Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt

Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt

Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt

Public Enemy No. 1, Mordinstinkt – Originaltitel: L'instinct de mort – Regie: Jean-François Richet – Drehbuch: Abdel Raouf Dafri und Jean-François Richet, nach der Autobiografie "Der Todestrieb. Lebensbericht eines Staatsfeindes" von Jacques Mesrine – Kamera: Robert Gantz – Schnitt: Hervé Schneid – Musik: Eloi Painchaud – Darsteller: Vincent Cassel, Cécile De France, Gérard Depardieu, Gilles Lellouche, Roy Dupuis, Elena Anaya, Florence Thomassin, Michel Duchaussoy, Myriam Boyer, Abdelhafid Metalsi, Gilbert Sicotte, Deano Clavet, Ludivine Sagnier u.a. – 2008; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Jacques Mesrine wuchs in einer mittelständischen französischen Familie auf, aber als der Dreiundzwanzigjährige 1959 aus dem Algerienkrieg zurückkommt, wo er sich an Folterungen von Gefangenen beteiligten musste, widern ihn die Spießbürgerlichkeit und das Duckmäusertum seines Vaters an. Statt regulärer Arbeit nachzugehen, wird er zum Bankräuber. Nur so fühlt er sich frei. Mehrmals wird er verhaftet, aber er bricht ebenso häufig wieder aus ...
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Kritik

Obwohl die beiden Teile des Biopic zusammen vier Stunden dauern, wirken einige Passagen wie gehetzt. Erzählt wird hastig und stringent, nüchtern und realistisch. Der Ausgang ist von Anfang an bekannt, aber die Spannung bleibt bis zum Ende hoch.
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Jacques Mesrine (Vincent Cassel) kehrt 1959 aus dem Algerienkrieg in sein Elternhaus in Paris zurück. Der Dreiundzwanzigjährige, der bei Folterungen mitmachen und einem Gefangenen die Knie zerschießen musste, hört im Radio, wie Staatspräsident Charles de Gaulle erklärt, die junge Generation der Franzosen sei in Algerien geformt worden. Jacques‘ Vater Pierre André Mesrine (Michel Duchaussoy) besorgt ihm einen Job, aber er verspielt seinen Lohn beim Poker, bleibt seinem Arbeitsplatz schließlich fern und bricht stattdessen mit einem Bekannten namens Paul (Gilles Lellouche) in die Villen reicher Leute ein. Als ihn seine der Mittelschicht angehörenden Eltern (Mutter: Myriam Boyer) ermahnen, seine Arbeit wieder aufzunehmen, wirft er seinem Vater vor, im Krieg mit den Deutschen kollaboriert zu haben und sich von seiner Frau herumschubsen zu lassen. Jacques hat genug von der Heuchelei, der Spießbürgerlichkeit und dem Duckmäusertum. Er zieht aus dem Elternhaus aus.

Paul bringt ihn mit Guido (Gérard Depardieu) zusammen, einem Unterweltboss mit Kontakten zur OAS (Organisation de l’Armée Secrète).

Während eines kurzen Spanienaufenthalts verliebt Jacques Mesrine sich 1960 in Sofia (Elena Anaya). Er defloriert sie und nimmt sie mit nach Paris.

Dort will er die mit ihm befreundete Prostituierte Sarah (Florence Thomassin) von ihrem gewalttätigen Zuhälter Ahmed (Abdelhafid Metalsi) befreien. Zu diesem Zweck provoziert er einen Streit und prügelt sich mit ihm. Als Ahmed sich an Sarah rächt und sie krankenhausreif schlägt, überredet Jacques Guido, ihm dabei zu helfen, den Zuhälter brutal zu ermorden.

Sofia wird schwanger. Jacques heiratet sie.

1962 wird Jacques Mesrine in Évreux wegen eines Bankraubs festgenommen.

Nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hat, stellt ihn der Architekt Tabacoff (Jean-Claude Leguay) ein, aber als das Architekturbüro im Jahr darauf verkleinert werden muss, verliert er den Arbeitsplatz. Nun setzt Jacques sich wieder mit Guido in Verbindung und überfällt erneut Banken. Sofia protestiert dagegen, aber statt auf sie zu hören, schlägt Jacques sie zusammen. Sie verlässt ihn deshalb.

In einer Kneipe lernt Jacques 1966 Jeanne Schneider (Cécile De France) kennen. Sie wird seine Gangsterbraut und raubt mit ihm zusammen Banken und Spielkasinos aus – bis Jacques und seine fünfjährige Tochter Sabrina (Louison Blivet) 1968 aus einem fahrenden Auto heraus beschossen werden. Daraufhin wird es ihm in Frankreich zu gefährlich. Er bringt die Kinder zu seinen Eltern und setzt sich mit Jeanne nach Montreal ab.

1969 werden sie als Chauffeur bzw. Haushälterin von dem gelähmten, auf einen Rollstuhl angewiesenen Milliardär Georges Deslauriers (Gilbert Sicotte) eingestellt. Als dieser sie nach drei Monaten entlässt, bringen sie ihn in ihre Gewalt und versuchen, von seinem Bruder ein Lösegeld zu erpressen.

Währenddessen werden Guido und Paul in Paris von anderen Gangstern erschossen.

Jacques und Jeanne überqueren die Grenze und reisen durch die USA. In Arizona erkennt man sie. Ein Dutzend Streifenwagen jagt sie, bis Jacques aufgibt und Jeanne davon abhält, auf die Polizisten zu schießen. Sie werden an Kanada ausgeliefert und dort zu zehn bzw. fünf Jahren Haft verurteilt.

Im Gefängnis Saint-Vincent-de-Paul kommt Jacques zunächst in Isolationshaft. Sobald er gegen eine Vorschrift verstößt und beispielsweise dagegen protestiert, mit einer Nummer statt mit seinem Namen angesprochen zu werden, dringen Wärter in seine fensterlose Zelle ein und schlagen ihn unter den Augen des Gefängnisdirektors mit Gummiknüppeln zusammen. Man nimmt ihm Kleidung und Wäsche ab. Nackt liegt er in der ununterbrochen hell beleuchteten Zelle und wird per Kamera überwacht. Mitunter werden auch Lärm und Gas eingesetzt, um seinen Willen zu brechen. Das Licht wird allerdings ausgeschaltet, als er einen Brief bekommt und ihn lesen möchte. Erst nach einigen Wochen darf Jacques Mesrine zu den anderen in den schwer bewachten Gefängnishof.

Hier trifft er auch Jean-Paul Mercier (Roy Dupuis) wieder, den er als Arbeiter auf einer Baustelle in Montreal kennengelernt hatte. Das Mitglied der Befreiungsfront Québecs wurde wegen Mordes verurteilt. Der Mithäftling Roger André (Deano Clavet) verschafft ihm einen Seitenschneider. Damit durchbrechen er und Jean-Paul Mercier im August 1972 unbemerkt den Maschendrahtzaun, während andere Häftlinge die Wachen ablenken und der Posten auf dem Wachturm nicht aufpasst.

Um sich Geld zu beschaffen, überfallen Jacques Mesrine und Jean-Paul Mercier mehrere Banken in Montréal, manchmal im Übermut gleich zwei benachbarte hintereinander.

Im September 1972 versuchen die beiden, den Maschendrahtzaun der Haftanstalt Saint-Vincent-de-Paul mit einem Pick-up zu durchbrechen, um Roger André und anderen Häftlingen zur Flucht zu verhelfen. Aber das gelingt ihnen nicht, denn sie werden sofort bemerkt, und es kommt zu einer heftigen Schießerei mit Toten und Verletzten. Mit Hilfe von Merciers Freundin Suzon (Dorothée Brière) entkommen sie. Kurz darauf werden sie von Parkrangern bei Schießübungen im Wald ertappt. Als einer der Jagdaufseher sie erkennt, eröffnen sie das Feuer und töten zwei der Beamten.

In einem Telefongespräch verspricht Jacques seiner Lebensgefährtin Jeanne, sie aus dem Gefängnis zu holen, aber sie zieht es vor, ihre Strafe abzusitzen. Weil er sich nicht umstimmen lässt, erklärt sie die Beziehung mit ihm für beendet. Sie liebt ihn nach wei vor und will nicht, dass er sein Leben für sie riskiert.

Fortsetzung: Public Enemy No. 1 – Todestrieb

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In den Kinofilmen „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ und „Public Enemy No. 1 – Todestrieb“ porträtieren Abdel Raouf Dafri (Drehbuch) und Jean-François Richet (Regie) den französischen Gangster Jacques Mesrine (1936 – 1979).

In den vier Stunden, die beide Filme zusammen dauern, gibt es keine unnötige Szene; einige Passagen wirken eher wie gehetzt. Abdel Raouf Dafri und Jean-François Richet erzählen hastig und stringent, nüchtern und realistisch im Stil des Neo Noir. Obwohl der Ausgang von Anfang an bekannt ist, bleibt die Spannung bis zum Ende hoch. Die einzelnen Episoden vermitteln ein facettenreiches Bild von Mesrines Charakter. Er entwickelt sich in „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ vom desorientierten, unangepassten jungen Mann zum Bankräuber und verwendet in „Public Enemy No. 1 – Todestrieb“ immer mehr Energie darauf, sein öffentliches Image zu stilisieren.

Jean-François Richet beginnt den ersten der beiden Filme mit dem Ende des zweiten. Im Split Screen sehen wir, wie Jacques Mesrine am 2. November 1979 in Paris von einem Sondereinsatzkommando der Polizei beschattet wird, als er mit seiner Geliebten Sylvia Jeanjacquot die Wohnung wechseln will. Die junge Frau sitzt mit ihrem Schoßhund neben ihm, als Mesrine einem Kleinlastwagen Platz lässt, damit dieser die Spur wechseln und sich vor ihn setzen kann. Plötzlich wird die Plane über der Ladefläche aufgerissen, und bevor Mesrine zur Waffe greifen kann, eröffnen Polizisten mit Gewehren das Feuer auf ihn.

Von da an erzählen Abdel Raouf Dafri und Jean-François Richet in „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ chronologisch von 1959 (Algerienkrieg) bis 1973 (Rückkehr aus Kanada). Mit psychologischen Erklärungen halten sie sich zurück, aber sie zeigen zwei mögliche Ursachen für Jacques Mesrines Auflehnung gegen jede Art von Autorität und Einschränkung seiner Freiheit. Zum einen missfällt ihm, dass der Vater die Dominanz der Mutter zulässt und sich im Zweiten Weltkrieg mit der deutschen Besatzung arrangierte. Dazu kommt, dass er im Algerienkrieg dazu gezwungen wurde, wehrlose Gefangene zu foltern. Angeblich diente die Grausamkeit der gerechten Sache der Franzosen. Jacques Mesrine hat genug von der Heuchelei, der Spießbürgerlichkeit und dem Duckmäusertum. Um frei und unabhängig leben zu können, wird er Gangster.

Zwei Episoden sind besonders eindrucksvoll inszeniert: Einmal werden Jacques Mesrine und sein Komplize Paul bei einem Einbruch von den Hauseigentümern überrascht. Statt sofort zu flüchten, gibt Mesrine sich als Kommissar aus, der einen Einbruch entdeckte und zusammen mit seinem Assistenten bereits die Ermittlungen vor Ort aufgenommen hat. Die Verwirrung der Beraubten nutzen Mesrine und Paul, um mit der Beute ruhig durch die Tür hinauszugehen. Das andere Beispiel ist brutal und sarkastisch: Während Jacques Mesrine und Guido mit dem arabischen Zuhälter Ahmed im Auto fahren, erzählen sie rassistische Witze, beteuern aber, das sei alles nicht so gemeint. Dabei haben sie vor, den Zuhälter umzubringen, weil dieser eine Prostituierte krankenhausreif schlug. Nachdem sie ausgestiegen sind, sticht Mesrine mehrmals mit einem Messer auf Ahmed ein, und obwohl er noch lebt, begraben die beiden Gangster ihn anschließend.

Nebenrollen sind mit herausragenden Darstellerinnen und Darstellern wie Cécile De France und Gérard Depardieu besetzt, aber sie werden alle von Vincent Cassel übertroffen, der Jacques Mesrine mit wechselnden Bärten und in verschiedenen Verkleidungen verkörpert und dabei einen komplexen, widersprüchlichen Charakter eindrucksvoll darstellt.

Deutsche Synchronstimmen in „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“:
David Nathan (Jacques Mesrine), Viktor Neumann (Paul), Iris Artajo (Sofia), Manfred Lehmann (Guido), Stephan Rabow (Jean-Paul Mercier), Friedrich-Georg Beckhaus (Jacques‘ Vater Pierre André Mesrine), Astrid Bless (Jacques‘ Mutter), Kaspar Eichel (Tabacoff), Klaus Sonnenschein (Georges Deslauriers), Daniela Strietzel (Sarah), Tanja Geke (Jeanne Schneider), Tilo Schmitz (Maillo), Gerald Paradies (Malabar), Thomas Petruo (Achmed), Bianca Krahl (Lizon) u.a. – Buch und Regie: Stephan Hoffmann

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011

Jacques Mesrine (Kurzbiografie)
Jean-François Richet: Public Enemy No. 1 – Todestrieb

Tom Drury - Das stille Land
Wie ernst meint Tom Drury das? Vieles wirkt wie eine Persiflage. "Das stille Land" entzieht sich einer Schubladisierung, wechselt von Genre zu Genre. Die mit schrägen Figuren bevölkerte Geschichte ist durchaus fesselnd, aber am Ende sitzt man etwas ratlos da.
Das stille Land

Tom Drury

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