Fette Welt

Fette Welt

Fette Welt

Originaltitel: Fette Welt – Regie: Jan Schütte – Drehbuch: Klaus Richter und Jan Schütte nach dem Roman "Fette Welt von Helmut Krausser – Kamera: Thomas Plenert – Schnitt: Renate Merck – Musik: Laurent Petitgand – Darsteller: Jürgen Vogel, Julia Kravitz alias Julia Filimonow, Stefan Dietrich, Lars Rudolph, Sibylle Canonica, Jürgen Hentsch, Thomas Thieme, Ursula Strätzu.a. – 1998; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Hagen Trinker gehört zu einer Clique von Obdachlosen in München. Im Hauptbahnhof hilft er der 15-jährigen Ausreißerin Judith aus Berlin, die von einem Mann bedrängt wird. Hagen sträubt sich zwar, aber sie bringt ihn dazu, mit ihr zu schlafen. Einen Tag später werden sie von der Polizei aufgegriffen, und Judith muss zu ihren Eltern zurückkehren. Hagen arbeitet daraufhin als Leichenwäscher, bis er sich eine Bahnfahrkarte nach Berlin kaufen kann ...
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Kritik

Bei der Verfilmung des Romans "Fette Welt" von Helmut Krausser begnügt Jan Schütte sich mit einer unprätentiösen Milieu- bzw. Sozialstudie. Er zeigt einfach eine trostlose Parallelwelt, ohne sich für die Charaktere zu interessieren.
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Hagen Trinkers (Jürgen Vogel) Vater war Polizist in München. Seinem Namen entsprechend hat Hagen Trinker immer eine Flasche Schnaps bei sich. Über eine Wohnung verfügt er nicht. Stattdessen gehört er zu einer Clique von Obdachlosen, die sich in einer Bauruine neben den zum Hauptbahnhof führenden Gleisen einquartiert hat und treibt sich auch bei ein paar Pennern wie Gustl (Thomas Thieme), Broscheck (Peter Rühring) und dem „Botschafter“ (Jürgen Hentsch) unter einer Isarbrücke herum. Immer wieder wird er wegen kleiner Prügeleien oder anderer Delikte von der Polizei aufgegriffen. Der Kriminalbeamte Schandorf (Ernst Strotzner) sorgt dann dafür, dass sein Schützling, dessen verstorbener Vater sein Kollege war, glimpflich davonkommt.

Als die schon ältere Pennerin Edda (Ursula Strätz) sieht, dass Hagen Geld hat, möchte sie einen Zwanziger von ihm, aber er gibt ihr nichts ab. Daraufhin kniet Edda sich vor ihn und zieht den Reißverschluss seiner Hose auf, obwohl er müde protestiert. Nach dem Blowjob spuckt sie kräftig auf den Boden, hält dann die Hand auf und bedankt sich artig für die 20 Euro, die Hagen ihr gibt.

Zur Clique gehört auch der gehbehinderte Edgar (Lars Rudolph), der sich vergeblich um die Liebe der Prostituierten Liane (Sibylle Canonica) bemüht. Sie verlässt ihre Wohnung und verschwindet, ohne ihm etwas zu sagen.

Bei den Schließfächern am Hauptbahnhof beobachtet Hagen, wie ein junges Mädchen von einem Mann bedrängt wird. Er geht dazwischen und verscheucht den Kerl. Die Fünfzehnjährige, die von ihren Eltern in Berlin fortgelaufen ist, heißt Judith (Julia Filimonow). Einige Zeit später taucht sie bei den Obdachlosen in der Bauruine auf. Hagen sträubt sich zwar gegen Sex mit ihr, und als Judith ihn küssen möchte, stößt er sie zurück, aber dann bringt sie ihn zu einem Koitus, bei dem er allerdings nur rasch seinen Sexualtrieb befriedigt und ihr keine Lust verschafft.

An einem der nächsten Abende steigen sie zusammen in einen Zug und treiben es in einem unbesetzten Schlafwagenabteil, bis sie vom Schaffner entdeckt und am nächsten Bahnhof von der Polizei aus dem Zug geholt werden.

Judith muss mit dem nächsten Flugzeug zu ihren Eltern nach Berlin zurückkehren. Hagen verbringt die Nacht in Polizeigewahrsam und bittet Schandorf vergeblich um die Adresse des Mädchens, in das er sich verliebt hat.

Die älteren Penner raten dem Liebeskranken, eine Arbeit anzunehmen, um sich abzulenken. Hagen fängt deshalb als Leichenwäscher bei einem Bestattungsunternehmen an. Unter den Toten im Leichenschauhaus stößt er auf Edgar, der Liane im Englischen Garten entdeckte, sie erstach und sich dann selbst das Leben nahm [Suizid].

Sobald Hagen genügend Geld beisammen hat, fährt er mit der Bahn nach Berlin und hofft, Judith zu finden. In der Pension, in der er sich nach zwei Wochen vergeblicher Suche erschöpft ein Zimmer nimmt, findet ihn die Wirtin (Donata Höffer) fiebernd im Bett vor. Sie kocht ihm Tee, und während sie ihm die Brust einreibt, fragt sie ihn nach dem Grund seines Berlin-Aufenthalts. Hagen vertraut ihr an, dass er nach einem Mädchen sucht, mit dem er in München eine schöne Zeit verbrachte. Da erzählt sie ihm, dass sie vor 20 Jahren von einem Mann verlassen wurde. Und das sei gut so, meint sie, denn so bleibe ihr die schöne Erinnerung an die gemeinsamen Erlebnisse. Zum Abschied schenkt sie ihm noch einen Mantel, den ein Gast liegen ließ.

Hagen nimmt sich ihre Worte zu Herzen und zerreißt auf einer Brücke das Foto, das auf dem Münchner Oktoberfest von ihm und Judith geknipst wurde. Dann geht er zum Bahnhof, legt sein letztes Geld auf den Tresen des Ticketschalters und fragt, wie weit er damit komme. Nachdem er eine einfache Fahrkarte nach Glückstadt gekauft hat, wartet er am Bahnsteig auf den Zug. Da sieht er Judith. Sie bemerkt ihn ebenfalls und kommt zu ihm. Mit ihren Eltern habe sie sich wieder versöhnt, sagt sie, und Hagen meint, das sei gut. Er habe sich einfach mal Berlin ein wenig angeschaut, lügt er, als Judith ihn fragt, warum er hier sei. Nach einem flüchtigen Kuss verabschieden sich die beiden.

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Bei der Verfilmung des Romans „Fette Welt“ von Helmut Krausser halten sich Klaus Richter und Jan Schütte nur an die Hauptlinien des Plots. Beispielsweise lassen sie Hagens Angst vor dem Serienkiller Herodes weg. Gravierender noch ist, dass der 27-Jährige in Helmut Kraussers Roman als hochintelligenter Einzelgänger, anspruchsvoller Literaturfreund und Opernliebhaber dargestellt wird, also gewissermaßen als Bildungsbürger, der auch unter den Obdachlosen ein Außenseiter bleibt. Von diesem facettenreichen Charakter und seiner Unvereinbarkeit mit gesellschaftlichen Erwartungen ist im Film „Fette Welt“ nichts mehr übrig. Klaus Richter und Jan Schütte begnügen sich mit einer unprätentiösen Milieu- bzw. Sozialstudie. Sie zeigen einfach eine trostlose Parallelwelt, ohne sich für die Charaktere, die Vorgeschichten der Figuren oder die psychologischen Motive zu interessieren.

Im Mittelpunkt von „Fette Welt“ steht die Liebesgeschichte zwischen einem obdachlosen Münchner und einer aus guter Berliner Familie stammenden Ausreißerin. Aber daraus entwickeln Klaus Richter und Jan Schütte keine Romeo-und-Julia-Tragödie, sondern sie belassen es bei einer fast folgenlosen Episode, mal abgesehen davon, dass Hagen dadurch aufgerüttelt wird und einen Neubeginn anstrebt.

Ebenso penetrant wie die sprechenden Namen Trinker und Glückstadt ist die immer wieder bemühte Symbolik der Gleise.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014

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