Arno Schmidt


Arno Schmidt wurde am 18. Januar 1914 als Sohn des Polizeibeamten Friedrich Otto Schmidt (1883 – 1928) und dessen Ehefrau, der Gerbertochter Clara Gertrud Ehrentraut (1894 – 1973), in Hamburg geboren und wuchs dort mit seiner drei Jahre älteren Schwester Luzie (1911 – 1977) auf. Lesen konnte er schon vor der Einschulung, und er blieb zeitlebens ein Büchernarr.

Im Alter von vierzehn Jahren verlor Arno Schmidt den Vater. Die Mutter zog daraufhin mit ihm und seiner Schwester nach Schlesien, woher sowohl sie als auch ihr Mann gekommen waren.

Das Abitur machte Arno Schmidt 1933 in Görlitz. Eigentlich wollte er Mathematik und Astronomie studieren, aber er musste Geld zum Familieneinkommen beitragen und fing deshalb als Lagerbuchhalter in einer schlesischen Textilfabrik an. 1937 heiratete er seine Kollegin Alice Murawski (1916 – 1983).

1939 wurde Arno Schmidt zum Kriegsdienst eingezogen; er geriet in britische Kriegsgefangenschaft und kam erst Ende 1945 wieder nach Hause. Danach arbeitete er kurze Zeit als englisch-deutscher Dolmetscher, doch dann beschloss er, als freier Schriftsteller zu leben, obwohl das bedeutete, dass er mit seiner Frau von 1946 bis 1955 in Notunterkünften zunächst in Niedersachsen, dann in Rheinland-Pfalz wohnen musste. Sein erstes Buch erschien 1949; es handelte sich um den Erzählband „Leviathan“. Als Arno Schmidt wegen angeblicher Gotteslästerung in Schwierigkeiten kam, zog er – unterstützt von dem Maler Eberhard Schlotter (* 1921) – nach Darmstadt.

Mit finanzieller Hilfe seines Freundes Wilhelm Michels (1904 – 1988) kaufte er 1958 ein Holzhaus in Bargfeld in der Ostheide, wo er fortan lebte.

Am 3. Juni 1979 starb Arno Schmidt an den Folgen eines Schlaganfalls in einem Krankenhaus in Celle.

Arno Schmidt wollte die „Nessel Wirklichkeit“ anpacken und pflegte dabei einen eigenwilligen Stil, den er als „musivisch“ bezeichnete. Wortneuschöpfungen und expressionistische Lautmalereien sind dafür ebenso typisch wie die Verlebendigung der Satzzeichen und die Ignorierung der vorgegebenen Orthografie. Arno Schmidt erzählt nicht fortlaufend, sondern zerlegt Geschichten in winzige Details, die er ohne Verbindungen oder Überleitungen aneinanderreiht.

Nicht Linien sieht Schmidt, sondern Punkte, nicht Flächen, sondern schmale Ausschnitte, nicht Entwicklungen, sondern Momente. Seine Romane und Erzählungen sind aus Splittern, Nuancen und Details zusammengesetzt. Erfahrungsbruchstücke, Augenblicksbilder, Impressionen, Naturschilderungen, Metaphern, Redewendungen, Wortspiele dienen als Versatzstücke. Die epischen Konstruktionen entstehen aus statischen Fertigteilen oder kurzen Sequenzen.
(Marcel Reich-Ranicki 1967, hier: Bibliothek des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki)

Auf die Spitze trieb Arno Schmidt seinen Stil in seinem 1970 vom Stahlberg Verlag in Karlsruhe veröffentlichten Opus magnum, dem Roman „Zettels Traum“, der von 1965 bis 1969 entstanden war,

wobei Arno Schmidt auf 120 000 seit 1962 angelegte Zettel zurückgegriffen hatte. Das Buch besteht aus 1334 Seiten, Faksimiles des dreispaltigen Originaltyposkripts im Format DIN A 3. Vordergründig geht es in „Zettels Traum“ um das Ehepaar Paul und Wilma Jacobi, das gerade Werke von Edgar Allan Poe (1809 – 1849) übersetzt und 1968 mit seiner sechzehnjährigen Tochter Franziska einen Tagesausflug in die Lüneburger Heide unternimmt, um den befreundeten, eigenbrötlerischen Privatgelehrten Daniel Pagenstecher zu besuchen und mit ihm über Edgar Allan Poe zu reden. Die „Handlung“ ist meistens in der mittleren Spalte zu lesen; links davon sind Zitate von Edgar Allen Poe zu finden und am rechten Rand Bemerkungen des Ich-Erzählers Daniel Pagenstecher. Allenfalls vierhundert Leser würden „Zettels Traum“ verstehen können, meinte Arno Schmidt.

Fraglos wird kaum je alles entschlüsselt werden können, was an Bedeutungen und Anspielungen in dem Roman steckt, der von einem System von einander auslösenden, aufeinander verweisenden, leitmotivisch funktionierenden Zitaten durchzogen ist. Das ist die eine, die quasi philologische Seite. Auf der anderen Seite wäre zu untersuchen, ob auch die Gesamtkonstruktion des Buches tragfähig ist, die ja nicht nur bei der ersten, sondern wohl auch noch bei der zweiten und dritten Lektüre nur in Umrissen deutlich wird. Klar ist, dass in manchen Passagen die Handlung auf der Stelle tritt, ja sich bis zum Fadenscheinigen verdünnt, weil die Erörterungen zur Psychographie Poes ganz in den Vordergrund treten; außerdem entsteht im Verlauf des Buches natürlich auch, da viele Passagen stark bekenntnishafte Züge tragen, ein Psychogramm Arno Schmidts, das von der großen Ehrlichkeit des Verfassers, aber auch von seinen Schwächen, Ressentiments, Skurrilitäten und seinen unreflektiert-verhärteten Einstellungen gegenüber vielen Erscheinungen der Gegenwart und gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen (Hippies, Studenten, Bauern, usw.) zeugt. (Jörg Drews, Mitglied des „Arno Schmidt-Dechiffriersyndikats“; zusammen mit Doris Plöschberger gab er 2001 das Buch „Des Dichters Aug‘ in feinem Wahnwitz rollend …“. Dokumente und Studien zu „Zettel’s Traum“ heraus.)

Arno Schmidt: Bibliografie (Auswahl)

  • Leviathan (Erzählungen, 1949)
  • Brand’s Haide (Erzählungen, 1951)
  • Aus dem Leben eines Fauns (Kurzroman, 1953)
  • Seelandschaft mit Pocahontas (Roman, 1955)
  • Das steinerne Herz. Historischer Roman aus dem Jahre 1954 (1955)
  • Kosmas oder Vom Berge des Nordens (Kurzroman, 1955)
  • Die Gelehrtenrepublik. Kurzroman aus den Roßbreiten (1957)
  • KAFF auch Mare Crisium (Roman, 1960)
  • Trommler beim Zaren (Erzählungen und Essays, 1966)
  • Der Vogelhändler von Imst. Gespräch über Carl Spindler (Hörspiel, 1966)
  • Zettels Traum (1970)
  • Schule der Atheisten. Novellen-Comödie in 6 Aufzügen (1972)
  • Eine Schuld wird beglichen: Quinctus Heymeran von Flaming (Hörspiel, 1974)
  • Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse (1975)
  • Julia oder die Gemälde. Scenen aus dem Novecento (Fragment, 1983)

© Dieter Wunderlich 2008

Arno Schmidt: Das steinerne Herz
Arno Schmidt: Zettels Traum

Sebastian Haffner - Anmerkungen zu Hitler

Der Essay "Anmerkungen zu Hitler" von Sebastian Haffner ist ein sprachliches Meisterwerk und besticht vor allem durch die ebenso kluge wie originelle Gedankenführung des Autors.


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