We Need to Talk About Kevin

We Need to Talk About Kevin

We Need to Talk About Kevin

We Need to Talk About Kevin – Originaltitel: We Need to Talk About Kevin – Regie: Lynne Ramsay – Drehbuch: Lynne Ramsay und Rory Kinnear nach dem Roman "We Need to Talk About Kevin" von Lionel Shriver – Kamera: Seamus McGarvey – Schnitt: Joe Bini – Musik: Jonny Greenwood – Darsteller: Tilda Swinton, Ezra Miller, John C. Reilly, Jasper Newell, Ashley Gerasimovich u.a. – 2011; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Als Eva Khatchadourian ein Kind bekommt, empfindet sie dies als Belastung. Es gelingt ihr nicht, eine mütterliche Beziehung zu Kevin aufzubauen, und der heranwachsende Junge provoziert sie bei jeder Gelegenheit. Auch seine kleine Schwester demütigt er fortwährend. Wenn der Vater nach Hause kommt, ist er wie ausgewechselt. Franklin tut die Verhaltensauffälligkeiten des Sohnes, von denen Eva ihm berichtet, denn auch als Lausbubenstreiche eines gesunden Jungen ab. Das trägt zum Scheitern der Ehe bei ...
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Kritik

Lynne Ramsay hat die subjektive Perspektive des Briefromans "We Need to Talk about Kevin" von Lionel Shriver kongenial in ein Kaleidoskop von Erinnerungen der verstörten Mutter umgesetzt, die von Tilda Swinton überzeugend dargestellt wird.
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Eva Khatchadourian (Tilda Swinton) arbeitet als Reisejournalistin. Mit ihrem Ehemann Franklin (John C. Reilly) wohnt sie in einem Vorort von New York in einer Villa aus Beton. Kevin (Rock Duer, Jasper Newell, Ezra Miller), das Kind, das sie bekommen, schreit fortwährend. Einmal stellt Eva sich mit dem Kinderwagen neben einen Straßenarbeiter mit einem Presslufthammer und empfindet es als Erleichterung, dass das Plärren des Säuglings vom Lärm der Maschine übertönt wird.

Es gelingt ihr nicht, eine mütterliche Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Kevin wiederum tut alles, um ihr weh zu tun. Beispielsweise besudelt er ein ganzes Zimmer, während sie nebenan telefoniert. Wenn Franklin abends aus dem Büro kommt, ist Kevin wie ausgewechselt und geht freundlich auf ihn ein. Deshalb versteht der ebenso gutmütige wie oberflächliche Familienvater auch nicht die Sorgen seiner Frau. Wenn sie ihm von Kevins Verhaltensauffälligkeiten berichtet, tut er diese als Lausbubenstreiche eines gesunden Jungen ab. Auch als Kevin bereits in die Schule geht, bleibt er ein Einzelgänger.

Noch im Schulalter macht er bewusst vor seiner Mutter in die Hose. Daraufhin stößt ihn die überforderte Mutter Kevin so heftig zu Boden, dass er sich einen Arm bricht. Sie fährt mit ihm ins Krankenhaus, wo der Arm eingegipst wird und entschuldigt sich während der Rückfahrt bei ihm. Als Franklin am Abend fragt, wie der Junge sich den Arm gebrochen habe, antwortet Eva nur kurz, es sei ihre Schuld gewesen. Kevin erzählt dagegen, er sei ausgerutscht und hingefallen. Dabei sieht er triumphierend in das schuldbewusste Gesicht seiner Mutter.

Nur als Eva ihm eine Geschichte über Bogenschützen erzählt, kuschelt er sich an sie. Franklin kauft ihm kurz darauf Pfeil und Bogen für Kinder. Den zweiten Pfeil mit Saugnapf schießt Kevin auf das Fenster ab, hinter dem er seine Mutter sitzen sieht.

Die Mutter sei fett geworden, meint Kevin eines Tages. Erst aufgrund dieser Bemerkung schaut Franklin seine Frau an und merkt, dass sie wieder schwanger ist.

Als Franklin mit Kevin zu der Wöchnerin geht, um ihm seine kleine Schwester Celia zu zeigen, bespritzt er das Neugeborene mit Wasser und bringt es zum Schreien.

Obwohl Kevin seine Schwester später bei jeder Gelegenheit demütigt, bleibt sie freundlich und liebenswert.

Nach Kevins Pubertät lädt Eva ihn zum Minigolf-Spielen und in ein Restaurant ein, aber es gelingt ihr nicht, an ihn heranzukommen. Weil er von Sex und Drogen spricht, um sie zu provozieren, durchsucht sie bei der nächsten Gelegenheit sein Zimmer. Dabei findet sie eine selbstgebrannte DVD, auf die er geschrieben hat: „I Love You“. Als sie die DVD besorgt in ihren Laptop schiebt, zerstört das Programm alle ihre Dateien.

Weil der Siphon der Küchenspüle verstopft ist, schließt Eva den Schrank auf, in dem für Kinder gefährliche Putzmittel aufbewahrt werden und schüttet Rohrreiniger in den Abfluss. Einige Zeit später ruft Kevin den Notarzt, weil seine kleine Schwester (Ashley Gerasimovich) etwas von dem ätzenden Rohrreiniger ins Gesicht bekommen hat. Celias linkes Auge ist nicht mehr zu retten. Franklin wirft Eva vor, sie habe den Rohrreiniger herumstehen lassen, aber sie sagt, Kevin sei schuld gewesen. Sie begründet ihren Vorwurf damit, dass er nicht auf seine kleine Schwester aufgepasst habe. (Offenbar vermutet sie, dass er Celia absichtlich etwas von dem ätzenden Mittel ins Gesicht schüttete.)

Als Weihnachtsgeschenk erhält Kevin von seinem Vater einen richtigen Bogen, wie ihn Sportschützen verwenden.

Eva und Franklin beschließen, sich zu trennen. Kevin belauscht ihr Gespräch darüber.

Einige Zeit später erhält er ein Paket. Vor den Augen seiner Eltern packt er ein halbes Dutzend massiver Fahrradschlösser aus, und als Franklin fragt, wofür er die benötige, er besitze doch gar kein Fahrrad, behauptet er, die Schlösser mit gutem Gewinn in der Schule weiterverkaufen zu können.

Drei Tage vor seinem 16. Geburtstag geht Kevin mit den Schlössern zur Schule und verbarrikadiert damit die Türen. Dann baut er den Bogen zusammen. Schnell und überlegt schießt er auf Lehrer und Mitschüler, bis ihm die Pfeile ausgehen. Eva wird zur Schule gerufen, wo sich bereits viele verzweifelte Eltern und andere Angehörige eingefunden haben. Nachdem die Polizei das Portal gewaltsam geöffnet hat, lässt Kevin sich widerstandslos festnehmen.

Eva fährt zu Franklin, der mit Celia inzwischen in ein anderes Haus gezogen ist. Die beiden liegen tot, von Pfeilen durchbohrt, im Garten.

Weil Kevin noch minderjährig ist, verurteilt ihn das Gericht nur zu einer verhältnismäßig kurzen Haftstrafe.

Eva wird von den anderen Bewohnern der Kleinstadt ausgegrenzt und angefeindet. Die Mutter (Leslie Lyles) eines der Opfer des Amoklaufs ohrfeigt Eva auf offener Straße und verflucht sie. Evas Haus und ihr Auto werden mit roter Farbe besudelt. Weil sie nicht mehr als Reisejournalistin arbeiten kann, versucht Eva als Bürohilfskraft in einem Reisebüro einen Neuanfang, aber auch dort wird sie von Kollegen beleidigt.

Regelmäßig besucht Eva ihren Sohn im Gefängnis, so auch am zweiten Jahrestag des Amoklaufs. Als die Beamten die Sprechzeit für beendet erklären, nimmt sie Kevin in die Arme, und er wehrt sich nicht.

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Die schottische Regisseurin Lynne Ramsay (* 1969) verfilmte den 2003 von der amerikanischen Schriftstellerin Lionel Shriver (* 1957) veröffentlichten Roman „We Need to Talk about Kevin“. Bei der literarischen Vorlage handelt es sich um einen Briefroman aus Evas subjektiver Sicht. Dementsprechend entwickelt auch Lynne Ramsay keine lineare Handlung, sondern erzählt die Geschichte in einem Kaleidoskop von Rückblenden, die den Erinnerungen Evas entsprechen und zeitlich vor und zurück springen. Die Virtuosität, mit der Lynne Ramsay das tut, macht „We Need to Talk about Kevin“ zu einem besonderen Film.

Warum wird Kevin zum Soziopathen? Welche Schuld trägt Eva daran, deren Flachbrüstigkeit ein Symbol fehlender Mütterlichkeit ist? Diese zentralen Fragen versucht Lynne Ramsay nicht zu klären. Stattdessen konzentriert sie sich auf die Verstörung, auf das Entsetzen nach dem Amoklauf, der Eva nicht nur fassungslos und schuldbeladen macht, sondern sie auch dem Hass der Mitmenschen aussetzt. Die Hauptfigur, aus deren Perspektive das Geschehen zu sehen ist, wird von Tilda Swinton nuanciert, eindrucksvoll und überzeugend dargestellt.

„We Need to Talk about Kevin“ ist ein intelligenter und optisch anspruchsvoller Film in sorgfältig komponierten Bildern. Wie ein Leitmotiv setzt Lynne Ramsay dabei die Farbe Rot ein. Aber auch das Hörerlebnis ist wichtig, vor allem wenn an entscheidenden Stellen der Soundtrack aussetzt und nur noch Geräusche zu hören sind.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014

Julia Franck - Der neue Koch
Julia Franck erzählt die bizarre Geschichte konsequent in der Ich-Form aus der Perspekive der einsamen, verhaltensgestörten Protagonistin, die sie auch mit einer lakonischen, aus einfachen kurzen Sätzen bestehenden Sprache charakterisiert: "Der neue Koch".
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