Emmanuelle Pagano : Der Tag war blau

Der Tag war blau

Emmanuelle Pagano

Der Tag war blau

Originalausgabe: Les Adolescents troglodytes P. O. L. éditeur, Paris 2007 Der Tag war blau Übersetzung: Nathalie Mälzer-Semlinger Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008 ISBN: 978-3-8031-3216-1, 176 Seiten, 17.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Vor zehn Jahren kam Adèle ins Dorf. Seither fährt sie den Schulbus. Niemand scheint sie wiedererkannt zu haben, denn als sie hier aufwuchs war sie noch ein Junge. Nachdem die Mutter gestorben war, verwahrloste der Vater, und die beiden Söhne brachten ihn schließlich in ein Altersheim. Axel fand sich nicht damit ab, dass sein älterer Bruder eine Geschlechtsumwandlung machen ließ und brach deshalb den Kontakt ab. Während Adèle dem Wetter ausgeliefert ist, hilft Axel als Höhenarbeiter mit, die Natur unter Kontrolle zu bekommen ...
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Kritik

Die Natur spielt in "Der Tag war blau" eine wichtige Rolle. Symbole und Spiegelungen laden die Handlung poetisch mit Bedeutung auf, bringen sie mit Tod und Geburt in Verbindung. Emmanuelle Pagano erzählt ruhig und nimmt sich Zeit für eingehende Beschreibungen.
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Vor zehn Jahren kam Adèle in ein französisches Dorf und bekam von der Gemeinde nicht nur eine Wohnung, sondern auch einen Arbeitsplatz: Seither fährt sie den Schulbus, einen Kleinbus mit Sitzplätzen für acht Kinder und Jugendliche.

Niemand scheint zu wissen, dass sie hier aufwuchs. Als sie zurückkam, hielt man sie für eine Fremde.

Adèle wurde hier geboren, auf einem Bauernhof, der inzwischen von einem Stausee überflutet ist. Sie kam als Junge auf die Welt. In der Pubertät erkannte dieser Junge, dass er sich im falschen Körper befand, denn er verstand sich als komplementär zu seinem geliebten jüngeren Bruder Axel. Die Mutter verblutete bei einer Fehlgeburt, weil ihr wegen eines Unwetters kein Arzt helfen konnte. Ins Krankenhaus brachte man sie erst zur Autopsie. Der Vater verkaufte dann alle Kühe, verpachtete die Ländereien – und verwahrloste. Seine beiden Söhne brachten ihn schließlich im Altersheim in der Stadt unter.

Wir wohnten zusammen, als sie den unteren Bauernhof überfluteten. Wir waren junge Teenager und bereits alte Waisenkinder. Mutter war seit langem tot, und unser Vater setzte sein Leben und Sterben in einer Art Altersheim, einem Sanatorium fort, in dem die Zeit merkwürdig gedehnt war, besonders um die sonntägliche Partie Karten herum.

Zu dieser Zeit ließ der ältere Sohn sich bereits mit Hormonen behandeln. Man hielt ihn und seinen jüngeren Bruder in der Stadt, in der sie eine kleine Wohnung gemietet hatten, für ein heterosexuelles Paar.

Mein Bruder zwang sich drei Jahre lang, im Femininum von mir zu sprechen, war vor Zeugen sanft und aufmerksam, doch hinter verschlossener Tür desinteressiert und aggressiv, tat mir gleichsam im Maskulinum Gewalt an.

Axel zog schließlich in eine andere Stadt und absolvierte dort die Prüfung als Höhenarbeiter. Seither verdient er seinen Lebensunterhalt mit Sicherungsarbeiten in den Bergen. Sein Bruder brach das Studium ab und schlug sich mit verschiedenen Hilfstätigkeiten durch, bis er das Geld für die Operation gespart hatte, von der Axel ihn abzubringen versuchte. Die Geschlechtsumwandlung fand vor zehn Jahren in Brüssel statt.

Obwohl Adèle seit dem Eingriff keinen Kontakt mehr zu ihrem Bruder hat, erfährt sie jetzt von seinem Arbeitsunfall bei einem Felssturz. Mehrere Operationen werden erforderlich sein, damit er seinen Zeigefinger wieder bewegen kann. Drei Wochen nach dem Unfall besucht Adèle ihn im Krankenhaus, obwohl ihr klar ist, dass dies nicht unbemerkt bleiben und Fragen aufwerfen wird.

Prompt fragt eine der Schülerinnen im Schulbus, warum sie Axel besucht habe und ob sie ihn kenne. Das Mädchen weist auch darauf hin, dass Axel und Adèle den gleichen Familiennamen tragen. Aber die Busfahrerin schweigt dazu.

Adèle verliebt sich in Tony, ausgerechnet in einen Jäger, obwohl ihr die Jagd zuwider ist. Tony erwidert ihre Gefühle, trifft sich aber aus Sorge vor dem Gerede nur in der Stadt mit ihr. Sie schlafen im Hotelzimmer miteinander. Bisher hat Adèle ihrem Geliebten noch nichts von der Geschlechtsumwandlung verraten, aber das will sie nachholen.

Der Tag ist blau, so blau, dass man sich die Himmelsfalten aufschneiden könnte.

An einem Tag im Februar hält Adèle es wegen der Schneeverwehungen und des Schneesturms für zu gefährlich, mit den Kindern über die tief verschneite Hochebene zu fahren und fragt deshalb per Funk nach, ob die Schüler nicht besser im Internat übernachten sollten. Aber man sagt ihr, die Schneefräsen seien unterwegs und fordert sie auf, die Kinder nach Hause zu bringen.

Unterwegs verliert sie die Orientierung. Es gibt weder eine Funk- noch eine Handy-Verbindung. Adèle weiß nicht weiter. Sollen sie im Schulbus auf Rettung warten? Nein, sie und die acht Kinder halten es für aussichtsreicher, in der Höhle des früheren Aufsehers vom See Zuflucht zu suchen. Nachdem sie eine Nachricht hinter den Scheibenwischer geklemmt haben, gehen sie los. Erschöpft treffen sie in der Höhle ein.

Dort ziehen sie die durchnässten Kleidungsstücke aus und hüllen sich in trockene Tücher.

Sébastian erzählt vom Kalben. Julien berichtet von einem Vorfall, der sich vor 20 oder 25 Jahren in der Nähe des unteren, inzwischen überfluteten Bauernhofes zugetragen haben soll. Eine trächtige Kuh verschwand und wurde erst nach einer Woche mit zwei tot geborenen Kälbern im Wald gefunden. Eines der inzwischen stinkenden Kälber steckte noch zum größten Teil im Leib der Kuh, die wie durch ein Wunder überlebte. Adèle verrät nicht, dass sie die Kuh damals fand. Sie war acht oder neun Jahre alt und versuchte vergeblich, das eingeklemmte Kalb herauszuzerren. Obwohl sie mit dem Tod der Kuh rechnen musste, schwieg sie, statt Erwachsenen Bescheid zu sagen.

Sylvain behauptet unvermittelt: „Axel ist ihr Bruder.“ Das glauben die anderen Schüler zunächst nicht, denn sie wissen, dass Axel ohne Schwester aufwuchs. Aber Sylvain bleibt dabei. Er weiß es von seiner Mutter. Adèle hört stumm zu, als Sylvain ihre Geschichte erzählt.

Nachts, als die meisten der Kinder und Jugendlichen schlafen, entschuldigt Sylvain sich bei Adèle und erklärt, seine damals in der Nähe der Stadt wohnende Mutter habe Adèle vor zehn Jahren bei der Krankengymnastik kennengelernt. Adèle hatte gerade die Geschlechtsumwandlung hinter sich, und Sylvains Mutter erholte sich von der Geburt seiner Schwester Lise. Weil beide Frauen einsam waren, redeten sie miteinander über sich. Als Sylvains Mutter dann mit ihm, Lise und dem kleinen Minuit – drei Kindern von drei verschiedenen Männern – ins Dorf zog, erkannte sie Adèle sofort wieder, während diese sich offenbar nicht mehr an sie erinnerte.

Adèle weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis jemand Tony erzählt, dass sie früher ein Junge war.

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Emmanuelle Pagano hat ihrem Buch „Der Tag war blau“ ein Gedicht ihrer Tochter Lola vorangestellt: „Bis zur Haltestelle des Schulbusses setze ich meine Schritte in die Fußstapfen meines Bruders.“ Der Vers brachte sie auf die Idee, eine Schulbusfahrerin zur Protagonistin eines Romans über die geschwisterliche Beziehung eines Jungen und eines Mädchen zu machen. Nachdem ihr dann ein transsexueller Schulfreund von seinen Erfahrungen berichtet hatte, integrierte sie auch das Thema sexuelle Identität bzw. Geschlechtsumwandlung in den Plot. Allerdings geht es Emmanuelle Pagano dabei nicht um gesellschaftliche Zwänge oder die Diskriminierung Transsexueller. Sie wertet nicht, sondern beobachtet lediglich. „Der Tag war blau“ ist kein sozialkritischer, sondern ein poetischer Roman.

Im Mittelpunkt steht die transsexuelle Schulbusfahrerin, die der Natur ausgeliefert ist, sich durch Schneeverwehungen kämpft und bei einem Schneesturm die Orientierung verliert. Ihr Bruder dagegen ist Höhenarbeiter; er wartet Stahlnetze in den Bergen, die den Abgang von Geröll auffangen und hilft mit, die Natur unter Kontrolle zu bekommen.

Die Berge und das Wetter spielen in „Der Tag war blau“ eine wichtige Rolle. Symbole und Spiegelungen laden die Handlung poetisch mit Bedeutung auf, bringen sie mit Tod und Geburt in Verbindung. Emmanuelle Pagano erzählt ruhig und nimmt sich Zeit für eingehende Beschreibungen.

Die gegenwärtige Handlung spielt an sechs Tagen in einem Zeitraum von fünfeinhalb Monaten. Mit den Daten sind auch die sechs Kapitel überschrieben: 1. September, 26. Oktober, 15. November, 5. Dezember, 3. Januar, 17. Februar. An diesen Tagen ist Adèle mit dem Schulbus unterwegs. In Rückblenden folgen wir ihren bis in die Kindheit zurückgehenden Erinnerungen.

Das Ende lässt Emmanuelle Pagano offen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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