Geir Pollen : Wenn die gelbe Sonne brennt

Wenn die gelbe Sonne brennt

Geir Pollen

Wenn die gelbe Sonne brennt

Originalausgabe: Når den gule solen brenner Gyldendal Norsk Forlag, Oslo 2002 Wenn die gelbe Sonne brennt Übersetzung: Angelika Gundlach Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2006 ISBN 3-518-41831-9, 266 Seiten, 24.80 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In seinem Roman "Wenn die gelbe Sonne brennt" beschäftigt sich der norwegische Schriftsteller Geir Pollen mit einem namenlosen norwegischen Schriftsteller, der sich nach zwanzig Jahren Ehe erstmals auf eine Affäre einlässt, dadurch in eine Krise gerät und aus Angst vor dem Verlust auch dieser Liebe einen Roman darüber schreibt – den Roman, den wir gerade lesen.
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Kritik

Geir Pollen nimmt sich Zeit für eine sorgfältige und sensible, komplexe und differenzierte Darstellung. "Wenn die gelbe Sonne brennt" ist eine stilsichere, melancholische Komposition, die bis zur letzten Zeile formal und inhaltlich fesselnd bleibt.
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Die Handlung des Romans „Wenn die gelbe Sonne brennt“ von Geir Pollen spielt innerhalb eines knappen Jahres, von Herbst bis Sommer, etwa zur Jahrtausendwende. Den Namen des norwegischen Protagonisten erfahren wir nicht. Im April des zweiten Kalenderjahres, in dem sich das Geschehen bewegt, wird er 48. Während wir das Buch lesen, finden wir heraus, dass er als zehnjähriger Schüler für seine Lehrerin Jorun Johansen schwärmte, seit 1979 verheiratet ist, einen Sohn und eine Tochter hat, zunächst Studienrat war, aber nun schon zwanzig Jahre lang als Schriftsteller und Übersetzer tätig ist. Sein Lieblingsfilm ist „Drei Farben. Blau“ und Juliette Binoche seine Lieblingsschauspielerin. Im September 1998 reiste er nach Chaniotis auf der Halbinsel Kassandra im Norden der Ägäis, um mit der Arbeit an einem Roman über den gescheiterten norwegischen Landschaftsmaler Peder Balke und dessen Verlobte Karen Ingvaldsen in Schwung zu kommen, doch mehr als 29 Seiten hat er bis heute nicht geschafft.

Am nächsten Morgen am Strand, während der Donner rollte und irgendwo jenseits des unsichtbaren Berges Athos der Blitz einschlug, starb, weniger als dreißig Meter von ihm entfernt, ein Mann […]
[…] eine völlig bekleidete Frau, anscheinend nahe verwandt, vielleicht verheiratet mit dem Verunglückten, warf sich neben ihm auf die Knie, gab ihm abwechselnd mit der rechten und der linken Hand Klapse auf die Wangen […] und rief kurzatmig, aber ohne zu weinen, GRIGORIS, GRIGORIS.
Und die ganze Zeit über regnete es […]
Nein, er ist tot, ertrunken, totgeregnet, dachte er, während er das Badetuch um seine Schultern straffte und hinging, um sich das Gesicht anzusehen.
Jemand hatte ihm die Zähne herausgenommen, sie lagen in einer Sandwichserviette auf einer durchnässten, schmutzigen Strandmatte neben der völlig bekleideten Frau; sie hatte das Klapsen aufgegeben, saß da und schwankte, die Hände im schwarzen Rockschoß gefaltet, von einer Seite zur anderen, ohne ein Wort […]
Die Augen waren alles, was übrig war, eine Art Augen, nicht zum Sehen, sondern um die Blicke anderer auf sich zu ziehen […] (Seite 27ff)

Zwanzig Jahre lang war er seiner Frau treu – bis er im Herbst während eines geschäftlichen Aufenthalts in Oslo, die Übersetzerin Velina kennen lernte. Sie gingen zusammen in ein Restaurant, anschließend in eine Bar und dann zu ihr ins Hotelzimmer. Velina – sie ist seit sieben Jahren mit einem Mann namens Arnfinn verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter, die Marianne heißt – legte sich zwar aufs Bett, ließ sich küssen und liebkosen, doch als er sich rittlings auf sie setzte und sich das T-Shirt über den Kopf zog, meinte sie: „Nein, das dürfen wir nicht.“

Als er am Morgen danach aufwachte, konnte er sich absolut nicht erinnern, ob er die Träger und das Oberteil des Unterkleids heruntergezogen oder den Seidenrock hinaufgeschoben hatte, bevor er sich über sie beugte und ihre linke Brustwarze in den Mund nahm. (Seite 7)

Zu Hause überlegte er, ob er sie anrufen sollte oder nicht.

Er dachte:
Wenn ich sie jetzt anrufe, verändert das mein Leben. Ich sollte es nicht tun.
Dann nahm er den Hörer ab und rief an. (Seite 36)

Von da an telefonierte er jeden Tag in seiner Mittagspause mit ihr und dann noch einmal am Nachmittag, bevor ihr Mann nach Hause kam.

Sie lebten zusammen am Telefon. (Seite 40)

Und er sagte, das Telefon sei eine Perversion, erfunden von und für Menschen, die sich damit abgefunden hätten, ihr Leben lang von Surrogaten zu leben, und dass er sie so höllisch vermisst habe, und dann sagte er: Liebling, jetzt öffne ich den Haken an deinem BH, jetzt streife ich die Träger über deine nackten Schultern, jetzt beiße ich dich vorsichtig in die rechte Brustwarze, weißt du noch, wie ich es gemacht habe, dich gebissen habe? […] (Seite 41)

In allen Einzelheiten malte er ihr am Telefon aus, wie er sie mit dem Mund zum Orgasmus bringen wollte.

Kurz vor Weihnachten verabredeten sie sich in einer Pension in Oslo, und diesmal schliefen sie miteinander.

Dann entdeckte er, dass nichts einen Mann so leicht umhauen kann, wie als treuloser Ehemann und Vater Weihnachten zu feiern. (Seite 51)

Am Neujahrstag gestand er seiner Frau, dass er sie betrogen hatte und verlassen wollte. Seinen Kindern teilte er es am nächsten Morgen mit. Er zog zunächst zu seiner Schwester, nach sechs Tagen zu seinen Eltern – und versuchte manisch, „sich selbst und sein Leben einzuholen“ (Seite 63). Um sich abzulenken, übersetzte er einen melancholischen Roman aus dem Deutschen ins Norwegische. Während ein Cousin von ihm zwei Wochen zum Golfspielen in Spanien war, durfte er in dessen Haus wohnen, und das befand sich in der Stadt, in der auch Velina mit ihrer Familie lebte. Sie holte ihn vom Bahnhof ab, und obwohl es sehr kalt war – 13 Grad minus – setzten sie sich auf eine Anlagenbank, tranken Rotwein, und anschließend versteckten sie sich hinter Büschen, wo er Velina mit der Spitze des Zeigefingers zum Höhepunkt brachte.

Wenn er allein war, erschrak er darüber, dass er sich von früh bis spät ihren Körper vorstellte.

Kann es wirklich möglich sein, dass ich nur ihren Körper liebe? An ihn denke ich doch den ganzen Tag, von dem Moment an, wenn ich morgens aufwache, bis ich abends einschlafe, und selbst wenn ich daliege und schlafe, sind es Bilder ihres Körpers, die mich heimsuchen. Ich träume ja nicht von ihren Gedanken, was sie von Literatur hält, zum Beispiel, obwohl mich auch Literatur in höchstem Maß interessiert; nein, es ist ihr Körper, immer ihr Körper.
Und er bekam ein schlechtes Gewissen, denn wenn es etwas gab, das er nicht sein wollte, dann war es ein Mann, der seine Frau nur ihres Körpers wegen liebte. (Seite 86)

Am letzten Wochenende seines Aufenthalts in der Stadt war Velinas Ehemann auf einem Seminar, und sie lud ihn für Samstagabend zum Essen ein. Während das Kind nebenan schlief, liebten sie sich. Velina sagte:

„Ich vergesse zusammen mit dir, mich zu schämen.“ (Seite 101)

Am Sonntag gingen sie mit Marianne zusammen spazieren, aber es war, als hätte das Kind sie entfremdet.

Velina hat noch zwei Brüder. Sie war fünfundzwanzig, als ihre Mutter an einem Gehirnschlag starb. Damals waren die Eltern bereits seit acht Jahren geschieden. Nun beabsichtigte Velina, ihren in den hohen Norden gezogenen Vater zu besuchen. Ihr Geliebter folgte ihr. Um die Nacht mit ihm in seinem Hotelzimmer verbringen zu können, tat sie so, als wolle sie Freunde treffen und bat ihren Vater, auf Marianne aufzupassen. Am nächsten Tag verabredete sie sich dann tatsächlich mit Erik und Anne-Kristine. Damit ihr Liebhaber dabei sein konnte, taten sie so, als träfen sie sich zufällig in dem Lokal. Aber es wurde kein angenehmer Abend, denn er beobachtete eifersüchtig, wie Erik und Velina ihre frühere Vertrautheit wieder aufnahmen.

Nach seiner Rückkehr kaufte er sich in Oslo eine Wohnung und zog dort am 1. März ein. Als sie ihn besuchte, holte er sie vom Flughafenbus aus Gardermoen ab. Erneut verbrachten sie eine Nacht zusammen.

Vier Monate lang hatte er nun schon keine Zeile mehr über Peder Balke geschrieben. Ihm wurde klar, dass er dazu auch nicht fähig sein würde, bevor er das Verhältnis mit Velina literarisch aufgearbeitet hätte. Also setzte er sich hin und tippte den folgenden Satz in sein Notebook:

Als er am Morgen danach aufwachte, konnte er sich absolut nicht erinnern, ob er die Träger und das Oberteil des Unterkleids heruntergezogen oder den Seidenrock hinaufgeschoben hatte, bevor er sich über sie beugte und ihre linke Brustwarze in den Mund nahm. (Seite 186)

Weil Arnfinn glaubte, seine Frau habe eine dringende Übersetzung vor sich, fuhr er mit Marianne über Ostern zu den Eltern. Velina nutzte die Gelegenheit, Gründonnerstag bis Ostersonntag mit ihrem Geliebten zu verbringen.

Bald darauf nahm er eine Einladung an, in Newcastle-upon-Tyne einen Vortrag zu halten und gönnte sich anschließend ein Wochenende in London, wo man ihm in einem zwielichtigen Nachtklub nicht nur 5 Pfund Eintritt, sondern auch noch 50 Pfund für ein kleines Bier abnahm, das ihm unaufgefordert serviert worden war.

Als ihn das französische Ministerium für Kultur und Kommunikation mit einem Zwei-Monats-Stipendium bedachte, buchte er für den 30. Juni einen Flug nach Paris. Den letzten Vormittag vor der Abreise verbrachte er mit Velina zwischen den Skulpturen von Gustav Vigeland im Frogner-Park, obwohl sie ihm zuwider waren.

Auch in Paris hielt er sein Vorhaben durch, jeden Morgen erst einmal eineinhalb Seiten an seinem neuen Roman zu schreiben.

Statt zu telefonieren, tauschten sie nur noch hin und wieder SMS aus.

So verlor er auch ihre Stimme. (Seite 243)

„Wo bist du jetzt?“
„An Prousts Grab, meine Geliebte.“ (Seite 247)

Die Angst, sie zu vergessen, trieb ihn um, und er begann, Phobien zu entwickeln, beispielsweise die ständige Sorge, sich auszusperren und wie unter Zwang alles, was ihm durch den Kopf ging, in sein dunkelblaues Notizbuch notieren zu müssen.

Es war so heiß, dass er nackt schlief und sich nicht zudeckte. Wenn er sich so im Spiegel sah, erinnerte ihn das an ein berühmtes Gemälde von Rembrandt, das in dem kürzlich von ihm aus dem Deutschen übersetzten Roman eine Rolle spielt: Dargestellt ist die von Nicolaas Tulp geleitete öffentliche Sektion der Leiche des hingerichteten Diebes Aris Kindt im Januar 1632 im Waagebouw, Amsterdam.

Er stellte sich vor, wie sie mit ihrer Familie Urlaub machte und nach einem Strandtag unter der gelben Sonne von ihrem Mann verwöhnt wurde. Da fühlte er sich weit entfernt und verlor er jede Hoffnung.

An seinem letzten Tag in Paris ging er noch einmal durch den Jardin Luxembourg. Dort war ihm einige Tage zuvor ein seltsames Mädchen aufgefallen.

Sie saß immer auf derselben grünen Bank, auf der Seite des Parks, an der die Rue Guynemer verläuft, in einem knöchellangen lila Veloursrock, der, wenn es regnete, und es regnete nicht selten in diesen Tagen, vom Wasser und Matsch, durch die der Rock schleifte, ganz unten einen dreckigen, schwarzen Rand bekam, und sie hatte nie Schuhe an den Füßen, dagegen aber ein Paar dünne Herrensocken, wenn das Wetter kühl war. Und entweder rechnete sie, oder sie weinte, nie etwas anderes. Nein, er sah sie nie etwas anderes tun: Sie saß da, fieberhaft über eine kleine Kladde gebeugt, und schrieb mit einem fast unsichtbaren Bleistiftstummel – er glaubte zunächst, sie könne eine verschrobene Kollegin sein, die an etwas richtig Langem, Großem dichtete, vielleicht einem ganzen Familienroman; es gab genug von ihnen –, bevor er zu seiner großen Verblüffung entdeckte, dass es Zahlenreihen waren, mit denen sie sich so intensiv beschäftigte […] Als er aber zum zweiten Mal an ihr vorbeikam – es mochte sieben, acht Minuten dauern, den Park zu umrunden –, sah sie von ihren Zahlenreihen auf, legte das Kinn in die linke Hand und brach in lautloses, aber nichtsdestoweniger verzweifeltes Weinen aus, sodass ihr Gesicht ganz geschwollen und aufgelöst war, als er zum dritten Mal an ihr vorbeikam. (Seite 250f)

Dieses Mal – das letzte – rechnete oder weinte sie nicht, sondern lag im Gegenteil auf der Bank und schlief, die Waden über der Schmalseite hängend und die Hände auf der Brust gefaltet, in dem lila Veloursrock, der noch nicht nass und dreckig geworden war, unter dem dichten Dach grüner Äste und mit einer unkleidsamen Brille, die das halbe Gesicht bedeckte, aber ohne Schuhe […]
Das Herz klopfte ihm bis zum Hals, und er dachte: Ich muss nicht stehenbleiben, ich muss nicht stehenbleiben, und lief vorbei, doch dann blieben seine Füße trotzdem stehen, als er fünfzig Meter von ihr entfernt war, und er rannte, nein, stürzte zurück und stand vor der durch und durch nassen Gestalt auf der Bank und schnappte nach Luft, starrte auf die zerstörten Augen unter dem Regen, der über die zu großen Brillengläser strömte, ebenso dicht und warm wie damals am Strand in Chaniotis, bevor er sich auf dem harten, weißen Sand auf die Knie warf und sie ihr abriss, die verdammte Brille, sodass sich ein Brillenbügel löste, und das, was übrig war, über Hecke und Umzäunung hinaus bis aufs Trottoir schleuderte, sie schüttelte, dass die Bank beinah umkippte, und ihr etwas ins Ohr schrie, in einer Sprache, die weder der Polizeiwachmeister noch die anderen, die angestürzt kamen, verstanden. (Seite 265f)

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In seinem Roman „Wenn die gelbe Sonne brennt“ beschäftigt sich der norwegische Schriftsteller Geir Pollen mit einem namenlosen norwegischen Schriftsteller, der sich nach zwanzig Jahren Ehe erstmals auf eine Affäre einlässt und verstört darüber sowie aus Angst vor dem Verlust auch dieser Liebe einen Roman darüber schreibt – den Roman, den wir gerade lesen.

Geir Pollen schreibt in der dritten Person Singular über den Protagonisten und lässt uns dessen Lebenskrise miterleben. In keiner Weise versucht er, die Vorgänge psychologisch zu erklären; stattdessen drückt er sie literarisch aus. Geir Pollen nimmt sich Zeit für eine sorgfältige und sensible, komplexe und differenzierte Darstellung, die allerdings ganz auf den Protagonisten fokussiert ist; alle anderen Figuren bleiben schemenhaft, und wir erfahren beispielsweise nicht, wie seine Ehefrau auf sein Geständnis und die Trennung reagiert.

„Wenn die gelbe Sonne brennt“ ist eine stilsichere, melancholische Komposition, die wie ein aus Erinnerungsfragmenten des Protagonisten und Episoden aus dem Leben des norwegischen Landschaftsmalers Peder Balke (1804 – 1886) bestehender Traum anmutet. Dabei spiegeln sich einzelne Sequenzen. Das wirkt an keiner Stelle konstruiert und bleibt bis zur letzten Zeile sowohl formal als auch inhaltlich fesselnd.

Der Norweger Geir Pollen (*1953) veröffentlichte bisher drei Gedichtbände und fünf Romane, darunter „Hutchinson’s Nachf.“ (2001).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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