Orhan Pamuk : Schnee

Schnee
Manuskript: April 1999 - Dezember 2001 Originalausgabe: Kar Istanbul 2002 Schnee Übersetzung: Christoph K. Neumann Hanser Verlag, München 2005 ISBN: 3-446-20574-8, 512 Seiten Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M 2007 ISBN: 978-3-596-17456-0, 512 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 1950 in Istanbul geborene Lyriker Ka war nach dem Militärputsch 1980 ins Exil gegangen und lebte seither in Frankfurt/M. 1992 kehrt er erstmals wieder nach Istanbul zurück und reist von dort weiter nach Kars, wo junge Frauen sich das Leben nehmen, angeblich, weil sie es nicht ertragen, dass sie ihre vom Koran vorgeschriebenen Kopftücher in öffentlichen Einrichtungen wie der Hochschule abnehmen müssen ...
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Kritik

"Schnee" ist ein atmosphärisch dichter, komplexer, fesselnder und intelligenter Roman, in dem Orhan Pamuk schildert, wie die türkische Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Islam und Verwestlichung, Tradition und Moderne eine neue Identität sucht.
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Kerim Alakusoglu nennt sich lieber nach dem Anfangsbuchstaben seines Vornamens „Ka“. Der 1950 in Istanbul geborene und dort aufgewachsene melancholische Lyriker war nach dem Militärputsch 1980 ins Exil gegangen. In Frankfurt am Main schlug er sich zunächst als Hilfskraft in der Markthalle und bei Umzügen durch, bevor er als politischer Asylant anerkannt wurde, Sozialhilfe bezog und diese durch Autorenlesungen aufbessern konnte.

1992 kehrt er zur Bestattung seiner verstorbenen Mutter erstmals wieder nach Istanbul zurück und lässt sich während des viertägigen Aufenthalts von seinem Jugendfreund Taner überreden, für die Zeitung „Die Republik“ nach Kars zu reisen, um eine Reportage über die ostanatolische Stadt zu schreiben, in der Kommunalwahlen anstehen und ein halbes Dutzend junger Frauen sich das Leben nahm, angeblich, weil sie ihre vom Koran vorgeschriebenen Kopftücher auch in öffentlichen Einrichtungen wie der Pädagogischen Hochschule nicht abnehmen wollten. Ein persönlicher Grund für Kas Reise nach Kars ist seine Enttäuschung darüber, dass Istanbul sich während seiner Abwesenheit sehr verändert hat und er das Land seiner Kindheit in Kars wiederzufinden hofft.

Kaum ist Ka mit dem Überlandbus aus Erzurum in Kars eingetroffen, wird der Ort durch einen nicht enden wollenden Schneefall von der Außenwelt abgeriegelt.

Ka hat ein Zimmer in dem von Turgut Bey und dessen beiden Töchtern Ipek und Kadife geführten Hotel „Schneepalast“ gebucht. Turgut hatte früher als Lehrer in Istanbul gearbeitet, doch als er sich den Kommunisten anschloss, wurde er entlassen und gefoltert. Er betrieb dann zusammen mit seiner Frau einen Schreibwarenladen, übersetzte Romane aus dem Französischen ins Türkische, und zwischendurch zog er auch von Haustür zu Haustür, um ein Nachschlagewerk zu verkaufen. Nachdem seine Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, zog er vor drei Jahren mit Ipek und Kadife nach Kars. Ka und Ipek kennen sich aus Istanbul: sie waren damals Kommilitonen gewesen. Taners Hinweis auf Ipeks jetzigen Wohnort und darauf, dass sie von ihrem Ehemann Muhtar geschieden sei, gab wohl auch den Ausschlag für Kas Entscheidung, den Vorschlag seines Jugendfreundes aufzugreifen.

Unterwegs sagte ihm sein Herz mit der unerschütterlichen Gewissheit der Gefühle noch zwei Dinge, die sein Verstand nie zugegeben hätte. Erstens: Ka war nicht nur zum Begräbnis seiner Mutter von Frankfurt nach Istanbul gekommen, sondern auch, um nach zwölf einsamen Jahren ein türkisches Mädchen zum Heiraten zu finden. Zweitens: Ka war von Istanbul nach Kars gekommen, weil er insgeheim glaubte, dieses Mädchen sei Ipek. (Seite 33)

Ipek ist noch schöner, als Ka sie in Erinnerung hatte. Unverblümt fordert er sie auf, seine Frau zu werden und mit ihm nach Frankfurt zu kommen, aber sie geht zunächst nicht darauf ein.

Serdar Bey, der Herausgeber und einzige Redakteur der in Kars mit einer Auflage von 320 Exemplaren erscheinenden „Grenzstadtzeitung“, begleitet den Neuankömmling als erstes zu Kasim Bey, dem stellvertretenden Polizeipräsidenten, wie es der Brauch verlangt. Schon bald merkt Ka, dass ihn die Geheimpolizei auf Schritt und Tritt überwacht und sich über den Inhalt seiner Gespräche informiert.

In Kars bekämpfen sich Islamisten, Anhänger eines säkularisierten Staates im Geist Kemal Atatürks, Kommunisten, Türken, Kurden und Aserbaidschaner.

Vor fünf Wochen erhängte sich Teslime, eine Studentin der Pädagogischen Hochschule, wegen des Kopftuchverbots, wie es heißt. Ihr Vater war von der Polizei unter Druck gesetzt worden, dafür zu sorgen, dass seine Tochter ihr Kopftuch abnahm. Als ihm das nicht gelang, wollte er sie aus dem Haus kriegen und mit dem fünfundvierzig Jahre alten geschiedenen Polizisten Saffet verheiraten. Weil diese Ehe Teslime zuwider gewesen wäre, versprach sie, ihr Haar unbedeckt zu tragen, aber als sie sich dann doch nicht dazu überwinden konnte, nahm sie sich das Leben.

In der Konditorei „Neues Leben“ werden Ka und Ipek zufällig Zeugen, wie ein eigens aus Tokat angereister „Kämpfer für Islamische Gerechtigkeit“ Nuri Yilmaz, den Direktor der Pädagogischen Hochschule, wegen des dort geltenden Kopftuchverbots erschießt.

Ka trifft sich mit Ipeks früherem Ehemann Muhtar, der als Vorsitzender der religiösen Wohlfahrtspartei für das Amt des Bürgermeisters kandidiert. Der republikfeindliche Kurdenscheich Saadettin Efendi, der mit seinen Anhängern aus den Bergen nach Kars herabgestiegen war, bestellt Ka zu sich, um ihn kennen zu lernen. Außerdem hat Ka ein konspiratives Treffen mit dem islamistischen Terroristen Lapislazuli, dem die Ermordung des türkischen Fernsehmoderators Güner Bener angelastet wird. Als dieser die Gläubigen in seiner Quizsendung provozierte, schrieb Lapislazuli Leserbriefe mit Todesdrohungen, aber Güner Bener ließ sich dadurch nicht einschüchtern; im Gegenteil: er nutzte die Attacken für seine Öffentlichkeitsarbeit und verstärkte seine Schmähungen – bis er in seinem Hotelzimmer in Izmir mit seiner Krawatte erdrosselt aufgefunden wurde.

Lapislazuli ist der zweite Sohn eines Sachbearbeiters beim Finanzamt Istanbul, der heimlich zu einem Konvent von Cerrahi-Derwischen gehörte. Als Jugendlicher rebellierte Lapislazuli gegen seinen Vater, indem er sich den Kommunisten anschloss. Sein Hass auf den Westen und sein Respekt für die Revolution Chomeinis im Iran machten den Elektroingenieur zum Muslim. Nach dem Militärputsch von 1980 setzte Lapislazuli sich wie Ka nach Deutschland ab. Später kämpfte er in Grosny mit den Tschetschenen gegen die Russen und auf der Seite der Muslime in Sarajewo. Zweimal heiratete er, aber beide Frauen verließ er nach kurzer Zeit wegen seiner politischen Aktivitäten.

Mit demselben Bus wie Ka traf auch das Schauspielerehepaar Sunay Zaim und Funda Eser in Kars ein. Wegen des Militärputsches von 1980 war ein Kinofilm, in dem er Atatürk verkörpern hätte sollen, nicht gedreht worden. Weil jeder Türke ihn aufgrund der großen bereits durchgeführten PR-Kampagne mit Atatürk assoziierte, blieben auch andere Angebote aus. Vorübergehend schlugen Sunay und Funda sich als Animateure in Antalya durch. Inzwischen ziehen sie von Stadt zu Stadt. Auch im Volkstheater in Kars werden sie auftreten. Vorgesehen ist ein politisches Propagandastück aus den Dreißigerjahren mit dem Titel „Der Schleier“, das Sunay Zaim allerdings in „Vaterland oder Turban“ umbenannt hat. Es geht um eine Frau, die durch das Ablegen ihres Schleiers zu sich selbst findet. Der lokale Fernsehsender „Grenz-TV Kars“ wird die Aufführung im Volkstheater live übertragen.

Zu Beginn der Veranstaltung im Volkstheater wird Ka aufgefordert, sein neues Gedicht „Schnee“ zu rezitieren. Nach ihm tritt Funda Eser auf. Im Verlauf des Stücks legt sie den schwarzen Tschador ab und erklärt sich für frei. Vor allem die Schüler der Vorbeter- und Predigerschule, die im Publikum sitzen, protestieren gegen diese in ihren Augen unsittliche Darbietung. Die Frau auf der Bühne wird von zwei Schauspielern angegriffen, die islamische Fanatiker darstellen, aber da tritt Sunay Zaim in einem Kostüm auf, das ihn wie Atatürk aussehen lässt, und rettet sie. Auf beiden Seiten der Bühne stehen plötzlich zwei junge Soldaten und feuern mit ihren Gewehren ins Publikum. Getroffene sinken zu Boden. Die Zuschauer halten das zunächst für einen Teil des Stücks, bis sie begreifen, dass Schüsse und Tote echt sind. Es handelt sich um einen Staatsstreich.

Wie war es dazu gekommen? Sunay Zaim hatte nach seiner Ankunft in Kars zufällig einen Klassenkameraden aus der Kadettenschule von Kuleli wiedergetroffen, mit dem er seit dreißig Jahren befreundet ist: Oberst Osman Nuri Çolak. Der Offizier übte die oberste Befehlsgewalt in Kars aus, weil der Gouverneur nach Erzurum, der Brigadekommandant nach Ankara und dessen Vertreter nach Sarikamis gefahren waren und wegen der durch den Schnee blockierten Verbindungswege vorerst nicht zurückkommen können. Das brachte den Schauspieler auf die Idee, zusammen mit dem kemalistischen Freund ein Revolutionsregiment in Kars zu errichten.

Die Schüler der Vorbeter- und Predigerschule im Volkstheater werden ebenso festgenommen wie andere politische Gegner der Kemalisten. Am anderen Morgen findet man auf einer Straße die Leichen von drei PKK-Aktivisten.

Endlich ist Ipek bereit, mit Ka zu schlafen, der seit vier Jahren mit keiner Frau mehr zusammen war. Beim ersten Mal sieht er dabei noch Szenen aus Pornofilmen vor sich und eifert ihnen nach, aber dann entdeckt er eine harmonische Musik, von der er nicht wusste, dass er sie in sich trug. Ipek verspricht, Ka nach Frankfurt zu begleiten und seine Frau zu werden.

Ipeks jüngere Schwester Kadife gilt als Anführerin der radikalen jungen Kopftuchträgerinnen und ist die heimliche Geliebte des Islamisten Lapislazuli, den die Revolutionäre in Kars verhaftet haben.

Am zweiten Tag der Revolution klärt Sunay Zaim den Dichter Ka über seine Absicht auf, am Abend im Volkstheater ein Stück das englischen Dramatikers Thomas Kyd aufzuführen, von dem Shakespeare den „Hamlet“ abgeschrieben haben soll. Es heißt eigentlich „Spanische Tragödie“, aber Sunay will es unter dem Titel „Tragödie in Kars“ spielen und „Grenz-TV Kars“ wieder live aus dem Volkstheater senden lassen. Auch für Kadife hat er eine Rolle vorgesehen: Sie soll im Verlauf des Stücks demonstrativ ihr Kopftuch abnehmen. Als Gegenleistung verspricht Sunay, Lapislazuli freizulassen. Kas Aufgabe ist es nun, als Vermittler bei der Verwirklichung dieses Vorhabens mitzuhelfen, das heißt, er soll Kadife und Lapislazuli überzeugen, dabei mitzumachen. Widerstrebend lässt Ka sich auf das politische Intrigenspiel ein.

„Was machen wir mit unserem Dichter?“, fragte Sunay. „Sein Verstand ist in Europa, sein Herz bei den Aktivisten von der Vorbeter- und Predigerschule, und in seinem Kopf geht es durcheinander.“ (Seite 247)

Im Gespräch mit Kadife stößt Ka auf Widerstand.

[Ka:] „Hör mir zu: Das Leben ist nicht um der Prinzipien willen da, sondern damit man glücklich wird.“
„Aber ohne Prinzipien, ohne Glauben kann niemand glücklich sein“, sagte Kadife. (Seite 376)

Erst nach einiger Zeit erklärt sie ihr Einverständnis, besteht aber darauf, dass Lapislazuli vor ihrem Auftritt freigelassen wird und sich verstecken darf, denn sie traut Sunay Zaim nicht. Als Nächstes lässt Ka sich zu Lapislazuli in die Zelle bringen und überredet auch ihn, den Plan zu akzeptieren. Als er mit der Erfolgsmeldung zu Sunay zurückkommt, diktiert dieser dem ebenfalls anwesenden Journalisten Serdar Bey einen Artikel für die nächste Ausgabe der „Grenzstadtzeitung“.

Tod auf der Bühne
Der berühmte Schauspieler Sunay Zaim während der gestrigen Vorstellung erschossen
Während der historischen Aufführung im Volkstheater gestern Abend entblößte die Kopftuchträgerin Kadife im Feuer der Aufklärung erst ihr Haar, richtete dann ihre Waffe auf Sunay Zaim, den Darsteller des Bösewichts, und feuerte sie ab. Entsetzen bei den Zuschauern in Kars, die die Live-Übertragung verfolgten (Seite 404)

Nachdem Ka ins Hotel „Schneepalast“ zurückgekehrt ist, erhält er die Nachricht, dass Lapislazuli freigelassen wurde und sich nun irgendwo versteckt. Kurze Zeit später wird er aufgefordert, sich noch einmal von einem Mitverschworenen zu ihm bringen zu lassen. Lapislazuli drängt Ka, Kadife davon abzuhalten, auf der Bühne ihr Kopftuch abzunehmen.

Auf dem Rückweg wird Ka festgenommen und in das Quartier eines nationalistischen Offiziers mit dem Decknamen Z. Eisenarm gebracht. Dort schlägt man ihn, damit er Lapislazulis Versteck verrät, aber Ka bleibt standhaft. Bevor Z. Eisenarm ihn wieder gehen lässt, behauptet er, auch Ipek habe eine Affäre mit Lapislazuli gehabt.

Ka stellt Ipek zur Rede. Sie gibt zu, ihren damaligen Ehemann Muhtar mit Lapislazuli betrogen zu haben, bis dieser sich in ihre jüngere Schwester verliebte. Plötzlich begreift Ka, dass Ipek nur mit nach Frankfurt kommen möchte, um ihre große Liebe Lapislazuli vergessen zu können. Ipek leugnet auch das nicht, versichert Ka jedoch, im Lauf der Zeit werde sie Liebe für ihn empfinden.

Ka eilt ins Volkstheater, um der dort bereits probenden Kadife die Botschaft ihres Geliebten auszurichten. Als er nach einer dreiviertel Stunde nicht zurückkommt, folgen Ipek und ihr Vater ihm, aber sie erfahren von Kadife, dass Ka längst wieder fort ist.

Turgut Bey ist wieder im Hotel, als ihm ein Soldat einen von Ka beschriebenen Zettel bringt: Ka wurde von Soldaten zum Bahnhof gebracht. Die Strecke nach Erzurum ist geräumt, und er muss Kars mit dem ersten Zug verlassen. Ipek soll rechtzeitig zum Bahnhof kommen.

Während sie ihre letzten Sachen packt, taucht der Schüler Fazil auf und berichtet, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie Lapislazuli und ein Mädchen namens Hande von Z. Eisenarm und einem Spezialkommando erschossen wurden. Ipek, die ahnt, dass Ka Lapislazuli zuletzt doch noch verraten hat, beschließt, in Kars zu bleiben und eilt zu ihrer Schwester ins Theater.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Im Verlauf des Bühnenstücks „Tragödie in Kars“ verspricht Kadife dem von Sunay Zaim dargestellten Bösewicht, sie werde ihr Kopftuch abnehmen, aber sie kündigt ihren anschließenden Selbstmord an. Mit einer schlichten Geste entblößt sie ihr Haar. Ihr Partner hält plötzlich eine Pistole in der Hand, aber bevor er sie Kadife reicht, zeigt er dem Publikum das leere Magazin und versichert, es könne nichts passieren. Kadife folgt seiner Aufforderung und richtet die Waffe aus unmittelbarer Nähe auf ihn. Schon der erste Schuss wirft ihn zu Boden, aber sie schießt noch weitere viermal auf ihn. Erst nach einer Weile begreift das Publikum, dass der Schauspieler wirklich tot ist.

Kadife wird noch auf der Bühne von Z. Eisenarm festgenommen. Funda Eser erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Stunden später sind die Zufahrtstraßen nach Kars wieder frei. Reguläre Militäreinheiten treffen mit dem Auftrag ein, den Putsch niederzuschlagen, aber sie treffen auf keinen Widerstand.

Weil Kadife Sunay Zaim augenscheinlich nicht vorsätzlich erschoss, wird sie nicht wegen Mordes, sondern nur wegen fahrlässiger Tötung verurteilt und zu drei Jahren und einem Monat Gefängnis verurteilt. Nach zwanzig Monaten kommt sie vorzeitig frei.

Oberst Osman Nuri Çolak wird wegen der Gründung einer kriminellen Vereinigung und der Erhebung, der insgesamt neunundzwanzig Menschen zum Opfer fielen, zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, jedoch nach einem halben Jahr aufgrund einer Amnestie freigelassen.

Vier Jahre später kehrt Ka von einer Dichterlesung in Hamburg nach Frankfurt am Main zurück und wird im Bahnhofsviertel von Islamisten erschossen, die ihn verdächtigen, Lapislazuli verraten zu haben. Das erste Geschoss trifft ihn hinten am Kopf und tritt durch sein linkes Auge wieder aus, die beiden anderen zerfetzen Blutgefäße in der Herzgegend.

Zweiundvierzig Tage nach dem Mord fährt der Ich-Erzähler – ein Schriftsteller namens Orhan (!) – nach Frankfurt und lässt sich von einem Sechzigjährigen mit Namen Tarkut Ölçün, der Ka wohl am besten gekannt hatte, den Tatort und die Wohnung des Toten zeigen. Das grüne Heft mit den in vierjähriger Arbeit entstandenen Gedichten, das Ka in seinen letzten Briefen erwähnt hatte, findet Orhan zwar nicht, aber er nimmt alle herumliegenden Aufzeichnungen mit und liest sie in seinem Hotelzimmer.

Dann reist er nach Kars und steigt im Hotel „Schneepalast“ ab, um Turgut Bey, Ipek, Kadife und die anderen Zeugen über Kas Aufenthalt zu befragen, denn er plant ein Buch darüber. Ipek ist noch schöner, als Ka sie in seinen Notizen beschrieben hatte, und der hingerissene Autor macht ihr eine Liebeserklärung, aber nach dem Scheitern ihrer Beziehungen mit Muhtar, Lapislazuli und Ka mag sie sich an keinen Mann mehr binden. Kadifes Ehemann Fazil ist nur unter einer Bedingung damit einverstanden, dass Orhan ihn in seinem Buch erwähnt: Er möchte die Leser warnen, dem Autor zu glauben.

„Keiner kann uns aus der Ferne verstehen.“
[Orhan:] „Es glaubt sowieso keiner so einem Roman.“
„Doch, sie werden das glauben“, sagte er erregt. „Um sich selbst klug, überlegen und human zu finden, werden sie glauben wollen, dass wir lächerlich und nett sind und dass sie uns so verstehen und sympathisch finden können. Aber wenn Sie das, was ich jetzt sage, schreiben, bleibt bei ihnen wenigstens ein Zweifel zurück.“ (Seite 511)

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Auch wenn der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk (*1952) mit den Elementen eines Politkrimis spielt, handelt es sich bei seinem Roman „Schnee“ nicht um einen Thriller. „Schnee“ ist auch mehr als ein Beitrag zu der Debatte, ob Frauen in den öffentlichen Einrichtungen des säkularisierten und doch vornehmlich von Moslems bevölkerten Staates Türkei ein Kopftuch tragen dürfen oder nicht. Orhan Pamuk schildert die türkische Gesellschaft, die im Spannungsfeld zwischen Islam und Verwestlichung, Tradition und Moderne eine neue Identität sucht. Schonungslos offen prangert er die Intoleranz und Kompromisslosigkeit der Ideologen sowie die Brutalität des türkischen Polizeiapparates an. Die Abriegelung der Stadt Kars durch Schnee und Kälte symbolisiert die Isolierung einer erstarrten Gesellschaft, und die ostanatolische Stadt steht dabei für die gesamte Türkei.

Der Name des melancholischen Dichters Ka erinnert wohl nicht zufällig an den Protagonisten K. in einem Roman Franz Kafkas, der in einem verschneiten Dorf eintrifft und vergeblich versucht, Kontakt mit der Schlossverwaltung aufzunehmen („Das Schloss“). Orhan Pamuk hat die Figuren differenziert charakterisiert und ihnen authentisch wirkende Dialoge in den Mund gelegt. „Schnee“ ist ein atmosphärisch dichter, komplexer, fesselnder, intelligenter und zuweilen witziger Roman von Orhan Pamuk, in dem ein Romancier namens Orhan als Autor des Buches auftritt. Diesen Kunstgriff kennt man auch aus anderen Romanen, aber die beginnen und enden in der Regel mit einer Rahmenhandlung (z. B.: „Der Name der Rose“). Orhan Pamuk beginnt seinen Roman „Schnee“ dagegen mit der Reise Kas nach Kars und führt den Ich-Erzähler erst später schleichend ein.

Ich bin ein alter Freund von ihm und weiß schon, was ihm in Kars begegnen wird, bevor ich überhaupt zu erzählen beginne. (Seite 11)

Den Roman „Schnee“ gibt es auch als Hörspiel (Bearbeitung und Regie: Norbert Schaeffer, mit Jens Wawrczeck, Wolfgang Rüter, Ilknur Bahadir u.a., Der Hörverlag, München 2006, 2 CDs, ISBN: 978-3-89940-746-4).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Hanser Verlag

Orhan Pamuk (Kurzbiografie)

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