Rosa Parks


Als sich die Afroamerikanerin in einem städtischen Bus weigerte, ihren Sitzplatz für einen Weißen freizumachen, gab sie damit den Schwarzen in den USA ein Zeichen, sich gewaltlos gegen die Rassendiskriminierung zu erheben. Ihre Aktion sollte schließlich dazu beitragen, die Rassentrennungsgesetze in den Südstaaten aufzuheben, und sie wurde zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung in den USA.

Tabellarische Biografie: Rosa Parks


Rosa Parks:
»Ich wusste nur, dass ich es leid war, herumgestoßen zu werden«

Leseprobe aus
Dieter Wunderlich: AußerOrdentliche Frauen. 18 Porträts
Piper Verlag, München 2009 (3. Auflage: 2011)

Inzwischen arbeitete Rosa Parks als Näherin in einem Warenhaus im Zentrum von Montgomery. Von dort wollte sie am 1. Dezember 1955 gegen achtzehn Uhr nach Hause fahren. Sie stieg in einen Bus, in dem zufällig James F. Blake hinter dem Steuer saß, der Mann, mit dem sie zwölf Jahre zuvor aneinandergeraten war. An der Haltestelle vor dem Empire Theater stiegen Weiße ein, und einer von ihnen ? Jim Crow ? fand keinen Sitzplatz mehr. Also forderte der Fahrer die vier in der fünften Reihe sitzenden Afroamerikaner auf, ihre Plätze freizumachen: »Move y’all!« Ein Mann und zwei Frauen standen auf; Rosa Parks blieb sitzen. »Als ich mich weigerte, meinen Sitzplatz in diesem Bus in Montgomery aufzugeben«, erinnert sie sich später, »hatte ich keine Vorstellung davon, dass diese kleine Aktion dazu beitragen würde, die Rassentrennungsgesetze in den Südstaaten aufzuheben. Ich wusste nur, dass ich es leid war, herumgestoßen zu werden.«

Blake holte zwei Polizisten herbei, die Rosa verhafteten und ins Rathaus von Montgomery brachten. Dort protokollierte man den Vorgang, fotografierte die Delinquentin und nahm ihre Fingerabdrücke. Dann sperrte man sie ins Stadtgefängnis. Als es ihr endlich erlaubt wurde, zu telefonieren, rief sie ihren Mann an. Raymond lieh sich von einem Freund ein Auto und eilte zu ihr. Edgar D. Nixon und der Rechtsanwalt Clifford Durr ? Virginias Ehemann ? waren bereits von einem Augenzeugen des Vorfalls alarmiert worden. Die beiden bekamen

Dieter Wunderlich: AußerOrdentliche Frauen. © Piper Verlag 2009

Rosa noch am selben Abend gegen eine Kaution von hundert Dollar frei. Die Gerichtsverhandlung wurde für den 5. Dezember anberaumt.

Bei Rosa Parks handelte es sich nicht um die erste Afroamerikanerin, die sich in Montgomery gegen die für öffentliche Verkehrsmittel geltende Rassentrennung aufgelehnt hatte. Am 2. März 1955 war die fünfzehnjährige Schülerin Claudette Colvin in Handschellen abgeführt worden, weil sie sich geweigert hatte, in einem Bus für einen Weißen aufzustehen. Wegen eines ähnlichen Vorfalls am 18. Oktober hatte sich auch die achtzehnjährige Schulabbrecherin Mary Louise Smith vor Gericht verantworten müssen. Beide Vorfälle blieben jedoch ohne größere Resonanz, weil man bei der NAACP keines der Mädchen für eine passende Symbolfigur hielt: Claudette Colvin war von einem sehr viel älteren Mann schwanger, und Louise Smiths Vater galt irrtümlich als Alkoholiker.

Bei Rosa war das anders. Edgar Nixon wusste, dass die unbescholtene Näherin dem gewaltfreien Widerstand gegen die Rassendiskriminierung ein geeignetes Gesicht geben würde. Er fragte sie nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis, ob sie damit einverstanden wäre, ihren Fall publik zu machen. Rosa zögerte, weil sie wusste, dass sie damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Angehörigen in Schwierigkeiten bringen würde, aber schließlich willigte sie ein.

Als Jo Ann Robinson von dem neuen Vorfall hörte, schrieb sie sofort einen Handzettel, den sie noch in der Nacht im Alabama State College fünfunddreißigtausendmal kopierte: »Neger haben auch Rechte, denn wenn die Neger die Busse nicht benutzen würden, könnten sie nicht fahren. Dreiviertel der Fahrgäste sind Neger.« Jo Ann Robinson rief die Afroamerikaner in Montgomery dazu auf, am 5. Dezember keine öffentlichen Busse zu benutzen.

»Negro Jailed Here for ?Overlooking? Bus Segregation«, lautete am nächsten Morgen die Schlagzeile im »Montgomery Advertiser«. Übers Wochenende erfuhr man überall in der Stadt von dem Boykott-Aufruf, denn der »Montgomery Advertiser« berichtete darüber auf der Titelseite, und die afroamerikanischen Geistlichen mobilisierten ihre Gemeinden.

Obwohl es am 5. Dezember regnete, benutzte kaum einer der vierzigtausend afroamerikanischen Bewohner von Montgomery einen Bus. Stattdessen bildeten sie Fahrgemeinschaften, stellten sich als Anhalter an den Straßenrand oder nahmen Taxis mit schwarzen Fahrern. Aus Solidarität verlangten die von Afroamerikanern betriebenen Taxiunternehmen nur jeweils den Preis einer Busfahrkarte. Viele Nichtweiße gingen zu Fuß, nicht selten singend und in Gruppen. Die an diesem Tag von Motorradstreifen der Polizei eskortierten Busse blieben so gut wie leer.

Rosa wurde an diesem Morgen in einer halbstündigen Gerichtsverhandlung zu zehn Dollar Geldstrafe verurteilt. Außerdem musste sie vier Dollar für Gerichtskosten entrichten.

Am Nachmittag gründeten die Organisatoren des Bus-Boykotts und andere Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung die Montgomery Improvement Association (MIA). Zum Präsidenten wählten sie Martin Luther King, einen sechsundzwanzigjährigen Pastor, der seit gut einem Jahr mit seiner Ehefrau Coretta in Montgomery lebte und gerade Vater geworden war.

Eigentlich war der Boykott nur für einen Tag geplant gewesen, doch die Afroamerikaner führten ihn fort. Weil die Fahrgäste ausblieben, fuhren die Verkehrsbetriebe von Montgomery Tag für Tag Verluste ein, und die Geschäfte im Stadtzentrum klagten über Umsatzeinbußen. Aufgebrachte Weiße bedrohten die Organisatoren des Boykotts anonym am Telefon und beschimpften weiße Frauen, die nicht auf die Dienste ihrer nichtweißen Hausangestellten verzichten wollten, und sie deshalb mit dem Auto abholten. Polizisten nahmen Taxifahrer fest, die von Afroamerikanern nicht den vollen Fahrpreis verlangten. Die Kirchen sammelten indessen Geld und organisierten mit dreihundert Freiwilligen zusätzliche Fahrdienste. Daraufhin wurden zwar die Versicherungen der dafür benutzten Fahrzeuge gekündigt, doch es gelang den Besitzern, von anderen Unternehmen neue Policen zu bekommen.

Quelle: Dieter Wunderlich, AußerOrdentliche Frauen. 18 Porträts
© Piper Verlag, München 2009
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Fußnoten wurden in der Leseprobe weggelassen. Zitate:
Rosa Parks und Jim Haskins: My Story, 1999, S. 2
Manning Marable, Leith Mullings (Hg.): Let Nobody Turn Us Around, 2003, S. 380
Donnie Williams, Wayne Greenhaw: The Thunder of Angels, 2006, S. 67

Rosa Parks (tabellarische Biografie)

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Wichtiger als die Charaktere in "Unsere Namen" sind Dinaw Mengestu die Beziehungen zwischen den Figuren. Er schreibt abwech­selnd aus der Sicht des entwurzelten Afrikaners und der Amerikanerin, alles ohne Effekthascherei, ruhig, sachlich und unprätenziös.
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