Seite 19) Satschesatsche interessierte sich besonders für Stereoanlagen mit einem „geijln ßaund“ und schwärmte von einem neuen „Ihgkweleisa“ für „hunnad’achdßich Mahg“. (Seite 49f) Natürlich drehten sich die Gespräche vor allem um Frauen oder, genauer gesagt, um den Mangel an Frauen. Da wünschte schon mal einer dem anderen: „Aso hald semdliche Orgahne schdeif besonnaß die zum Ornaniern!“ (Seite 160). Und wenn einer den anderen anfasste, konnte er zu hören kriegen: „Nimm deine Ohnahnierzangen wech!“ (Seite 238) Einmal sahen sie Frau Bohner-Cohrs mit ihrem affektierten Begleiter Werner F. Dierbach an der Bar sitzen. „Schahfeß Weib“, räumte Bodo ein. „Lehdamienie – schwahdße Schrümfe – tiefausgeschniddneß Tieschörd – Tobbfiguhr“ (Seite 54f) Satschesatsche wusste: „Die ahbeided bei irngsohm Musiegfalach oda wadd, als Plromowschnmänädscha.“ (Seite 55)

Als Manu wieder zu Bodo und ihrem Mann die Küche kommt, stöhnt sie:

„Die Göhrn bring mich noch inß Grabb.“
„Hadd Heinß wieda rumgekaßbadd oda wadd“, erkundigte sich Kolk […]
„Huhßdn hadda“, gähnte Manu und ließ sich neben mich aufs Sofa fallen, „Heinßi hadd Huhßdn. Nichma der Kinna’ahdßd weiß wieso …“ (Seite 95f)

Kolk erinnert sich, wie er damals bei Feinkost Ruppmann einkaufte, „zwei Krahkaua und zwei Rund’schdügge. Und n halbeß Fund Budda. Und n Fierapagg Undaberch“ (Seite 34). An der Kasse tippte Ruppmann alles der Reihe nach ein.

Beim Kakao hielt er inne, den behaarten Zeigefinger drauf. Kolk, die Geldbörse in der Hand, hob den Blick.
ßör„, sagte Ruppmann verhältnismäßig leise und grinste schelmisch, wobei seine durchsichtigen Augen noch tiefer in der Stirn zu verschwinden schienen, „dadd iß ohne Algohohl, weiß du nä?“
Kolk grinste. „Yaw, yaw …“
„Yabb –“, hob Ruppmann die Schultern und breitete die Arme aus, „nich dadd der Körbär dadd nich annimmd …“ (Seite 35)

Die regelmäßigen Skatabende in der „Glucke“ hörten vor dreizehn Jahren auf, weil Kolk, der damals als Postbote arbeitete, immer häufiger „seine Sprechfähigkeit nach innen gewölbt“ (Seite 206), dafür noch mehr getrunken und im Suff die letzten Spiele vergeigt hatte. Erst nach einer Pause von einem Jahr verabredeten sich Bodo und Kolk wieder einmal in der „Boile“. An dem Nachmittag vor dem vereinbarten Treffen sah Bodo seinen Freund sturzbetrunken und mit verschmutzter Uniformjacke im Gras liegen, sprach ihn aber nicht an und glaubte, Kolk hätte ihn nicht gesehen. Als er ein paar Stunden später zur „Boile“ kam, war Kolk gerade dabei, sein Rad anzuketten und gleichzeitig eine Blondine im Minirock zu begaffen, die ihren Schnauzdackel ausführte und rief: „Thuhthi, wo ith die Dthaidung?“ Der angeleinte Dobermannrüde eines entgegenkommanden Passanten drohte über Susi herzufallen. „Ruich Rammbo!“, rief der Besitzer. Als die Gefahr vorüber war, schimpfte die Blondine den anderen Hundebesitzer: „Päth maw n büschn bethä auf auf dein’n Köhdä!“ (Seite 58)

In der „Boile“ erzählte Kolk, warum er sich im letzten Jahr so rar gemacht hatte. Es war natürlich eine Frauengeschichte. Und die hing auch mit Kolks Schwerhörigkeit zusammen. „Fieng daß nicht alleß midd diesa Possdkahte da …, ich mein dieseß Fohdo, midd dem ehrigierdtn Schwannß drauf … fieng daß nicht alleß damidd an?“ (Seite 30), fragt Bodo jetzt, zwölf Jahre später.

„Un fohr dreizinn Jahn iseß passierd, un fohr zwölf Jahn haseß mir erzehld.“ (Seite 225)

Kolk stellte damals in der Amselallee in Hamburg eine Postkarte für Fräulein Sabrina Hausmann zu, ein Schwarz-Weiß-Foto mit „mit einem steil aufgerichteten Schwanz als Motiv, wie ein knorriger Ast mit dicken Adern“ (Seite 15). Einige Tage später brachte er ein Einschreiben für sie. Die Wohnungstür öffnete sich, als er sich gerade bückte, um ein paar aus seiner Posttasche gerutschte Briefe aufzuheben.

Sie trug tiefschwarze Lackpumps, mit stilettförmigen Absätzen. Zwei schmale Riemchen über den Spann geschnallt. Die straffen und dann in bauchigen Kurven aufstrebenden Formen hauchdünnschwarz verhüllter Waden […] (Seiten 8 und 179)

„Ein Einschreibän! Fonn Fehrma –“ Er drehte das Kuvert. „Drannschdedd un Ko.“ Darauf meinte sie: „Ja, suhpa, äh … komm doch rein.“ Da standen noch eine angebrochene Flasche Sekt und zwei Gläser vom Vorabend. „Willßdn Glahß, äh, Seggd? – ? Seggd, hier, ich hahb noch Seggd von geßdan nachd –“ Er spürte einen „ofenwarmen bibbernden schlanken runden weichen Körper“ durch seine nasse Postjacke hindurch und eh er sich versah, lag er mit Sabrina im Bett und sie schrie: „Jeddß mach mich tohdt!“ (Seiten 181 – 185)

Sabrina klagte, sie werde von einem Verehrer belästigt.

„[…] sohn Tühb auß ihra Eggßfehrma … aso daß wah die Fehrma wo sie allß Seggretehrin ge’ahbeided hadde … und der rief dauand bei ihr an und nehrfde sie un so. Der hadde auch die Schwannßpossdkahde geschrieben, und in diesm Einschreibm schdand auch sohwaß drin von wehgbn kleine geile Mauß un so. Aba Sabrina wollde fon dehm gah niggß wissen.“ (Seite 188)

Als Kolk dann eines Abends aus der „Bürste“ bei Sabrina anrief, meldete sich ein Mann, und sobald er nach Sabrina fragte, hielt der andere eine Gasdrucktrompete ans Telefon. Kolk fiel beinahe vom Barhocker, schleuderte im Reflex den Hörer weg und traf damit die Frau hinter der Theke am Kopf. Alle starrten ihn und die Barfrau an, die sich je ein Ohr hielten (Seite 207). So also war das mit Kolks Schwerhörigkeit auf dem linken Ohr.

Manu geht um Mitternacht ins Bett und lässt die beiden „Seufa“ sitzen, aber Kolk sieht durchs Fenster, dass in Hinnis Kneipe noch Licht brennt und geht mit Bodo hinüber. Der siebzigjährige Wirt taucht in der gerafften Falt-Abtrennung zwischen Kneipe und privatem Wohnraum auf, wie damals, als Bodo noch hier wohnte.

Als Kolk vor zwölf Jahren von seiner Affäre mit Sabrina erzählte, befürchtete Bodo, sein Freund sei einem Sexualkomplott aufgesessen. „Sabrina war nur doof, blond, nymphoman“ (Seite 208); als eigentlichen Täter verdächtigte er einen gewissen Bodo Werner F. Dierbach, einen Exportkaufmann der Firma Dranstedt, in der Sabrina Sekretärin und Empfangsdame gewesen war.

„Paß auf Kollgki“, sagte ich. „Folgndamahßn. Werna Eff Bierschwannß und Sabrina hahm sich dich allß Föhgl’objeggd außgekuggd, alleß mid na Wiedeokammara gefilmd und sich dran aufgegeijld.“ (Seite 210)

Von der „Boile“ wechselten die beiden Freunde noch ins „Reybach“. Dort entdeckte Kolk Sabrina. Sie saß mit einem Begleiter an einem Holztisch im Garten. Er winkte Bodo heran. „Dahf ich fohr’schdelln“, sagte Kolk, „ßabrina Haußmann … Bohdo Mordtn, Schduhdendt …“ Rein rhetorisch fragte er: „Dürfm wa unß zu euch seddßn.“ Bodo, der zwar Sabrina nur aus Kolks Erzählungen kannte, aber ihren Begleiter schon mal in der „Glucke“ gesehen hatte, parodierte Kolks Vorstellung: „Dahf ich fohr’schdelln: Werna Eff Dierbach – Alfrehd Kollg …“ (218f) Das überraschte Paar blickte sie verständnislos an. Dierbach konnte sich nicht erinnern, den beiden aufdringlichen Männer schon einmal begegnet zu sein, aber dann klickte es bei Sabrina: „der Possdbohte!“ Und sie bot Schampus an. Bodo goss sich sein Bierglas voll. Dann nahm Kolk ihm die Sektflasche aus der Hand und schüttete den Inhalt Dierbach übers Hemd. Der sprang auf und schrie: „ÄÄÄÄI!“ Sabrina keifte: „IIIIIH!“ „Biß du totahl bescheuärd oda waß!“, schimpfte Dierbach. Da versetzte Kolk ihm einen Schlag ins Gesicht, „direkt in Dierbachs braune Fresse“. Bevor die Polizei eintraf, machten Kolk und Bodo sich aus dem Staub. (220ff)

Jetzt, zwölf Jahre später, sagt Kolk:

„Höhrma, waß ich dir schohn dehn gannßn Ahmd endlich ma sahng wolldte. Iß dier wirglich nie klah gewehsn daß daß gannße, diese gannße Schdorrie midd Sabrina und so, daß daß gah nich schdimmd? […]
Ich dachde dier wehr imma klah gewehsn daß daß ehm blohß ne Schdorrie wah die ich mier außgedachd hadde. Midd der Affehre midd Sabrina un so […]
Diese Sabrina da schbuhgde mier dahmallß dauand im Kobbf rum, ich mein, du haßdse ja gesehn, im Reibach, daß schdimmd auch alleß mid der Schwannßpossdkahte un so, blohß ich hadde nie ne Affehre midd der. Und allß du mich da am Weia und ahmß inna Boile und Mensch wier haddtn unnß ja lange nich gesehn … Ich dachde fielleichd wehr daß ne Erklehrung. Ne Fraungeschichde. Iß doch bessa allß wenn mann dauand grundlohß besoffm duich die Gehngd torkld. Fa’schdehß du?“ (Seiten 256 – 265)

Entsetzt stellt Bodo fest, dass er zwölf Jahre lang wie ein Idiot an einer erfundenen „Schdorrie“ festgehalten hatte. Aber wieso Kolk dem Dierbach eine reingehauen habe, fragt er. Weil er „sohne Tühbm“ nicht ab kann, erwidert Kolk. „Und dein taubeß Ohr?“ (Seite 266), fragt Bodo. Das stamme von einer Prügelei im Suff, räumt Kolk ein.

Als Manu am nächsten Morgen aufsteht, findet sie die beiden Männer im Garten. Nun legen auch sie sich schlafen. Am frühen Nachmittag kommt Bodo wieder zu sich, im Bett des achtjährigen Jan, der sein Zimmer vorübergehend für ihn räumen musste.

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Bodo Morten, Alfred Kolk, Heiner und Satschesatsche zogen früher durch die Kneipen und trafen sich regelmäßig zum Skat. Nicht die scharfen Frauen, von denen die „Ehrohdohmahnen“ (Seite 160) „aus biologischen Gründen“ (Seite 17) ständig träumten, waren Kolks blonde Bräute, sondern die zahlreichen Pils, die er mit seinen Freunden trank.

Unsere Jugend hatte lange gedauert, zu lange, und womöglich waren wir zu ewiger Jugend verdammt. Ich wollte Kolk diesen Gedanken ausführen, riss mich aber zusammen. Ich hatte inzwischen gelernt, selbst in angetrunkenem Zustand möglichst keine philosophischen Betrachtungen mehr anzustellen, jedenfalls nicht Kolk gegenüber. (Seite 162f)

Beinahe von der ersten Seite an verspricht Bodo, der Ich-Erzähler, uns über „diese Sache mit Kolk und dieser Sabrina“ (Seite 14) aufzuklären und auch „das Geheimnis um Alfred Kolks fast taubes linkes Ohr“ (Seite 19) zu lüften. Doch es dauert noch 200 Seiten, bis es so weit ist, und die ganze Wahrheit erfahren wir erst von Seite 256 an. Dazwischen lauschen wir melancholischen Kneipengesprächen auf Plattdeutsch. „Ich weiß, es ist alles ein wenig verworren. Aber das bringt die Natur dieser Geschichte eben so mit sich“ (Seite 207), entschuldigt der Erzähler sich.

Formvollendet schlingern, schlabbern und schleifen die Erzählstränge um den G-Punkt dieses wunderwunderwundervollen, überhaupt nicht aufgeregt genug zu preisenden Romans. So hätte Arno Schmidt geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre. (tip, Berlin)

Aus den belanglosen Kneipengespräche einiger Saufkumpane hat Frank Schulz eine urkomische und aberwitzige Satire gemacht. Das funktioniert, weil der Sprachvirtuose über „ein fledermausfeines Ohr für die Tonfälle der Alltagssprache“ verfügt (Michael Kohtes in „Die Zeit“, Literaturbeilage vom 4. Oktober 2001).

„Kolks blonde Bräute“, „Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien“ und „Das Ouzo-Orakel“ (Eichborn-Verlag, Mai 2006) bilden zusammen die Hagener Trilogie.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Eichborn, Frankfurt/M

Frank Schulz: Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien
Frank Schulz: Das Ouzo-Orakel

Thomas Bernhard - Holzfällen
Thomas Bernhard schmäht die Gesellschaft, indem er seine Selbstverachtung auf die anderen projiziert. Dabei wiederholt und variiert er seine Themen unaufhörlich, wie in einem Musikstück, etwa dem "Bolero". Trotz der Hoffnungslosigkeit wirkt der kunstvolle Roman nicht düster, sondern eher tragikomisch.
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