Ida

Ida

Ida

Ida – Originaltitel: Ida – Regie: Pawel Pawlikowski – Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Rebecca Lenkiewicz – Kamera: Ryszard Lenczewski, Lukasz Zal – Schnitt: Jaroslaw Kaminski – Musik: Kristian Selin Eidnes Andersen – Darsteller: Agata Kulesza, Agata Trzebuchowska, Dawid Ogrodnik, Jerzy Trela, Adam Szyszkowski, Halina Skoczyńska, Joanna Kulig u.a. – 2013; 80 Minuten

Inhaltsangabe

Die im Waisenhaus eines polnischen Klosters aufgewachsene Novizin Anna bereitet sich 1962 darauf vor, das Gelübde abzulegen. Vor der Profess besucht sie auf Anraten der Oberin ihre Tante Wanda in der Stadt. Die Richterin, die 1951/52 Todesurteile gegen angebliche Feinde des Volkes verhängte, klärt sie kurz angebunden darüber auf, dass sie als Ida geboren wurde, Jüdin ist und ihre Eltern im Krieg von Nachbarn erschlagen wurden. Zuerst schickt Wanda das verstörte Mädchen fort, aber dann hilft sie Ida doch bei der Suche nach dem Grab der Eltern ...
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Kritik

"Ida" ist ein strenger und karger, ruhiger und konzentrierter Schwarz-Weiß-Film von Pawel Pawlikowski über zwei grundverschiedene Polinnen im Spannungsfeld zwischen Antisemitismus, Katholizismus, Sozialismus und einer Jugendkultur, für die der Jazz charakteristisch ist.
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Die im Waisenhaus eines polnischen Klosters aufgewachsene 18-jährige Novizin Anna (Agata Trzebuchowska) bereitet sich 1962 darauf vor, das Gelübde abzulegen. Kurz vor der Profess klärt die Oberin (Halina Skoczyńska) sie darüber auf, dass noch eine ihrer Verwandten am Leben sei, ihre Tante Wanda, die ältere Schwester ihrer Mutter. Die wollte zwar nie etwas von ihrer Nichte wissen, aber die Oberin rät Anna, sie vor ihrer endgültigen Entscheidung für das Klosterleben in der Stadt zu besuchen.

Wanda (Agata Kulesza) öffnet im Bademantel und kommt augenscheinlich gerade aus dem Bett, in dem noch einer ihrer Liebhaber liegt. Kurz angebunden klärt Wanda ihre Nichte darüber auf, dass diese als Ida Lebensten geboren wurde und Jüdin ist. Als ihre Eltern im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen, brachte man sie ins Waisenhaus. Nach dieser schockierenden Mitteilung schickt Wanda das verstörte Mädchen weg.

Ein paar Stunden später sieht sie Anna/Ida im Wartesaal des Bahnhofs sitzen und nimmt sie mit nach Hause.

Wanda ist Richterin. Dass sie 1951/52 in stalinistischen Schauprozessen auch Todesurteile gegen die angeblichen Feinde des Volkes verhängte, verschaffte ihr den Spitznamen „Blutige Wanda“. Inzwischen hat sie nur noch mit Bagatell-Delikten zu tun. Männer, Zigaretten und Alkohol sollen der desillusionierten Juristin helfen, über ihre Frustration hinwegzukommen und ihre Vergangenheit zu vergessen.

Ida beschließt, das Grab ihrer Eltern zu suchen, und Wanda erklärt sich bereit, ihr dabei zu helfen. Sie fahren mit Wandas Wartburg 311 zu dem abgelegenen Haus, das Idas Eltern gehört hatte.

Unterwegs fragt Wanda, ob Ida bereits mit einem Mann zusammen gewesen sei, und als die Novizin verneint, meint sie: „Du solltest es versuchen. Sonst ist dein Gelübde doch gar kein Verzicht.“

Sie nehmen einen jungen Anhalter mit. Er heißt Lis (Dawid Ogrodnik) und spielt Saxofon in einem Jazz-Quintett, das eine Sängerin (Joanna Kulig) begleitet, die am Abend in dem Hotel auftritt, in dem Wanda und Ida übernachten. Die Novizin bleibt im Zimmer, aber Wanda amüsiert sich bei dem Tanzabend. Erst als die Gäste fort sind, Wanda schläft und die Musiker nur noch zum eigenen Vergnügen spielen, lässt Ida sich von der Musik anlocken und geht hinunter, um ein wenig zuzuhören. Lis erklärt ihr, sie hätten „Naima“ von John Coltrane gespielt.

Das in Idas früherem Elternhaus lebende christliche Ehepaar will nicht über die Vergangenheit reden. Wanda spürt den Vater des Mannes im Krankenhaus auf. Sie verdächtigt ihn, Idas Eltern zunächst vor den Deutschen versteckt und dann mit einer Axt erschlagen zu haben. Aber Szymon (Jerzy Trela) ist zu krank, um darauf zu antworten.

Sein Sohn Feliks (Adam Szyszkowski) kommt ins Hotel und fordert Ida auf, den Vater in Ruhe zu lassen. Er sei bereit, sagt er, ihr das Grab ihrer Eltern zu zeigen, wenn sie auf alle Ansprüche auf das Haus verzichte. Damit ist Ida sofort einverstanden.

Am nächsten Tag fährt er Ida und Wanda in einen Wald und führt sie mit einer Schaufel in der Hand zu der Stelle, an der die Leichen vergraben wurden. Nachdem Feliks die Gebeine ausgegraben hat, gesteht er, dass nicht sein Vater, sondern er das jüdische Ehepaar erschlug und das kleine Kind zu einem Geistlichen brachte.

Ida und Wanda bringen die Gebeine zum jüdischen Friedhof und bestatten sie heimlich in Wandas Familiengrab.

Danach kehrt Ida ins Kloster zurück. Aber sie legt das Gelübde noch nicht ab, denn sie muss erst die neuen Erlebnisse und Erkenntnisse verarbeiten.

Die Konfrontation mit der Vergangenheit erschüttert auch Wanda. Sie stürzt sich aus dem Fenster.

Bei der Beerdigung ihrer Tante sieht Ida den Saxofonisten Lis wieder. Ida legt in Wandas Wohnung den Schleier ab, zieht ein Kleid ihrer Tante an, trinkt sich Mut an und geht in einen Jazz-Keller. Sie tanzt mit Lis und geht mit ihm ins Bett. Er träumt davon, sie zu heiraten, Kinder zu bekommen, ein Haus zu haben. Aber sie fragt nur: „Und was dann?“

Lis schläft noch, als Ida aufsteht, sich wieder als Novizin ankleidet und geht.

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„Ida“ ist ein Film über zwei grundverschiedene Polinnen: eine desillusionierte Richterin, die 1951/52 in stalinistischen Schauprozessen Todesurteile verhängte, und eine im Waisenhaus aufgewachsene Novizin, die kurz vor der Profess mit der Tatsache konfrontiert wird, dass sie Jüdin ist und ihre Eltern im Zweiten Weltkrieg von einer christlichen Familie zunächst vor den Deutschen versteckt und dann erschlagen wurden. Durch die gemeinsamen Reise in die Vergangenheit geraten Wanda und Ida in ein Spannungsfeld zwischen Antisemitismus, Katholizismus, Sozialismus und einer Jugendkultur, für die der Jazz charakteristisch ist. Erschüttert kehren sie zurück, und es fällt ihnen schwer, wieder zu sich selbst zu finden.

Obwohl „Ida“ von Grausamkeiten und Tod erzählt, wirkt der Film nicht deprimierend.

Pawel Pawlikowski und Rebecca Lenkiewicz verzichten nicht nur auf moralische Wertungen, sondern auch auf erklärende Dialoge. „Ida“ ist ein außergewöhnlich konzentrierter Film mit ruhigen, langen Einstellungen. Musik hören wir wie bei Dogma-95-Filmen nur, wenn sie in der Realität des Films gespielt wird. Strenge und Kargheit werden durch das Schwarz-Weiß und das ebenfalls altmodische 1:1,37-Format betont.

Pawel Pawlikowski wurde 1957 in Warschau geboren. Seine Mutter, eine Dozentin für englische Literatur, zog 1971 nach dem Scheitern ihrer Ehe mit ihm zunächst nach Deutschland und Italien, 1977 dann nach England, wo Pawel Pawlikowski in Oxford Literatur und Philosophie studierte, bevor er Filmregisseur wurde.

Agata Trzebuchowska (* 1992), die vorher noch nie vor der Kamera gestanden hatte, wurde in einem Café in Warschau entdeckt. Die Hauptrollen in „Ida“ brachten ihr und Agata Kulesza Nominierungen für den Europäischen Filmpreis 2014 in der Kategorie Beste Darstellerin ein. Im selben Jahr schloss Agata Trzebuchowska ihr Studium an der Universität Warschau ab.

„Ida“ gewann den Europäischen Filmpreis 2014 in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“ und im Jahr darauf den „Oscar“ für den besten fremdsprachigen Film. Nominiert hatte man auch Ryszard Lenczewski und Lukasz Zal für die Kameraführung.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015

Francesca Melandri - Alle, außer mir
Vor dem Hintergrund eines verdrängten Kapitels der italie­nischen Zeitgeschichte entwickelt Francesca Melandri in "Alle, außer mir" eine Familien- bzw. Genera­tionen­geschichte. Sie nimmt Imperialismus, Rassismus und Faschismus ebenso aufs Korn wie Heuchelei und Korruption, Ignoranz und Verdrängung.
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