Emmanuelle Pagano : Bübische Hände

Bübische Hände

Emmanuelle Pagano

Bübische Hände

Originalausgabe: Les Mains gamines P. O. L. éditeur, Paris 2008 Bübische Hände Übersetzung: Nathalie Mälzer-Semlinger Verlag Klaus Wagenbach, Berllin 2011 ISBN: 978-3-8031-3236-9, 139 Seiten, 16.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine pensionierte Lehrerin (80), eine verwitwete Mutter (60) von zwei Söhnen, die einen Kastanienhain bewirtschaften und die Ehefrau (40) eines Großgrundbesitzers, die als Einzige nicht aus dem Dorf stammt, denken über das Schicksal einer 40-jährigen Putzfrau nach, die auch zum Personal des Romans gehört. Vor 30 Jahren wurde sie von den "bübischen Händen" ihrer Mitschüler immer wieder vergewaltigt. Alle im Dorf wussten es, aber niemand unternahm etwas dagegen ...
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Kritik

Der Roman "Bübische Hände" setzt sich aus vier Monologen zusammen. Emmanuelle Pagano versteht es meisterhaft, die erschütternde Geschichte aus Andeutungen und Querbeziehungen zu entwickeln. Und die kurzen, lapidaren Sätze fügen sich zu poetischem Klang.
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Die Otalgie

Eine kinderlose Frau Ende 30 leidet unter Schmerzen im rechten Ohr. Möglicherweise ist ein Tier in den Gehörgang gekrochen und findet nicht mehr heraus. Sie ist nicht von hier, sondern wuchs in einer gut 50 Kilometer entfernten Stadt auf, anders als ihr Ehemann, der hier geboren wurde und zur Schule ging. Dem Winzer und Großgrundbesitzer gehört die Domaine de la Pierre Mauve. Er verachtet seine Frau, weil es ihr schwerfällt, sich wie die Gattin eines Großgrundbesitzers zu benehmen. Sie fühlt sich nutzlos und würde lieber mit Emma tauschen, die zwei- oder dreimal pro Woche bei ihnen putzt.

Er verbietet mir das Putzen. Ich darf nicht. Weder Wäsche waschen noch sonst was, bestenfalls kochen, wenn wir Gäste haben. Denn das schickt sich durchaus, dass bei Markengästen die Hausherrin kocht.

Er will, dass ich meinen Stand wahre, meinen Stand als Gattin, meinen Stand als Gattin eines Großgrundbesitzers. Den Stand und den Namen. […] Ich habe seinen Namen angenommen.Den Nachnamen. Aber die Attitüden, das Gebaren anzunehmen fällt mir schwer.

Der Ich-Erzählerin fällt auf, dass Emma ein Heft in der Gesäßtasche ihrer Jeans stecken hat, es mitunter herauszieht und etwas aufschreibt. Als das Heft herumliegt, blättert die Frau des Großgrundbesitzers darin. Bei den Aufzeichnungen handelt es sich um poetisierte Infibulationswünsche.

Das waren so was wie Hardcore-Gedichte. […]
Das waren keine Sonnenuntergangsgedichte mit Blümchenschmuck für kleine Angestellte. Die Wörter waren ebenso kompakt und ungeschliffen wie ihr ungefälliges Gesicht, ebenso feucht wie ihre blauen Augen. Lasuren, Kiesel, Feldwege, eine eigene Welt, eine vollständige Welt in ihrem Heft. Schmale Wege, eher schon Pfade, die schlecht rochen, nach schlechter Erinnerung rochen. Streichungen und Korrekturen, und eine Sprache, eine Grammatik, die bei jedem Satz neu erfunden wurde, um von bedrängenden Händen zu reden, von bübischen Händen, und einem Geschlecht mit zugenähten Schamlippen, dem Geschlecht eines noch ganz jungen Mädchens, mit Dornen gespickt, eine Kastanienschale, die ihre noch unreife Frucht schützt, kleine, unter Seidenfäden vergrabene Schamlippen, die zahme Raupen zwischen die Schamhaare gesponnen haben.

Kastanienschalen

Bei der zweiten Ich-Erzählerin handelt es sich um eine 60-jährige Großmutter, deren Ehemann seit 20 Jahren tot ist. Ihre beiden Söhne übernahmen damals den Kastanienhain und den Maronenhandel der Familie, aber das Areal musste aufgeteilt werden, denn die beiden haben sehr verschiedene Vorstellungen von der Bewirtschaftung. Sie wohnen alle zusammen in einem Haus auf dem Anwesen La Pénibe: der ältere Sohn mit Frau und Tochter im Erdgeschoss, Claude, der jüngere Sohn, im 1. Stock, wo sich auch die Gästezimmer befinden, und die Großmutter in der Mansarde, nur durch eine dünne Wand getrennt von der Rumpelkammer, in der sich ein Ziesel eingenistet hat. Die Schreie des Ziesels tun ihr weh. Ohnehin hat sie Schwierigkeiten mit den Ohren und leidet deshalb unter Gleichgewichtsstörungen.

Claudes Geburt war furchtbar.

Ich war so zerrissen, dass mich die Hebamme zusammennähen musste, Minuten ohne Dauer, gedehnt wie Stunden. Gen Ende der Sechziger war man nicht zimperlich. […]
Um mich zu nähen, schnitt sie tief in den Damm, in so empfindliche Stellen, dass mir war, als würde ich das Bewusstsein verlieren. Sie ritzte Orte ein, die ringsumher in meinem Innern rotierten, und es brannte, dass ich hätte schreien, töten können. Ich wusste damals nicht, niemand wusste, niemand wollte wissen, dass dieses Gewebe der dichte, lange und tiefe, verborgene Teil der Klitoris war. Man nahm sie mir weg, unter welchem chirurgischen Vorwand auch immer. […]
Mit einem Mal hielt sie inne und begann zu reden. Sie fragte, was ich denn hätte, sie müsse alles wieder straffen, sie versuchte, ihre Arbeit gut zu machen. Ihr Mann wird’s mir danken, Madame.
[…] Sie nähte ganz eng, sie machte mir die Gattennaht, die Verjüngungsnaht. Sie gehörte noch zur alten Schule, darauf war sie stolz, ich würde keinen Grund zur Beanstandung haben.

Der Altersunterschied zwischen Claude und seinem Bruder beträgt nicht einmal ein ganzes Jahr. Weil der Ältere einmal sitzen blieb, waren sie 1979/80 zusammen in der 5. Klasse der Grundschule. Der Erstgeborene brachte Schande über sich und seine Mutter. Alle bis auf Claude machten damals bei der Vergewaltigung einer Mitschülerin mit.

Die Erzählerin war mit der Mutter des Mädchens befreundet. Die gehörte zu einer Hippiekommune und hatte wohl außer der Tochter, die ebenso alt wie Claude war, ein Dutzend weitere Kinder. Die Hippies sind längst fort, aber Emma ist noch da.

Noch gestern, jedes Mal, wenn ich sie sehe, und häufiger noch, denke ich daran, ich fühle mich schuldig, geschwiegen zu haben, mich so geschämt zu haben, dass mir das Schweigen lieber war als alles andere.

L’Ensoleillée

Das ehemalige Collège des Dorfes oberhalb der seit 25 Jahren nicht mehr renovierten Grundschule wurde zu einem Altenheim umgebaut: L’Ensoleillée. Dort lebt auch eine frühere Grundschullehrerin. Sie ist jetzt über 80 und leidet unter Altersschwerhörigkeit. Die 5. Klasse 1979/80 war ihre letzte.

Sie erinnert sich an die damals zehnjährige Schülerin Emma, die Klassenbeste, die unermüdlich neugierige Fragen stellte. Mit ihren dicken Brillengläsern sah sie nicht besonders hübsch aus, aber sie hatte bereits Brüste. Das ganze Schuljahr 1979/80 über wurde sie vergewaltigt, von bübischen Händen penetriert. Alle machten mit, nur Claude ließ sich nicht dazu anstiften und wurde deshalb von den anderen als Schwuchtel beschimpft.

Sie glauben, ich wäre nicht mehr ganz dicht, aber ich erinnere mich, dass die Mädchen nach den Handbewegungen der Jungs (alle, alle, bis auf einen) geschwiegen haben. Die Mädchen haben geschwiegen, spöttisch gelacht. Ich auch. Nicht spöttisch gelacht, nein, aber geschwiegen.

Die Lehrerin hörte Emma schreien, unternahm jedoch nichts. Nach diesem Jahr ging sie in den Ruhestand, und die Schüler wechselten aufs Collège.

Jetzt arbeitet Emma als Putzfrau in L’Ensoleillée. Obwohl es nicht zu ihren Aufgaben gehört, hilft sie auch bei der Pflege der Lehrerin. Sie fragt sie nach Einzelheiten von damals und schreibt ihre Gedanken in ein Heft.

Und werden ihre Wörter es anderen stecken, all die Erinnerungen an die bübischen Hände. Wie sollte es anders sein.

Weißfluss

Die zehnjährige Enkelin der Witwe ist jetzt genau in dem Alter, in dem Emma damals war. Der Weißfluss in ihrer Unterwäsche kündige die bevorstehende Menarche an, sagt ihre Mutter.

Vor sieben Jahren wurde ein Bruch bei ihr diagnostiziert und sie musste ein enges Mieder tragen. Aber davon verschwand der Bruch nicht; mit vier kam sie ins Krankenhaus. Weil es bei der Operation zu Komplikationen kam, ist sie möglicherwiese unfruchtbar.

Onkel Claude klärt sie über „Gangbanging, Vergewaltigung, Verbrechen, Gruppenvergewaltigung, gemeinsame Vergewaltigung, erschwerende Umstände, wiederholte Vergewaltigung“ auf und warnt sie davor.

Er hat gesagt, Kinder werden ohnehin nie bestraft, selbst wenn sie groß sind. Aber Erwachsene schon. Die Erwachsenen, die vor über fünfundzwanzig Jahren, fast dreißig, schon groß waren. Wegen unterlassener Hilfeleistung. Er hat gesagt, auch das sei schlimm. Verjähre aber. So dass keiner jemals bestraft würde.

Während eines Besuchs mit der Schulklasse in der Seidenraupenzucht im Dorf wird sie von Bauchkrämpfen geplagt. Aber am Abend sind alle aus der 5. Klasse des Jahrgangs 1979/80 mit ihren Angehörigen auf dem Gut de la Pierre Mauve eingeladen, auch ihr Onkel, ihr Vater, ihre Mutter, sie und ihre Großmutter.

Während die Erwachsenen aufbleiben, schläft die Zehnjährige in einem der Gästezimmer des Herrenhauses. Mitten in der Nacht stellt sie fest, dass sie eine Monatsbinde zwischen den Beinen hat. Ihre Mutter kommt zu ihr und wechselt die Binde. Dabei berichtet sie, dass Emma und die männlichen Gäste der Frau des Großgrundbesitzers mit Äther und Pinzette eine behaarte Raupe aus dem Ohr geholt haben.

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Emmanuelle Pagano hat ihren Roman „Bübische Hände“ in vier Teile, in vier Monologe gegliedert. Die Namen der Ich-Erzählerinnen erfahren wir nicht. Eine 80-jährige pensionierte Lehrerin, eine 60-jährige verwitwete Mutter von zwei Söhnen, die einen Kastanienhain bewirtschaften und die 40-jährige Ehefrau eines Großgrundbesitzers, die als Einzige nicht aus dem Dorf stammt, denken über das Schicksal einer 40-jährigen Putzfrau nach, die zwar auch zum Personal des Romans gehört, aber nicht zu uns spricht, sondern stattdessen ihre Reflexionen in ein Heft schreibt. Vor fast 30 Jahren wurde sie von den „bübischen Händen“ ihrer Mitschüler immer wieder vergewaltigt. Alle im Dorf wussten es, aber niemand unternahm etwas dagegen. – Im letzten Teil des Romans kommt die Enkelin der 60-jährigen Witwe zu Wort, die gerade ihre Menarche erlebt.

Die drei erwachsenen Erzählerinnen leiden unter verschiedenen Problemen mit den Ohren. Auch sonst ist vieles in „Bübische Hände“ symbolisch aufgeladen. Emmanuelle Pagano versteht es meisterhaft, die erschütternde Geschichte aus Andeutungen zu entwickeln. Eine Handlung im herkömmlichen Sinne gibt es nicht; was geschehen ist, erkennen wir durch die Querbeziehungen in den vier Monologen. Dieser auf ein Minimum konzentrierte Aufbau ist meisterhaft gelungen. Emmanuelle Pagano evoziert von Anfang an eine dichte, dunkle Atmosphäre. Auf hohem literarischen Niveau bewegt sich auch die Sprache von „Bübische Hände“, denn die kurzen, lapidaren Sätze fügen sich zu einem poetischen Klang.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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